So grün wie möglich, so dicht wie nötig

Grüne Stadtentwicklung

In Deutschland wird viel zu viel Fläche zugebaut und versiegelt. Ein Lösungsansatz für wuchernde Städte heißt „Doppelte Innenentwicklung“. Dabei soll Wohnraum geschaffen und gleichzeitig Grünflächen in der Stadt erhalten werden.
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Blick auf eine eine Wohnsiedlung mit Grün
Blick auf eine eine Wohnsiedlung mit Grün© Foto: Jan Piecha

Im Jahr 2018 haben wir mit einer Drohne in Potsdam und Hamburg Luftaufnahmen gemacht, um gute und schlechte Beispiele einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung in Bildern zu zeigen. Wir haben dabei Beispiele für flächenfressendes Bauen auf der grünen Wiese gefunden, aber auch für gelungene doppelte Innenentwicklung und ebenso für eine innerstädtische Nachverdichtung, die mehr Grün hätte vertragen können.

Problem Flächenverbrauch

Deutschland verbraucht viel zu viel Fläche. Und das schon seit langem. Bereits 2002 wurde in der Nachhaltigkeitsstrategie deshalb das Ziel formuliert: Bis 2020 sollen nur noch maximal 30 Hektar jeden Tag durch Siedlungs- und Verkehrsflächen neu versiegelt werden. Doch auch 2023 ist Deutschland von diesem Ziel noch sehr weit entfernt. Denn der tägliche Flächenverbrauch liegt bei gut 55 Hektar pro Tag. Pro Minute wird also immer noch die Fläche eines durchschnittlichen Einfamilienhauses inklusive Grundstück versiegelt. Und das 30-Hektar-Ziel ist inzwischen von der Bundesregierung auf das Jahr 2030 vertagt worden.

Was also tun? Unser Lösungsansatz: In der Stadt sollte nur noch auf Flächen gebaut werden, die bereits versiegelt sind. Das Stichwort dazu lautet Innenentwicklung.

Innerstädtische Grün- und Freiflächen haben einen positiven Effekt auf die Luftqualität, das Stadtklima und sind Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere.© Foto: NABU/Eric Neuling

Was heißt „Doppelte Innenentwicklung“?

Innenentwicklung meint die Bebauung mit Gebäuden im Inneren von bestehenden Siedlungen, anstatt auf wertvollen Flächen am Siedlungsrand. Um in den Siedlungen dabei aber nicht die letzten Grünflächen zu verlieren, wurde das Modell der „Doppelten Innenentwicklung“ aus der Taufe gehoben. Dabei werden unbebaute – und meistens bereits erschlossene – Flächen noch bebaut, gleichzeitig aber Grünflächen beibehalten und weiterentwickelt. Im besten Fall führt das dazu, dass offene Flächen am Stadtrand geschont werden.

Brachliegende unversiegelte Bauflächen werden deshalb genau unter die Lupe genommen: Wie sehr eignet sich das Grundstück als Baufläche? Und wie wertvoll ist es als Frei- und Grünfläche? Erst nach dieser Einschätzung wird die Entscheidung getroffen, ob die Fläche bebaut werden darf oder nicht.

Wohnraum kann des Weiteren dadurch geschaffen werden, dass auf bestehenden Gebäuden weitere Stockwerke aufgesattelt werden oder auf bereits versiegelten Flächen gebaut wird. Gleichzeitig können städtische Frei- und Grünflächen erhalten, geschützt, besser vernetzt und qualitativ weiterentwickelt werden. Die wichtigen Funktionen der Frei- und Grünflächen als Lebensraum für Tiere und Pflanzen und als Erholungsraum für Menschen werden stärker in den Fokus gerückt.

In Ballungsräumen ist die Lage wegen der wenigen frei verfügbaren Fläche oftmals sehr angespannt. Umso wichtiger ist es, die Probleme mit allen Beteiligten gemeinsam zu lösen und sie in die notwendigen Prozesse einzubeziehen. Die Konfliktfelder Wohnungsbau, Naherholung und Naturschutz müssen gemeinsam betrachtet und miteinander in Einklang gebracht werden. Dabei müssen viele Fragen beantwortet werden: Wie können Anreize geschaffen werden, um vorrangig ungenutzte, aber zur Bebauung vorgesehene Flächen in der Stadt zu bebauen? Wie lässt sich bezahlbarer Wohnraum schaffen, ohne dabei unbebaute Flächen zu versiegeln? Wie kann der Konflikt zwischen Neubauten und Naturschutz gelöst werden? Wie passt der Traum vom eigenen Haus auf dem Land zu einer flächensparenden Stadtentwicklung? Ist es nötig und möglich, den Blick vom eigenen Kiez auf das Gemeinwohl zu lenken?

Grundsatzprogramm Nachhaltige Siedlungsentwicklung

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In unserem Grundsatzprogramm zeigen wir auf, dass Siedlungsentwicklung in Deutschland nur dann nachhaltig sein kann, wenn dafür keine weiteren Flächen jenseits heutiger Siedlungsgrenzen in Anspruch genommen werden.

Städtisches Grün ist unverzichtbar

Städtisches Grün erfüllt eine Vielzahl an wichtigen Funktionen. Denn Stadtflächen heizen sich aufgrund ihrer engen Bebauung, der starken Versiegelung und der hohen Verkehrsdichte viel intensiver und langanhaltender auf als ihr Umland. Und die Folgen der Klimakrise verstärkt die Belastungen für den Menschen und die menschliche Gesundheit enorm.

Innerstädtische Grün- und Freiflächen haben einen nachgewiesen positiven Effekt auf die Luftqualität und das Stadtklima. Sie dienen der Naherholung, der Gesundheitsvorsorge und sind nicht zuletzt ein wichtiger Wasserspeicher und Lebensraum für Tiere und Pflanzen. Gerade durch das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Biotope auf engstem Raum gibt es innerhalb von Stadtgebieten ein ausgeprägtes Mosaik an Lebensräumen. Zum Beispiel kommen allein in Berlin knapp 20.000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten vor.

Städtisches Grün ist ein besonders schützenswertes Gut und sollte nicht nur erhalten, sondern auch weiterentwickelt und besser geschützt werden. Darüber hinaus macht das Stadtgrün unsere Städte widerstandsfähiger gegen Hitzewellen und Starkregenereignisse – das ist wichtig im Hinblick auf den Klimawandel. Gerade daraus ergeben sich neue Herausforderungen an die Grünflächen in der Stadt. Sowohl bei der Artenzusammensetzung als auch bei der Wasserversorgung muss neu gedacht und angepasst werden.

FAQs: Fragen zum Flächenverbrauch

Hamburger Grünmodell als Lösung für viele Städte

Der NABU Landesverband Hamburg hatte nach seiner Volksinitiative „Hamburgs Grün erhalten“ zusammen mit dem Hamburger Senat lange verhandelt und im Mai 2019 ein gutes Modell für den Erhalt der städtischen Natur vorgestellt. Bundesweit schlägt Hamburg damit als erste Großstadt einen richtungsweisenden Weg ein, mit dem eine Verbindung zwischen Grünerhalt und Siedlungsentwicklung tatsächlich möglich ist. Das sogenannte Hamburger Grünmodell könnte ein Lösungsansatz für zahlreiche Städte in Deutschland sein, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben.

Ansprechperson

Stefan Petzold
Referent für Siedlungsentwicklung
+49 30 284 984-1646
Stefan.Petzold@NABU.de