Rattengift: Tödlicher Leckerbissen
Greifvögel, Spitzmäuse und sogar Fische gefährdet
Wanderratte - Foto: NABU/Gaby Schröder
Der Köder riecht lecker, aber die Ratte ist vorsichtig. Sie beobachtet genau, wie ihre Artgenossen das unbekannte Futter vertragen. Stirbt ein Tier kurze Zeit später, bleibt der Leckerbissen liegen. Gängige Nagergifte (Rodentizide) wirken darum zeitverzögert. Sogenannte Antikoagulanzien hemmen die Blutgerinnung, und die Tiere sterben erst Tage später. Sie verbluten innerlich.
Das ist ein qualvoller Tod für Ratten – und für andere Tiere, die versehentlich von dem Gift fressen. Untersuchungen des Umweltbundesamtes (UBA) zeigen, dass Vögel, Spitz- oder Waldmäuse ebenfalls in die Köderstationen gelangen und sich an den Rodentiziden vergiften. „In Forschungsprojekten haben wir zum Beispiel hohe Konzentrationen der Wirkstoffe in Rotkehlchen, Kohlmeisen oder Waldmäusen festgestellt“, sagt Anton Friesen, Biozidexperte beim UBA.
Gefährdete Greifvögel
Gefährdet sind auch Tiere, die weiter oben in der Nahrungskette stehen. Forscher*innen fanden im Lebergewebe toter Greifvögel zum Teil hohe Konzentrationen der Gifte. In einer Studie des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung waren mehr als 80 Prozent der untersuchten Habichte und Rotmilane belastet. Bei 18 Prozent der Habichte und 14 Prozent der Rotmilane wurde der Schwellenwert für eine tödliche Vergiftung überschritten. In der Leber von verendeten Schleiereulen stellten Forscher*innen ebenfalls tödlich wirkende Mengen fest. Bei Füchsen, Mardern, Wieseln: überall waren Antikoagulanzien nachweisbar. Das zeigt, in welchem Umfang die Wirkstoffe bereits in die Umwelt gelangt sind.
Der Verzehr vergifteter Ratten gefährdet auch Aasfresser wie Greifvögel und Füchse - Foto: Frank Derer
Sogar Fische und Fischotter sind betroffen. In der Kanalisation oder an Ufern ausgebrachte Köder gelangen ins Wasser. Vor allem bei Starkregen werden sie in den nächsten Bach oder Fluss gespült. Eine Laborstudie im Auftrag des UBA zeigt: Konzentrationen, wie sie in der Leber wildlebender Fische gemessen wurden, können zu Blutgerinnungsstörungen und Blutungen führen.
Gifte kaum abbaubar
Dass Antikoagulanzien sich so verbreiten konnten, hängt mit ihren Eigenschaften zusammen. Sie sind hochtoxisch, und viele der Wirkstoffe werden nur sehr langsam in der Umwelt abgebaut. Letzteres gilt vor allem für die Mittel der zweiten Generation, die in den 1970er und 80er Jahren auf den Markt kamen. Gegen die älteren, seit den 1950er Jahren breit eingesetzten Wirkstoffe hatten sich da bereits Resistenzen entwickelt. Weil die Gifte bei einigen Mäuse- und Rattenpopulationen nicht mehr wirkten, mussten neue Stoffe her: noch toxischer und noch langsamer in der Leber und der Natur abbaubar.
Greife wie der Mäusebussard helfen, die Rattenenbestände auf natürliche Weise kleinzuhalten - Foto: NABU/Marco Frank
Wegen ihrer Umweltauswirkungen dürfen die Mittel der zweiten Generation nur von speziell geschulten Personen verwendet werden. Antikoagulanzien der ersten Generation gibt es dagegen in jedem Baumarkt. Jede*r darf sie kaufen und auslegen – im Haus oder drumherum. Aber auch diese Stoffe sind hochgiftig für Tiere und den Menschen.
Neue Regeln kommen
Die Behörden haben das erkannt und im Rahmen einer Neuzulassung nachgebessert. Antikoagulanzien dürfen bald nur noch von Profis verwendet werden. Ab Mitte 2026 soll die Entscheidung umgesetzt werden. Nach einer sechsmonatigen Abverkaufsfrist gibt es die Köder nicht mehr für jede*n im Baumarkt oder Fachgeschäft. Für Fische und Fischotter besteht ebenfalls Hoffnung. Denn künftig sind in der Kanalisation und im Uferbereich spezielle Köderschutzstationen vorgeschrieben. Sie sorgen dafür, dass die Köder trocken bleiben, wenn der Wasserspiegel steigt.
Eine weitere Änderung betrifft die sogenannte befallsunabhängige Dauerbeköderung: Nagergift mit Antikoagulanzien darf bald nicht mehr vorbeugend ausgebracht werden. Bisher ist das in speziellen Fällen erlaubt, zum Beispiel dort, wo Lebensmittel in großem Stil gelagert werden. „Die befallsunabhängige Dauerbeköderung ist eine der häufigsten Anwendungen der besonders problematischen Wirkstoffe der zweiten Generation“, sagt Friesen. Ab Mitte 2026 gilt: kein Gift ohne vorheriges Monitoring.
Besser als Giftköder
Ohnehin bezweifeln Expert*innen inzwischen, dass Giftköder die wirksamste Methode gegen die lästigen Nager sind. In Vergleichsstudien aus den USA zeigte der Einsatz langfristig nur mäßige Erfolge. Viel nachhaltiger sei es, den Ratten die Lebensgrundlagen zu entziehen, sagt UBA-Experte Friesen. Wilde Müllkippen, offene Mülltonnen oder Ententeiche mit Futterresten ziehen die Nager an.
Gut verschlossene Biotonnen halten Ratten fern - Foto: Helge May
Ratten können Krankheitserreger auf Menschen übertragen – wie viele andere Wildtiere übrigens auch. Ein einzelnes Tier im Garten ist trotzdem noch kein Grund zur Panik. Wer eine Ratte entdeckt, sollte mögliche Futterquellen entfernen und kann es mit Schlagfallen versuchen. Um andere Tiere nicht zu gefährden, muss man diese im Innenraum oder in einer Schutzstation aufstellen. Spätestens wenn die Nager sich im Garten oder Schuppen niedergelassen haben, ist das aber ein Fall für professionelle Schädlingsbekämpfer*innen.
So weit muss es nicht kommen. Wer ein paar Regeln beachtet, Speisereste zum Beispiel nicht auf dem offenen Kompost entsorgt und die Biotonne regelmäßig auf Löcher überprüft, hat gute Chancen auf einen rattenfreien Garten. Und: Wo Eulen einen Lebensraum finden, haben es die Nager schwerer.
Ann-Kathrin Marr (aus „Naturschutz heute“ 4/2025)
- UBA-Ratgeber „Mäuse- und Rattengift sicher und wirksam anwenden. Gute fachliche Anwendung von Nagetierbekämpfungsmitteln mit Antikoagulanzien für die breite Öffentlichkeit“
- UBA-Ratgeber „Gute fachliche Anwendung von Nagetierbekämpfungsmitteln mit Antikoagulanzien: Für geschulte berufsmäßige Verwender“
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