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Von Kolkraben und Menschen
Götterbote und Galgenvogel
Kolkraben - Foto: Frank Derer
Der beeindruckenden Erscheinung des größten Vertreters der Singvögel können sich weder Beobachter*innen noch Naturforschende entziehen. Aktuelle Untersuchungen zeichnen ein neues Bild von den „schwarzen Gesellen“ und besondere Aufmerksamkeit verdient die traditionelle Verbindung zwischen Rabe und Mensch. Raben sind äußerst intelligent und demnach sehr flexibel dabei, sich mit unterschiedlichsten Gegebenheiten zu arrangieren. Genetische Unterschiede ermöglichen eine Vielfalt an Körpergröße, Verhalten, Nistgewohnheiten und sind Gewähr für die erfolgreiche Erschließung ökologischer Nischen in allen Regionen der Welt.
Der Mensch bereitet den Tisch
Seit Jahrtausenden begleiten sich Mensch und Rabe im Sinne einer gemeinsamen kulturellen Entwicklung. Menschen nahmen immer Einfluss auf Rabenvögel und diese auf den Menschen. Mehr als andere Tierarten haben Raben in vielen Kulturen Kunst, Sprache und Spiritualität beeinflusst. Zu Zeiten der Jäger und Sammler kooperierten Mensch und Rabe beim Jagen.
Raben führten Jäger zum Wild und profitierten im Gegenzug von der Beute. Nicht ohne Grund galten Raben als Götterboten. Heute profitieren Raben von Landwirtschaft, Siedlungsbau und Freizeitaktivitäten der Menschen – und das lässt sie manchen als „Schädlinge“ erscheinen.
Genau erforscht sind die Zusammenhänge zwischen den Aktivitäten der Menschen und den Raben in der kalifornischen Wüste. Obwohl Wüsten ursprünglich kein Raben-Lebensraum sind, hat sich der Bestand dort in 20 Jahren verzehnfacht. Grund dafür sind wir Menschen: Wir besiedeln die Wüste und bieten den Raben ein wahres Schlaraffenland mit Wasser in Klärbecken und Bewässerungsgräben, Nahrung in leicht zugänglichen Deponien, Komposthaufen, Mülltonnen, Tierfutternäpfen und entlang der Straßen mit vielen Tieren als Verkehrsopfern.
Andernorts sind es Schaf- und Rinderherden, von Jagden hinterlassene Kadaverreste oder Abfälle an Rastplätzen und Straßen, die Raben an reich gedeckte Tische einladen. Raben reagieren auf solche Angebote prompt und Probleme sind vorprogrammiert: Wo es Raben gut geht, haben sie besseren Bruterfolg, fallen Menschen aber vermehrt negativ auf, indem sie lokale Schäden an Kulturpflanzen, bei Weidetieren oder auch in Kalifornien an Jungtieren der bedrohten Wüstenschildkröte verursachen.
Kolkraben und Weidetiere
Es lohnt sich genau hinzuschauen bei den wiederkehrenden Geschichten, Kolkraben seien Kälber- und Lämmerkiller. Wissenschaftlich erwiesen ist bisher in keinem einzigen Fall, dass Raben ein gesundes Lamm, Ferkel oder gar Kalb getötet haben. Oft wird in entsprechenden Medienmeldungen mit Horror-Meldungen übertrieben – und den Raben die Verfehlung der menschlichen Tierhalter*innen angelastet:
Denn es gibt Studien, die eine mangelnde Fürsorge der Herdenhaltung nachweisen. Etwa wenn Schafe ihre Lämmer bei kalter Witterung ungeschützt zur Welt bringen müssen, oder wenn Muttertiere und Lämmer durch unbehandelte Krankheiten bedeutend geschwächt sind. Da haben Raben leichtes Spiel, Jungtiere, die nicht weglaufen können, mit Schnabelhieben tödlich zu verletzen. Allerdings sind auch Fälle bekannt, in denen Raben gesunde Tiere verletzt oder gar getötet haben.
Warum es ein gutes Herdenmanagement braucht
Raben interessieren sich grundsätzlich sehr für Weidetiere, gerade wenn diese gebären. Denn die bei der Geburt hervortretenden Sekrete, die Nach- und etwaige Totgeburten sowie der Kot der Jungtiere sind ein Festmahl für die Raben. So kann es dazu kommen, dass sie Muttertiere bei der Geburt bedrängen und liegende Jungtiere drangsalieren, um zu prüfen, ob diese aufstehen können. Stehen sie auf, ist dies oft damit verbunden, dass sie Kot absetzen. Bleiben sie liegen, bedeutet das, dass sie kränklich oder gar bereits verendet sind – beides ein gefundenes Fressen. Raben sind also wertvolle „Kadaver- und Reste-Recycler“, können aber den Weidetieren zusetzen.
