Vogelkrankheiten

Vogelgrippe bedroht Wildvögel und Geflügel

Die Vogelgrippe bedroht Wildvögel weltweit. Das Virus dringt inzwischen schon in abgelegene Regionen vor und befällt besonders sensible Populationen. Deswegen fordert der NABU eine bessere Überwachung und mehr Schutz für Wildtierpopulationen.
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Zwei Kraniche tanzen im Duett
Kraniche im Duett© Foto: Christoph Kasulke

Vogelgrippe gefährdet Wildvögel und Geflügelbetriebe

Die Vogelgrippe (aviäre Influenza) ist vor allem eine Erkrankung von Vögeln. Seit fast zwei Jahrzehnten kommt es weltweit immer wieder zu Ausbrüchen der Vogelgrippe. Betroffen sind Wildvögel ebenso wie Hausgeflügel und kommerzielle Geflügelbetriebe. Vor allem in Asien stecken sich immer wieder auch Menschen mit aggressiven Varianten der Vogelgrippe an. Seit 2013 gab es weltweit mehrere hundert Todesfälle – mit Virustypen, die in Deutschland bisher nicht auftreten. Die kürzlich eingeschleppte hochpathogene Variante H5N1 verursacht bei vielen Vogelarten schwere und häufig tödliche Krankheitsverläufe, und hat bei uns besonders bei Kranichen zu hohen Verlusten geführt.

Viele Details des Infektionsgeschehens sind unklar, auch die Infektionswege sind nicht eindeutig zu benennen. Das Friedrich-Loeffler-Institut schließt Übertragungen aus Geflügelhaltungen auf Wildvögel nicht aus. Fest steht, dass sogenannte niedrigpathogene Vogelgrippeviren schon lange in Wildvogelpopulationen existieren. Die Mutation zu hochansteckenden Varianten geschah bislang jedoch in ostasiatischen Geflügelbetrieben. Von dort aus gelangten die Viren zurück in Wildbestände und über die Handelswege in Geflügelbetriebe weltweit.

Für den normalen Alltag bedeutet das vor allem: Kontakt mit kranken oder toten Wildvögeln vermeiden.

Ist die Vogelgrippe gefährlich für den Menschen?

Eine Übertragung des Vogelgrippevirus auf den Menschen ist bislang selten, kann jedoch bei engem Kontakt zu infizierten Tieren vorkommen. In jüngerer Zeit wurden in den USA vermehrt Ausbrüche der Vogelgrippe in Milchviehbetrieben gemeldet. Dabei kam es auch zu nachgewiesenen Infektionen bei Personen, die in den betroffenen Betrieben tätig waren. 

Für den normalen Alltag bedeutet das vor allem: Kontakt mit kranken oder toten Wildvögeln vermeiden.

Ist der Vogelkot von infizierten Tieren gefährlich?

Ja, denn die Vogelgrippe wird vor allem über den Kot erkrankter Tiere verbreitet. Außerhalb des Körpers überlebt das Virus meist nicht allzu lang. Bei Sonnenschein stirbt es schon nach wenigen Stunden ab, bei bedecktem Himmel dauert es zumindest 24 Stunden. Am längsten hält es sich bei niedriger Umgebungstemperatur im Wasser von Gewässern. 

Wer etwa sein Auto vom Vogelkot befreien will, sollte rein vorsorglich Handschuhe tragen, viel Wasser benutzen und einen Lappen, den man anschließend wegwirft und nicht etwa in den Küchenschrank zurücklegt. 

Wenn du Vogelkot angefasst hast, solltest du dir grundsätzlich immer die Hände waschen. Vorsicht ist geboten, wenn du in der Natur oder betroffenen Gebieten mit erkrankten Tieren unterwegs bist: Hier besteht die Gefahr, dass du das Virus über infizierten Kot an Schuhen und Kleidung verschleppst. 

Was muss ich beachten, wenn ich einen toten Vogel finde?

