Hotspot der Artenvielfalt

Lebensraum Streuobstwiesen

Streuobstwiesen zählen zu den artenreichsten Kulturlandschaften Mitteleuropas und spielen eine zentrale Rolle für den Artenschutz. In den Streuobstbeständen Deutschlands kommen über 6.000 Tier-, Pflanzen und Pilzarten vor. Damit gehört sie zu den wichtigsten Biodiversitäts-Hotspots in Deutschland.
Streuobstwiesen bieten vielfältige Lebensräume
Streuobstwiesen bieten vielfältige Lebensräume© Foto: Eric Neuling

Was sind Streuobstwiesen? 

Streuobstwiesen sind eine Form des Obstbaus, bei dem mit umweltverträglichen Bewirtschaftungsmethoden Obst auf hochstämmigen Bäumen erzeugt wird. Während auf Obstplantagen mehrere Tausend Bäume pro Hektar stehen, sind es auf einer Streuobstwiese maximal 100.

Charakteristisch für Streuobstwiesen ist die landwirtschaftliche Doppelnutzung der Flächen: Hochstammobstbäume als Obernutzung zur Obstproduktion und die Unternutzung als Grünland entweder als Mähwiese zur Heugewinnung oder als Viehweide.

Warum sind Streuobstwiesen so wertvoll?

Lebensraumvielfalt 

Streuobstwiesen sind durch ökologisch außerordentlich vielfältige Strukturen geprägt: Hochstämme, in denen natürliche Baumhöhlen entstehen können, Totholz, verschiedene Altersphasen der Bäume sowie extensiv bewirtschaftete Wiesen bilden zusammen einen vielschichtigen Lebensraum, der einen positiven Unterschied zu intensiv genutzten Agrarlandschaften darstellt. 

Dieser Strukturreichtum schafft sowohl vertikale Vielfalt (Baum-, Strauch-, Kraut- und Bodenebene) als auch horizontale Vielfalt (Alt- und Jungbäume, offene Wiesen, sonnige und schattige Bereiche). So entstehen unterschiedliche Mikrolebensräume, die vielen spezialisierten Arten optimale Lebensbedingungen bieten.

Paradies für tausende Arten

In Streuobstwiesen kommen über 6.000 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten vor. Zu den typischen Leitarten in der Vogelwelt gehören zum Beispiel Steinkauz, Wendehals, Grünspecht und Halsbandschnäpper. 

Blütenreichtum

Oft ist auch der Unterwuchs besonders wertvoll – in Süddeutschland etwa als Salbei-Glatthaferwiese. Diese gehört zum EU-weit geschützten FFH-Lebensraumtyp „Flachland-Mähwiesen“. Die naturverträgliche Bewirtschaftung und ein häufig sehr alter Baumbestand sorgen für ein vielfältiges Blütenangebot in Bäumen und Wiesen, das sich positiv auf die Insektenvielfalt auswirkt.

Genreservoir alter Obstsorten

Ein weiterer entscheidender Faktor ist die Funktion als Genreservoir alter Obstsorten. Alte Obstsorten sichern eine genetische Vielfalt, die auch für die Änderungen im Klimawandel von großer Bedeutung ist.

Diese Arten profitieren von Streuobstwiesen besonders

Der für Streuobstwiesen typische mehrschichtiger Aufbau, der sich aus der Kombination von hochstämmigen Obstbäumen und krautigem Unterwuchs ergibt, bietet wertvolle Lebensräume. Vögel, Insekten und vielen andere Kleinlebewesen bevölkern Stämme, Blüten, Knospen und Früchte der Obstbäume. 

Verbreitung von Streuobstwiesen

In Deutschland gibt es schätzungsweise heute noch etwa 250.000 bis 300.000 Hektar Streuobstwiesen, mit Schwerpunkten in Süd- und Mitteldeutschland. Zum Vergleich: Der niederstämmige Plantagenobstbau umfasst rund 60.000 Hektar. Großflächige Streuobstbestände finden sich außerdem in Teilen Frankreichs, in England, Luxemburg, Nordspanien sowie in Österreich, der Schweiz, Slowenien Tschechien und Rumänien.

© Foto: Copyright: Michaela Steininger (NABU Gaeu-Nordschwarzwald)

Warum Streuobstwiesen gefährdet sind

Streuobstwiesen sind seit Jahrzehnten stark unter Druck, allein in Deutschland ist ihre Fläche seit den 1950er Jahren über 80 Prozent zurückgegangen. Die Gefährdungsfaktoren sind vielfältig: 

Flächenverlust: 

Ein zentraler Faktor ist die Umwandlung in Bauland und Gartenhausgebiete: Weil viele Bestände traditionell am Ortsrand liegen, werden sie häufig gerodet und damit als Lebensraum vollständig zerstört. Auch Obstalleen sind aufgrund mangelnder Pflege stark zurückgegangen. 

