Wiederkehr der Saiga-Antilope
Die Überlebenskünstler in Kasachstan langfristig schützen
Saiga-Antilopen bevorzugen winterkalte Steppen und Halbwüsten - Foto: shutterstock/Victor Tyakht
Schon während der letzten Eiszeit bevölkerten Saiga-Antilopen zusammen mit den Mammuts unsere Erde. Auch in Mitteleuropa kamen sie vor. Heute sind die winterkalten Steppen und Halbwüsten Zentralasiens ihre Heimat. Um 1990 lebten noch mehr als eine Million Saigas in den Steppen Kasachstans.
In den darauffolgenden Jahren brach ihr Bestand jedoch förmlich ein: Der massive Anstieg von Wilderei in der Region führte dazu, dass in den frühen 2000er Jahren nur noch zwischen 30.000 und 40.000 Tiere in den Steppen Kasachstans lebten.
Mittlerweile haben sich viele Saiga-Populationen wieder erholt, auch dank der aktiven Schutzbemühungen im Land. Heute gibt es jedoch neue Herausforderungen im Zusammenleben von Mensch und Tier. Wir begeben uns auf die Spuren dieser Entwicklung und geben Einblicke in unser NABU-Projekt Gemeindebasierter Schutz der Saiga-Antilope.
+++ Abenteuer Saiga-Kalbzeit in Kasachstan +++
Jetzt unser Projekt kennenlernen und selbst anpacken: Bis 15. März bewerben
Du bist NABU-Mitglied, bringst naturkundliche Kenntnisse mit und möchtest junge Saiga-Antilopen in ihrem natürlichen Lebensraum aus nächster Nähe sehen? Dann ist das deine Chance! Vom 1. bis 15. Mai fährt unser erfahrenes Projektteam aus Ehrenamtlichen und lokalen Partnern zur Kalbzeit der seltenen Saiga-Antilope auf das nördliche Ustyurt Plateau in Kasachstan. Erstmalig ist eine Begleitung durch selbstzahlende NABU-Mitglieder möglich: Im Rahmen der Projektarbeit zum gemeindebasierten Wildtierschutz können Teilnehmende das Monitoring von Flora und Fauna vor Ort unterstützen und Teil eines echten Steppen-Abenteuers rund um die Saiga-Antilope werden.
Infos zum Projektbesuch
- Um den Projektbesuch zu ermöglichen, zahlen Teilnehmende einen Unkostenbeitrag von rund 2.000 Euro an den kasachischen Projektpartner
- Die Übernachtung vor Ort ist in Zelten und zu Hause bei lokalen Projektpartnern geplant: Wir sind hauptsächlich im Geländewagen unterwegs
- Teilnehmende benötigen Englischkenntnisse und/oder Russischkenntnisse, möglichst Artenwissen und etwas körperliche Fitness
- Die Anreise zum und Abreise vom Flughafen Aktau in Kasachstan sowie Reiseversicherung erfolgen individuell
Jetzt bewerben! Schreibe unserem Projektteam eine E-Mail mit einem maximal 300 Zeichen langen Motivationstext, warum du Teil dieses Projektbesuches werden möchtest.
Einsendeschluss ist der 15. März: til.dieterich@NABU.de
Saigas in Zentralkasachstan und Projekteinblicke
Die Saiga-Population in Zentralkasachstan erlebte 2015 ein Massensterben, bei dem etwa 200.000 Tiere, rund 85 Prozent der damaligen Gesamtzahl, starben. Dank intensiver Schutzmaßnahmen der Regierung, unterstützt durch lokale und internationale NGOs wie den NABU, konnten sich die Saiga-Bestände in den letzten Jahren erholen.
Laut aktueller Zahlen, die ein Monitoring-Team ermittelt hat, leben wieder ähnlich viele Saigas in der Region wie vor dem letzten Massensterben. In der größten Population am Ural soll es Anfang 2021 mehr als eine halbe Million Tiere gegeben haben. Heute gehen Expert*innen von insgesamt rund vier Millionen Saigas aus. Das ist ein großartiger Erfolg für den Naturschutz, der gleichzeitig neue Herausforderungen vor Ort mit sich bringt.
