Ein Instrument für den Meeresnaturschutz

Marine Raumordnung in Nord- und Ostsee

Seit 2021 gilt in Deutschland ein aktualisierter mariner Raumordnungsplan. Doch statt Schutz und Nutzung der Meere in Balance zu bringen, treibt er die Industrialisierung der Meere weiter voran. Wie gelingt künftig eine nachhaltige Nutzung?
  • Artikel
  • Lesedauer: 1 Min.
Blick vom Strand auf die Nordsee, mit einer Muschel im Sand.
Unsere Meere im Ausverkauf?© Foto: Frank Derer

Dichter Schiffsverkehr, Kies- und Sandabbau, Pipelines, Seekabel und Offshore-Windparks, Übungsgebiete der Marine: Die deutsche Nord- und Ostsee werden immer stärker industrialisiert. Der aktuelle Raumordnungsplan für die ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ, die Region zwischen zwölf- und 200 Seemeilen vor der Küste) stammt von 2021. Er verfehlt den dringend nötigen Ausgleich zwischen Schutz- und Nutzungsinteressen, obwohl schon damals Alarmstufe Rot galt: 

  • Jede dritte Art in Nord- und Ostsee steht auf der Roten Liste. 
  • Fisch- und Vogelpopulationen sind massiv unter Druck, Schweinswalzahlen gehen seit Jahren zurück 
  • Längst sind die Folgen der Klimakrise zu beobachten. 
  • Deutschland ignoriert seine rechtlichen Verpflichtungen zum Meeresschutz. 
  • Nach EU-Meeresstrategie-Rahmenrichtlinie hätte bis 2020 ein guter Zustand der Meeresumwelt erreicht sein müssen.  

Die Meeresraumordnung wäre laut EU-Kommission ein entscheidendes Instrument gewesen, das umzusetzen. Doch Deutschland hat diese Chance verpasst. 

1. Unsere Meere im Ausverkauf: Erklärvideo zur Marinen Raumordnung (MRO)

The video player cannot render on the server side

2. Was ist die MRO?

Die marine Raumordnung soll planerische Grundlagen und Rahmenbedingungen für eine langfristige und nachhaltige Nutzung der nationalen Meeresflächen schaffen. Dazu wurde auf EU-Ebene die Umsetzung eines Ökosystem-Ansatzes festgelegt. Das bedeutet: Das Ökosystem gibt vor, wie intensiv wir es nutzen können, ohne ihm zu schaden.

Für die Erstellung eines Raumordnungsplans müssen alle relevanten ökologischen Daten, etwa zu Vorkommen und Sensitivitäten von Arten, ökologische Gebietsfunktionen wie z. B. Aufzucht- oder Mausergebiete zusammengetragen und begutachtet werden. Fehlende Daten müssen zuvor erhoben werden.  Außerdem gehen die Raumansprüche der vielen Meeresnutzer in die Planung ein. Zentrale Aufgabe der MRO ist es dann, einen klugen Ausgleich zwischen Nutzung und Schutz zu finden.

Dabei darf die Nutzungsintensität nicht zu einer Verschlechterung des Meeresumweltzustands beitragen, sondern muss die Erreichung eines guten ökologischen Zustands ermöglichen. Auch die Gesamtwirkung aller Nutzungen und ihrer Wechselwirkungen muss dabei berücksichtigt werden. Nur so kann das Meer mit seinen vielfältigen, lebensnotwendigen Ökosystem-Dienstleistungen langfristig erhalten werden. Darauf sind wir dringend angewiesen, beispielsweise können Meere viel CO₂ speichern und dadurch die Klimakrise abmildern.

3. Verpasste Chance der MRO 2021: Klima- contra Naturschutz

Obwohl sie grundsätzlich dem Ökosystemansatz verpflichtet ist, orientiert sich die deutsche MRO vom September 2021 primär an Wirtschaftsinteressen. Sie bildet lediglich bestehende Nutzungen ab und belegt alle übrigen Flächen mit Offshore-Windenergie. Die Vereinbarkeit von Meeresschutz und -nutzung musste so scheitern, wie eine detaillierte Bewertung (im Auftrag des NABU und BirdLife International) in englischer Sprache zeigt.

