Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit – an der Havel wird sie gestillt. Wir wollen nun 90 Flusskilometer der Natur zurückgegeben. Werden Sie Teil dieses einmaligen Unterfangens!
Machen Sie die Havel wieder lebendig!Renaturierung der Unteren Havel
Naturparadies in freiem Fluss
Einfach einen Zettel hinkleben, das wäre ein Traum: „Nächsten Dienstag in der Zeit zwischen 9 und 12 Uhr kommen wir vorbei, um Ihren Altarm anzuschließen. Bitte halten Sie sich zur Verfügung oder geben Sie den Schlüssel einem Nachbarn – Ihr NABU.“
Die Wirklichkeit ist ein bisschen komplizierter und es geht nicht ganz so schnell mit der Renaturierung eines fast 90 Kilometer langen Flussabschnitts. Es soll ja auch an der Unteren Havel nicht ein einzelner Altarm wieder zum Fließen gebracht werden, sondern gleich 34. Dazu kommen der Rückbau von Deichen sowie die Beseitigung von Deckwerk mit einer Gesamtlänge von 29 Kilometern, Auwälder sollen neu entstehen und vieles mehr.
Weniger Tiefgang
1996 war es, da einigten sich der NABU und andere Umweltverbände mit dem Bundesverkehrsministerium auf die sogenannte Elbeerklärung. Darin stand ein wichtiger Satz zur Havel, die bekanntlich ein Nebenfluss der Elbe ist: „Die Untere-Havel-Wasserstraße von Brandenburg bis zur Havelmündung soll aufgegeben werden.“ Das bedeutet, dass der Fluss weniger intensiv unterhalten wird, die Fahrrinne nicht mehr so tief und nicht mehr so breit ausgebaggert wird. Schiffe können hier trotzdem weiter fahren – Sportboote sowieso –, aber mit weniger Tiefgang und nicht mehr 80 Meter lange Güterschiffe, sondern flach gehende Fahrgastschiffe.
Knapp die Hälfte der Flussbreite wird heute von der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung unterhalten, große Sandbänke haben sich gebildet. „In den letzten zehn Jahren ist unter Wasser schon viel passiert“, freut sich NABU-Projektleiter Rocco Buchta.
Lange Überzeugungsarbeit
Noch viel mehr aber soll nun passieren. Für Buchta geht mit der Renaturierung ein Lebenstraum in Erfüllung. 2005 begann die Planung. Die damals schon halb gefüllten Aktenregale legten Zeugnis ab von den mühevollen Vorarbeiten. „Wir mussten ja erst einmal alle Beteiligten überzeugen, dass es gut und richtig ist, die Havel wieder zurückzubauen, mehr Dynamik in Fluss und Aue zu bringen.“
Die Überzeugungsarbeit ist gelungen, die Kommunen stimmten zu, die Kreistage und auch die Fachbehörden. 2010 wurde NABU Institut für Fluss- und Auenökologie gegründet. In Sachen Renaturierung zieht die Region heute an einem Strang. „Wichtig war dabei sicher der Nachweis, dass sich dadurch die Hochwassersituation nicht verschärft, sondern sogar entspannt, denn das Wasser bekommt nun zusätzliche Fließwege“, so Rocco Buchta weiter. „Dabei bleibt die Havel weiter ein Kulturfluss, der genutzt und erlebt werden kann. Es geht um die Wiederherstellung wichtiger Funktionen des Ökosystems und nicht um die Restauration eines historischen Zustandes.“
Gute Ausgangsbasis
Doch warum soll die Untere Havel eigentlich renaturiert werden? Bei einer Tour entlang des Flusses keinem Seeadler zu begegnen, ist fast unmöglich. Ein Dutzend Paare suchen hier regelmäßig nach Nahrung. Immer wieder stehen Kraniche oder Schwarzstörche in den Uferwiesen, von Adebar gar nicht zu reden. Die Zahl der Wasser- und Watvögel ist Legion, Fischotter besiedeln den Fluss – wenn auch selten sichtbar – ebenso flächendeckend wie die Biber. „Eine gute Gewähr, dass wir hier nicht viele Millionen Euro in den märkischen Flusssand setzen“, nennt Buchta diese üppige Naturausstattung.