Grundsätzlich sollten tote Vögel nicht angefasst werden. In Zweifelsfällen sollte man die zuständigen Behörden (Veterinäramt, Naturschutzbehörde) vor Ort informieren, vor allem wenn bei akuten Ausbrüchen kranke oder tote Wasser- und Seevögel, Greifvögel, Falken, Eulen oder Kraniche vorgefunden werden. Keinesfalls die Tiere berühren oder transportieren und Haustiere fernhalten, um eine Übertragung und Verschleppung der Viren zu vermeiden.

Können sich meine Haustiere anstecken?

Hunde können sich theoretisch infizieren, zeigen aber meistens keine oder nur milde Symptome. Dennoch sollten Hunde während eines akuten Vogelgrippeausbruchs draußen besser angeleint und der Kontakt des Hundes zu kranken oder toten Vögeln verhindert werden. 

Katzen können sich ebenfalls anstecken, beispielsweise durch das Fressen infizierter Vögel oder deren Ausscheidungen. Bei Katzen sind auch schwere und auch tödliche Verläufe der Vogelgrippe bekannt. 

Bei Vögeln, die in der Wohnung oder in einer Voliere im Freien gehalten werden,  ist die Gefahr einer Infektion verschwindend gering, da es zu einem direkten Kontakt mit infizierten Vögeln oder deren Ausscheidungen kommen müsste.

Was muss ich beachten, wenn ich Geflügelprodukte zubereite?

Um sich vor einer Ansteckung durch infizierte Geflügelprodukte zu schützen, gelten dieselben Vorsichtsmaßnahmen wie beim Schutz vor einer Salmonelleninfektion.

  • Geflügel getrennt von anderen Lebensmitteln auftauen und das Auftauwasser wegkippen.
  • Geflügelfleisch vollständig durchgaren. Es darf auch am Knochen nicht mehr rosa sein. 
  • Eier vollständig erhitzen. Eiweiß und Eigelb müssen geronnen sein.

Vögel füttern – ja oder nein?

Enten, Schwäne und Gänse in Parks sollten bei einem Vogelgrippeausbruch nicht gefüttert werden, da sich die Tiere an Futterstellen stark konzentrieren und dadurch die Übertragung von Viren erleichtert wird. 

Singvögel im Garten können grundsätzlich weiterhin gefüttert werden. Sinnvoll sind dabei Futterstellen, bei denen Futter und Kot möglichst wenig miteinander in Kontakt kommen. 

04. November 2025 - Die Geflügelpest breitet sich weiter aus und verursacht insbesondere bei Wildvögeln erhebliche Verluste. Besonders betroffen sind derzeit Kraniche, doch die Verursacher der Pandemie sind sie wahrscheinlich nicht. 

Kraniche sind von der Vogelgrippe aktuell extrem stark betroffen, seit Mitte Oktober wurden mehrere tausend verendete Tiere registriert. Kraniche sind jedoch sehr wahrscheinlich nicht die primären Auslöser der aktuellen Ausbrüche. Wieso das Virus derzeit unter Kranichen in Deutschland vermehrt auftritt, liegt vermutlich an einer Vielzahl von Faktoren. Zum einen scheint die Art anfällig für die Geflügelpest zu sein, zum anderen begünstigt das Verhalten von Kranichen während des Zuges eine Infektion untereinander, da die Tiere an Rast- und Schlafplätzen in großen Ansammlungen zusammenkommen. Die Viren können zudem auch eine Zeit lang in Wasser überleben und Kraniche verbringen die Nacht gemeinsam in flachen Gewässern.

Die Verursacher der Pandemie sind sie dadurch jedoch nicht, Kraniche zu vergrämen oder gar abzuschießen, wie es teilweise gefordert wird, wäre der falsche Weg, die Situation in den Griff zu bekommen. Um die Ausbreitung des Erregers und das Entstehen weiterer Mutationen einzudämmen, sind vorrangig Maßnahmen in Geflügelbetrieben erforderlich, denn hier sind die Ursachen für die immer wiederkehrende Verbreitung zu finden. Kurzfristig kann eine temporäre Stallpflicht den Kontakt zwischen Haus- und Wildvögeln einschränken. Langfristig sind strengere Sicherheitsstandards sowohl innerhalb der Betriebe als auch beim globalen Transport von Lebendtieren und Geflügelerzeugnissen nötig. Gezielte Schulungen des Personals von Mastbetrieben im Zusammenhang mit erhöhten Hygienebestimmungen sowie ein verbessertes, ganzjähriges Monitoring der Haltungen auf Viren sind wichtig, damit Infektionswellen frühzeitig erkannt und Gegenmaßnahmen ergriffen werden können.

