NABU.de NABU Naturschutz heute Archiv Vogel des Jahres 1997: der Buntspecht
Trommler, Schmied und Zimmermann
Trommler, Schmied und Zimmermann
Der Buntspecht ist Vogel des Jahres 1997
Heimische Spechtvielfalt: Die liebe Verwandtschaft | Spechte historisch: "Von der Springwurzel und dem Geschmack des Spechtfleisches"
Klaus Ruge, langjähriger Leiter der Vogelschutzwarte Baden-Württemberg und Gründungsredakteur von ''Naturschutz heute'', erklärt, warum ausgerechnet der häufige Buntspecht gewählt wurde, und berichtet ausführlich aus dem Leben des Jahresvogels und seiner Verwandtschaft:
Mitten in einem großen Laubwald, im Ludwigsburger Favoritepark, lag das Forsthaus, in dem die Vogelschutzwarte untergebracht war. Uralte, mächtige Eichen standen dort. Drei Leute reichten nicht aus, die Stämme zu umarmen. Oben in den Kronen gab es überall morsche, abgestorbene Äste. Einen besseren Spechtwald kann man sich nicht vorstellen. Und all das hatte ich jahrelang unmittelbar vor der Tür - oder vor dem Fenster, denn zuweilen kam ein Buntspecht, der klopfte etwas aufdringlich an die Fensterläden.
Der häufigste Specht im Favoritepark ist der Buntspecht. Manchmal, bei strahlendem Sonnenschein, fangen die Spechte schon im Dezember an zu trommeln. Mit dem Schnabel schlagen sie besonders wohltönende Äste an, dass es nur so schnarrt. An solchen Tagen hatte ich dann Mühe, am Schreibtisch sitzen zu bleiben. Immer wieder musste ich nach draußen schauen und immer glaubte ich, mir entginge etwas.
Warum der Buntspecht?
Mit dem Buntspecht hat der NABU bewusst den häufigsten heimischen Specht zum Vogel des Jahres 1997 gewählt, weil dieser Symbolvogel sein soll für unsere Wälder - lebendige Wälder, Wälder mit vielen unterschiedlichen Bäumen und vor allem auch mit alten Bäumen. Der Buntspecht, dieser Allerweltskerl, ist ein guter Anzeiger für die Lebensraumqualität im Wald. Im Favoritepark zählten wir rund 30 Brutpaare auf 100 Hektar. In ungünstigeren Gebieten, so etwa im Engadiner Bergwald, der eigentlich ein schöner Wald ist, fand ich auf der gleichen Fläche nur zwei bis fünf Brutpaare.
Wenn Buntspechte wirbelnd auf den Ast schlagen, dann tun sie es nicht, um Insekten oder Käferlarven zusammenzutrommeln. Manche Leute meinen zwar, der Buntspecht würde auf der einen Seite trommeln, dann flöhen die Insekten und versammelten sich auf der anderen Seite. Das ist Unsinn. Buntspechte trommeln, weil die Sprache fehlt. So wie Amseln oder Mittelspechte ihren Gesang einsetzen, so benutzt der Buntspecht das Trommeln als Signal. Mit Nahrungserwerb hat Trommeln überhaupt nichts zu tun. Trommeln bedeutet: hier bin ich zuhause, oder es bedeutet: ich suche ein Weibchen - oder ein Männchen. Getrommelt wird nämlich von weiblichen und männlichen Buntspechten.
Der Trommler im Wald
Wer gehört werden will, der benötigt ein weithin tönendes Instrument. Im Wald sind das gewöhnlich Äste mit einem guten Resonanzkörper, gelegentlich kann es auch ein Baumstamm sein. Bei uns vor dem Forsthaus trommelte ein Buntspecht von morgens an, lange vor meinem Aufstehen, an der Dachrinne. Selbst die Sirene auf dem kleinen Schlösschen etwas weiter entfernt wurde als Trommelinstrument benutzt.
