Von Schafen und Wölfen

Maßnahmen zum Herdenschutz

Dass Wölfe in Deutschland wieder heimisch sind, stellt Weidetierhaltende vor neue Herausforderungen. Aber wie lässt sich der Schutz von Schafen und Co. gut und effektiv umsetzen?
© Foto: NABU/Sebastian Hennigs

Wölfe ernähren sich zu über 95 Prozent von Wildtieren wie Rehen, Wildschweinen und Hirschen. Als Opportunisten sind sie darauf aus, mit möglichst wenig Energieaufwand Beute zu machen. Wenn sie auf ungeschützte Weidetiere treffen, sind diese für sie wesentlich einfacher zu erlegen als Wildtiere. Herdenschutzmaßnahmen erschweren Wölfen die Jagd und sollen sie davon abhalten, Weidetiere anzugreifen.

Förderung für Herdenschutz

Dort, wo Wölfe wieder dauerhaft leben, unterstützt die Landesregierung in der Regel Tierhalter*innen bei der Anschaffung von Maßnahmen zum Herdenschutz – jedoch variieren die Förderungen von Land zu Land. In manchen Ländern werden Materialien gefördert, in anderen auch der zusätzliche Arbeitsaufwand und laufende Kosten.

Herdenschutz muss präventiv eingesetzt werden, damit Wölfe gar nicht erst lernen, Weidetiere als Beute zu sehen und Schäden von vornherein vermieden werden. Da sich Wölfe potenziell wieder in allen Flächenbundesländern ansiedeln werden, fordert der NABU die flächendeckende Förderung von Herdenschutz – also nicht nur dort, wo Wölfe bereits leben.

Schematische Darstellung eines Herdenschutzzaunes© Foto: NABU Bundesverband

Schutzzäune – Mit Strom gegen Wölfe

Herdenschutz funktioniert nur, wenn die Weide vollständig eingezäunt ist. Elektrozäune zählen deshalb zu den wichtigsten Schutzmaßnahmen. Stromführende Weidenetze beispielsweise müssen bis zum Boden reichen. Wölfe graben sich eher unter einem Hindernis durch, als darüber zu springen – auch, wenn sie dazu körperlich in der Lage wären.

Auch bei Litzenzäunen ist der Untergrabeschutz in Form eines geringen Abstands zum Boden essenziell: Die erste stromführende Litze sollte bereits in 20 cm Höhe gespannt sein. Wenn Wölfe untersuchen, an welcher Stelle sie sich unter einem Zaun durchgraben können, müssen sie zwangsläufig mit der Schnauze oder dem Kopf die untere stromführende Litze berühren. Bei gutem Stromfluss bekommen sie „eine gewischt“ – und das hinterlässt Eindruck. Erfährt ein Wolf wiederholt diesen negativen Schmerzreiz, lehrt ihn der Stromzaun, Abstand zur Weide zu halten. Auch die restlichen Litzen müssen elektrifiziert sein, sodass ein Durchsteigen des Wolfes verhindert wird.

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Bei den meisten Wölfen genügt ein gut installierter Grundschutz, zum Beispiel in Form von 90 cm oder 106 cm hohen elektrifizierten Zäunen, welche für einen besseren Schutz gegebenenfalls auf 120 cm erhöht werden können. Zäune für Gehegewild sind an sich schon mindestens 180 cm hoch. Da Wölfe gute Kletterer sind, sollte dort oberhalb des Zaunes eine elektrifizierte Litze zur Abwehr gezogen werden. 

Zudem muss auch hier das Untergraben verhindert werden. Dazu kann eine Stromlitze in 20 cm Höhe vor dem Zaun angebracht werden. Auch ein Drahtnetz beziehungsweise eine Drahtmatte eignen sich: diese werden mit dem Zaun verknüpft und entweder vor dem Zaun horizontal oder unter dem Zaun vertikal eingegraben.

Bejagung ist kein Herdenschutz

Bejagung wird oft als Maßnahme im Herdenschutz bezeichnet. Dabei gibt es klare Erkenntnisse, dass nicht die Anzahl der Wölfe in einer Region entscheidend für das Rissgeschehen ist, sondern ob und wie Herdenschutz installiert war. Auch wenige Wölfe können Schäden anrichten. 

Die meisten Risse passieren auch heute noch an gänzlich ungeschützten Weiden. Bejagung wird Wölfen nicht beibringen, Abstand zu Weidetieren zu halten – denn Menschen sind meist nicht an der Weide, um sie möglicherweise zu vertreiben. Herdenschutz mit Elektrozäunen wirkt auch ohne menschliche Anwesenheit. 

Warum Bejagung kein geeignetes Mittel zur Vermeidung von Wolf-Nutztier-Konflikten sein kann, haben wir hier umfangreich analysiert.

Keine hundertprozentige Garantie

Aber Achtung: Effektiver Herdenschutz ist eine komplexe Angelegenheit. Jede Weidefläche ist anders, und jeder Landschaftstyp birgt unterschiedliche Herausforderungen. Deshalb sollten Weidetierhaltende Lösungen für die jeweilige Fläche individuell mit erfahrenen Herdenschutzberater*innen vor Ort besprechen. Es gibt mittlerweile eine große Bandbreite an Zaunsystemen und Technik, die standortangepasst ausgewählt werden muss. Etablierte Lösungen gibt es mittlerweile überall in Deutschland, ob auf sandigem Boden, Deichen oder am Steilhang. Und das vor allem dank findiger Praktiker*innen, die auf ihren Weiden Innovationen getestet und weiterentwickelt haben. 

