Fünf Prozent der Wälder in Deutschland sollten bis 2020 unbewirtschaftet sein. Dieses Ziel ist auch Jahre später noch nicht erreicht. - Foto: Anja Poker
Was nützt uns der Wald?
Warum manche Wälder sich frei entwickeln dürfen
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Im Luftbild zeigt sich im Juli 2020 der Unterschied im Kronendach zwischen einem Naturwaldreservat (links) und einem aufgelichteten bewirtschafteten Wald in Hessen (rechts). Foto: NABU/ Hans-Joachim Herr
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Nach der sommerlichen Dürre zeigen sich im September 2020 im aufgelichteten Wald (rechts) deutlich mehr abgestorbene Bäume als im Naturwald. Foto: NABU/ Hans-Joachim Herr
Wälder bieten uns Menschen viel. Ihre Rolle als Holzlieferant fällt vielen sicher zuerst ein. Der nachhaltige und vielseitige Rohstoff ist aber nur ein Aspekt. Wälder erbringen darüber hinaus zahlreiche unschätzbar wichtige Funktionen, die der Allgemeinheit zugutekommen: Sie sorgen weiträumig für Abkühlung durch Verdunstung, speichern CO₂-Emissionen aus unseren Auspuffen und Schloten, bieten Arten einen Lebensraum und nicht zuletzt dienen sie den Menschen als Erholungsgebiete. Und mit all diesen Funktionen sind auch wirtschaftliche Effekte verbunden, sei es durch die Trinkwassergewinnung oder den Tourismus.
Natürliche Entwicklung auf einem Teil der Waldfläche
Ursprünglich war Deutschland zu einem großen Teil von Wäldern bedeckt. Zwar wächst heute immer noch auf einem Drittel unseres Landes Wald, aber nur auf mittlerweile 3,1 Prozent dieser Fläche darf sich dieser vom Menschen ungesteuert entwickeln. Um das Artensterben zu verlangsamen, hat sich Deutschland daher im Rahmen der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt (NBS) bereits 2007 das Ziel gesetzt, fünf Prozent der deutschen Waldfläche zu solchen Naturwäldern zu entwickeln. Dies wurde 2024 bei Fortschreibung der Strategie (NBS 2030) noch einmal bestätigt. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen also noch mehr Wälder als bisher zu Naturwäldern werden.
Mehr Artenvielfalt und Stabilität
Auf diesen Flächen darf der Wald einfach nur Wald sein, der Mensch hält sich raus. Dadurch verbessern sich die oben genannten Funktionen nachweislich deutlich. Durch das geschlossenere Kronendach kann der Wald zudem den Folgen der Klimakrise besser trotzen, da Feuchtigkeit besser gehalten wird. Naturnahe Wälder und ihre Böden sind starke Verbündete im Kampf gegen die Klimakrise. Bäume, die mehrere Hundert Jahre alt werden, können atmosphärischen Kohlenstoff langfristig binden. In den Waldböden reichert sich über die Zeit ebenfalls Kohlenstoff an.
Auch für den Naturschutz haben diese Naturwälder einen hohen Nutzen. Hier dürfen die Bäume ungestört alt werden und auch in abgestorbenem Zustand im Wald bleiben. So entstehen jede Menge verschiedene Lebensräume, von denen seltene und von alten Wäldern abhängige Arten wie Mittelspecht, Zwergschnäpper oder Bechsteinfledermaus profitieren. Die Artenvielfalt nimmt stark zu.
Für die Wissenschaft ist es außerdem von großem Wert, die natürliche Dynamik der Wälder zu beobachten. Die gewonnenen Erkenntnisse geben dann wertvolle Hinweise darauf, wie Wälder im Klimawandel künftig nachhaltig bewirtschaftet werden können. Das nutzt auch der Forstwirtschaft.
Holz effizienter nutzen
Lediglich als Holzlieferant stehen uns diese Wälder nicht mehr zur Verfügung – doch das sollten wir zugunsten der vielen Vorzüge in Kauf nehmen. Wenn man bedenkt, dass aktuell mehr als 80 Prozent des eingeschlagenen Laubholzes direkt im Ofen landet, obwohl mittlerweile verbrennungsfreie erneuerbare Heiztechnologien zur Verfügung stehen, erscheint dieser Verzicht mehr als machbar. Wenn dieses CO₂ m Wald gespeichert bleibt, ist dem Klima am meisten geholfen. Grundsätzlich müssen wir den wertvollen Rohstoff Holz in Zukunft effizienter einsetzen, das heißt, ihn primär in langlebigen Produkten verwenden und anschließend möglichst lange im Stoffkreislauf halten.
FAQ zum Naturwald
Brechen Wälder ohne menschliche Bewirtschaftung nicht zusammen?
Vor allem die bestehenden, noch intakten Laubwälder eignen sich für die natürliche Waldentwicklung. So können sie der Klimakrise länger und besser widerstehen. In Einzelfällen kann aber auch sehr wertvoll sein, vor allem für die Wissenschaft, wenn beobachtet werden kann, wie sich bisherige Nadelholzbestände nach großen Schäden erholen (etwa in den Nationalparks Harz oder Bayrischer Wald).
Haben unsere Buchenwälder überhaupt eine Zukunft im Klimawandel?
