Tödliches Erbe

Munition im Meer

Über eine Million Tonnen Munitionsaltlasten liegen in der deutschen Nord- und Ostsee. Sie korrodieren im Salzwasser und entlassen ihre giftigen Inhaltsstoffe in die Umwelt. Auch auf Druck des NABU beginnt nun die systematische Bergung in der Ostsee.
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Munitionsreste am Meeresgrund.
Über eine Million Tonnen Munitionsaltlasten liegen in der deutschen Nord- und Ostsee© Foto: imageBROKER.com / Andrey Nekrasov
  • Rund 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition (Spreng- und Brandbomben) und bis zu 300.000 Tonnen chemischer Munition (Senfgas und Tabun) liegen größtenteils verborgen am Grund von Nord- und Ostsee.
  • Das Zeitfenster für eine naturverträgliche Räumung der Spreng- und Brandbomben droht, sich zu schließen.
  • Die stählernen Munitionskörper korrodieren im Salzwasser, es werden krebserregendes und erbgutschädigendes TNT, hochentzündlicher Phosphor und auch Schwermetalle wie Quecksilber freigesetzt.

Das gefährdet Mensch und Umwelt. Gleichzeitig verzögern und verteuern Granaten oder Torpedos immer wieder den Bau von Offshore-Projekten wie Windparks oder Pipelines, wenn Munitionsreste gesprengt werden müssen.

Licht am Horizont

Die Bergung beginnt

Nach über 15 Jahren zahlt sich auch der Einsatz des NABU für eine naturverträgliche Bergung der Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee aus! Nachdem sich die Bundesregierung im Koalitionsvertrag zu einem Sofortprogramm Munition im Meer verpflichtet hatte, sicherte der Haushaltsausschuss im November 2022 nach intensiver Debatte 100 Millionen Euro in der Legislatur zu.

Damit wurde eine der NABU-Kernforderungen zur Bundestagswahl 2021 umgesetzt. Doch es dauerte weitere 18 Monate, bis die Räumungsarbeiten im Juli 2024 in der Ostsee begannen.

Pilotprojekt in der Lübecker Bucht

Im Sommer 2024 startete ein Pilotprojekt: In drei Gebieten in der Lübecker Bucht sollen die systematische und automatische Detektion und Bergung unterschiedlicher Munitionstypen erprobt und weiterentwickelt werden.

Gleichzeitig soll die Planung und der Bau einer schwimmenden Industrieanlage auf See vergeben werden, um zukünftig konventionelle Munitionsaltlasten im großen Stil umweltverträglich, sicher und direkt vor Ort unschädlich machen zu können. Das passiert in der Regel durch spezielle Verbrennungsöfen.

Die ausgewählten Verklappungsstellen befinden sich in der Lübecker und Mecklenburger Bucht. Das ist ein Meilenstein für den Ostseeschutz, und gleichzeitig nur der Anfang. Angesichts der riesigen Munitionsmengen wird es Jahrzehnte und mehr Räumungskapazitäten brauchen, um das Problem zu lösen. Und es wird teuer. Die Munition in Nord- und Ostsee ist eine Generationenaufgabe.

ein Schwarm Alpenstrandläufer am Meer
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Gemeinsame Verantwortung von Bund und Ländern

Nur gemeinsam können Bund und Länder – alle, nicht nur die an der Küste – ein Konzept für die strategische Räumung erarbeiten und finanzieren. Nach dem Sofortprogramm muss es also weitergehen. Die erfolgreiche Zusammenarbeit von Wissenschaft und Industrie, von Politiker*innen aller demokratischen Fraktionen, von unterschiedlichen Ministerien, Behörden und Zivilgesellschaft muss fortgesetzt werden. Auch die deutsche Industrie und Wissenschaft sind in der Pflicht, die heutige Vorreiterrolle ermöglicht Chancen für den Wirtschafts- und Forschungsstandort Deutschland.

Was jetzt passieren muss:

  • Mit Beginn der Räumungsarbeiten müssen Bund und Länder eine nationale Strategie zur systematischen Bergung von Kriegsaltlasten erarbeiten. Dazu gehört der Aufbau eines Kompetenz- und Koordinationszentrums
  • Voraussetzung dafür ist der Aufbau eines Bund-Länderfonds zur Finanzierung der Weiterentwicklung und Skalierung der ersten schwimmenden Industrieanlage („Räumungs- und Entsorgungs-Plattform“) und deren Betrieb für die kommenden Jahre
  • Neben der Bereitstellung und dem Ausbau vorhandener Verbrennungskapazitäten für Munitionsreste in den Küstenländern sollte auch die Zusammenarbeit mit den Anrainerstaaten der Nord- und Ostsee und der EU ausgebaut werden. So könnten eine gemeinsame Infrastruktur der Munitionsräumung und ihre Finanzierung sichergestellt werden

Ein langer Weg bis zur Räumung

Seit 2007 drängte der NABU auf eine verantwortungsvolle, naturverträgliche Lösung, berichtete über gefährliche Strandfunde, organisierte Konferenzen und Fachgespräche. Der Wissensstand verbesserte sich stark, Forschungsprojekte beschäftigten sich mit den ökologischen Folgen der Munition im Meer, Bergungstechniken wurden weiterentwickelt und Räumungssysteme skizziert.

Karte der Lage munitionsbelasteter Flächen in deutschen Meeresgewässern.
Karte der Lage munitionsbelasteter Flächen in deutschen Meeresgewässern.© Foto: www.schleswig-holstein.de

Die EU-geförderte Projekte UDEMM und DAIMON wiesen nach, dass sich TNT-Derivate in Muscheln anreichern und Fische, die sich in munitionsbelasteten Gebieten aufhalten, eine erhöhte Zahl von Lebertumoren aufweisen, die sich auf Sprengstoff zurückführen lassen. Eine Gefahr also auch für den Menschen, der Fische und Meeresfrüchte verzehrt. Ein anderes Projekt namens RoBEMM  beschäftigte sich mit der Roboter-gestützten Bergung von Munition und der Technik der umweltverträglichen Vernichtung.

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