Kurze Zeittafel
1990: Sicherung als Naturschutzgebiet
1996: Politische Absichtserklärung pro Havelrenaturierung
2005: Beginn der Planungsphase
2008: Fertigstellung Pflege- und Entwicklungsplan
2009: Beginn der Umsetzungsphase Naturschutzgroßprojekt
2010 Gründung IFA
2023: Projektaufstockung und Verlängerung Naturschutzgroßprojekt bis 2033
Kurz gefasst
Der Fluss
Die Havel entspringt in der mecklenburgischen Seenplatte, fließt nach Süden durch Brandenburg und nimmt in Berlin-Spandau die Spree auf. Im Mittellauf zahlreiche große Seen bildend, setzt sie ihren Weg in einem Bogen Richtung Westen und Nordwesten fort, bis sie nach 341 Kilometern, aber nur 40 Höhenmetern, in die Elbe mündet.
Das Gebiet
Das 18.700 Hektar große Projektgebiet umfasst den gesamten Unterlauf der Havel, weitgehend in den Kreisen Havelland (Brandenburg) und Stendal (Sachsen-Anhalt). Das von Wiesen und Röhrichten geprägte, fast waldfreie Kerngebiet, in dem die Maßnahmen durchgeführt werden, ist 9.000 Hektar groß. Das Projektgebiet liegt vollständig in zwei Großschutzgebieten, dem Biosphärenreservat Mittelelbe (Sachsen-Anhalt) und dem Naturpark Westhavelland (Brandenburg).
Das Projekt
Ziel ist es, den Havel-Unterlauf wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen. Das „Naturschutzgroßprojekt Untere Havelniederung zwischen Pritzerbe und Gnevsdorf“ sieht eine Umsetzungszeit bis zum Jahr 2033 vor. Von den rund 69,5 Millionen Euro Kosten trägt der Bund wegen der „gesamtstaatlich repräsentativen Bedeutung“ 75 Prozent, elf Prozent das Land Brandenburg, je sieben Prozent das Land Sachsen-Anhalt und der NABU.
Neben dem Naturschutzgroßprojekt gibt es sogenannte flankierende Maßnahmen und mehrere Projekten die durch das Förderprogramm "Blaues Band Deutschland" finanziert werden.
Tierische und pflanzliche Bewohner
Insgesamt kommen in der Unteren Havelniederung über 1.100 stark gefährdete und vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenarten vor. 250 Vogelarten wurden bisher nachgewiesen, davon 150 brütende Arten. Aus der höchsten bundesweiten Gefährdungskategorie „vom Aussterben bedroht“ kommen an der Unteren Havel unter anderem bis zu 25 Brutpaare der Rohrdommel, bis zu 40 des Tüpfelsumpfhuhns, zwei bis fünf des Kleinen Sumpfhuhns, bis zu zehn der Uferschnepfe, 80 bis 120 der Bekassine, 160 bis 200 der Trauerseeschwalbe und bis zu 20 des Raubwürgers vor. Spitzenreiter bei den Wintergästen und Durchzüglern sind je bis zu 100.000 Saat- und Blessgänse, bis zu 40.000 Kraniche, 30.000 Kiebitze, 20.000 Pfeifenten und 15.000 Goldregenpfeifer.
Havel erleben
Ein Besuch an der Unteren Havel mit ihrer üppigen Naturausstattung lohnt sich zu jeder Jahreszeit. Von Berlin aus erreicht man in einer Bahnstunde per Regionalexpress den Endpunkt Rathenow.
Besonders reizvoll ist es, die Region von der Flussseite aus zu erleben, ob per Ausflugsschiff von Havelberg aus, selbstorganisiert per Kanu oder zum Beispiel mit Havelfischer Wolfgang Schröder aus Strodehne im Fischerkahn. Landseits bieten sich in der flachen Niederung Radtouren und Ausflüge zu Pferd an. Für geführte Exkursionen stehen zertifizierte Natur- und Landschaftsführer, die Naturwacht des Biosphärenreservats Mittlere Elbe, die Naturwacht des Naturparks Westhavelland sowie das vom NABU betriebene Besucherzentrum in Milow bereit.
