Aus der Naturschutz heute

Die Gottesanbeterin

Einst war die Gottesanbeterin eines der seltensten Insekten Deutschlands. Inzwischen ist sie immer öfter in neuen Regionen zu finden. Berühmt und berüchtigt ist die Fangschrecke vor allem wegen ihres Paarungsverhaltens: dem Sexualkannibalismus.
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  • von Sebastian Hennigs
Gottesanbeterin
Die Gottesanbeterin ist die einzige natürlicherweise in Mitteleuropa heimische Fangschreckenart.© Foto: NABU/CEWE/Adrian Scheel

Die Gottesanbeterin gehört zur weltweit über 2.400 Arten umfassenden Ordnung der Fangschrecken (Mantodea) und ist die einzige natürlicherweise in Mitteleuropa heimische Fangschreckenart. Daher gibt es auch kein Verwechslungskandidaten in Deutschland.

Die ursprüngliche Heimat der Gottesanbeterin ist der Mittelmeerraum, durch den Klimawandel breitet sie sich seit Jahrzehnten weiter nördlich aus.© Foto: Mathias Schäf

Gottesanbeterin ist perfekt getarnt

Verglichen mit anderen bei uns vorkommenden Insekten ist die Gottesanbeterin sehr groß: Weibchen werden bis zu acht, Männchen bis zu sechs Zentimeter groß. Dennoch ist sie in freier Wildbahn nur schwer zu entdecken. Durch ihre meist grüne oder braune Färbung ist sie hervorragend getarnt, dabei hilft auch, dass sie meist regungslos ist. Dies kommt ihr bei der Jagd nach anderen Insekten zugute.

Für viele andere Arten ist die Fangschrecke eine gefährliche Lauerjägerin. Zu ihrem Beutespektrum gehören vor allem Heuschrecken, Fliegen und diverse Hautflügler (beispielsweise Bienen und Wespen). Sie kann über Stunden unbemerkt in der hohen Vegetation ruhen. Ist die Beute in Reichweite, wird sie zuerst mit den großen Facettenaugen fixiert, bevor sich die Gottesanbeterin im Zeitlupentempo heranschleicht. Für den tödlichen Zugriff ist sie ebenso perfekt wie auffällig ausgerüstet: Ihre kräftigen Fangarme sind mit zahlreichen Dornen bestückt und können sich rasend schnell bewegen. Einmal in den Fangarmen gibt es für die Beute kein Zurück mehr. Der Vorgang des Fangschlags dauert nur 50 bis 60 Millisekunden – das ist etwa sechsmal schneller, als ein Lidschlag des menschlichen Auges.

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Weibchen verspeisen kleinere Männchen

Doch nicht nur kleinere Insekten müssen auf der Hut sein, sondern auch die eigenen Artgenossen. Mitunter trifft es die kleineren Männchen, die nach der Paarung von den Weibchen verspeist werden. Dieser sogenannte Sexkannibalismus ist unter anderem auch bei verschiedenen Spinnenarten dokumentiert. Die Gottesanbeterin legt dieses Verhalten zwar oft an den Tag, es ist in freier Natur aber nicht die Regel, sodass die Männchen meist glimpflich davonkommen.

Nach der Paarung legen die Weibchen ihre Eier in gut getarnten Paketen, den Ootheken, ab. Die erhärtete Schaummasse kann bis zu 200 Eier enthalten, die die kalte Jahreszeit geschützt in der dichten Vegetation, unter Steinen oder an Felsen überdauern. Die winzigen, kaum sichtbaren Jungtiere (Nymphen) schlüpfen im Mai. Sie ähneln vom Körperbau her schon den erwachsenen Gottesanbeterinnen, außer dass sie keine Flügel haben, und leben genau wie diese räuberisch. Die ersten erwachsenen Tiere finden sich ab Ende Juli und können bis zu den ersten frostigen Nächten im Herbst aktiv sein.

Die Gottesanbeterinnen-App

In der Reihe der NABU|naturgucker-Apps gibt es nun auch eine Web-App zur Gottesanbeterin. Mit enthalten sind potenzielle Verwechslungsarten wie Grünes Heupferd und Zwitscherschrecke, jeweils mit ausführlichem Artenporträt. Zum Melden steht ein bebildertes Formular zur Verfügung.

Südländerin auf Reisen

Die ursprüngliche Heimat der wärmeliebenden Gottesanbeterin ist der Mittelmeerraum. Traditionell galt der Kaiserstuhl, ein beliebtes Weinanbaugebiet am südlichen Oberrhein, als einer der wenigen Fundorte dieser faszinierenden Fangschreckenart in Deutschland. Hier lebt sie in trockenwarmen Graslandschaften, die oftmals mit Sträuchern durchsetzt sind. Aber auch an Waldrändern ist sie zu finden.

Seit einigen Jahrzehnten hat sich das wesentlich geändert. Durch den Klimawandel hat sich die Gottesanbeterin immer weiter nach Norden ausgebreitet und wurde auch an technogenen Standorten wie Industriebrachen oder der Bergbaufolgelandschaft gefunden. Als große Sensation galt im Jahr 1998 der Fund von Gottesanbeterinnen mitten im Berliner Stadtgebiet auf einer Bahnbrache im Stadtteil Schöneberg. Kurze Zeit später gelangen weitere Funde in Ostdeutschland, zuerst in Sachsen (2003), dann in Sachsen-Anhalt (2004) und in Brandenburg (2007). Mittlerweile ist sie gar nicht mehr so selten in Berlin und breitet sich weiter in anderen Gebieten Deutschlands aus.

Vor allem in Ostdeutschland verbreitet

Besonders in den riesigen Rekultivierungsgebieten des Lausitzer Braunkohlereviers fand die Gottesanbeterin optimale Lebensbedingungen vor und ist inzwischen in der Lausitz fast flächendeckend verbreitet. Auch an stillgelegten Bahntrassen und auf ehemaligen Truppenübungsplätzen wurde sie schon entdeckt. Wie wir heute aus genetischen Untersuchungen wissen, stammen die dortigen Vorkommen jedoch – anders als in Südwestdeutschland – aus Südosteuropa und haben über Vorkommen in Tschechien den Sprung nach Sachsen geschafft.

Aufgrund ihres markanten Aussehens und ihrer gelegentlichen Irrflüge in Siedlungsgebiete eignet sich die Gottesanbeterin bestens für Citizen-Science-Projekte. Seit einigen Jahren ruft das Naturkundemuseum Potsdam in Zusammenarbeit mit den Entomologen des „Freundeskreises Mantidenfreunde Berlin-Brandenburg“ Bürger*innen dazu auf, Funde der Gottesanbeterin zu melden. So soll die noch recht dynamische Ausbreitung, vor allem im Osten Deutschlands, dokumentiert werden. Viele spannende Funde haben auf diese Weise schon unser Wissen über die Gottesanbeterin in Deutschland erweitert. Und ein Ende ist nicht in Sicht: Wir können gespannt sein, wo die faszinierende Lauerjägerin noch auftauchen wird.

Gottesanbeterin gesehen? Naturgucker-Link mit Artenporträt, weltweiter Verbreitungskarte und Online-Meldemöglichkeit

Erschienen in der Naturschutz heute 2/2023

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