NABU.de NABU Magazin „Naturschutz heute“ Archiv Ausgabe 3/02: Hornissen

Friedliche Brummer

Friedliche Brummer

Hornissen im menschlichen Siedlungsbereich

von Dieter Kosmeier

Hornissen fressen an Apfel

Hornissen fressen an einem Apfel


Drei Meter über dem Gartentisch brummte es von Tag zu Tag mehr – Hornissen hatten sich in einem Fledermauskasten eingenistet, der eigentlich nicht für sie vorgesehen war. Etwas besorgt um unsere kleine Tochter rief ich den Hornissenexperten des NABU Münster an, der mir versicherte, dass diese großen Wespen bei Einhaltung bestimmter Verhaltensregeln erstaunlich friedfertig seien. So greifen Hornissen niemals grundlos an, sie sind sogar scheuer als Honigbienen und ziehen es immer vor, einem Konflikt durch Flucht auszuweichen. Störungen wie heftige Bewegungen, Blockieren der Flugbahn sowie Erschütterungen am Nest müssen natürlich grundsätzlich vermieden werden.

Hornisse mit Puppen

Brutpflege im Hornissennnest

Die Hornissen durften also bleiben, und tatsächlich, dieses kleine Volk enttäuschte mich nicht: Bei behutsamer Annäherung und ruhigem Verhalten war es durchaus möglich, das rege Leben und die ständigen Flugbewegungen der Hornissen ganz aus der Nähe zu verfolgen – ohne jemals gestochen zu werden. Nie konnte ich beobachten, dass Hornissen wie die manchmal lästig werdenden Wespen im Hochsommer über den Kuchen herfielen; sie interessierten sich weder für das Speiseeis noch für die Getränke der Kinder.

Vorurteile abbauen
Mittlerweile bin ich selbst fasziniert von diesen schönen Insekten und Mitstreiter in einem Team geworden, das sich die Aufgabe gestellt hat, Vorurteile abzubauen und die Hornissen zu schützen. Unsere Münsteraner NABU-Arbeitsgruppe Hornissenschutz setzt sich für das Überleben der Hornissen ein. Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung ist dabei der zentrale Ansatz, da viele Menschen die Lebensweise dieser Insekten gar nicht kennen.

Anfang Mai erwacht eine im Herbst des Vorjahres geborene und begattete Jungkönigin aus ihrem Winterschlaf. Der Frost konnte ihr wenig anhaben, denn sie hat im Holz eines morschen Baumes oder im Erdreich den Winter überstanden. Zuerst unternimmt sie nun Erkundungsflüge nach einem geeigneten Nistplatz und stillt ihren Hunger am Saft blutender Bäume; erste Beuteinsekten werden gefangen.

Hornissennest

Hornissennest an Nistkasten

Da natürliche Baumhöhlen selten geworden sind, sucht sie sich häufig eine Ersatzhöhle im menschlichen Siedlungsbereich. Solche gern aufgesuchten Nistplätze sind alte Schuppen, Holzverschalungen an Terrassen und Balkonen, Winterverkleidungen am Dach, aber auch Rollladenkästen und Nischen in Dachböden. Hier heftet sie zunächst einen kleinen Stiel aus selbstgefertigtem Baumaterial an die Decke der Nisthöhle und formt anschließend an dessen Ende die ersten sechseckigen Wabenzellen aus. An die ersten Zellen baut sie bis zu 40 oder 50 weitere an, bald werden alle mit einem Ei belegt sein. Nach fünf bis acht Tagen entsteht daraus jeweils eine kleine Larve. Diese entwickelt sich über ein Puppenstadium zu einer Hornisse.

Alles für die Königin
Sobald die ersten fünf bis zehn Arbeiterinnen gegen Anfang Juli geschlüpft sind, fliegt die Königin immer seltener aus, denn alle anfallenden Aufgaben übernehmen jetzt nach und nach die Arbeiterinnen. Diese Tiere sind mit 18 bis 25 Millimetern deutlich kleiner als die 35 Millimeter lange Königin, ihre Lebenserwartung beträgt nur etwa drei bis vier Wochen. Die gefährlichste Zeit für das Hornissenvolk ist jetzt überstanden, denn der Königin kann im Nest nur noch wenig zustoßen.