Schweinswale sind besonders bedroht, ihre Lebensräume drohen durch Offshore-Windparks zu schwinden© Foto: Solvin Zankl

Einige der wichtigsten Resultate sind: 

  • Offshore-Windanlagen sind in Meeresschutzgebieten möglich (im Gegensatz zum Raumordnungsplan von 2009), obwohl sie den Schutzzielen entgegenstehen. 
  • Die Auswirkungen der Klimakrise auf das Meer und Raum für nötige Anpassungen blieben unberücksichtigt 
  • Der Ökosystemansatz wurde nicht ausreichend angewendet, die notwendigen Weichenstellungen hin zu gesunden Meeren fehlen 
  • Es gibt keine Pufferzonen zwischen wirtschaftlichen Nutzungszonen und Meeresschutzgebieten 
  • Die MRO verpasst es, den Gesamteffekt menschlichen Handelns auf das Meer zu betrachten und zu reduzieren – damit fehlt eine Voraussetzung für die Trendwende hin zu gesunden Meeren. 

4. Unsere Meere unter Druck: Wirtschaftliche Nutzungsinteressen

Welche wirtschaftlichen Interessensgruppen kämpfen in der MRO um die Flächen der Nord- und Ostsee?

ein Schwarm Alpenstrandläufer am Meer
Meer

Meeres-Patenschaft

Unsere Meere schützen!

Sorge mit uns dafür, dass Nord- und Ostsee und ihre Bewohner eine Zukunft haben. Schütze die Vielfalt der Meere!

Jetzt Pat*in werden!

5. Mit der MRO Klima- und Naturkrise gemeinsam bewältigen

Zusammen mit den Gesetzesänderungen zur Energiewende auf See, wie WindSeeG und EU-Notverordnung, spielt die MRO die Klima- und die Biodiversitätskrise gegeneinander aus. Es fehlt der nötige Raum, um den Artenschwund zu stoppen und wichtige Ökosystem-Dienstleistungen zu erhalten.

Sterntaucher sind eine der vielen Seevogelarten, die Schutz brauchen© Foto: Mathias Schäf

Im Jahr 2021 klagte die Europäische Kommission mehrfach gegen Deutschland wegen Verstößen gegen die FFH-Richtlinie, da Schutzziele nicht ausreichend konkretisiert und Schutzgebiete rechtlich unzureichend geschützt wurden. Anstatt eine nachhaltige MRO an der Bewältigung von Klima- und Naturkrise auszurichten, werden rechtliche Konflikte weiter befeuert. Das verschleppt sowohl den Artenschutz als auch die Energiewende. Nur wenn Klimaschutz und Naturschutz Hand in Hand gehen, nutzen wir unsere Meere nachhaltig und bewahren sie für die Zukunft. 

6. NABU-Kernforderungen zur MRO

  • Die MRO muss verbindlich an eine Strategie für das Meer gekoppelt werden, die den guten Umweltzustand umsetzt, mit mittel- und langfristigen Zielen. Der Ökosystemansatz muss das Fundament der Raumordnung darstellen. 
  • Ziel muss sein, den Nutzungsdruck insbesondere auf Meeresschutzgebiete zu reduzieren. 
  • Die MRO sollte Vorrangflächen für die Wiederherstellung von marinen Ökosystemen identifizieren, um so u. a. zur natürlichen Kohlenstoffspeicherung beizutragen. 
  • 50 Prozent der Natura-2000-Schutzgebietsflächen müssen als strikte Schutzgebiete ohne menschliche Nutzung ausgewiesen werden. Die MRO muss zur besseren Vernetzung dieser Schutzgebiete beitragen. 
  • Offshore-Windgebiete müssen außerhalb von Verbreitungsschwerpunkten sensibler Arten (z. B. Seevögel und Schweinswale) und wichtiger Lebensraumfunktionen (z. B. Wanderkorridore, Rastgebiete, Aufzuchtgebiete) geplant werden. Ebenso müssen Pufferzonen um Schutzgebiete bestehen, um eine Entwertung der Schutzgebiete für sensible Arten zu verhindern. 

Letzte Aktualisierung: 05/2026

Mehr zum Meeresschutz