Ein Specht, dem es gerade zum Trommeln zu Mute ist, fliegt an einen günstigen Ast, setzt sich zurecht, plustert das Gefieder, senkt den Schnabel lotrecht auf die Trommel und schlägt seinen Wirbel. Die Trommelwirbel der verschiedenen Spechtarten sind sehr unterschiedlich. Rhythmus, Länge, Schlagzahl der Wirbel sowie der zeitliche Abstand zwischen den Schlägen ist charakteristisch für die einzelnen Spechtarten. So klingen etwa die knurrenden, oft unterbrochenen, sehr langen Trommelwirbel des Kleinspechtes ganz anders als die kurzen Wirbel des Buntspechts.
Übrigens unterscheiden sich beim Buntspecht die Trommelwirbel von Männchen und Weibchen. Gewöhnlich sind die Weibchenwirbel etwas kürzer als die der Männchen. Nimmt man einen Wirbel zum Beispiel mit 19,5 Zentimetern Bandgeschwindigkeit auf, lässt das Band dann mit einem Viertel der Aufnahmegeschwindigkeit ablaufen, kann man jeden einzelnen Schlag deutlich zählen.
Wohnungsbau für Kauz und Meise
Buntspechte sind nicht nur bloßes Symbol für den lebendigen Wald. Ganz konkret schließen Spechte für viele Tierarten den Wald überhaupt erst auf. Wo sollten Kohl- und Tannenmeise brüten, wo der Sperlingskauz, gäbe es keinen Buntspecht, der ihnen Höhlen zimmerte? Wo brütete die Hohltaube, wo hätte das Eichhörnchen seine Wochenstube oder auch der Siebenschläfer ohne den Buntspecht und seine Verwandten? Überhaupt hätten all die Höhlenbewohner von der Waldmaus und den Fledermäusen bis zu den Bienen kein Zuhause.
Spechte nämlich bauen viel mehr Höhlen als sie selbst brauchen. Sie stellen auch an den Höhlenzustand hohe Ansprüche. Und wenn keine gute Höhle zur Verfügung steht, können sie sich eine bauen. Zwar baut nicht jeder Buntspecht jedes Jahr eine neue Höhle, aber so ein bisschen zimmert er doch. Und wenn dann erst einmal nur eine Schlafhöhle für die Kohlmeise dabei herauskommt, hat es doch seinen Nutzen, und schließlich gibt es immer ein nächstes Jahr. Da kann der Specht dann weiterbauen.
Der kräftige Meißelschnabel ist für die Zimmerarbeit ein ideales Werkzeug. Der Specht weiß genau, wo er den Meißel ansetzen muss, immer trifft er in die richtige Kerbe. Wer je einen Buntspecht in der Hand gehalten hat, weiß genau: Seine Hiebe treffen immer ins Nagelbett, wo es am meisten schmerzt.
Mit eingebautem Stoßdämpfer
Mögen Spechte auch kräftige Schnäbel haben, für unnötig schwere Arbeit sind sie nicht zu haben. Sie suchen möglichst einen Stamm oder einen Ast, der von innen her faul ist. Zuerst aber müssen sie von außen das gesunde Holz durcharbeiten. Sie schlagen mit kräftigen Hieben gegen die Rinde, und dann zimmern sie Sparren um Sparren los. Und trotzdem bekommen sie kein Kopfweh. Der Spechtschnabel ist so gebaut, dass die Kraft des Schlages abgefangen wird. Die Knochenhülle des Gehirns ist stärker als bei anderen Vögeln. Zwischen den Augen befindet sich eine knöcherne Scheidewand, und an der Eintrittstelle des Sehnervs sind knorpelige Einlagerungen. Außerdem befindet sich zwischen Schnabel und Schädel so etwas wie ein Stoßdämpfer. Beide Teile sind federnd verbunden, und dabei wird die Stoßenergie auch noch in Drehenergie umgewandelt.
