Erhaltungszustand bei den Arten in der kontinentalen Region - Grafik: NABU
Deutschlands Naturbilanz: Mehr Arten und Lebensräume auf der Verliererseite
Die Zeit für entschlossenes Handeln ist jetzt
Kaum noch zu sehen: Der Feldhamster ist in Deutschland fast verschwunden - Foto: Schanes/AdobeStock
Die neue Naturbilanz für Deutschland macht deutlich: Der Verlust von Arten und Lebensräumen schreitet weiter voran. Grundlage sind aktuelle Daten zu rund 200 geschützten Arten und 90 geschützten Lebensraumtypen, die Deutschland (BfN) an die EU gemeldet hat. Der NABU hat die neuen Daten ausgewertet. Das Ergebnis: Viele Bestände verschlechtern sich weiter, nur wenige können sich erholen. Besorgniserregend ist, dass sich die anhaltende Verschlechterung des Zustands von Arten und Lebensräumen längst zu einer traurigen Normalität entwickelt hat.
Alle sechs Jahre melden die Mitgliedsstaaten der EU aktuelle Daten zum Zustand der Natur im Rahmen der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, also FFH-Richtlinie. Erfasst werden dabei Trends sowie der Erhaltungszustand von Arten und Lebensraumtypen, die unter der FFH-Richtlinie geschützt sind. Gemeinsam mit den Ergebnissen des Vogelschutzberichts bilden diese Daten die Grundlage für den offiziellen „Bericht zur Lage der Natur“ in Deutschland sowie für den „State of Nature“-Bericht der EU, der 2026 erscheint.
Die Meldungen erfolgen getrennt nach biogeographischen Regionen. In Deutschland sind es die atlantische, kontinentale und alpine Region, wobei die kontinentale Region den größten Teil der Landesfläche umfasst. Die atlantische Region liegt im nordwestlichen, vom Meer geprägten Deutschland. Den größten Bereich bilden Teile Nordrhein-Westfalens und Niedersachsens. Außerdem gehören Bremen, Hamburg sowie Schleswig-Holstein und Sachsen-Anhalt dazu.
Arten verlieren ihren Lebensraum
Arten wie der Feldhamster suchen in der Agrarlandschaft meist vergeblich nach Nahrung und Rückzugsräumen. In Deutschland ist er schon beinahe ganz verschwunden, die Bestände sind seit den 50er Jahren um rund 99 Prozent eingebrochen. Hauptursachen sind Flächenfraß, intensive Landwirtschaft und der Verlust geeigneter Böden. Agrarpolitische Entscheidungen unter dem Deckmantel der „Entbürokratisierung“ verschärfen die Situation zusätzlich, weil immer weniger Brachen und Ackerrandstreifen bleiben. Wenn sich daran nichts ändert, könnten gefährdete Arten wie der Feldhamster in wenigen Jahrzehnten ganz aussterben.
Auch im Meer zeigt sich der Druck auf unsere heimischen Arten deutlich: In der Ostsee hat sich die Population des Schweinswals seit 2019 halbiert. Intensive Nutzung, Stellnetze und Motorbootlärm setzen dem einzigen heimischen Wal schwer zu.
Die FFH-Daten zeigen, dass diese negativen Nachrichten keine Einzelfälle sind: Von den rund 200 untersuchten Arten weisen 37 Prozent einen abnehmenden Trend auf, nur 14 Prozent nehmen zu. 36 Prozent bleiben gleich – oft bedeutet das aber, dass eine Art dauerhaft in einem ungünstigen Zustand verharrt. Insgesamt befinden sich zwei Drittel der Arten (66 Prozent) in einem schlechten oder unzureichenden Zustand. Besonders kritisch ist die Lage in den stark genutzten Agrarlandschaften der kontinentalen Region, während die Alpenregion zwar vergleichsweise besser abschneidet, aber ebenfalls Verluste aufweist.