Herdenschutz kann keine hundertprozentige Garantie bieten, Risse vollkommen zu verhindern: Wenn der Storm absinkt, oder ein Zaun beispielsweise durch Wildtiere oder Sturm beschädigt wird, ist der Schutz nicht mehr gewährleistet. Auch kann es – glücklicherweise selten – besonders schlaue Wölfe geben, die Wege finden, Schutzzäune zu überwinden oder Schwachstellen ausmachen. 

Herdenschutz minimiert das Rissgeschehen jedoch deutlich und nachhaltig. Ziel muss es sein, Herdenschutzmaßnahmen wolfsabweisend zu gestalten, ohne den Mehraufwand für die Halter*innen über ein praktikables Maß zu treiben.

Herdenschutzhunde schützen die ihnen anvertrauten Herden vor Eindringlingen.© Foto: NABU/Sebastian Hennigs

Herdenschutzhunde – Spezialisten im Einsatz

Im Gegensatz zu Hütehunden, die Schafe oder Ziegen zusammenhalten sollen, schützen Herdenschutzhunde die ihnen anvertrauten Herden vor Eindringlingen. Infrage kommen dafür große und kräftige Arbeitshunde, wie zum Beispiel Pyrenäenberghunde, Maremmanos oder Kangals.

Doch die Rasse allein macht noch keinen Herdenschutzhund aus: Charakter und Lernvermögen sind entscheidend. Deshalb beginnt die Ausbildung dieser Hunde so früh wie möglich. Die Hunde wachsen in der Regel eng bei den Weidetieren auf. Halter*innen müssen erfahren sein und wissen, wie sie mit den Tieren richtig umgehen und sie erziehen. Grundsätzlich sind Herdenschutzhunde sehr eigenständig. Sie orientieren sich vor allem an anderen erfahrenen Herdenschutzhunden, die ihnen als Mentoren dienen. Daher ist es auch empfehlenswert, einem Team aus jungen Herdenschutzhunden nicht die alleinige Verantwortung für eine Herde zu überlassen, sondern immer ältere und jüngere Tiere zu kombinieren. Sie sind an Hütehunde und die Hirt*innen gewöhnt – anderen Vier- und Zweibeinern gegenüber sind sie oft eher skeptisch. Trotzdem müssen auch sie den Besuch beim Tierarzt oder das Laufen an der Leine lernen und beherrschen.

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Was Spaziergänger*innen beachten sollten

Während ihres Einsatzes befinden sie sich die Hunde die ganze Zeit bei der Herde. Sie sind speziell für diese Ansprüche gezüchtet. Ihr dickes Fell schützt sie beispielsweise vor Kälte und Regen. Einen natürlichen Witterungsschutz, auch vor Sonne, benötigen sie jedoch trotzdem, wie auch die Weidetiere. Herdenschutzhunde sind stark territorial, das heißt sie verteidigen ihre Weide. Ausbüchsen dürfen sie nicht, deshalb wird ihnen abtrainiert, über den Zaun zu springen. Sie sollen von der Weide aus mit lautem Bellen jeden Störenfried abwehren und – falls dies bei Wölfen nicht ausreichen sollte und sie die Weide betreten – gegebenenfalls angreifen. Soweit kommt es aber in den seltensten Fällen:  Sind Herdenschutzhunde auf der Weide im Einsatz, entscheiden sich Wölfe in der Regel gegen den Versuch, sich den Weidetieren zu nähern. Wie die meisten Wildtiere vermeiden sie kämpferische Auseinandersetzungen, um selbst keine Verletzungen zu riskieren.

Passant*innen sind manchmal unsicher, wie sie sich angesichts von Herdenschutzhunden verhalten sollen. Wichtig ist: Den Hunden mit Respekt begegnen, Abstand halten und am besten ignorieren, und natürlich nicht unbefugt die Weidefläche betreten. Da gut ausgebildete Herdenschutzhunde innerhalb der Abzäunung ihrer Herde bleiben, werden Fußgänger*innen so zwar unter lautem Gebell am Zaun entlang begleitet, aber nicht angegriffen. Eigene Hunde sollten angeleint werden. 

Herdenschutzhunde werden seit Hunderten von Jahren eingesetzt, um Weidetiere effektiv zu schützen. Sie erfordern Wissen und die Bereitschaft, den Umgang mit ihnen zu lernen. Sie passen nicht zu jedem Betrieb und sollten daher nur eingesetzt werden, wenn die Halter*innen bereit sind, sich auf sie und ihre Bedürfnisse einzulassen. 

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Kompensationszahlungen

Sollten Wölfe trotz vorhandener Schutzmaßnahmen oder in neu besiedelten Gebieten Weidetiere reißen, bekommen Landwirt*innen meist einen Schadensausgleich. Die Höhe ist in den Wolfsmanagementplänen oder den entsprechenden Förderrichtlinien der Länder geregelt. Voraussetzung ist, dass sogenannte Rissgutachter*innen die toten Weidetiere untersuchen und feststellen, dass es sich beim Verursacher tatsächlich um einen Wolf gehandelt hat, oder dies nicht ausgeschlossen werden kann. Erst dann zahlt das Land den Marktwert des Tieres.

Einheitliche Regelungen für die Förderung von Herdenschutzmaßnahmen, die Rissbegutachtung und den Schadensausgleich gibt es nicht. Der NABU nimmt die Sorgen der Weidetierhaltenden sehr ernst und setzt sich zum Beispiel auf politischer Ebene für eine umfangreiche Unterstützung ein. Neben dem Material für Zäune und dem Kauf von Herdenschutzhunden muss vor allem der Arbeitsaufwand für deren Betreuung und Pflege erstattet werden.

Ansprechperson

Marie Neuwald, Referentin für Wolf und Herdenschutz
Marie Neuwald
Senior-Referentin Wölfe und Beweidung

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