Hintergrund: Die Saiga-Antilope im Wandel der Zeiten
Die Saiga kam auch nach der Eiszeit noch in Mittel- und Osteuropa vor. In der Ukraine starb sie im 18. Jahrhundert aus. Heute leben sie nur noch in fünf voneinander isolierten Gebieten: in der Mongolei, in Russland, Kasachstan und Usbekistan. Tatsächlich waren die Saigas bereits Anfang des 20. Jahrhunderts beinahe ausgerottet. Dank strenger Schutzmaßnahmen erholten sich die Bestände jedoch. In der Zeit der Sowjetunion wurden Saigas intensiv zur Fleischproduktion genutzt und in manchen Gebieten als sogenannte Landwirtschaftsschädlinge bewusst reduziert.
Auch Massensterben durch Extremwetter – wie starken Schneefall und Eisbildung – sowie Krankheiten und vermutlich weitere Ursachen führten in der Vergangenheit mehrfach zu Bestandseinbrüchen. Dank ihrer hohen Vermehrungsraten konnten sich die Saiga-Bestände stets weitgehend erholen. Denn Saigas können schon im ersten Lebensjahr trächtig werden. Ab dem zweiten Lebensjahr bringen die Weibchen meist Zwillinge zur Welt.
Saigahorn: beliebtes Gut auf dem Schwarzmarkt
Nach dem Ende der Sowjetunion sind die riesigen Saigaherden innerhalb weniger Jahre verschwunden. Steppen und Halbwüsten verwaisten. Was war geschehen? Ein Faktor: Die Armut in den ehemals sowjetischen Ländern stieg rapide an und mit ihr die Wilderei, etwa in Kasachstan.
So töteten Wilderer Saiga-Antilopen in Massen, vor allem um an die Hörner der Böcke zu gelangen. Das Saigafleisch wurde auf den lokalen Märkten verkauft, während die Saigahörner nach China gingen. Die Nachfrage nach Saigahörnern für die traditionelle chinesische Medizin (TCM) war enorm und ist es auch heute noch. Zu Pulver zermahlen werden Saigahörner als Medikament eingesetzt. Für ein Kilo Horn wurden auf dem Schwarzmarkt umgerechnet bis zu 350 Euro erzielt. Auf diese Weise wurden die männlichen Saigas derart reduziert, dass ihr Nachwuchs ausblieb. Mit einem Rückgang von über 90 Prozent in nur einem Jahrzehnt gehörte die Saiga-Antilope zu den am stärksten bedrohten Tierarten weltweit.
Wilderei ist noch immer eine große Bedrohung für die Saiga-Antilope - Foto: Til Dieterich/NABU, Stefan Michel
Aktuelle Herausforderungen und Lösungen
Heute gibt es in der Ural-Steppe einzelne Herden mit bis zu 100.000 Saiga-Antilopen. Das ist eine enorme Zahl, die neue Herausforderungen für das Zusammenleben von Mensch und Tier mit sich bringt. Wo solche Herden längere Zeit auf Heuwiesen verbringen, ist für Nutztiere der betroffenen Landwirt*innen das Winterfutter gefährdet.
Heute fürchten viele Landwirt*innen Schäden durch Saiga-Antilopen in ihren Getreidefeldern sowie die Futterkonkurrenz mit ihren Haustieren. Forderungen nach „Bestandsregulierungen“, also massenhaftem Abschuss der Saiga-Antilopen, werden aktuell lauter. Es besteht die Gefahr, dass die Saiga in der öffentlichen Wahrnehmung nun von einer streng geschützten Seltenheit zu einem zu bekämpfenden „Schädling“ wird.
Konzepte, die diese Konflikte abmildern, werden dringend benötigt. Dazu zählen nachhaltige Nutzungsoptionen für Landwirt*innen und die lokale Bevölkerung. Das Ziel ist es, Anreize zu schaffen, die Saiga-Antilopen zu tolerieren – und langfristig zu schützen. Genau darauf baut unser gemeindebasierter Ansatz in der der Ustyurt-Region im Südwesten Kasachstans an der Grenze zu Usbekistan. Die in der Ustyurt-Region lebenden Herden gehören zu den kleinsten und verwundbarsten. Wir dürfen nicht vergessen, dass erst 2015 auf nur noch maximal 1.300 Tiere geschätzt wurden.
