Aufgestaut und zugebaut
Wasserkraft

Die Wasserkraft ist mit massiven Eingriffen in die Natur verbunden. Bei der Wasserkraftnutzung besteht daher ein erheblicher Zielkonflikt zwischen dem klimaverträglichen Ausbau der erneuerbaren Energiequelle und der Erhaltung bzw. Wiederherstellung naturnaher Gewässer und Gewässerlandschaften sowie der Durchgängigkeit von Fließgewässern.
Zur Lösung des Zielkonfliktes müssen Richtlinien aufgestellt werden, die zum einen eine sachgerechte Entwicklung der Wasserkraftnutzung ermöglichen, zum anderen aber auch den berechtigten Interessen des Naturschutzes Rechnung tragen. Die Modernisierung bestehender Anlagen sollte daher nicht nur die Stromerzeugung steigern, sondern gleichzeitig auch die negativen ökologischen Auswirkungen verringern. Die Installation naturschädlicher Kapazitäten lehnen wir ab.

Besonders die naturschädigende „kleine Wasserkraft“ muss aus Sicht des NABU zurückgebaut werden, um die Renaturierung von Flüssen und Gewässern zu ermöglichen. Der Klimawandel wird ohnehin viele der Kleinstanlagen absehbar unrentabel machen, wenn im Zuge häufigerer und länger anhaltender Dürren mehr Wasser verdunstet.
Kleinkraftwerke: Großer Schaden, kleine Wirkung
Am bundesweiten Strommix hat die Wasserkraft lediglich einen Anteil von 3,5 Prozent. Anders in Bayern: Dort stellt sie etwa 14 Prozent des gesamten erzeugten Stroms. Die Flüsse, von denen viele in den Alpen entspringen, haben ein für die Stromproduktion günstiges Gefälle. Über die Hälfte aller deutschen Wasserkraftwerke liegt an bayerischen Flüssen. Über zwei Drittel des in Deutschland produzierten Wasserkraftstroms stammen aus bayerischen Werken.
Die Spreizung zwischen den Kraftwerken ist allerdings gewaltig: Über zwei Drittel des gesamten Wasserstroms stammen von nur 67 Großanlagen mit Leistungen von 10.000 Kilowatt und größer. Mehr als 90 Prozent aller Kraftwerke sind dagegen Klein- und Kleinstanlagen bis 500 Kilowatt. Zusammen liefern sie nur sieben Prozent des Wasserstroms. Der ökologische Schaden durch die vielen kleinen Anlagen ist also hoch, der Beitrag zur Stromversorgung gering.
Bayerns Naturschützer*innen warnen vor Artenschwund
Der hohe Verbauungsgrad ist für ein breites Bündnis von Naturschutzverbänden, dem unter anderem der LFV und der NABU-Partner Landesbund für Vogelschutz (LBV) angehören, einer der Hauptgründe für den dramatischen Artenschwund in bayerischen Gewässern. „Querbauwerke beeinträchtigen das gesamte Ökosystem der Fließgewässer“, argumentiert Johannes Schnell, Gewässerbiologe beim LFV. Fische würden beim Aufstieg in ihre Laichgründe behindert. Zudem gehe den Flüssen die natürliche Strömungsdynamik und damit die Selbstreinigungskraft verloren.
Insbesondere die Turbinen der Wasserkraftwerke sind Schnell ein Dorn im Auge: „Die Todesrate von Fischen liegt bei bis zu 30 Prozent pro Kraftwerk“, berichtet er. Das summiere sich, denn an einem längeren Fluss liege meist eine ganze Serie von Kraftwerken. Tatsächlich gelten von den 75 in Bayern heimischen Fischarten 33 als gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht. Sieben Arten sind bereits ausgestorben, 17 stehen auf der Vorwarnliste. Das bedeutet, dass sie zwar noch nicht gefährdet, ihre Bestände jedoch lokal dramatisch eingebrochen sind. Sogar ein Allerweltsfisch wie die Nase, ein 25 bis 40 Zentimeter langer Karpfenfisch, der in der Donau und ihren Nebenflüssen einst in riesigen Schwärmen vorkam, wird inzwischen als stark gefährdet geführt. Dafür ist nicht allein die Stromerzeugung verantwortlich. Weitere Ursachen sind etwa die Trockenlegung von Flussauen oder Schadstoffeinleitungen aus der Landwirtschaft.
Der Kleinwasserkraftverband VWB beteuert, es werde alles getan, um die Anlagen für Fische durchgängiger zu machen. Der VWB-Vorsitzende Fritz Schweiger verweist darauf, dass die meisten Betriebe Fischtreppen und Rechen nachgerüstet hätten, um Fische daran zu hindern, durch die Turbinen zu schwimmen. Doch wie eine aktuelle Studie der Technischen Universität München zeigt, nutzen absteigende Fische die angelegten Bypässe meist nicht. Auch Rechen, die nur große Fische schützen, sind demnach oft nutzlos, denn das Gros der Klein- und Jungfische folgt der Hauptströmung, die durch den Rechen direkt in die rotierende Turbine führt.
Fazit der Studie: Moderne Anlagen sind nicht fischschonender als alte. Das Ausmaß der Schäden hängt einzig von Rahmenbedingungen wie Drehzahl, Fallhöhe und den vor Ort vorkommenden Fischarten ab.
Auszug eines Artikels von Hartmut Netz. Erschien in der Naturschutz heute Sommer 2021.

Letzte Aktualisierung: 07/2026