24. Oktober 2025 – Der heftige Ausbruch der Geflügelpest bei Kranichen hat Vogelkundler*innen ebenso überrascht wie die Behörden. „Auf das Ausmaß und die Geschwindigkeit war niemand vorbereitet“, stellt NABU-Kranichexperte Günter Nowald fest. In den letzten Jahren sind in Ungarn und in Israel Kraniche in größerer Zahl an der auch als Vogelgrippe bekannten Geflügelpest gestorben. Auf den über Deutschland führenden Zugrouten gab es dagegen höchstens Einzelfälle.

Es ist anzunehmen, dass sich die Kraniche an Rastplätzen bei Wasservögeln mit der H5N1-Variante des Geflügelpestvirus angesteckt haben. „Wir wissen nicht, ob die Übertragung auf Kraniche erst in Deutschland stattfand oder – was wahrscheinlicher ist – bereits im Baltikum oder in Polen“, so Nowald. Bis vor wenigen Jahrzehnten war das Geflügelpestvirus auf Enten und Gänse beschränkt. Dann ist es immer mehr mutiert, bis es zuerst auch Hühner befiel, später zahlreiche weitere Vogelarten und inzwischen sogar Säugetiere vom Fuchs bis zum Menschen.

Während Kraniche zur Zugzeit tagsüber in der weiträumigen Umgebung der Rastplätze nach Nahrung suchen, sammeln sie sich abends an flachen Gewässern. An den Schlafplätzen stehen sie dicht gedrängt, manchmal zu Zehntausenden, und hier stecken dann bereits infizierte Vögel andere an. Viele infizierte Kraniche sterben noch am Rastplatz, andere verbreiten beim Weiterflug die Erreger entlang des Zugweges.

„Das möglichst rasche Entfernen von Kadavern ist die einzige Handhabe, um die Geflügelpest-Ausbreitung unter Wildvögeln und die Übertragung an Aasfresser zu minimieren“, betont Nowald. „In manchen Regionen wird diese Aufgabe fast ausschließlich von ehrenamtlichen Naturschützer*innen wahrgenommen. Wir benötigen mehr professionelle Unterstützung, etwa von Feuerwehren oder dem THW. Wo dies bisher an formalen Hürden scheitert, sollten die Regeln dringend überdacht werden.“

In der Geflügelindustrie besteht ein ständiger, teils weltweiter Austausch von Eiern und Tieren, auch über Futtermittel und Dünger können Viren in Geflügelbestände gelangen – oder aus diesen in die freie Natur, so dass sich Wildvögel an Hausgeflügel infizieren. Selbst dort, wo möglicherweise Viren von Kranichen in geschlossene Geflügelhaltungen gelangen, geschieht das auf Umwegen, zum Beispiel über verschmutzte Schuhe oder Kleidung. „Es fliegt kein Kranich in den Hühnerstall“, betont Günter Nowald, „für den Vireneintrag sorgen wir Menschen. Es ist deshalb entscheidend, dass Hygiene- und Biosicherheitsmaßnahmen strikt eingehalten werden.“

Aktuell ist offen, ob der Höhepunkt der Geflügelpest bereits überschritten ist oder die Kranich-Opferzahlen noch zunehmen. „Jedenfalls zeigt der Ausbruch, dass auch bisher stabile und gesunde Vogelpopulationen durch große Negativereignisse verwundbar sind. Der Schutz des Kranichs und seiner Lebensräume bleibt eine wichtige Aufgabe“, stellt Nowald fest.

Verschnaufpause in Europa, Infektionsgeschehen in den USA

03. Juli 2024 – Die Brutsaison 2024 schreitet voran und insbesondere die Küstenvogelarten sind derzeit eifrig damit beschäftigt, Nahrung für viele hungrige Kükenschnäbel heranzuschaffen. Ein lautstarkes und geschäftiges Treiben. Ähnlich hätte es in den Sommern der beiden zurückliegenden Jahre aussehen können, wäre nicht die Vogelgrippe über die europäischen Seevogelkolonien hereingebrochen wie ein Tsunami.