Große Saiga-Antilopenherde im Ural-Gebiet - Foto: T. Dieterich
Unser Ansatz: Hirt*innen und Wilderer werden zu Saigaschützer*innen
Die Regierung allein kann die Poplation der Saiga-Antilopen nicht erhalten: Staatliche Wildhüter können die riesigen Weiten nicht effektiv kontrollieren. Der NABU arbeitet daher seit 2015 gemeinsam mit lokalen Expert*innen in der Ustyurt-Region , um die Saiga-Antilope hier vor dem Aussterben zu bewahren. Das tun wir konkret:
- Wir gewinnen Bewohner*innen der wichtigsten Ustyurt-Dörfer als Verbündete
- Wur und beraten Menschen, wie sie Wildtierschutzvereine zum Schutz der Saiga-Antilope gründen und selbst Ranger*innen ausbilden können
- Als Sofortmaßnahme rüsten wir diese Wildhüter*innen mit Fahrzeugen, Ferngläsern und GPS-Geräten aus
- Wir unterstützen die Wildhüter*innen auf ihren Patrouillen, indem wir Schutzhütten bauen und einrichten
Die Mitglieder der gemeindebasierten Gruppen tragen einen großen Teil der Kosten selbst, vor allem indem sie unbezahlt „ihre“ Saiga-Antilopen vor Wilderei schützen.
Das Saiga-Monitoring ist ein zentraler Bestandteil der Schutzstrategie - Foto: Aibat Muzbay
Die Menschen vor Ort möchten die Saiga-Antilope als wichtigen Teil ihrer kulturellen Identität erhaltenund wollen zugleich in der Zukunft auch wirtschaftlich profitieren. So soll im Rahmen der Projektarbeit gemeinsam ein System entwickelt und den kasachischen Naturschutzbehörden vorgeschlagen werden, das dafür sorgt, dass Menschen, die mit der Saiga zusammenleben und ihren Lebensraum erhalten, auch finanziell profitieren. Dies kann Ökotourismus beinhalten, aber auch eine legale und regulierte, nachhaltige jagdliche Nutzung der wiedererstarkten Saigaherden.
Die Artenschutzarbeit für die Saiga bewahrt auch das Ökosystem „Steppe“ vor Degradierung. Denn die Steppe braucht die grasenden Herden: Die Huftiere düngen sie, verbreiten Pflanzensamen und halten sie kurz. Damit ermöglichen sie Greifvögeln, wie dem gefährdeten Sakerfalken, ihre Beute auszumachen. Auch den Flughühnern ermöglichen sie so einen idealen Lebensraum.
Die Zukunft der Saiga-Antilope
Die Saiga-Antilope - Foto: P. Romanov
Trotz lokaler Erfolge sind die Gefahren für die Saigas nicht gebannt. Noch immer gefährdet Wilderei die kleinen Populationen in Russland, der Mongolei und der Ustyurt-Region in Kasachstan sowie Usbekistan. Die Mongolische Saiga ist zudem durch Übertragung von Haustierseuchen und Lebensraumzerstörung durch intensive Viehweide bedroht.
Und auch Bahntrassen, Straßen und Grenzzäune behindern die Wanderungen der Saigas. Felder, Bergbau und die Förderung von Erdöl und Erdgas verkleinern ihren Lebensraum.
Auch in Zukunft wird es auf die enge und ambitionierte Zusammenarbeit zwischen Naturschützer*innen und den Menschen vor Ort ankommen, um diese faszinierende Tierart zu schützen. Nur dann haben die Saiga-Antilopen in Zentralasien eine Zukunft.
Das Projekt „Gemeindebasierter Schutz der Saiga-Antilope und anderer Arten durch Entwicklung dörflicher Wildschutzvereine in Kasachstan“ wird vom Bundesumweltministerium mit Mitteln des Beratungshilfeprogramms (BHP) für den Umweltschutz in den Staaten Mittel- und Osteuropas, des Kaukasus und Zentralasiens sowie weiteren an die Europäische Union angrenzenden Staaten gefördert und vom Bundesamt für Naturschutz und dem Umweltbundesamt begleitet. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autorinnen und Autoren.
Gute Nachrichten für die Saiga-Antilope in Zentralasien: Nach langjähriger Artenschutzarbeit haben sich die Bestände erholt. Die einzigartigen Tiere sind nicht mehr vom Aussterben bedroht. Ein großer Erfolg! Mehr →
Die Saiga-Antilope galt drei Jahrzehnte lang als vom Aussterben bedroht. Wilderei hatte die letzten Populationen fast ausgerottet. Die Art hat sich nun erholt, nicht zuletzt dank einer vom NABU unterstützten kreativen Umweltbildungskampagne. Mehr →
