Fische
Bewohner einer fremden Welt
Der Zugang zu Fischen fällt uns etwas schwerer – eine Bindung, wie sie der Mensch zu vielen Warmblütern entwickelt, kommt bei Fischen normalerweise nicht zustande. Fische sind uns auch fremd, weil sie unter Wasser in einer ganz anderen Sinneswelt leben als wir. Für die meisten Arten ist der Geruchssinn weitaus wichtiger als die Sinneswahrnehmungen mit den Augen. Gut entwickelt ist bei den meisten Fischen außerdem der Geschmackssinn. Der für uns Menschen fremdartigste Sinn der Fische ist ihr Ferntastsinn, mit dem feinste Schwankungen des Wasserdrucks registriert werden.
Fische ist eine Sammelbezeichnung für alle primär im Wasser lebenden wechselwarmen Wirbeltiere, die sich durch Flossen fortbewegen und in den allermeisten Fällen über Kiemen atmen. Kopf-, Rumpf- und Schwanzteil bilden einen einheitlichen, überwiegend stromlinienförmigen Körper. Während früher Fische als eine einzige Klasse betrachtet wurden, werden Fische aktuell in vier abgegrenzte Klassen eingeteilt: die Inger (Schleimaale), die Neunaugen, die Knorpel- und die Knochenfische. Knapp 200 Fischarten sind in Deutschland zu Hause – weltweit sind etwa 33.000 Arten bekannt.
Biologie, Gefährdung und Schutz unserer Süßwasserfische
Geruch- und Geschmacksinn spielen große Rolle
Fische sind uns auch fremd, weil sie unter Wasser in einer ganz anderen Sinneswelt leben als wir. So ist für die meisten Arten der Geruchssinn weitaus wichtiger als der Gesichtssinn. Elritzen zum Beispiel sind in der Lage, 15 verschiedene Fischarten alleine aufgrund des Geruchs zu unterscheiden. Sie verständigen sich auch mit Hilfe von Gerüchen: Bei Gefahr alarmieren sie ihre Artgenossen mit ins Wasser abgegebenen Schreckstoffen. Mit Hilfe des Geruchsinnes erkennen viele Fische auch ihre Sexualpartner sowie den eigenen Nachwuchs.
Gut entwickelt ist bei den meisten Fischen außerdem der Geschmackssinn. Manche Fische tragen Geschmacksknospen auf der ganzen Hautfläche. Besonders dicht gedrängt sitzen diese Sinneszellen an den Spitzen der Barteln, mit denen Welse, Schmerlen und andere Grundfische den Gewässerboden abtasten.
Der für uns Menschen fremdartigste Sinn der Fische ist ihr Ferntastsinn, mit dem feinste Schwankungen des Wasserdrucks registriert werden. Aus diesen Druckschwankungen kann der Fisch auf die Anwesenheit anderer Tiere oder von Hindernissen schließen. Die Sinneszellen, die das vollbringen, liegen im sogenannten Seitenlinienorgan, einem seitlich in die Haut eingesenkten Kanal, der mit der Außenwelt durch Poren in Verbindung steht.
Fische sind wechselwarme Tiere. Ihre Körpertemperatur entspricht deshalb stets der des umgebenden Wassers. Jede Fischart hat ein Temperaturoptimum. Karpfenartige Fische zum Beispiel bevorzugen warmes, lachsartige Fische kälteres Wasser. Aktivität und Wohlbefinden der Fische sind zudem vom Sauerstoffgehalt des Wassers abhängig, auch hier hat jede Fischart einen arttypischen Sauerstoffbedarf.
Fortbewegung im Wasser
Nun ist Wasser zwar bekanntlich dünner als Blut, aber viel, viel „dicker“ als Luft. Die meisten Fischarten haben sich deshalb im Vergleich zu Landbewohnern zu regelrechten muskelbepackten Kraftprotzen entwickelt. Eine Schleie etwa besteht zur Hälfte aus Muskeln, eine Forelle oder ein Hecht sogar zu zwei Dritteln. Diese Muskeln sind blockweise zu beiden Seiten der Wirbelsäule angeordnet. Sie ermöglichen den Fischen die bekannte Schlängelbewegung, mit der sie im dichten Medium Wasser vorankommen. Der größte Teil der Kraft wird dabei auf den Schwanzbereich übertragen. Das Hinterteil des Fisches sorgt also für den Antrieb, während der Fischkörper als Ganzes so geformt ist, dass er möglichst widerstandslos durchs Wasser gleitet.