Spechte arbeiten nicht den ganzen Tag, sondern immer mal für ein paar Stunden; außerdem wechseln sich Männchen und Weibchen ab. Allmählich wird das Loch tiefer und schließlich so tief, dass der Specht in der Höhle ganz verschwindet. Wir hören ihn dann nur noch von außen pochen, und besonders schön, wenn wir das Ohr an den Stamm legen. Er löst Span um Span, und wenn er eine Weile gearbeitet hat, dann nimmt er einen Schnabel voll und schleudert die Späne heraus. Um den Stamm herum ist es dann manchmal ganz weiß von Holzspänen. Nach ein, zwei oder drei Wochen ist die Höhle schließlich fertig, und das Eierlegen kann beginnen. Ein Nest bauen die Spechte nicht. Sie lassen einfach Holzspäne auf dem Boden liegen, eine weiche saugfähige Unterlage für die Jungen. Und das morsche Holz wirkt wie Styropor angenehm wärmedämmend.
Buntspechte lieben Erdbeeren
Wer ein gutes Werkzeug besitzt, der versucht es natürlich auch mehrfach einzusetzen: Mag der Bohrgang der Holzkäferlarve noch so sicher erscheinen, der Specht weiß, wo die besten Käferlarven zu finden sind. Er pocht mal hier, mal da gegen den Stamm und schon holt er mit ein paar gezielten Schnabelhieben die Beute aus dem Holz. Allerdings sind Buntspechte viel weniger Hackspechte als Schwarzspechte und Dreizehenspechte. Und vor allem im Sommer suchen sie ihre Nahrung - Raupen, Käfer und Ameisen - viel lieber von der Oberfläche.
Gerade Buntspechte mögen Früchte, vor allem Kirschen oder Erdbeeren. Im Herbst und Winter jedoch, wenn die Eichentriebwickler fort sind, wenn sich die Ameisen in der Erde verbergen, dann muss der Buntspecht andere Nahrung suchen. Er sammelt Nüsse und Fichtenzapfen. Eine Amsel oder eine Kohlmeise wüssten mit einer Nuss wenig anzufangen. Der Buntspecht weiß es. Er benutzt als Ergänzung zu seinem Schnabel Schmieden. Nüsse oder Zapfen werden hinter Rindenschuppen, etwa von einer Kiefer geklemmt. Im Schnabel trägt der Specht die Nuss oder den Zapfen herbei und klemmt ihn dann ein. Oft jedoch steckt noch eine Nuss oder ein alter Zapfen darin. Dann breitet der Buntspecht sein Gefieder wie eine Schürze aus, drückt es gegen den Stamm, hält damit den neuen Zapfen, wirft den alten Zapfen heraus und steckt den neuen Zapfen hinein.
Als Schmied an der Werkbank
Spechte können sehr kunstvolle Schmieden anlegen - eine richtige Furche, die sie in einen Ast hineinzimmern, und die sie dann als Werkbank benutzen, in die sie Zapfen und Nüsse einklemmen. Und jedes Mal wenn ein neuer Zapfen herangeschleppt wird, fliegt der alte Zapfen heraus. So können hunderte alter Fichtenzapfen unter einem einzigen Baum liegen - ein untrügliches Zeichen für den Buntspecht. Der Werkzeuggebrauch macht es möglich, auch solche Lebensräume zu besiedeln, die nur ein geringes Angebot an tierischer Nahrung haben, dafür aber, zumindest zeitweise, große Mengen pflanzlicher Nahrung.
Doch der Buntspecht und seine Verwandten hätten es beim Schmieden, insbesondere beim Höhlenbau viel schwieriger, besäßen sie nicht zwei weitere Hilfsmittel, um sich am Baum festzuhalten oder kinderleicht am Baum herumzuklettern. Nämlich Kletterfüße mit einer Wendezehe, die je nachdem, ob der Vogel herauf- oder hinunterklettert, gewendet werden kann, und einen starken Stützschwanz. Dieser Stützschwanz ist so etwas wie ein dritter Fuß, und das gibt dem Specht am Stamm Sicherheit und Halt.
