Kein Naturprodukt

Papier steckt voller Chemie

Papier ein Ökoprodukt? Von wegen! In der Herstellung kommen Dutzende Chemikalien zum Einsatz – von Lösemitteln bis zu Beschichtungen.
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Mehrere Einweg- / To-go-Becher aus Pappe mit Deckeln aus Kunststoff
Ohne Chemikalien und Kunststoffbeschichtungen gäbe es diese Getränkebecher nicht© Foto: NABU/Kühnapfel Fotografie

Papier wird aktuell verstärkt als ökologische Alternative insbesondere zu Kunststoff beworben. Das Argument: Papier stammt aus nachwachsenden Rohstoffen – vor allem Holz – und ist biologisch abbaubar. Die Papierherstellung aus Holz ist jedoch chemisch intensiv und ökologisch folgenreich. Angesichts der vielen Chemikalien, die im Herstellungsprozess und zur Veredelung eingesetzt werden, ist Papier weit mehr Chemie- als Naturprodukt. Selbst die braune Optik, die Papier ein naturnahes Image verleiht, täuscht: Viele Papiersorten werden erst braun eingefärbt – ungefärbt wären sie gräulich oder gelblich, und damit deutlich weniger ansprechend.

Wozu dienen Chemikalien bei der Papierherstellung?

Bereits das Herauslösen der Zellulosefasern aus dem Holz erfordert große Mengen an Lösemittel-Chemikalien. Hinzu kommt das Bleichen des Zellstoffs mit unterschiedlichen chemischen Stoffen, vor allem Chlorverbindungen. Zudem braucht die Papiererzeugung diverse chemische Zusatz- und Hilfsstoffe, um die Eigenschaften des Papiers zu optimieren – je nachdem, welches Produkt daraus hergestellt werden soll.

Kategorien im Überblick

Chemikalien bei der Papierherstellung

  • Lösemittel-Chemikalien zum Herauslösen der Faser aus dem Holz.
  • Prozess-Chemikalien, beispielsweise zur Verbesserung des Produktionsprozesses (Retentionsmittel, Entschäumer). Sie werden größtenteils ausgewaschen und verbleiben im Prozesswasser. Rückstände im Papier lassen sich jedoch nicht ausschließen.
  • Funktionelle Chemikalien beeinflussen die Eigenschaften und Qualität des fertigen Papierprodukts (unter anderem Leimungsmittel, optische Aufheller, Nassfestmittel). Ziel ist, das Papier zum Beispiel fettabweisend, feuchtigkeitsresistent, nassfest oder beschreibbar zu machen. Sie lassen sich außerdem einsetzen, um Papier stabil und reißfest zu machen.
  • Chemikalien zur Veredelung des Papiers (auch „Ausrüsten“ genannt), das sind unter anderem Druckfarben, Kleber, Kunststoffbeschichtungen.

Chemikalien wie beispielsweise Retentionsmittel sorgen für einen reibungslosen Ablauf des Herstellungsprozesses. In der Regel sind das Aluminiumverbindungen oder synthetische wasserlösliche Polymere. Sie sorgen dafür, dass Zusatzstoffe im fertigen Papier verbleiben und nicht ausgespült werden. Optische Aufheller erhöhen den Weißegrad des Papiers. Zudem werden Fixiermittel, Flockungsmittel, Biozide, Nassfestmittel und Farbstoffe eingesetzt.

Papiere werden in aller Regel beschichtet, bedruckt, verklebt oder anderweitig chemisch behandelt, um seine Eigenschaften zu verbessern oder bestimmte Funktionen erst zu ermöglichen. Papier besteht zu bis zu 35 Prozent aus Füllstoffen, insbesondere Kreide, sowie in geringerer Menge aus weiteren chemischen Zusatz- und Hilfsstoffen.