In einem bisher unbekannten Ausmaß raffte die Krankheit tausende Wildvögel dahin. Betroffen waren vor allem koloniebrütende Seevögel wie Brand-, Fluss- und Küstenseeschwalbe, Lachmöwe, Trottellumme und Basstölpel. Aber auch viele Entenvögel, Kormorane, Greifvögel und Falken zählten zu den Opfern. Entlang der Küsten und in den Brutkolonien bot sich ein bestürzendes Bild: hunderte verendete Vögel, angespülte Tierkadaver, verlassene Nester und verhungernde Küken. 

H5N1 macht größere Pause in Deutschland

Die Halbzeitbilanz für die laufende Brutsaison stimmt dagegen mehr als freudig: Der hochpathogene Stamm der Vogelgrippe H5N1 scheint nach zwei Jahren erstmals eine größere Pause in Deutschland und dem restlichen Europa einzulegen. Das Friedrich-Loeffler-Institut schreibt sogar: „Seit Mitte Februar 2024 sind die Meldungen über Ausbrüche bei Hausgeflügel und Fälle bei Wildvögeln weltweit stark zurückgegangen“. Für den Monat Mai wurde bundesweit kein einziger Fall dokumentiert.  

Der Verein Jordsand berichtet erleichtert, dass die Vogelgrippe in keinem der von ihnen betreuten Schutzgebiete bisher nachgewiesen werden konnte. Auch nicht auf der Hochseeinsel Helgoland, wo es 2022 erst die Basstölpel und 2023 dann vermehrt die Trottellummen traf. Mehr noch, der Verein gibt den Start des nationalen Artenhilfsprogramms „Klippenbrüter“ auf der Insel bekannt, bei dem nicht nur die Folgen des Virusausbruchs beleuchtet, sondern auch populationsstärkende Maßnahmen für die betroffenen Arten entwickelt werden sollen.

USA: Vogelgrippe jetzt auch bei Milchkühen

Derweil nimmt die Bedeutung der Vogelgrippe für die industrielle Tierhaltung eine unerwartete Wendung. In den USA tritt seit Ende März in zunehmendem Maße Vogelgrippe vom Typ H5N1 in Milchviehbetrieben auf. Die Milch betroffener Kühe weist eine sehr hohe Viruslast auf und zählt in unbehandeltem Zustand als infektiös. Erste Fälle wurden aus Texas und Kansas bekannt, inzwischen sind ein Dutzend US-Bundesstaaten betroffen. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Erstinfektion der Rinder über die kommerzielle Geflügelhaltung erfolgte und sich das Virus anschließend aufgrund unzureichender Hygiene- und Quarantänemaßnahmen zwischen den Viehbetrieben ausbreitete.

In diesem Zusammenhang wurde auch bei vier Menschen eine Infektion festgestellt. In allen Fällen handelte es sich um Mitarbeiter*innen der Milchviehbetriebe mit engem Kontakt zu den Rindern. Die Symptome waren mild. Insgesamt schätzt die Weltgesundheitsorganisation das Vogelgripperisiko für Menschen unverändert als gering ein, berichtet Spiegel.de, da es bisher keine Hinweise auf eine Übertragung zwischen Menschen gibt.

Vogelgrippe-Bilanz 2023: Zehntausend tote Kraniche in ungarischen Nationalpark

18. Dezember 2023 - Mehrere Zehntausend Kraniche sind im November tot im Hortobágy Nationalpark in Ungarn aufgefunden worden. Dort rasteten Ende Oktober noch 200.000 von ihnen. Die Ursache: ein massiver Ausbruch der für Vögel hochansteckenden und zumeist tödlich verlaufenden Vogelgrippe vom Typ H5N1 auf der Baltisch-Ungarischen Zugroute im Osten Europas. Das Land hat eine hohe Geflügeldichte und wies im November EU-weit die meisten Ausbrüche in Zuchtanlangen auf. 