Die Sache mit dem Schluckspecht
Wenn man Büchern trauen kann, dann sind russische Buntspechte die größten Schluckspechte. Zwei Drittel ihres Nahrungsbedarfs, heißt es, würden sie im Frühjahr aus Baumsaft decken. Besonders lecker ist Ahornsaft und Birkensaft. Aber sachte, keine Unterstellungen, der Saft ist frisch, süß und unvergoren. Das mit den ewig trunkenen Schluckspechten ist wirklich üble Nachrede.
Im Frühjahr, wenn in den Baumrinden der Saft steigt, schlagen die Spechte die Saftbahnen an. Dann quillt Saft heraus und den trinken sie. Ringeln nennt man dieses Löcherschlagen, weil die Löcher ringförmig angeordnet sind. Der Specht sitzt am Stamm, schlägt zuerst zu einer Seite, löst die Rinde oder die Borke und schlägt dann das Loch. Dann schlägt er in der Mitte direkt vor sich und dann zur anderen Seite. Nach einer kleinen Weile rückt er weiter. An warmen Tagen fließen bei Birken, Eschen oder Hainbuchen ganze Ströme den Stamm hinab und wenn Ahornsaft eintrocknet, muss man nur den Finger anfeuchten, über die Saftbahn fahren und den Finger ablecken. Süß wie Zucker schmeckt es dann.
Übrigens mögen auch Eichhörnchen den Ahornzucker. Nagespuren an der Rinde verraten, dass sie dort genascht haben. Noch eine ganze Reihe anderer Tiere finden sich zum Trinkgelage: Meisen, Sperlinge, verschiedene Insekten, ja sogar Hirsche trinken gelegentlich Ringelsaft.
Spechte sind Langschläfer
Frühaufsteher sind Spechte nicht, und das macht sie mir sympathisch. In meinen Protokollen habe ich für Juli Aufstehzeiten so um 4 Uhr herum. Das klingt zwar früh, aber Rotkehlchen oder Misteldrossel haben um diese Zeit schon lange mit dem Singen begonnen. Im Winter gar standen meine Buntspechte erst um 8 Uhr auf. Trübes Wetter hat keinen großen Einfluss auf das Schlafengehen, und an schönen Tagen ist es noch recht hell, wenn die Spechte ihre Höhle aufsuchen. Eine innere Uhr, die auf den Sonnenstand abgestimmt ist, lässt die Spechte immer im gleichen Abstand zum Sonnenuntergang in Schlafstimmung kommen. Da die Tage im Winter kürzer sind als im Sommer, schlafen die Spechte im Winter besonders lang.
Meistens übernachten Spechte in Höhlen, dort können sie sich sicher fühlen. Gelegentlich kommt es auch vor, dass sie im Freien übernachten. Und zwar sind es nicht nur junge Spechte, die noch keine Höhle kennen, sondern gelegentlich auch alte, die doch um alle Höhlen in ihrem Aktionsbereich wissen.
Der Schwarzspecht sagt "Gute Nacht"
Am schönsten ist es, dem Schwarzspecht beim Schlafengehen zuzusehen. Von weitem schon kündigt er sich mit seinem "kürr-kürr" an. Manchmal überfliegt er das ganze Tal. Dann steuert er die Schlafbuche gerade oberhalb des Wegsaums an. Fast immer benutzt er beim Anflug dieselben Bäume. Er hackt, klopft, ruft "kia", bald darauf fliegt er ab, ruft kurz "kürr" und landet schon wieder an einem anderen Baum. Er putzt sich, klopft wieder, und erst nach einer ganzen Weile fliegt er zur Schlafhöhle und schlüpft ein. Nur wenn ihn irgend etwas beunruhigt, schaut er nochmals heraus.
Beim Schlafen krallen sich Spechte an den Vorderrand der Höhle unterhalb des Einfluglochs fest. Empfindlich reagieren schlafende Spechte auf Kratzgeräusche, Denn die könnten ihren Erzfeind, den Baummarder, ankündigen. Selbst in tiefster Nacht schießen sie dann gelegentlich zur Höhle heraus. Gewöhnlich schläft jeder Specht für sich. Beim Grünspecht allerdings ist schon einige Male beobachtet worden, dass Männchen und Weibchen zusammen übernachteten.
