Ein Frühaufsteher macht das Rennen
Der Hausrotschwanz ist Vogel des Jahres 2025

Der neue Jahresvogel übernimmt ab Januar 2025 das Amt vom aktuellen Jahresvogel, dem Kiebitz. Der Hausrotschwanz sammelte 30,2 Prozent der Stimmen ein, knapp dahinter kam die Waldohreule mit 28,2 Prozent der Stimmen auf Platz 2. Etwas abgeschlagen folgten Schwarzspecht (15,8 Prozent), Schwarzstorch (14,5 Prozent) und Kranich (11,3 Prozent). Die fünf Vögel standen vom 3. September bis 10. Oktober 2024 öffentlich zur Wahl, jeder der Kandidaten mit seinen eigenen Forderungen zum Naturschutz.
Auffälliger, aber gewöhnungbedürftiger Gesang
Gäbe es in der Vogelwelt ein Pendant zu „Deutschland sucht den Superstar“, der Hausrotschwanz würde wohl nicht gewinnen. Bereits im 19. Jahrhundert fällte der Zoologe Alfred Brehm in seinem „Tierleben“ ein wenig erbauliches Urteil über den Gesang des Jahresvogels. Das ihm eigene Röcheln, das sich mit knirschenden, klappernden Tönen und flötenden Trillerlauten abwechselt, beschrieb er als „jede[n] Wohlklanges bar“. Immerhin seine Rufe, um beispielsweise Gefahr auszudrücken, klängen „angenehm, wie ‚Fid tek tek‘“.
So klingt der Hausrotschwanz
Vogelstimme: Hausrotschwanz - Gesang
Aufgenommen von Lars Lachmann
Morgens einer der ersten Sänger
Doch egal wie eine Jury seinen Gesang bewerten würde, zweierlei könnte sie ihm nicht absprechen: Wiedererkennungswert und Ausdauer. „Hat man den Hausrotschwanz einmal gehört und erkannt, kann man ihn nicht mehr nicht hören. Mich erinnert sein Gesang an Störgeräusche eines Fernsehers. Falls Sie nicht ohnehin schon von ihm geweckt oder zu sehr früher Stunde begleitet wurden, achten Sie einfach mal darauf“, empfiehlt Alexandra Ickes, Artenschutzreferentin beim NABU Baden-Württemberg.
Als einer der ersten Sänger beginnt er rund 70 Minuten vor Sonnenaufgang und ist bis nach der Abenddämmerung zu hören. Der damalige Vorsitzende des Naturwissenschaftlichen Vereins für Bielefeld Hermann Nesenhöner zählte an einem warmen, sonnigen Apriltag 1950 rund 5.650 Strophen – oder sechs Stunden – Singen. Dabei sind Anhöhen wie Dachgiebel und Hausantennen mittlerweile genauso die Bühne des Hausrotschwanzes wie Gebirgsfelsen.
Fan von Stein und Nischen
Nicht umsonst war der Hausrotschwanz früher als „Gebirgsrotschwanz“ bekannt. Ursprünglich und ausschließlich war der Vogel des Jahres in steil abfallenden Felswänden in den Gebirgen Mittel- und Südeuropas zu Hause, wo er auch heute noch in Felsspalten und Höhlen nistet. Noch immer siedeln dort sowie in Osteuropa und Asien mehr Hausrotschwänze im Gebirge als in Siedlungen. Doch seit gut 250 Jahren erweitern sie ihren Lebensraum stetig. Zunächst in Gebirgs- und Flusstäler, dann auch in dichter von Menschen besiedelte Gebiete. Vom einsam gelegenen Hof über Weinberge und Industrieanlagen bis zur Stadt. Die durchschnittlich wärmeren Temperaturen im 19. Jahrhundert könnten dem wärmeliebenden Vogel bei seinem Weg nach Mittel- und Nordeuropa geholfen haben.
Damit ist der Hausrotschwanz wie Klatschmohn, Klee, Eichelhäher oder Eichhörnchen einer von vielen sogenannten Kulturfolgern. So bezeichnet man Pflanzen- und Tierarten, die dem Menschen in von ihm nutzbar gemachte, also kultivierte, Landschaften folgen: Äcker, Forste oder Siedlungen und Gebäude, je nachdem, was sie beispielsweise an Licht- oder Bodenverhältnissen oder Zufluchtsmöglichkeiten brauchen. Als Halbhöhlenbrüter findet er in Siedlungsbereichen zudem Nistmöglichkeiten. Statt an Felswänden baut er seine Nester in Spalten und Löcher an Häuserfassaden, unter Dachvorsprüngen und Brücken, in Holzstapeln oder Schuppen.

