Die Havel ist ein typischer Tieflandfluss mit einem 341 Kilometer langen Verlauf, zuerst in südlicher, dann westlicher und schließlich nordwestlicher Richtung – und überwindet dabei ein Gefälle von lediglich rund 40 Metern. Das macht sie zu einem die trägen fließenden, verzweigten und mäandrierenden Gewässer, wie sie in dieser Form in Europa selten geworden sind.
Ihr unterer Abschnitt ist besonders: Ausgedehnte und unzerschnittene Feuchtgebiete charakterisieren die sehr dünn besiedelte Untere Havelniederung. Typisch sind die jährlichen großflächigen Überflutungen, wobei sich im Frühjahr das Elbhochwasser bis zu 50 Kilometer in die Havelniederung hineinstaut.
Weil die Untere Havel regelmäßig über ihre Ufer tritt und das umgebene Gebiet durchfeuchtet, entsteht eine vielfältige Landschaft. Diese Standortvielfalt – von nassen Feuchtwiesen über große Schilfröhrichte und Weidenwälder bis hin zu sehr trockenem Terrain – ist einzigartig für Deutschland. Sie ist der Grund, warum hier ein außergewöhnlicher Naturraum entstehen konnte.
Für 1.100 Arten ein Zuhause
Die Artenvielfalt der Unteren Havelniederung ist bemerkenswert. Insgesamt wurden etwa 1.100 bedrohte und geschützte Arten nachgewiesen. Das ist einzigartig in Deutschland und Mitteleuropa. Darunter finden sich Tiere, die anderswo kaum noch vorkommen: Vogelarten wie Seeadler und Fischadler, Bekassine, Rotschenkel, Uferschnepfe, Flussuferläufer, Uferschwalbe, Eisvogel, Großer Brachvogel und Wachtelkönig. Biber und Fischotter sind vertreten. Seltene Fischarten wie der Rapfen oder das Flussneunauge haben hier eine Heimat gefunden.
Neben ihrer Funktion als Rückzugs- und Geburtsstätte bedrohter heimischer Tiere und Pflanzen ist die Untere Havelniederung für den gesamten europäischen Raum auch als Rast- und Überwinterungsraum wandernder Vogelarten überaus bedeutsam.
Wie die Landschaft wurde, was sie ist
Die Havelregion ist eine gewachsene Kulturlandschaft. Seit Jahrtausenden hat der Mensch hier gewirtschaftet: Viehzüchter rodeten Wald, Mühlen stauten Wasser und begünstigten die Entstehung großflächiger Niedermoore. Im Mittelalter zeigte sich die Landschaft kleingliedrig strukturiert, konnte jedoch trotz Nutzung durch den Menschen ihre Urtümlichkeit bewahren. Viele Tier- und Pflanzenarten der offeneren Landschaften fanden sogar geeignetere Lebensräume als vorher – die Artenvielfalt nahm zu.
Ab dem 17. Jahrhundert änderte sich das grundlegend, die Landschaft erfuhr einen umfangreichen Eingriff. Zahlreiche Dörfer wurden neu angelegt, Sümpfe und Moore trockengelegt, um landwirtschaftlichen Anbau zu ermöglichen. Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert hinterließ ebenfalls deutliche Spuren. Die Havel wurde eingedeicht und durch Begradigungen, Anlage von Buhnen und Uferdeckwerken, Schleusen und Wehren in eine weitgehend regulierte Wasserstraße umgewandelt. Das Ziel war Hochwasserschutz und eine bessere Schiffbarkeit. Doch der Ausbau verfehlte seine Ziele. Mitte der 1990er Jahre war die Untere Havel nur noch eine unbedeutende Wasserstraße.
Was blieb, waren die Schäden: Es existierten nur noch wenige Verzweigungen, der Fluss kam im Sommer in den Stauhaltungen beinahe zum Stehen. Fast durchgängig waren die Ufer mit Steinen verbaut, es fehlten Abbruchufer und auch Flachwasserbereiche gab es viel zu wenig. Zudem versperrten die Staustufen den Wanderfischen den Weg. Die vom Hochwasser überspülte Fläche verringerte sich durch kilometerlange Grabensysteme und Deichbauten sowie die Abtrennung von Altarmen um 90 Prozent. Eine über Jahrhunderte entstandene Landschaft verlor damit einen Großteil ihrer ökologischen Kraft.

Renaturierung auf 90 Kilometern
Seit 2009 renaturieren wir gemeinsam mit dem Bund sowie den Ländern Brandenburg und Sachsen-Anhalt einen 90 Kilometer langen Abschnitt der Unteren Havel – zwischen Pritzerbe und der Mündung in die Elbe. Steine werden aus den Ufern entfernt, Altarme wieder angeschlossen, Auwälder entstehen neu.
Das Naturschutzgroßprojekt ist das größte Flussrenaturierungsvorhaben Europas. Und Vorbild für weitere Projekte, zum Beispiel an der Aller.
Die Maßnahmen im Projektgebiet:
- Altarme anschließen und Flutrinnen reaktivieren: Ehemals abgetrennte Gewässerteile werden wieder mit dem Hauptstrom verbunden.
- Deckwerk und Uferbefestigungen entfernen: Steinschüttungen und weitere Uferverbauten werden zurückgebaut, damit natürliche Uferstrukturen, Flachwasserzonen und Röhrichtbereiche wieder entstehen können.
- Deichabschnitte zurückbauen: Deiche werden abschnittsweise entfernt, um Überflutungsflächen zurückzugewinnen.
- Auenwald entwickeln: Auen- und Uferwald wird neu begründet.