Wer im März oder April herausgeht und sieht, wie sich die Spechte erregt jagen, die Flügel gegeneinander spreizen, der kann sie wirklich für sehr unverträgliche Vögel halten. Doch im Laufe der Wochen lernen sich die Vögel immer besser kennen und ihre Aggressivität nimmt ab. Bei der Begegnung der Paare gibt es Verhaltensweisen, die ursprünglich wohl aggressiv getönt waren. Allmählich aber haben sich daraus Beschwichtigungs- oder Begrüßungsformen gebildet - so wird Aggressivität unschädlich gemacht. Es wäre gut, wir Menschen könnten so etwas auch in unser Verhaltensinventar aufnehmen.
Wärmepyramide gegen Energieverluste
Es gibt keine andere Vogelgruppe, die so wenig entwickelte Junge hat wie die Spechte. Beim Schlüpfen bedeckt keine einzige Dune ihren Körper, Augen und Ohren sind geschlossen. Neugeborene Spechtkinder hocken zusammengekauert am Höhlenboden, dabei legt eines seinen Kopf auf das andere. Mit dieser "Wärmepyramide" gelingt es ihnen, unnötige Energieverluste zu vermeiden. Wegen der wenig entwickelten Jungen müssen die Eltern eine intensive Brutfürsorge betreiben, die Kleinen werden von morgens bis abends gewärmt, zumindest in den ersten fünf bis sechs Lebenstagen.
Seit rund 25 Jahren beringen Mitarbeiter der Staatlichen Vogelschutzwarte Baden-Württemberg die Spechte im Ludwigsburger Favoritepark. Dadurch erfuhr man unter anderem, dass Spechte sind gar nicht so territorial sind, wie wir uns das vorstellen. Wirklich verteidigt wird nur ein sehr kleiner Bereich um die Höhle, vielleicht auch eine Schmiede. Aber selbst im April, zu einer Zeit, wo die Vögel ihre Nestbereiche abgesteckt haben, konnten wir mit gutem Futterangebot fast die gesamte Spechtbevölkerung des Favoriteparks an einem einzigen Platz fangen - weit abseits ihrer "Reviere". Die beringten Vögel zeigten uns auch, dass Buntspechte nicht nur sechs, acht oder zehn Jahre alt werden können, sondern mindestens dreizehn Jahre. All das sind kleine Steinchen, die allmählich das Bild vom Buntspecht vervollständigen.
Es piept beim Specht
Als wir in den Engadiner Bergwäldern den Spechten folgten, um mehr darüber zu erfahren, wie groß ihr Wohngebiet ist, und wie sie den Wald nutzen, zweifelte ich zuweilen an mir, wenn ich stundenlang, manchmal sogar tagelang keinen Specht sah. Damals wünschte ich mir kleine Sender, die ich an die Vögel heften könnte. Inzwischen arbeiten wir schon einige Jahre mit Sendern, die wir den Spechten auf die mittleren Schwanzfedern kleben. Telemetrie nennt man das Verfahren. Wenn wir die Signale des Senders empfangen, dann ist es relativ leicht, die Vögel zu finden.
Das Dreizehenspechtpaar zum Beispiel, das wir 1995 im Schwarzwald telemetrierten, erzählte uns, dass sowohl das Männchen als auch das Weibchen am Rande, fast außerhalb des eigentlichen Aktionsgebiets ihre Schlafhöhlen hatten. Wir sahen, dass die Streifgebiete von Männchen und Weibchen nur wenig unter hundert Hektar groß waren, dass sich aber nur etwa zwei Drittel des Gebiets überdeckten. Wir erfuhren, wo sie ihre Nahrung suchten. Und wir sahen auch, was sie suchten, nämlich überwiegend Käferlarven am toten Holz.