Vitale Tiere haben damit meist einen guten Umgang – vorgeschädigte, schwache Tiere unter Umständen aber nicht. Deshalb ist ein gutes Herdenmanagement seitens der Weidetierhalter*innen entscheidend: engmaschige Betreuung, Behandlung kranker Tiere, sofortige Entsorgung von Kadavern und kein offenes Tierfutter. In gut geführten Herden können Schäden durch Rabenvögel vorgebeugt werden.
Dennoch können die klugen Vögel lokal Strategien entwickeln, um gesunde Nutztiere zu töten. Etwa, indem sie Gänse, die ohne Unterstand im Freiland gehalten werden, bis zur Erschöpfung verfolgen und ihnen dann mit Schnabelhieben zusetzen. Hat sich solch ein Verhalten in einer Rabengruppe etabliert, können an die lokale Situation angepasste Vergrämungsmethoden Abhilfe schaffen.
Ob Küste, Wüste oder Gebirge: Jeder Lebensraum bietet nur einer begrenzten Zahl an brütenden und nichtbrütenden Raben Raum und Nahrung. Raben brüten paarweise in festen Revieren. Die Population begrenzt sich somit selbst durch die limitierte Zahl an geeigneten Revieren und die Konkurrenz darum. In Schleswig-Holstein beispielsweise wurde untersucht, dass 95 Prozent der Kolkraben sterben, ohne je gebrütet zu haben. Die Gruppe der Nicht-Brüter bildet eine Reservetruppe, aus der lediglich Todesfälle bei Revierinhabern ersetzt werden. Es pflanzt sich also nur ein kleiner Teil der Raben, die man zu Gesicht bekommt, überhaupt fort. Vor diesem Hintergrund ist die Jagd zur Bestandsregulierung unnötig – und kann unter Umständen sogar den gegenteiligen Effekt haben, wenn nämlich etablierte Revierstrukturen buchstäblich „zerschossen“ werden.
Tatsächlich aber nimmt die Zahl der Kolkraben gegenwärtig zu. Eine gute Nachricht, denn durch massive Bekämpfung mit Schrot und Gift waren Kolkraben um 1945 bis auf Restvorkommen in Schleswig-Holstein, Polen und den Alpen in Mitteleuropa ausgerottet. Wenn also gegenwärtig Verbreitungslücken in angestammten Gebieten geschlossen werden, ist dies ein Erfolg für den Artenschutz.
Strategen und Problemlöser
Raben genießen Sympathien, weil sie als sehr sozial und intelligent gelten. Auch die Wissenschaft interessiert sich für sie. In Versuchen lösen Raben mit Bravour auch die kompliziertesten Aufgaben, vor die sie gestellt werden. So zeigt sich, dass Raben vorausschauend in die Zukunft planen, die Absichten von Artgenossen verstehen und diese gezielt austricksen können.
Zum Beispiel legen sie vorübergehende Futterverstecke an, wenn sie mehr Futter finden, als sie momentan fressen können. Doch die Konkurrenz schläft nicht: Artgenossen beobachten das Versteck und gehen stibitzen. Versuche zeigen, dass Raben dies vorausahnen und komplexe Strategien entwickeln, um Plünderer zu täuschen.
Kommunikation der Raben
Und Raben reden miteinander. Die innerartliche Kommunikation, die für menschliche Ohren wie einfaches Gekrächze klingt, erfüllt die Kriterien einer Sprache. Schweizer Forscher haben genau hingehört und 79 verschiedene Rufe entdeckt, von denen einzelne Individuen bis zu 12 beherrschen. Sie werden nach grammatikalischen Regeln benutzt und kulturell zwischen Geschlechtern, Partnern und Nachbarn weitergegeben.
Neue Erkenntnisse und besseres Verständnis der Rabenvögel können zukünftig dazu beitragen, Vorurteile zu überwinden und einen neuen Umgang mit einer hochinteressanten Vogelfamilie zu praktizieren, die eine lange gemeinsame Tradition mit dem Menschen verbindet.
von Stefan Bosch und Uta Maria Jürgens (letzte Aktualisierung März 2026)
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