Auch um Landschaften steht es schlecht
Viele Landschaften stehen in Deutschland massiv unter Druck. Besonders betroffen sind Küstengebiete, Binnengewässer und Dünen. Auch der Zustand von Mooren, Sümpfen und Quellen hat sich deutlich verschlechtert. Mit Blick auf die Regionen ist die Entwicklung in der kontinentalen Region Deutschlands besonders kritisch: Hier hat der Anteil der Lebensraumtypen im ungünstig-schlechten Zustand seit 2019 von 40 auf 54 Prozent zugenommen. In der atlantischen Region hat sich die Lage ebenfalls weiter verschlechtert (um zwei Prozent). Auch die alpine Region, die bisher vergleichsweise besser abschnitt, verliert an Stabilität. Der Anteil an günstigen Erhaltungszuständen sank von 67 auf 64 Prozent.
Getrieben wird diese Entwicklung vor allem durch die intensive Landwirtschaft, die Klimakrise und den anhaltend hohen Flächenverbrauch von rund 51 Hektar täglich. Die Folgen zeigen sich auch in der bundesweiten Bilanz: Der Anteil ungünstig-schlecht bewerteter Lebensraumtypen stieg von 37 Prozent im Jahr 2019 auf aktuell 43 Prozent. Insgesamt zeigen 48 Prozent der untersuchten Lebensräume einen abnehmenden Trend, nur 12 Prozent verbessern sich. Fast drei Viertel (73 Prozent) befinden sich aktuell in einem ungünstigen Zustand, lediglich 27 Prozent gelten als günstig.
Natur braucht Schutz und Wiederherstellung
Die aktuellen Ergebnisse liefern keinen Grund für Resignation, sondern für entschlossenes Handeln. Denn es gibt auch Lichtblicke, die deutlich zeigen: Naturschutz wirkt.
Immerhin 14 Prozent der Arten haben sich im Zeitverlauf positiv entwickelt. Der Hirschkäfer profitiert von dem Erhalt alter Baumstrukturen und weist inzwischen in allen Regionen, in denen er vorkommt, einen günstigen Zustand auf. Auch die Kleine Hufeisennase konnte ihre Bestände seit 2019 mehr als verdoppeln. Das Bachneunauge profitiert von saubereren Gewässern und renaturierten Bächen. Ein besonderer Naturschutzerfolg ist die Rückkehr des europäischen Bibers: Seit seiner Wiederkehr wird er durch NABU-Projekte aktiv gefördert. Mit Dammbauten und neuen Gewässerstrukturen gestaltet er ganze Landschaften – und verbessert dabei Artenvielfalt, Wasserqualität und Hochwasserschutz. Und auch die Kegelrobbe ist zurück: Dank Jagdverboten, verbesserter Wasserqualität und gezielten Maßnahmen wie dem NABU-Projekt OstseeLIFE hat sich der Bestand erholt – heute leben wieder rund 30.000 Tiere in der Ostsee.
Natur kann sich erholen, wenn wir ihr den Raum und die Bedingungen dafür geben. Dafür braucht es Schutzgebiete, die wirksamer schützen und mehr nutzungsfreie Rückzugsflächen bieten. Flüsse, Moore, Wälder, Meere und Offenlandschaften brauchen aktive Wiederherstellung. Auch in der Agrarpolitik gilt es umzusteuern: Vielfalt muss gefördert werden, nicht intensive Nutzung. Entscheidend ist außerdem, dass nationale und europäische Strategien wie die Biodiversitätsstrategie, die Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie und die EU-Wiederherstellungsverordnung konsequent umgesetzt werden.
Stand: 17. September 2025
Mehr zum thma
Die Natur in Deutschland befindet sich in einem schlechten Zustand. Mehr als zwei Drittel der zu schützenden Arten befinden sich in einem ungünstigen Erhaltungszustand und fast die Hälfte der Lebensräume zeigen einen negativen Entwicklungstrend. So das ernüchternde Ergebnis des Bundesamts für Naturschutz (BfN) in seinem Bericht zur „Lage der Natur in Deutschland“. Mehr →
Die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie bildet zusammen mit der EU-Vogelschutzrichtlinie das Fundament für den Naturschutz in der Europäischen Union. Sie ist ein wichtiger Grundbaustein für den Flächen- und Artenschutz. Mehr →