Die stärksten Fischmuskeln reichen jedoch nicht aus, um so schnell zu sein wie die Vögel in der viel dünneren Luft. Eine davonschießende Forelle erreicht kaum zwanzig Stundenkilometer und hält diese Geschwindigkeit nur kurze Zeit durch. Für höhere Geschwindigkeiten ist der Wasserwiderstand einfach zu groß.
Aber die hohe Dichte des Wassers hat auch ihre Vorteile: Sie macht die Fische nahezu schwerelos. Indem ein Fisch seine gasgefüllte Schwimmblase etwas nachfüllt oder entleert, schwebt er ohne Kraftaufwand höher oder tiefer im Wasser. Er kann also alle Energie für den Vortrieb verwenden und braucht nicht auch noch für den Auftrieb zu arbeiten.
Natürlich sind nicht alle Fische schnelle Dauerschwimmer. Es kommt ihnen vielmehr darauf an, auf möglichst effiziente Art zu überleben und sich fortzupflanzen. Brachsen zum Beispiel leben im ruhigen Unterlauf von Flüssen oder in Altwässern und durchwühlen dort den Boden nach Kleintieren. Dazu stellen sie sich im Wasser regelrecht auf den Kopf. Ihr Körper ist also ganz für das geschickte Manövrieren an Ort eingerichtet. Das bedeutet im Reich der Fische: Kurzer Körper, hoher Rücken und bewegliche Brust- und Bauchflossen, die als Ruder, Bremsen und Gleichgewichtsfaktor funktionieren.
Dagegen verrät die Körperform des Hechtes den kraftvollen Beschleuniger. Der lange, äußerst muskulöse Körper mit dem nur wenig verengten Schwanzansatz und den weit hinten liegenden Rücken- und Bauchflossen eignet sich hervorragend dazu, mit einem einzigen Schwanzschlag nach vorn zu schießen und eine ahnungslose Beute zu schnappen.
Die Fischregionen
Nach der klassischen Unterteilung der Fließgewässer folgt von der Quelle zur Mündung auf die Forellen- und Äschenregion die ruhiger fließende und pflanzenreichere Barbenregion und schließlich die Brachsenregion am Unterlauf. Ganz allgemein nimmt im Mittel- und Unterlauf die Vielfalt der Lebensformen zu, weil mehr Nahrung und vielfältigere Lebensräume zur Verfügung stehen. Diese vielfältigere Umwelt erlaubt auch das Auftreten von Fischen, die weniger auf ganz bestimmte Umweltbedingungen spezialisiert sind. Doch gerade diese Tieflandzone ist auch am dichtesten besiedelt und deshalb besonders verschmutzt und verändert worden. Die meisten Flüsse Europas sind zu Abflusskanälen mit künstlich versiegelten Ufern und Fluss-Sohlen verkommen.
Fische sind die ältesten Wirbeltiere. Ihre Entwicklungsgeschichte begann vor rund 500 Millionen Jahren. Die heutige Besiedlung unserer natürlichen Gewässer in Mitteleuropa nahm ihren Ausgang nach der letzten Eiszeit. Seit dieser Zeit gab es in den deutschen Binnengewässern rund 70 Fischarten; vier davon, nämlich Ziege, Wandermaräne, Sterlet und Stör, sind ausgestorben oder verschollen. Besonders gefährdet sind Wanderfische und solche, die ihren Laich auf Kies ablegen. Lediglich unter den Fluss- und Binnenseefischen gibt es noch ungefährdete Arten.
Hauptursache für den Rückgang der Fischarten ist der Verlust an unverschlammten, überströmten Kies- und Sandbänken, an pflanzenreichen Überschwemmungsbereichen in den Flussauen sowie der durch Wasserbaumaßnahmen versperrte Zugang zu letzteren. Weitere Gefährdungsgründe sind die Überdüngung und Versauerung der Gewässer, direkte Schäden durch Wellenschlag von Schiffen und Uferzerstörung etwa durch Campingplätze und andere Freizeitanlagen.
Besonders drastisch lassen sich die Veränderungen am Beispiel des Rheins zeigen: Nach der klassischen Einteilung gehörte der gesamte Ober- und Mittelrhein zur Barbenregion. Der Niederrhein wurde dagegen der Brachsenregion zugerechnet. Dies war richtig, solange die Fischgemeinschaften hauptsächlich von natürlichen Faktoren wie Gefälle, Bodenbeschaffenheit und Wassertemperatur bestimmt wurden. Doch heute treten diese natürlichen Faktoren hinten den menschlichen Einflüssen zurück. Die Uniformierung der Uferlinien, die Abwasserbelastung, der Schiffsverkehr, Kraftwerke und eine selektive Fischerei zeigen entlang der gesamten Rheinstrecke ihre Wirkung und sind mitverantwortlich für eine nahezu gleichgeschaltete Zusammensetzung der Fischartengemeinschaften in den verschiedenen Flussabschnitten.
