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Käfer und Eidechsen in der Flaschen-Falle

Vielerorts wird unser Wohlstandsmüll zur tödlichen Gefahr für Kleintiere

von Stefan Bosch


Käfer als Flaschenopfer

Diese im Schwarzwald gefundene Bierfasche enthielt 70 tote Käfer aus neun verschiedenen Arten.

Achtlos weggeworfene Flaschen und Dosen verschandeln nicht nur das Landschaftsbild, sie gefährden auch erheblich die örtliche Artenvielfalt. Aktuelle Beobachtungen in Süddeutschland und auf den Kanaren zeigen, dass "ex und hopp" für unzählige, auch seltene, gefährdete und besonders geschützte Tierarten den sicheren Tod bedeutet. Als besonders gefährlich erweisen sich nicht beziehungsweise langsam verwitternde Gefäße wie Glasflaschen und Bierdosen, die glatte Innenseiten sowie enge Öffnungen aufweisen.

Nicopholus

In weggeworfenen Flaschen und Dosen finden sich unerwartet viele Kleinsäuger wie Mäuse und Spitzmäuse, Reptilien (wie Echsen) sowie wirbellose Tiere wie Käfer und Fliegen. Die Trinkgefäße wirken als hoch effektive Fallen. Einmal hineingeraten, gibt es bei engen Öffnungen und glatten Wänden kaum ein Entkommen. So gefangene Tiere gehen elend zugrunde oder ertrinken in angesammelter Restflüssigkeit, Tau oder Regenwasser. Und die Fallen zeigen Langzeitwirkung, denn der Verwesungsgeruch verendeter Tiere lockt magisch weitere Opfer an.

Atlantische Echse (Lanzarote)

Atlantische Echse

Das Ausmaß dokumentieren beispielhaft Erkenntnisse der Biologin Claudia Schuster im Rahmen einer Untersuchung über die Kanarenspitzmaus auf der Vulkaninsel Lanzarote. Traditionell werden dort gerne entlang der Feldwege gemeinschaftlich Getränke konsumiert und die Getränkeflaschen bleiben liegen wo sie geleert wurden - mit fatalen Folgen für die örtliche Tierwelt. Auf den Kanaren leben viele endemische, also kleinräumig und nur an diesem Ort der Welt vorkommende Arten, bei denen Todesfallen leichter als bei über ein größeres Areal verbreiteten Tieren zu einer erheblichen Bestandsgefährdung führen können.

Atlantische Echsen (Lanzarote)

22 tote Echsen alleine aus einer Flasche.

Neben hunderten Käfern, Ameisen, Asseln, Fliegen, Spitzmäusen und Nagern ist auch die kleine, nur auf den Kanaren vorkommende Atlantische Echse (Gallotia atlantica) betroffen. In 35 von 44 untersuchten Glasflaschen fanden sich insgesamt 70 tote Echsen, allein in einer Dreiviertelliter-Flasche wurden 22 Echsen gezählt (siehe rechts).

Ebenso eindrücklich ist ein Flaschenfund von Jürgen Kleß im Südschwarzwald. Dort kamen aus einer konventionellen Bierflasche 70 tote Käfer aus neun verschiedenen Arten zu Tage (Bild siehe oben), darunter besonders geschützte Laufkäfer, Totengräber, Waldmistkäfer, Waldgrablaufkäfer, Kurzflügelkäfer und sogar eine seltene Aaskäferart, die seit 50 Jahren nicht mehr im Südwesten Deutschlands beobachtet worden war.

Maus in Flasche

Aus der glatten Glasflasche schafft es auch diese Maus nicht mehr heraus.

Flaschenfallen sind ein bekanntes und weit verbreitetes Problem. Überall sorgt unser Wohlstandsmüll für Aderlässe in der Kleintierfauna und belegt dass weggeworfene Flaschen zu Massengräbern der Biodiversität werden können. Aus England, Italien, Spanien und vielen anderen Ländern liegen Untersuchungen aus Lebensräumen von der Küste bis ins Hochgebirge vor. Entlang von Straßen geht man zum Beispiel in Virginia (USA) von 24 bis71 Kleinsäugern pro Straßenkilometer aus, die in aus Fahrzeugen geworfenen Flaschen zugrunde gehen.

Abfälle und wilde Müllkippen dürften aufgrund diese Befunde als ein bestandsgefährdendes Risiko für die Artenvielfalt gelten - insbesondere in Lebensräumen, die gefährdete und geschützte Kleintierarten beherbergen. Unter diesem Aspekt und angesichts millionenfach verkaufter Getränkebehältnisse sind alle Maßnahmen gegen wilde Müllablagerungen in der freien Landschaft sinnvoll: sowohl Pfand- und Rücknahmesysteme sowie geregelte Abfallentsorgung als auch Putz- und Müllsammelaktionen von Schulklassen und Naturschützern.

Claudia Schuster: "Massengräber am Wegesrand - über die Auswirkungen von weggeworfenen Flaschen auf die Fauna" (200 KB)

Beitrag erstellt am 10. Juni 2005.

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