 

Von Ungarn aus finden in den letzten Jahren immer wieder auch Tiere ihren Weg west- statt südwärts. Sie überfliegen Deutschland nördlich der Alpen, um in Frankreich zu den Kranichen der westeuropäischen Zugroute zu stoßen. So könnten es einige infizierte Tiere im November auch nach Deutschland geschafft haben, wo sie in Bayern und Baden-Württemberg aufgefunden und anschließend untersucht wurden.

Das NABU-Vogelschutzzentrum in Mössingen befindet sich nach Aufnahme eines an Vogelgrippe erkrankten Kranichs derzeit im Ausnahmezustand und muss aus Sicherheitsgründen sämtliche Neuaufnahmen bis Weihnachten ablehnen. Oft sind aber nicht etwa Zugvögel der Ursprung lokaler Ausbrüche der Vogelgrippe unter Wildvögeln, sondern Hygienelücken in großen Mastbetrieben, in denen das Virus beste Bedingungen zur schnellen Entwicklung findet. 

29. September 2023 – Die Brutsaison 2023 ist weitestgehend abgeschlossen, Zugvögel sammeln sich oder sind bereits aufgebrochen in wärmere Gefilde. Zeit, einen Blick auf den Verlauf der Vogelgrippe-Pandemie zu werfen.

Denn es scheint sich zu bestätigen, was sich bereits im Frühjahr andeutete: Besonders viele Möwenarten haben sich in diesem Jahr mit dem aggressiven Virus infiziert. Eine angepasste H5N1-Variante verbreitet sich unter bisher wenig betroffenen Lachmöwen. Infektionen wurden europaweit aber auch unter  Großmöwen, Dreizehenmöwen und Seeschwalben gemeldet. Ein Blick auf einzelne Populationen zeigt, wie dramatisch die Situation ist: In Belgien ist rund ein Drittel der Lachmöwenpopulation verendet, in den Niederlanden gibt es im Vergleich zum Vorjahr nur noch halb so viele Brandseeschwalben-Brutpaare. Einzelne Kolonien blieben komplett verwaist.

Neue Gefahr: Vogelgrippe dringt in entfernte Regionen vor

Da die Vogelgrippe sich inzwischen in allen Erdteilen ausbreitet, sind Wildvogelpopulationen weltweit betroffen. Damit steigt die Gefahr, dass H5N1 in entferntere Regionen vordringt und sensible Populationen befällt. Ein Verdacht, der sich Ende September zu bestätigen schien: Auf den Galapagos-Inseln wurden erste Vogelgrippe-Infektionen bestätigt.

Umso drängender ist es, Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung und zukünftige Varianten zu ergreifen. Doch Regierungen sind diesbezüglich alles andere als gut aufgestellt. Oft fehlt es an strategischen Reaktionsplänen gegen akute Ausbrüche  So bleibt meist nur die Bitte, tote Vögel den zuständigen Veterinärämtern zu melden.

Unklar bleibt, ob eine Immunisierung gegen das Virus Abhilfe schaffen könnte: Zwar wurde eine Impfung erfolgreich beim seltenen Kalifornischen Kondor in Gefangenschaft getestet, eine Impfung wildlebender Tiere scheint dagegen kaum realistisch. Die in einigen Ländern bereits praktizierte Impfung von Geflügel stellt indes keinen wirksamen Schutz vor einer unbemerkten Ausbreitung des Virus dar.

30. Juni 2023 – Während der kalten Monate in Europa wurden zwar keine größeren Infektionswellen der Vogelgrippe beobachtet oder gemeldet. Entschärft hat sich die Pandemie aber offensichtlich nicht, da sich ab April beunruhigende Meldungen entlang der Vogelzug-Wege von Süd- über Westafrika bis hin nach Nordeuropa häuften. Gemeldet wurden Infektionswellen beispielsweise aus dem Senegal, Gambia und Guinea-Bissau.  

