Akuter Handlungsbedarf im Naturschutz

Rote Liste der Vogelarten in Europa

Es ist schlecht bestellt um Europas Vögel. In der aktuellen Europäischen Roten Liste der Vögel zeigt die Trendkurve für 30 Prozent der ausgewerteten Arten nach unten. 20 Prozent der Vogelarten gelten als bedroht. Jetzt gilt es, dieser Entwicklung entgegenzuwirken.
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Uferschnepfe
In Deutschland gilt die Uferschnepfe als vom Aussterben bedroht, weltweit als potenziell gefährdet.© Foto: Frank Derer

Im Oktober 2021 hat die Naturschutzorganisation BirdLife International, der Dachverband des NABU, die aktuelle Europäische Rote Liste der Vögel veröffentlicht. Demnach weisen 30 Prozent der 544 ausgewerteten Vogelarten einen negativen Bestandstrend auf. 2015 waren es noch 27,6 Prozent. Obwohl viele Arten mehrheitlich in eine niedrigere Gefährdungsklasse herabgestuft werden, steigt die Gesamtzahl bedrohter Vogelarten insgesamt an: Mit 110 Arten hat sich ihre Zahl auf über 20 Prozent erhöht. Die meisten Rückgänge sind bei weit verbreiteten Singvögeln wie Lerchen, Würgern und Ammern zu beobachten. Sie verlieren ihre offenen Lebensräume, da immer mehr kleinteilige Landschaften verschwinden. Hinzu kommt der verstärkte Einsatz von Agrarchemikalien.

Von den gut 300 Arten, die in Deutschland leben, haben die Feuchtwiesenvögel Bekassine und Rotschenkel die Vorwarnliste übersprungen und gelten nun europaweit als gefährdet. Auch Saatkrähe, Mauersegler und Wachtel ziehen erstmalig auf europäischer Ebene in die Rote Liste. 

Der Waldrapp gilt nun als eine von fünf in Europa ausgestorbenen Vogelarten. Und es gibt weitere Sorgengruppen:

Der Kiebitz gilt als stark gefährdet.© Foto: NABU/CEWE/Thomas Hempelmann

Wasser- und Watvögel:

Mit insgesamt 40 Prozent gefährdeter Arten ist diese Gruppe die am stärksten betroffene in der Europäischen Roten Liste. Während bei vielen Wiesenvögeln wie Uferschnepfe, Kiebitz und Brachvogel die aktuelle Landwirtschaftspraxis eine Verbesserung der Bestandssituation verhindert, werden viele Entenarten Ost- und Nordeuropas, wie Spießente oder Tafelente, durch unkontrollierte Jagd und Zerstörung von Feuchtgebieten gefährdet. 

Besonders arktischen Watvögeln bereitet ihre nordische Verbreitung Probleme. Ihre Aussichten, sich bis 2050 dem Klima anpassen zu können, sehen schlecht aus – die Klimakrise könnte also zu schrumpfenden Lebensräumen führen.

Hintergrund: Europäische Rote Liste der Vögel

Nach der letzten Veröffentlichung im Jahr 2015 wird die Europäische Rote Liste der Vögel nun zum vierten Mal veröffentlicht. Dafür wurden Daten aus 54 Ländern und Regionen von Tausenden Expertinnen und Experten sowie Freiwilligen ausgewertet. Für die Beurteilung des Aussterberisikos aller europäischen Vogelarten nach den weltweit anerkannten Richtlinien der IUCN standen die jüngsten Berichte aller EU-Mitgliedsstaaten zur Umsetzung der EU-Vogelschutzrichtlinie und vergleichbare Daten aus den anderen europäischen Ländern zur Verfügung. Der Bericht wurde im Auftrag der EU-Kommission erstellt. Download: „European Red List of Birds“ (PDF)

Langstreckenzieher:

Von den 121 Zugvögeln, deren Flugroute bis südlich der Sahara führt, zeigen 33 Prozent eine rückläufige Tendenz. Bei nichtziehenden Vögeln sind nur etwa 20 Prozent von einem Rückgang betroffen. Bei den etwa 70 Arten, die überwiegend oder ausschließlich als Rastvögel aus dem Norden und Osten zu uns kommen, gibt es ebenfalls Hinweise auf mögliche klimatische Effekte: Die Anzahl der abnehmenden Arten ist doppelt so hoch, wie die der zunehmenden.

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Seevögel:

Auch 30 Prozent der Seevogelarten wurden in der Roten Liste aufgenommen. In der Meeresumwelt leiden Vögel wie Eiderente und Samtente unter Beifang aufgrund von Fischerei und Jagd sowie invasiven gebietsfremden Arten, Störungen und Wasserverschmutzung von Land und von See. Fischfressende Meeresvögel wie Sturmtaucher, Dreizehenmöwe und Papageitaucher geraten zunehmend weiter in Bedrängnis, weil die Beutefischbestände schrumpfen oder abwandern.

Rückgang und Erläuterungen zu einigen Beispielarten

Positiv hingegen: Eisvogel, Rotmilan oder Tordalk stehen nicht mehr auf der Roten Liste. Durch Wiederansiedlungsprojekte wurde auch der Bartgeier auf die Vorwarnstufe herabgestuft. Zwar haben auch andere Greifvogelarten von gezielten Naturschutzaktivitäten profitiert, jedoch ist der Bestand der auf Beutetiere im Offenland angewiesenen Arten weiterhin rückläufig.

Die Rote Liste macht deutlich: Noch immer ist die Vielfalt der europäischen Vogelwelt bedroht durch intensivierte Landwirtschaft, zunehmende Flächenversiegelung, Übernutzung der Meere, nicht nachhaltige Praktiken in der Forstwirtschaft, Umweltverschmutzung, Raubbau und das illegale Töten bestimmter Arten. Die internationalen Konventionen und die EU-Naturschutzrichtlinien bieten eine starke Gesetzgebung. Häufig fehlen jedoch notwendige Naturschutzmaßnahmen oder sie erfolgen nicht im erforderlichen Maßstab, um die wichtigsten Bedrohungen für Vogelarten zu bekämpfen.

Bei allen aktuellen Problemen erweist sich der Klimawandel jedoch als eine der Hauptbedrohungen für die Zukunft unserer Vogelwelt: Der Bericht zur Roten Liste legt nahe, dass der Klimawandel das Verbreitungsgebiet für bestimmte Arten bereits maßgeblich verlagert oder verlagern wird. Für manche Arten könnte die Klimakrise auch das Aussterberisiko erheblich erhöhen. Der NABU fordert daher, dieser Entwicklung auf nationaler, europäischer und globaler Ebene entschieden entgegenzuwirken.

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