Überraschend waren die Ergebnisse beim Schwarzspecht. Seine Höhlenbereiche liegen auf der Alb und im Schurwald, wo wir unsere Telemetrieuntersuchungen machten, ausschließlich in Altholzinseln mit einem hohen Buchenanteil. Die Nahrung sucht der Schwarzspecht aber ganz wo anders, nämlich dort, wo Fichten wachsen. Die Larven von Nadelholzbewohnern und Käfern sind seine Hauptnahrung. Sie sind in großer Zahl vorhanden, und sie sind so groß, dass es sich lohnt, sie zu sammeln.
Eine Spechtdame mit zwei Männern
Telemetrie ermöglicht auch Einblicke in das Familienleben der Spechte. So hat die Biologin Kerstin Hönsch im Winter 1995/96 und bis in die Brutzeit hinein Kleinspechte telemetriert. Spechte, das muss man wissen, galten bis dahin als streng monogame Vögel. Doch die Kleinspechte von Kerstin Hönsch zeigten etwas anderes: Das Kleinspechtweibchen "Marie" legte nicht nur in "Peters" Höhle sechs Eier, sie fand auch "Alex" so sympathisch, dass sie ihn mit fünf Eiern beglückte. Dass ein Weibchen sich mit zwei Männern einlässt, und sogar in zwei Höhlen Eier legt, ist nur möglich, weil die Männer nachts brüten. Spannend wäre es natürlich, herauszufinden, wer bei den Kindern jetzt der wirkliche Vater ist. Aber die Ergebnisse stehen noch aus.
Naturnahe Wälder für Spechte
Neben dem Buntspecht gibt es in Mitteleuropa noch acht weitere Spechtarten. Zwei davon, der Dreizehenspecht und der Weißrückenspecht, sind ausgesprochene Bergspechte. Manche Spechtarten wie Wendehals und Grünspecht lieben nicht die dichten Wälder, sondern eher gelockerte Bestände. Doch sowohl in der Ebene als auch in den Bergen können mehrere Arten nebeneinander leben. Das geht nur, wenn sich ihr Lebensraum und ihr Nahrungsanspruch unterscheidet. Und sie unterscheiden sich deutlich: Grauspecht, Grünspecht, Wendehals sind ausgesprochene Ameisenspechte. Dreizehenspecht und Schwarzspecht hacken mehr als andere Spechte im toten Holz. Kleinspecht und Mittelspecht hingegen sammeln viel Nahrung von den Blättern oder klauben sie zwischen der Borke hervor.
Doch all diese Spechte gibt es nur da, wo lebendige und vielfältige Wälder gedeihen. Deshalb ist die Wahl des Buntspechts zum Vogel des Jahres 1997 auch eine gute Ergänzung der NABU-Waldkampagne. Naturnaher Wald ist immer auch Spechtwald. Der NABU fordert deshalb, mehr Totholz im Wald zu lassen und auf den Gifteinsatz im Wald zu verzichten, damit die Spechte und ihre Nahrung gesund bleiben. Vor allem gilt es, Wälder naturnah zu bewirtschaften, so dass nicht nur viele Baumarten, sondern auch junge und alte Bäume gleichzeitig im Wald stehen. Gerade bei der Umgestaltung von Wäldern können viele Bürger mithelfen. Sie können ihre Stadt- und Gemeinderäte bitten, sich dafür einzusetzen, dass die kommunalen Wälder naturnah bewirtschaftet werden, damit sie vielfältiger und lebendiger werden - zum Nutzen der Spechte und der Menschen.
Die liebe Verwandtschaft
Heimische Spechtvielfalt
Der Grünspecht ist ein Ameisenspezialist. Mit seiner langen Leimrutenzunge züngelt er in die Ameisengänge und holt Larven und Ameisen heraus. Im Winter findet er die Ameisenhügel sogar unter dem Schnee. Der Grünspecht bewohnt lichte Wälder und Streuobstwiesen. Vorkommen: 23.000 bis 35.000 Paare, Status: RL V (Vorwarnliste), da Bestandabnahme seit 1975 um über 20 Prozent.