Die Routen von 90 Millionen Zugvögeln verlaufen durch diese Länder, viele Vogelarten haben dort ihre Rastplätze. Gemeldet wurden tausende tote Wildvögel in Feuchtgebieten, darunter Pelikane, Kormorane, Möwen und Seeschwalben. Betroffen ist ebenso die Geflügelzucht in diesen und anderen Gebieten. In Chile grassiert die Vogelgrippe auch unter den Humboldtpinguinen – mit mindestens 1300 Todesfällen sind bereits über zehn Prozent der Gesamtpopulation in dem Land daran verstorben.

Ausbreitung: Mit der Lachmöwe ins Landesinnere?

In Deutschland sind seit Mai vor allem Gänse-, Enten- und Greifvögel von H5N1-Infektionen betroffen. Aber auch die Ausbreitung unter den Möwen bereitet den Ornitholog*innen Sorgen: Zum einen wurde vor einem Jahr in Frankreich erstmals eine H5N1-Variante identifiziert, die an Möwen angepasst ist und deshalb bei dieser Vogelart zu einer erhöhten Infektionsrate führt.

Zum anderen könnte besonders das Brutverhalten der Lachmöwe das Infektionsgeschehen verschärfen: Denn im Gegensatz zu anderen Möwenarten brütet sie oft im Binnenland. Während das Virus unter Wildvögeln bisher meist an den Küsten und dortigen Brutkolonien grassierte, könnte es sich mit der Lachmöwe nun weiter ins Landesinnere verteilen. Erst recht, wenn die flüggen Jungvögel neue Orte aufsuchen.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es hingegen aus Basstölpel-Kolonien, zumindest was die Entwicklung einer möglichen Immunität angeht: Forschende entdeckten unter anderem auf Helgoland in diesem Frühjahr, dass sich bei einigen der Basstölpel die Iris verfärbt hat. Erwähnt wird dieses Phänomen unter anderem im NABU-Vogelpodcast „Reingezwitschert“ in der fünften Folge.

Zurückzuführen sind die schwarz verfärbten Augen – Basstölpel haben üblicherweise eine hellblaue Iris – wohl auf eine überstandene H5N1-Infektion. Tests ergaben, dass die Vögel Antikörper entwickelt hatten, was auf eine Immunität hoffen lässt. Aktuell sind nur wenige Basstölpel auf der Insel erkrankt (Stand: Juni 2023), jedoch traf es in diesem Jahr erstmals die Trottellummen auf Helgoland.

Hochinfektiös und tödlich: H5N1 als Gefahr für die Artenvielfalt

09. März 2023 - Das Jahr 2022 ging mit besorgniserregenden Nachrichten zur Vogelgrippe zu Ende: Das Virus konnte sich unter Meeresvögeln an der Atlantikküste rasant ausbreiten. Eine Entwicklung, die sich 2023 fortsetzen könnte, befürchten Expert*innen. Erwartet wird unter Ornitholog*innen eine andauernde Verbreitung des Virus, vor allem in koloniebrütenden Meeres- und anderen Wasservögeln wie Brandseeschwalbe und Basstölpel. Aus vergangenen Infektionswellen könnte sich bei manchen Arten aber bereits eine gewisse Immunität aufgebaut haben, so die Hoffnung. Klare Hinweise darauf gibt es bis jetzt allerdings noch nicht.

Klar ist hingegen schon jetzt: Die Vogelgrippe breitet sich global weiter aus. Abseits von Australien und der Antarktis sind alle Kontinente betroffen. Allein in Europa gibt es Infektionen bei über 70 Vogelarten – H5N1 könnte damit auch zu einer Gefahr für die Artenvielfalt werden.

Keine Anzeichen gibt es indes dafür, dass das Virus zuletzt gefährlicher für Menschen oder andere Säugetiere geworden sein könnte. In den vergangenen Wochen wurden zwar vermehrt Vogelgrippe-Infektionen bei Menschen gemeldet, das könnte laut NABU-Vogelschutzexperte Martin Rümmler aber auch mit der gestiegenen Gesamtzahl infizierter Wildvögel zusammenhängen. Dadurch kommen schlicht mehr Menschen mit erkrankten Vögeln in Kontakt.