Dem Hausrotschwanz kommt dabei zugute, dass er keine hohen Ansprüche an seine Brutgebiete stellt. Steinig, trocken und warm sollte es sein, dann kann der Hausrotschwanz seine Nester in nahezu jede Nische und jeden Hohlraum bauen. Ein besonders abenteuerlustiges Pärchen schaffte es sogar, seinen Nachwuchs in einem Walskelett im Stuttgarter Naturkundemuseum großzuziehen. In der Regel nistet der Gebäudebrüter bei uns aber unter Dächern, in Mauerlöchern oder Schuppen. Darauf machte er auch mit seinem Jahresvogel-Wahlspruch „Mut zur Lücke“ aufmerksam: Der Hausrotschwanz ist, ähnlich wie Mauersegler oder Haussperling, darauf angewiesen, dass wir bei Neubauten und Sanierungen nicht alles zumauern. Wände und Dächer brauchen genügend Öffnungen oder Nisthilfen, dann ist davon auszugehen, dass sich der Halbhöhlenbrüter weiter bei uns ansiedelt.
Quirliger Insektenjäger
Insgesamt geht es dem neuen Vogel des Jahres in Deutschland gut. Er ist aktuell nicht gefährdet, gehört vielmehr zu den häufigen Brutvögeln, man geht von 800.000 bis zu einer Million Paaren aus. Dennoch oder gerade deshalb hat Deutschland eine besondere Verantwortung, dass das auch so bleibt. Neben Nistmöglichkeiten an Häusern können wir ihm vor allem mit naturnahen Gärten helfen, in denen er Insekten finden kann – seine Hauptnahrungsquelle.
Von den sogenannten Warten, die sie auch zum Singen nutzen, stürzen sich Hausrotschwänze blitzschnell auf ihre Beute. Als geschickte Flieger fangen sie teilweise kleine Schmetterlinge oder Fliegen direkt in der Luft. Meist aber stürmen sie Richtung Boden und erwischen dort kleine bis mittelgroße Insekten und Spinnen. Einmal auf der Erde hüpfen und picken sie munter herum, richten sich immer wieder schnell auf, um Gefahren (darunter beispielsweise Katzen) frühzeitig zu entdecken.

Auffälliger Mitbewohner
Ähnlich wie, aber noch häufiger als Rotkehlchen knicksen sie mit ihren Beinen. Ebenso charakteristisch ist der zitternde und vibrierende rostrote Schwanz. Auf menschliche Augen machen sie daher schnell einen nervösen, hektischen Eindruck, doch warum sie knicksen und zittern ist noch nicht erforscht. Mit Nervosität oder Bedrohung muss es aber nicht zwingend zu tun haben.
Das macht es den Wähler*innen und neu gewonnenen Fans des bis zu 15 Zentimeter großen Vogels leicht, Ausschau zu halten – und fündig zu werden. Bei nahezu jeder Vogelführung in der Stadt wird man ihn finden. Mit seiner agilen und lauten Art ist er aber auch in Gärten kaum zu übersehen und überhören. Die besten Chancen hat man zur Balzzeit im März und April, wenn die Hausrotschwanzmännchen laut singend den Weibchen imponieren – und mit wilden Flugattacken ihre Rivalen durch Garten und Co. verfolgen, um ihr Revier abzustecken.
Gesellige Typen sind Hausrotschwänze ohnehin nicht. Im Spätherbst machen sich die Mittelstreckenzieher allein auf und halten sogar an Sammelstellen wie Gewässern, Feldern oder Klippen einen angemessenen Abstand zueinander. Wenn sie überhaupt noch in Richtung europäischer Mittelmeerraum, Nordafrika oder Naher Osten ziehen. Immer mehr Vögel überwintern aufgrund der wärmeren Temperaturen mittlerweile bei uns, sodass man das ganze Jahr über gute Chancen hat, sie zu beobachten.
(Text überwiegend aus Naturschutz heute 4/24, Autorin: Lisa Gebhard)
So kannst du dem Hausrotschwanz helfen
Als Insektenfresser ist der Hausrotschwanz wie viele andere Arten vom Insektensterben betroffen. Wenn du einen Garten hast, hilft ihm daher die naturnahe Gestaltung. In Naturgärten finden Insekten bessere Lebensbedingungen und so der Hausrotschwanz mehr Futter. Mehr Gestaltungstipps und alles Wissenswerte zum naturnahen Garten
Dem Vogel des Jahres und anderen Halbhöhlenbrütern wie Bachstelze oder Grauschnäpper hilfst du mit Lücken und Nischen an Gebäudefassaden. Sie nisten an (Garten-)Häusern und öffentlichen Gebäuden genauso wie in Schuppen oder Holzstapeln. Solange sie dort genügend Erker, Nischen oder offenes Balkenwerk finden, wie es sie an älteren Häusern zuhauf gab. Wenn du in deiner Umgebung einen Mangel an Nischen beobachtest, kannst du mit selbstgebauten Halbhöhlennistkästen nachhelfen. Wenn du keine Lust oder Zeit zum Selberbauen hast, kannst du fertige Halbhöhlennistkästen auch im NABU-Shop kaufen.
Aktionsleitfaden Hausrotschwanz
Der Vogel des Jahres 2025 ist Botschafter für mehr Stadtnatur. Er steht für die zunehmende Wohnungsnot unserer Gebäudebrüter und für den Verlust grüner Flächen in unseren Siedlungen. Der Aktionsleitfaden bietet zahlreiche praktische Vorschläge für den Schutz des Hausrotschwanzes. Daneben bietet er Aktionstipps für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.