Grauspecht
Der Grauspecht ist ein besonders naher Verwandter des Grünspecht, so dass es gelegentlich zu Mischpaaren kommt. Grauspechte jedoch sind mehr Waldspechte als die Grünspechte. Ihr Speisezettel ist zudem außerhalb der Brutperiode reichhaltiger als beim Vorkommen: 12.500 bis 18.000 Paare, Status: RL V (Vorwarnliste), da Bestandabnahme seit 1975 um über 20 Prozent.
Der Buntspecht ist der typische Specht unserer Wälder. Er kommt in sehr unterschiedlichen Lebensräumen vor - nur Bäume müssen vorhanden sein. Seine Fähigkeit zu schmieden, also Nüsse und Zapfen als Nahrungsquellen zu erschließen, lässt ihn auch den Winter gut überstehen. Vorkommen: 450.000 bis 830.000 Paare, Status: nicht gefährdet und stabiler Bestand.
Mittelspecht
Mittelspechte scheinen bei uns stark an rauborkige Bäume gebunden zu sein. In Deutschland sind das fast ausschließlich Eichen. Mittelspechte sammeln viel. Sie trommeln fast nie, sondern lassen einen quäkenden Gesang hören. Vorkommen: 9700 bis 16.000 Paare, Status: Status: RL V (Vorwarnliste), da starke Bestandabnahme nach 1970, derzeit aber stabil.
Kleinspechte sind rund 25 Gramm schwere Winzlinge (Buntspecht 90 Gramm, Grünspecht 250 Gramm). Sie leben in lichten Waldbereichen, im Streuobst, im Auwald und in Parkanlagen. Oft sind die Höhlen weit oben in den Kronen. Bei ihnen konnte nachgewiesen werden, dass Spechte nicht immer so monogam sind, wie man bislang glaubte. Vorkommen: 16.000 bis 32.000 Paare, Status: nicht gefährdet und stabiler Bestand.
Der Schwarzspecht ist so groß wie eine Krähe und bis auf das Rot am Kopf ist sein Gefieder durchgehend schwarz. Schwarzspechte waren vor hundert Jahren sehr viel seltener als heute. Zum Brüten bevorzugen sie alte Bäume, oft Buchen. Bei der Nahrungssuche jedoch werden nadelholzbewohnende Käferlarven bevorzugt. Vorkommen: 28.000 bis 44.000 Paare, Status: nicht gefährdet und stabiler Bestand.
Dem Dreizehenspecht sagen Fichtenbestände mit hohem Totholzanteil zu. Im Schwarzwald war der Dreizehenspecht lange ausgestorben, doch vor wenigen einigen Jahren hat sich eine kleine Population neu angesiedelt - vermutlich als Folge des Waldsterbens. Sollte man alles Totholz entfernen, wird auch der Dreizehenspecht wieder verschwinden. Vorkommen: 720 bis 1030 Paare, Status: RL R - wegen sehr kleinem Bestand und regional begrenzter Verbreitung.
Weißrückenspechte bewohnen in Mitteleuropa besonders Bergwälder mit hohem Laubholzanteil. Sie haben einen mächtigen Schnabel, bevorzugen zum Höhlenbau aber trotzdem stark angemoderte Stämme. Vorkommen: 250 bis 400 Paare, Status: RL R - wegen sehr kleinem Bestand und regional begrenzter Verbreitung.
Der Wendehals ist kein Specht im engeren Sinne, er gehört innerhalb der Spechte zur Unterfamilie der Wendehälse, von denen es weltweit überhaupt nur zwei Arten gibt. Wendehälse können keine Höhlen bauen. Im Gegensatz zu Spechten brüten sie oft zweimal im Jahr und sind Zugvögel. Vorkommen: 12.000 bis 21.000 Paare, Status: RL 3 - gefährdet wegen Bestandsabnahme um über 25 Prozent seit 1975.
aus ''Naturschutz heute'', Ausgabe 1/97 vom 4. Januar 1997. Bestands- und Rote-Liste-Angaben aktualisiert nach 3. Roter Liste der Brutvögel Deutschlands vom 8.5.02.
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