Das fordert der NABU

  • Widerstandsfähigkeit von Seevogelpopulationen stärken: Fischerei – besonders mit Grundschleppnetzen und auf wichtige Beutefische wie Sandaale – wirksam regulieren
  • Verlust von Rast- und Nahrungsgebieten verhindern
  • Ausbau der Windenergie nur außerhalb von Schutzgebieten und wichtigen Wanderkorridoren
  • Nationaler Reaktionsplan für HPAIV-Varianten wie H5N1 bei Wildvögeln mit Informationsaustausch zwischen Bundesländern und europäischen Staaten
  • Bessere Kontrolle und höhere Standards bei Geflügelzucht und internationalem Handel mit Fleischerzeugnissen

Vogelgrippe-Bilanz 2022

Brutsaison endet mit extremen Ausbrüchen

Seit fast zwei Jahrzehnten kommt es weltweit immer wieder zu Ausbrüchen der Vogelgrippe. Betroffen sind Wildvögel ebenso wie Tiere in der Geflügelhaltung. Doch 2022 endet die Brutsaison mit einem beispiellosen Ausbruch.

In diesem Sommer hat es vor allem Meeresvögel an der Atlantikküste von Europa bis Nordamerika getroffen. Das Virus schlug inmitten der Fortpflanzungszeit zu und führte in einigen Vogelkolonien zu Totalausfällen beim Nachwuchs. Ungewöhnlich in diesem Jahr: Selbst im Mai wurden noch tote Kormorane auf Rügen entdeckt, die nachweislich an der tödlichen Variante H5N1 erkrankt waren. Im Juni wurde klar, die Viruserkrankung ebbt nicht etwa ab, wie sonst üblich im Frühjahr, sondern nimmt erst richtig Fahrt auf. Im gesamten europäischen Raum kam es im Sommer zu teilweise existenziellen Populationseinbrüchen, insbesondere bei koloniebrütenden Seevögeln.

Besonders gefährdet: Basstölpel und Brandseeschwalbe

Für den in Deutschland extrem seltenen Basstölpel, der bei uns nur auf Helgoland brütet und dort in diesem Jahr mit etwa 1.500 Brutpaaren startete, lautet das vorläufige Resümee des Vereins Jordsand am Ende der Saison: mehr als 70 Prozent der Nester waren schätzungsweise vorzeitig verlassen.

Ebenso schrumpften auf der niederländischen Vogelinsel Texel innerhalb weniger Wochen 4.500 Brutpaare der Brandseeschwalbe auf wenige Dutzend. Tausende tote Tiere wurden eingesammelt. Auf der ostfriesischen Insel Minsener Oog, dort gibt es die größte deutsche Brandseeschwalbenkolonie, wurden mehr als 1.000 tote Altvögel gezählt. Das entspricht etwa einem Fünftel der Kolonie – und es dürften weitaus mehr Tiere unentdeckt gestorben sein.

Neben weiteren Arten wie Skua, Fluss- und Rosenseeschwalbe traf es nicht nur koloniebrütende Meeresvögel im europäischen Nord- und Ostseeraum, sondern auch Greifvögel wie Seeadler und Wanderfalke . Am anderen Ende des Kontinents, in der weltweit größten Brutkolonie des Krauskopfpelikans in Südosteuropa, verendeten in diesem Jahr ebenfalls überdurchschnittliche viele Tiere.

Einzelne Virenstämme sind besonders infektiös und tödlich

Die Krankheit wird durch ein Influenza-A-Virus hervorgerufen, das seinen natürlichen Wirt in wilden Wasservögeln hat. Die Vogelgrippe tritt in zwei Formen auf. Die hochpathogenen, also besonders ansteckenden Stämme (HPAI), zu denen auch die bekannten Varianten H5N1 und H5N8 zählen, sind für einen meist tödlichen Krankheitsverlauf bei Vögeln verantwortlich. In den überwiegenden Fällen weisen Wildvögel jedoch weniger pathogene Stämme (LPAI) auf, die zwar infektiös sind, aber nur milde bis gar keine Symptome hervorrufen.