Ohne Kunststoffbeschichtungen oder sogenannte Nassfestmittel – das sind Chemikalien, die dafür sorgen, dass Papier auch bei Feuchtigkeit stabil bleibt – könnte zum Beispiel feuchte Tiefkühlware nicht in Papierkartons angeboten werden. Auch gäbe es keine Coffee-To-Go-Becher aus Papier. Papiertragetaschen wären nicht reißfest genug.

Wann Chemie im Papier zum Problem wird

In To-Go-Verpackungen wurden bei Marktchecks in Dänemark und Großbritannien kritische Chemikalien gefunden, die sogenannten PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen, mehr dazu findest du im folgenden Infokasten). PFAS werden in den Verpackungen zur Fettabweisung und zur Nassfestigkeit eingesetzt. Sie gelten als gesundheitsschädlich und stehen im Verdacht, krebserregend zu sein. Ob solche Chemikalien genutzt werden, können Verbraucher*innen im Gegensatz zu einer Kunststoffbeschichtung nicht sehen.

Einfach erklärt

Das Problem mit PFAS

PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen), auch als PFC (per- und polyfluorierte Chemikalien) bekannt, ist eine Chemikaliengruppe, die laut Umweltbundesamt (UBA) mehr als 10.000 verschiedene Stoffe umfasst. Sie können sich über Luft und Gewässer weltweit verteilen. Sie bauen sich kaum ab, reichern sich in Tieren, Pflanzen und im Menschen an und wirken gesundheitsschädlich. PFAS werden in vielfältigen Produkten eingesetzt: Feuerlöschschäumen, Outdoortextilien, Bratpfannen oder fettabweisenden Lebensmittelverpackungen. Nachgewiesen wurden sie auch in Einweggeschirr und To-Go-Verpackungen aus Papier.

Weitere Infos:

Wie folgenreich der Einsatz von Chemikalien in der Papierindustrie sein kann, zeigt ein Skandal aus dem Jahr 2013: Zwischen 2006 und 2008 waren über 100.000 Tonnen Papierschlämme – gemischt mit Kompost – als Düngemittel auf Feldern in Süddeutschland ausgebracht worden. Papierschlämme sind chemisch belastete Abfälle aus der Papierproduktion. Sie dürfen bereits seit 2005 nicht mehr deponiert werden. Um das Deponieverbot zu umgehen, gab ein Kompostunternehmer die Schlämme unter dem Deckmantel „Recycling“ kostenlos an Landwirt*innen ab. Der Verstoß flog auf, als die örtlichen Wasserwerke eine hohe Belastung mit per- und polyfluorierten Schadstoffen feststellten. In der betroffenen Papierfabrik waren PFAS im Produktionsprozess eingesetzt worden. Diese extrem langlebigen Chemikalien belasteten Boden und Grundwasser – und wurden sogar im Blut einiger Landwirt*innen nachgewiesen.

NABU-Forderungen zu Chemikalien in der Papierherstellung

Viele Expert*innen bezeichnen Papier aufgrund der chemischen Herstellungsprozesse und der Vielzahl an Hilfsstoffen als Chemieprodukt. Der NABU fordert:

  • ein Ende der fehlgeleiteten Darstellung von Papier als „Naturprodukt“
  • Transparente Kommunikation über die hochindustrielle Fertigung, die eingesetzten Chemikalien und ihre Folgen für Mensch und Umwelt
  • Strengere Regulierung mineralölhaltiger Druckfarben sowie gesundheits- und umweltschädlicher Chemikalien
  • Reduzierung des Chemikalieneinsatzes zur Verbesserung der Recyclingfähigkeit: Solange Altpapier schädliche Rückstände enthält, scheidet es als Rohstoff für Lebensmittelverpackungen aus

Letzte Aktualisierung: 06/2026

Ansprechperson

Porträtaufnahme Katharina Istel, NABU-Mitarbeiteterin.
Katharina Istel
Senior Referentin Kreislaufwirtschaft
+49 (0)30 284 984-1661
Katharina.Istel@NABU.de

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