Fische in der Nahrungskette
In Seen und Flüssen sammeln sich Nährstoffe aus einem weiten Einzugsgebiet. Diese Nährstoffe werden von Uferpflanzen und von winzigen, im Wasser schwebenden Algen aufgenommen und mit Hilfe des Sonnenlichtes in energiereicher Substanz festgelegt.
Nächste Stufe in der Nahrungskette sind tierische Kleinstlebewesen wie Rädertiere und Wimpertierchen. Diese werden wiederum von größeren Organismen wie Schnecken oder Insektenlarven verspeist, welche ihrerseits von noch größeren Räubern gejagt werden. Fische schalten sich an verschiedenen Stellen in diesen Nahrungsfluss ein. Einige Arten, wie die Rotfeder, leben teilweise direkt von pflanzlicher Kost. Viele Fische des Gewässergrundes ernähren sich hauptsächlich von Insektenlarven, Würmern und Schnecken, so etwa die Schleie. Das überall häufige Rotauge kann mit seinen Schlundzähnchen sogar Wandermuscheln aufknacken. Wieder andere Fische, etwa die Forelle, ernähren sich als Jungtiere von Wirbellosen und werden erst später zu Fischfressern. Sie sind aber ihrerseits als Jungtiere Nahrung von größeren Räubern wie Hecht, Zander und Aal.
In einem gesunden, relativ nährstoffarmen Gewässer bleibt dieser vielverzweigte Nahrungsstrom, der von den Pflanzen bis zu den Raubfischen fließt, immer in bestimmten Grenzen. Das normalerweise limitierte Vorkommen des wichtigen Nährminerals Phosphor wirkt wie eine natürliche Bremse gegen ein überbordendes Wachstum der Wasserorganismen. Hier erfolgt der erste und gravierende Eingriff des Menschen ins wässrige Nahrungsnetz: Durch die landwirtschaftliche Düngung sowie aus Haushalts- und Industrieabwässern gelangen große Mengen an Phosphaten in die Gewässer. Als Folge davon wuchern vor allem die Algen, die ja am Anfang der Nahrungsflüsse stehen. Aber alle diese Algen sterben irgendwann einmal ab und sinken auf den Seegrund, wo sie mittels sauerstoffzehrender Prozesse abgebaut werden.
Folgen der Überdüngung
Wenn dann immer mehr tote Algen abfallen, bilden sich in der Seetiefe sauerstofffreie Bereiche, in denen kein höheres Lebewesen überleben kann. Vor allem im Sommer, wenn das Seewasser sich nicht durchmischt, wächst die Atemnot der überdüngten Seen. Nicht auf alle Fische wirkt sich die Überdüngung und der damit verbundene Sauerstoffmangel gleich aus. Viele Karpfenverwandte, besonders das Rotauge, schätzen ein hohes Nahrungsangebot und legen zudem ihre Eier an Uferpflanzen ab, wo auch unter ungünstigen Bedingungen genügend Sauerstoff verfügbar ist. Schlimmer steht es dagegen um jene Fischarten, die auf dem Gewässerboden ablaichen. Ihre Eier können sich ohne Sauerstoff nicht entwickeln und gehen zugrunde.
Nun hat die Phosphatbelastung der deutschen Gewässer in den letzten Jahren vor allem dank der veränderten Waschmittel deutlich nachgelassen. Gleiches gilt für organische Stoffe und Ammonium. Im Vergleich zu einem einigermaßen naturnahen Zustand ist das Verschmutzungsniveau aber immer noch beträchtlich. Die meisten Stoffe, die wir in die Umwelt entlassen, werden irgendwann einmal in die Gewässer geschwemmt und dort schließlich von Fischen aufgenommen – sei es über die Nahrung oder direkt aus dem Wasser. Der Zustand unserer Fische ist also ein empfindlicher Anzeiger für den Zustand der Umwelt. Fische stehen über die Kiemenatmung und die durchlässige Haut in ständigem Kontakt mit dem Element Wasser. Deshalb finden schon kleinste Giftkonzentrationen ihren Weg in den Fischkörper.
Das dringlichste Alarmsignal, das uns Fische geben können, besteht in einem spektakulären Fischsterben. Aber auch das stille Verschwinden gewisser Fischarten aus einem Gewässer kann mangelhafte Wasserqualität anzeigen. Fische können vermehrt durch Krankheiten dahingerafft werden, weil Schwermetalle ihr Immunsystem schwächen, oder sie können sich nicht mehr fortpflanzen, weil die empfindlichen Eier und Jungfische zugrunde gehen.
Helge May
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