Hausgeflügel steht im Verdacht, der Ursprung hochpathogener Stämme zu sein, wobei die moderne Geflügelindustrie sehr wahrscheinlich als Motor der Entwicklung und Verbreitung solch tödlich-infektiöser Stämme fungiert. Erstmals nachweisen konnte man H5N1 im Jahr 1996 in einer Gänsefarm in Südchina. Von dort wurde das Virus übertragen auf weitere Zuchtbetriebe und schließlich auch auf wilde Zugvogelarten wie Gänse, Enten und Schwäne. Diese verfrachteten das Virus dann über ihre Zugrouten in andere Erdteile, auch nach Europa. Erstmal in der Geschichte taucht H5N1 inzwischen auch in Südamerika auf. In Peru wurden Ende November über 3.000 Guano- und Blaufußtölpeln und mehr als 10.000 verendete Chilepelikane registriert.

Neue Entwicklung 2021: Vogelgrippe übersommert vor Ort

Hierzulande war die Vogelgrippe mit ihren tödlichen Folgen zumeist ein Thema des Vogelzuges in den Herbst- und Wintermonaten. Entlang der Zugrouten befinden sich Rast- und Futterplätze, die vor allem gesellige Arten wie Gänse und Enten, aber auch andere Wasservögel, in Scharen anlocken. Dort kann sich das Virus besonders leicht ausbreiten.

Im Sommer 2021 wurde jedoch erstmals nachgewiesen, dass der Virus-Typ H5N1 in heimischen Wasservögeln überdauert hatte. Zusammen mit im Winter über Zugvögel erneut eingetragenen Viren hatte sich die Vogelgrippe ungewöhnlich stark ab dem Frühjahr 2022 in Brutpopulationen von Küstenvögeln vermehrt. Hier führt die oft hohe Dichte in den Kolonien zu einer beschleunigten Ausbreitung. Das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) beschreibt die gegenwärtige Epidemie im dritten Quartalsbericht 2022 als den zahlen- und flächenmäßig bislang größten Ausbruch der hochansteckenden Variante der Vogelgrippe in Europa. Betroffen sind 37 europäische Länder mit insgesamt fast 2.500 Ausbrüchen in Geflügelbetrieben und daraus resultierend knapp 48 Millionen Keulungen. In Wildvögeln konnten die besonders aggressiven Virenstämme in mehr als 3.500 Fällen nachgewiesen werden.

Trotz Epidemie: Es gibt Hoffnung

Eine Bilanz der aktuellen Vogelgrippe-Epidemie ist noch schwierig, da genaue Zahlen zu Todesopfern und infizierten Arten fehlen. So bleibt nicht nur die Frage, wie es im Herbst und Winter 2022 und darüber hinaus weiter geht, sondern auch welche Folgen der letzte Ausbruch für den Fortbestand der betroffenen Arten haben wird.

Hoffnung kommt aus Brutkolonien der Brandseeschwalbe in den Niederlanden und Belgien. Auf der Insel Texel hatte das Virus zuvor tausende Tiere getötet und von anfangs über 4.500 Brutpaaren hatte es nur ein einziges geschafft, ein Junges großzuziehen. Im Juni dann die Überraschung: 600 Brutpaare fanden sich ungewöhnlich spät ein, brüteten erneut. Darunter waren auch beringte Tiere aus zuvor infizierten Kolonien und Spätrückkehrer aus ihren Winterquartieren. Am Ende der Brutsaison schafften es 300 Jungvögel flügge zu werden.

Wirksamer Schutz gegen die Vogelgrippe: Populationen stärken

Die aktuelle Epidemie macht deutlich, wie wichtig eine systematische Überwachung, eine flächendeckende Untersuchung und ein gut funktionierendes Informationsnetzwerk sind, um den Beginn einer Epidemie frühzeitig zu erkennen und einer unkontrollierten Ausbreitung entgegenwirken zu können. Doch vor allem muss es darum gehen, Wildvogelarten so zu stärken, dass die Populationen eine natürliche Belastbarkeit gegenüber solchen Ereignissen entwickeln können. Überfischung und Vermüllung der Meere, mariner Rohstoffabbau, Störungen durch Schiffsverkehr und der Ausbau der Offshore-Windenergie sind wesentliche Treiber für den Verlust von Brut-, Nahrungs- und Rastgebieten für Meeres- und Küstenvögel.