Aktuell kann man davon ausgehen, dass die Buche in weiten Teilen Deutschlands mit den prognostizierten klimatischen Veränderungen klarkommen wird. Denn sie ist über weite Teile Europas mit einem breiten klimatischen Spektrum verbreitet. Die Buchenvorkommen in Deutschland befinden sich überwiegend noch immer im Zentrum dieses klimatischen Spektrums.
Zugleich können wir aber nur in Naturwäldern lernen, wie – und letztlich ob – sich die Buche von Natur aus an den Klimawandel anpasst. Denn nur in Naturwäldern können solche Anpassungsprozesse ohne zusätzlichen Stress durch Holzernte und sonstige forstliche Eingriffe in das Ökosystem Wald ablaufen.
Warum sind Naturwälder klimastabiler?
Wälder mit hoher Einschlagsrate haben meist ein lückenhaftes Kronendach und erwärmen sich deshalb vergleichsweise schnell. In Naturwäldern dagegen schützt das geschlossene Kronendach den Waldboden vor der Austrocknung und erhält ein feuchtes Mikroklima im Wald. Verrottendes Holz baut außerdem Humus auf, wodurch sich die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens und damit auch das Selbstkühlungsvermögen des Waldes erhöht. Stürme finden zudem weniger Angriffsfläche und die Artenvielfalt verhindert großflächige Schädlingsausbrüche.
Was leisten naturnahe Wälder für den Klimaschutz?
Wälder binden große Mengen Kohlendioxid. Nicht bewirtschaftete Wälder leisten im Vergleich zu Wirtschaftswäldern einen größeren Beitrag zur langfristigen Kohlenstoffspeicherung. Insbesondere in den Bäumen selbst und im Mineralboden werden große Mengen an Kohlenstoff gebunden. Werden Waldflächen dauerhaft der ungesteuerten Entwicklung überlassen, steigen die lebenden Holzvorräte wie auch die Totholzmengen im Laufe einiger Jahrzehnte deutlich an, es wird also mehr CO₂ gebunden. Nach erfolgtem Vorratsaufbau speichern Wälder ohne menschliche Bewirtschaftung dauerhaft im Durchschnitt etwa 50 Prozent mehr Kohlenstoff pro Hektar als nach heutiger Praxis genutzte Wälder. Deshalb gilt es, bestehende, vor allem alte und naturnahe Wälder zu bewahren. Ihre Zerstörung würde den Klimawandel weiter beschleunigen.
Können nur junge Wälder CO₂ binden?
Die verbreitete Annahme, dass in Naturwäldern nach einer kurzen Phase des Vorratsaufbaus der Zuwachs stagniere und sich eine natürliche Balance zwischen Kohlendioxid-Aufnahme (Wachstum) und -Abgabe (Verrottung) einstelle, ist nicht korrekt. Studien belegen immer wieder, dass diese althergebrachte Annahme auf einer fehlerhaften Ausgangsbehauptung zur Dynamik von Naturwäldern beruht. Tatsächlich reichern Wälder ohne menschliche Bewirtschaftung über Jahrhunderte hinweg weiteren Kohlenstoff an und erfüllen dabei zahlreiche weitere Funktionen, sowohl für die Gesellschaft als auch für die Natur.
Will der NABU Waldbewirtschaftung verbieten?
Nein, Holz ist ein wichtiger nachhaltiger Rohstoff und kann dabei helfen, klimaschädliche Baustoffe und andere Produkte zu ersetzen. Auf den allermeisten Waldflächen muss daher in Zukunft eine nachhaltige Bewirtschaftung stattfinden, welche naturnahe Strukturen schafft, Ökosystemfunktionen (wie Kühlungseffekte, Grundwasserbildung) erhält und diese in Einklang mit der Holzentnahme bringt. Die Ziele der Bundesregierung, fünf Prozent der Waldfläche einer natürlichen Entwicklung zu überlassen, ist aber angesichts der Klima- und Naturkrise dringend erforderlich.
Wie engagiert sich der NABU für Naturwälder?
Der NABU fordert die Bundesregierung auf, die selbst gesteckten Ziele zum Waldnaturschutz in Deutschland nicht aus den Augen zu verlieren und in öffentlichen Wäldern mehr unbewirtschaftete Flächen auszuweisen. Zivilgesellschaftliche Akteure, wie die NABU-Stiftung Nationales Naturerbe, unterstützen den Bund bei der Umsetzung seiner Ziele aufgrund ihrer gemeinnützigen Zielstellung. Es werden besonders wertvolle Waldgebiete erworben – teilweise finanziert über staatliche Förderprogramme – und diese langfristig betreut. So übernehmen diese Akteure neben erheblichen finanziellen Aufwendungen für die dauerhafte Unterhaltung und Sicherung umfangreiche administrative Aufgaben beim Erwerb sowie der Verwaltung der erworbenen Flächen und binden ehrenamtlich engagierte Menschen aus der Region in die Gebietsentwicklung mit ein. Auch private Landbesitzende können unter Umständen Fördermittel erhalten, wenn sie ihre Wälder zu Naturwälder entwickeln möchten, oder ihre Wälder über Verkauf an oben genannte Akteure für den Nutzen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen.
Werden Waldbesitzende für die Schaffung von Naturwäldern enteignet?
Nein, die Schaffung von Naturwäldern erfolgt vollständig freiwillig. Durch die Förderprogramme werden Waldbesitzende nicht gezwungen, ihre Flächen in die natürliche Waldentwicklung zu geben oder ihre Flächen an jemanden zu verkaufen, der das zu tun beabsichtigt.
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