Naturschutz nach der Flutkatastrophe

Eisvögel sind zurück im Ahrtal

Drei Jahre sind seit der Flutkatastrophe im Ahrtal vergangen. Dominierendes Thema ist zu Recht immer noch der Wiederaufbau der Region. Doch wie sieht es mit dem Naturschutz aus?
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Abgebrochene Häuser, umgedrehte Bahngleise, Schlamm und Geröll überall – Fotograf*innen, die nach der Flutkatastrophe 2021 ins Ahrtal reisten, sagten, sie haben sich wie in einem Film, aber nicht wie in Deutschland gefühlt. Doch das war kein Film, sondern bittere Realität. Die Flutkatastrophe tötete 134 Menschen, mehr als 750 wurden verletzt. Für die Menschen im Ahrtal blieben das Trauma und die Wut über den schleppenden Wiederaufbau. Ein anderer Blick ist der auf den Naturschutz in der Region. „Das Wort ‚Naturschutz‘ hat in den betroffenen Regionen einen sehr bitteren Beigeschmack erhalten“, sagt die Landesvorsitzende des NABU Rheinland-Pfalz, Cosima Lindemann. „Das vorherrschende Gefühl ist vermutlich eher: Wer schützt uns vor der Natur?“ 

Hochwasser werden häufiger

Laut Wissenschaftler*innen entsprach die Flut ungefähr jener von 1804 – das Wort „Hochwasserdemenz“ setzte sich durch. Man habe einfach vergessen, wie schlimm eine Flut im Ahrtal sein kann. Im Jahr 1804 lebten aber noch nicht so viele Menschen an der Ahr wie heute. Bauliche Anpassungen an Extremhochwasser, Maßnahmen beim Straßenbau, in der Landwirtschaft und im Weinanbau sind gefordert. Doch das geht langsam und kostet viel Geld. 

Einmalig war ein Sondervermögen von Bund und Ländern. Bislang wurden für die Wiederherstellung der allgemeinen kommunalen Infrastruktur in Rheinland-Pfalz Förderungen in Höhe von rund 880,4 Millionen Euro aus dem Aufbauhilfefonds bewilligt. 

Was bleibt: Hochwasserkatastrophen werden häufiger, wie sich auch in anderen Landesteilen Deutschlands in den vergangenen Monaten gezeigt hat. Auch Länder wie Italien und Schweiz waren beziehungsweise sind betroffen. „Ein Grad Erwärmung bedeutet knapp sieben Prozent mehr Wasser in der Atmosphäre, und das muss irgendwann irgendwo abregnen“, sagt die NABU-Expertin für Wasserpolitik, Diana Nenz. Je schneller der Klimawandel also voranschreitet, desto häufiger sind solche Ereignisse. Doch kann Naturschutz bei solchen Katastrophen hilfreich sein? „Werden natürliche Flusslandschaften wiederhergestellt, entstehen krisenfeste Flusssysteme, die die biologische Vielfalt und die Ressource Wasser sichern“, so Nenz. 

Je gerader, desto schneller

Werden Flüsse befestigt und begradigt, nimmt ihre Fließgeschwindigkeit zu und sie graben sich tiefer in die Landschaft hinein. Dadurch sinkt der Grundwasserspiegel und der Boden verliert seine Fähigkeit, Wasser zu speichern. Anstatt Flächen in der Stadt und auf dem Land wassersensibel zu bewirtschaften und das Wasser auf natürlichem Weg in der Stadt zu halten, wird es zentral in den Fluss abgeleitet. Verstärkt wird dieser Prozess durch die Versiegelung in der Stadt, aber auch durch verdichtete Böden aufgrund schwerer Nutzfahrzeuge in der Forst- und Landwirtschaft.  

Geben wir Flüssen wieder mehr Raum, entsiegeln die Flächen und schaffen mehr Grün, nähern wir uns dem natürlichen Wasserkreislauf an. Wie ein Schwamm nimmt die Landschaft das Wasser auf, speichert es und gibt es langsam an die umliegenden Flächen ab. Die Folgen von Extremwetterereignissen können deutlich abgemildert werden, und für die Bewässerung fallen weniger Kosten an. Bringen wir auch die Auwälder in einen natürlichen Zustand, können sie wichtige Ökosystemleistungen wie die Speicherung und Reinigung von Wasser wieder bereithalten.   

Im Ahrtal sollen solche sogenannten „Retentionsflächen“ nun geschaffen werden, beispielsweise in der Lohrsdorfer Aue, damit sich die Ahr dort ausbreiten kann, wenn nötig. Der Vorsitzende des NABU-Kreisverbandes Ahrweiler, Ingolf Dietrich, beobachtet die Entwicklungen in der Region sehr genau und schaltet sich auch bei den Landesbehörden ein. „Ich stimme überein, dass die Wiederaufbaumaßnahmen schneller vorangehen müssen, aber dafür, wie angedacht, den Naturschutz aufzuweichen, sehen wir kritisch“, so Dietrich. Langfristig müsse das Hand in Hand gehen oder zumindest kompensiert werden. 

Die Natur in der Region habe sich seit der Flut stark verändert. „Aufgrund der vielen Abbruchstellen und Kiesbänke brüten dort mehr Eisvögel, und ich sehe auf meinen Kartierungsausflügen vermehrt Flussregenpfeifer“, kommentiert Dietrich. Nicht schön sei dagegen, dass in Naturschutzgebieten wie im Ahr-Mündungsgebiet immer wieder Menschen Zelte, Lager oder Hütten aufbauen. „Da müssen wir sensibilisieren, dass das ein geschütztes Gebiet ist.“ 

Schwierig seien die Diskussionen zum Thema Totholz gewesen. Massen an Holz, zusammen mit den unzähligen Fahrzeugen bis hin zu ganzen Häusern, führten 2021 zu Engstellen und verstopften Brücken. Der Schluss jedoch, das Holz entlang der Ahr weitgehend zu entfernen, führt eher zur Verschlimmerung. „Auwälder sind wichtige Wasserschwämme, die in der Lage sind, große Mengen von Wasser in der Fläche zu halten. Bäume sind mit ihren Wurzeln ein wichtiger Bestandteil der Ufersicherung und dienen dem Erosionsschutz“, so Cosima Lindemann. 

Auch nach drei Jahren lässt sich noch nicht genau vorhersagen, wohin die Reise geht. Im Einklang mit dem Naturschutz zu arbeiten, würde allerdings auch den Menschen zugutekommen. 

Nicole Flöper (Naturschutz heute 3/24)

Ahrtal: Naturschutz nach der Flutkatastrophe - NABU