Hornissenkönigin

Die Hornissenkönigin

In der Zeit zwischen Mitte August und Mitte September erreicht das Hornissenvolk seinen Entwicklungshöhepunkt. Es kann dann 400 bis 700 Tiere zählen; das Nest ist rund 60 Zentimeter hoch. Die Königin ist in der Lage, ganz gezielt Eier zu entwickeln, aus denen nur noch die Drohnen genannten Männchen und die Jungköniginnen schlüpfen. Das Erscheinen der ersten Geschlechtstiere kündet bereits den Untergang des Hornissenstaates an. Die Arbeiterinnen vernachlässigen allmählich die alte Königin, sie wird nicht mehr richtig versorgt. So verlässt sie schließlich das Nest und stirbt mit einem Lebensalter von etwa einem Jahr.

An schönen Herbsttagen schwärmen die Geschlechtstiere aus und sammeln sich oft an einzeln stehenden Bäumen oder in unmittelbarer Umgebung vom Nest zur Paarung. Die begatteten Jungköniginnen suchen sich nun für den Winter einen geschützten Unterschlupf mit geringen Mikroklimaschwankungen, wo sie bis zum nächsten Frühjahr ruhen. Die letzten Arbeiterinnen sterben Anfang November, womit das letzte Leben im Nest erlischt.

Streng geschützt
Die einheimische Hornisse zählt wegen ihrer akuten Bestandsgefährdung zu den besonders geschützten Arten. Sie darf nicht getötet, und ihr Nest darf nicht zerstört werden. Die Beseitigung eines an kritischer Stelle befindlichen Nestes ist nur mit Genehmigung der Naturschutzbehörden möglich. Ängstliche oder nicht informierte Bürger, die sich durch Hornissen bedroht fühlen, wenden sich immer wieder an die Feuerwehr oder an eine Schädlingsbekämpfungsfirma, um ein vermeintlich störendes Nest entfernen zu lassen. Bei kritischer Lage genügt oft auch die elementare Absicherung des Nestes, etwa durch Anbringen von Fliegendraht im Bereich von Gebäuden oder der Anlage von einfachen Zäunen und Sichtblenden bei Nestern in der Nähe belebter Plätze. Ist eine Umsiedlung von Hornissennestern unvermeidlich, sollte man sich für nähere Informationen ebenfalls an die örtliche NABU-Gruppe wenden.

Hornisse

Für den gesunden Menschen stellt ein Hornissenstich keine besondere Gefahr dar. Hornissengift ist nicht toxischer als Bienen- oder Wespengift. Der Stich einer Hornisse wird dessen ungeachtet subjektiv als etwas schmerzhafter empfunden als der einer Biene oder einer anderen Wespe. Das liegt zum einen am längeren und stärkeren Stachel der Hornisse, zum anderen an der Giftkomponente Acetylcholin, die im Bienen- und Wespengift fehlt. Entgegen einer weit verbreiteten Meinung spielt es keine besondere Rolle, welcher Körperteil gestochen wurde.

Allergische Reaktionen
Wie andere Insektenstiche auch können in seltenen Ausnahmefällen Hornissenstiche bei manchen Menschen allergische Reaktionen auslösen. Diese beginnen mit Nesselsucht, Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle bis hin zur Atemnot; vorsichtshalber sollte man dann sofort einen Arzt kontaktieren! Gefährdet sind jedoch nur Menschen, die zuvor schon einmal gestochen wurden. Eine schwere Allergie entwickelt sich erst nach mehreren Stichen, die man von derselben Art erhalten hat.

Die langjährige Arbeit im Hornissenschutz trägt mittlerweile Früchte. In den meisten Fällen können die Betroffenen nach einer entsprechenden Aufklärung von einer Schonung des Hornissenvolkes überzeugt werden. Doch auch die praktische Arbeit vor Ort kommt nicht zu kurz: Die Mitglieder der AG Münster kontrollieren, reinigen und reparieren Nistkästen für Hornissen – derzeit im Stadtrandgebiet Münster über 70 – und dokumentieren deren Belegung. Wir beobachten und erfassen auch die extern gemeldeten Hornissenvölker und Nestarten. Die Untere Landschaftsbehörde leitet Problemfälle an die Arbeitsgruppe weiter. Vor Ort oder telefonisch beraten wir die oft verängstigten Menschen. In Ausnahmefällen siedeln wir Hornissenpopulationen auch um.

Broschürentipp



„Bienen, Wespen und Hornissen – Kein Grund zur Panik“, reich bebilderte, 36-seitige NABU-Broschüre. Bezug zum Preis von 1,50 Euro je Stück plus Versand beim NABU Natur Shop.

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