Wirtschaftlicher Druck:

Hinzu kommt eine Agrarpolitik und Marktausrichtung, die den intensiven Plantagenobstbau begünstigt und die Pflanzung sowie vor allem die langfristige Pflege von Hochstamm-Obstbäumen bislang nicht ausreichend unterstützt. Dadurch verschärft sich auch das nächste Problem: die mangelnde Rentabilität der Bewirtschaftung. Für Mostobst werden oft Marktpreise gezahlt, die als unrentabel beschrieben werden, der hohe Arbeitsaufwand (Pflege, Schnitt, Nachpflanzung, Mahd, Beweidung) lohnt sich für viele Bewirtschaftende wirtschaftlich nicht. In der Folge werden Flächen aufgegeben oder nicht mehr fachgerecht gepflegt, was den Strukturreichtum schrittweise verarmen lässt. 

Strukturwandel in der Landwirtschaft: 

Parallel dazu hat der landwirtschaftliche Strukturwandel, etwa das Umstellen auf Niederstammanlagen oder intensivere Bewirtschaftung, dazu geführt, dass großkronige Obstbäume und alte Höhlenbäume vielerorts verschwunden sind, obwohl gerade sie für Arten wie den Steinkauz, Spechte oder Siebenschläfer entscheidend sind. 

Verlust von Wissen: 

Zusätzlich kommt es seit den 1950er Jahren zu einer Wissenserosion rund um Sortenvielfalt, Pflege und Verwertung; fehlendes Know-how und fehlende Pflegebindungen (zum Beispiel bei Ausgleichspflanzungen) führen dazu, dass Neupflanzungen teilweise nicht dauerhaft erhalten bleiben. 

Verbraucherverhalten: 

Auch das Verbraucherverhalten spielt eine Rolle: Die Nachfrage nach makellosem Obst und ganzjähriger Verfügbarkeit begünstigt standardisierte Ware und erschwert die Vermarktung von Streuobst, zumal EU-Qualitätsnormen vor allem dem Handel dienen und Streuobst als Tafelobst benachteiligen. 

10 Forderungen des NABU

  • Konsequente Unterschutzstellung von Streuobstwiesen im Bundesnaturschutzgesetz als geschützte Biotope ohne die 2021 eingeführte Länderöffnungsklausel, um direkte Gefährdung durch Umwandlung in Bauland und Gartenhausgebiete zu stoppen
  • EU-Qualitätsnormen der Früchte streichen: Kriterien Größe, Form und Farbe dienen nur dem Handel und erschweren die Vermarktung von Streuobst als Tafelobst.
  • Stärkere Förderung von Pflanzung und Pflege von Hochstamm-Obstbäumen sowie der Verwertung und Vermarktung von getrennt erfasstem Streuobst 
  • Keine Förderung des konventionellen Plantagenobstbaus mit Geldern aus dem Umweltbereich: Der konventionelle Plantagenobstbau bezeichnet sich gerne als umweltschonend. Trotz einzelner Artenschutzmaßnahmen ist dieses Label irreführend. Für den ökologischen Plantagenobstbau sollte eine Förderung zwar möglich sein, jedoch auf einem niedrigeren Niveau als für den deutlich artenreicheren Streuobstbau.
  • Unternehmen und Aufpreismodelle fördern, zum Beispiel über Innovations- und Wirtschaftsprogramme, um Streuobstbewirtschaftung rentabler zu gestalten
  • Attraktive Aus- und Fortbildungsangebote für Baumwart*innen, Sortenkundler*innen und Streuobstpädagog*innen, um Wissenserosion bei Sorten, Pflege und Verwertung zu verhindern. 
  • Aufbau und Förderung eines professionellen Baumwartsystems, mindestens 30 Jahre Pflegebindung sowie verbindliche Finanzierung der Pflege bei Pflanzungen mit Geldern der öffentlichen Hand.
  • Veränderte Werbung: Ministerien und Bildungseinrichtungen sollen aktiv für einen bewussteren Umgang mit saisonalem und regionalem Obst werben.
  • Besondere Förderung des Bio-Streuobstbaus sowie systematische Kooperation aller Beteiligten, damit sich Biolandbau und Streuobstbau optimal ergänzen.

Das tut der NABU

Als zentrales NABU-Expertengremium setzt sich der NABU-Bundesfachausschuss Streuobst für den Schutz und die Förderung von Streuobstbeständen ein. Die Mitglieder vernetzen Initiativen und Aktive, die sich mit dem Thema Streuobst beschäftigen, erarbeiten Konzepte, Positionen und Infopapiere zur Erhaltung und Förderung des Streuobstbaus. 

Der NABU fördert zudem die Zusammenarbeit von Streuobsterzeuger*innen, der Verwertungsindustrie, Verbraucher*innen, Politiker*innen, Naturschützer*innen sowie Pomolog*innen.

Ergänzt wird die Arbeit durch vielfältige Serviceangebote: Der BFA stellt unter anderem einen Streuobst-Rundbrief, einen Streuobst-Materialversand sowie Listen von Baumschulen, Mostereien und Brennereien bereit. 

Serviceangebote

Die Streuobstwiesen der Blumberger Mühle

Im Video nehmen wir dich mit auf die Streuobstwiesen unseres Naturerlebniszentrums Blumberger Mühle in Angermünde. Expertinnen und Experten stellen den einzigartigen Lebensraum vor. 

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