Aktueller Bericht zur Lage der Natur ist alarmierend
So steht es um die Natur in Deutschland
Um viele Vogelarten steht es schlecht
Zehn Millionen Brutpaare weniger – so viele Feldvögel sind in den letzten 40 Jahren verschwunden. Der Rückgang ist erheblich: Seit 1980 hat der Bestand an Feldvögeln um über ein Drittel (- 34 Prozent) abgenommen. Besonders betroffen sind die Agrar-Vogelarten – jene Arten, die in offenen, landwirtschaftlich genutzten Lebensräumen vorkommen, also vor allem Felder, Wiesen und Weiden. Doch genau diese Lebensräume sind durch die Intensivierung der Landwirtschaft zum Teil stark gefährdet.
Einige Beispiele zeigen den drastischen Rückgang deutlich: Die Population des Rebhuhn ist seit 1980 um 91 Prozent zurückgegangen, die Feldlerche hat weniger als die Hälfte der Brutpaare, die sie noch vor 40 Jahren hatte. Auch der diesjährige Vogel des Jahres, die Turteltaube, hat mit schwerwiegenden Verlusten zu kämpfen: Von einst über 150.000 Brutpaaren gibt es heute gerade mal noch gute 16.000.
Auch Bewohner feuchter Wiesen und Moore leiden unter dem fortschreitenden Verlust ihres Lebensraumes, so wie beispielsweise Braunkehlchen, Brachvogel, Uferschnepfe und Bekassine. Den traurigen Negativrekord hält in der aktuellen Auswertung jedoch der Kiebitz – sein Bestand ist um 93 Prozent eingebrochen.
Eine gute Nachricht gibt es aber: Der Gesamtbestand der Vögel in Wäldern und Siedlungen ist im gleichen Zeitraum weitgehend stabil geblieben.
Auch andere Arten unter Druck
Der starke Schwund der verschiedenen Vogelarten ist besorgniserregend. Doch auch die Populationszahlen anderer Arten laden nicht zum Aufatmen ein. In den kontinentalen und atlantischen Regionen - den beiden besonders relevanten biogeographischen Regionen in Deutschland – ist mehr als jede dritte Art in einem schlechten Zustand. Um es noch drastischer zu formulieren: Fast drei Viertel aller Arten sind entweder in einem unzureichenden oder schlechten Erhaltungszustand.
Mehr Verschlechterungen als Verbesserungen
Wie schon der Vogelschutzbericht, ist auch aus den Entwicklungen seit dem letzten FFH-Bericht von 2013 ein deutlicher Negativtrend zu erkennen. Das zeigt sich zum Beispiel bei den Säugetierarten: Insgesamt 25 von 37 Säugetierarten, die laut EU-Naturschutzrecht besonders schützenswert sind, befinden sich in einem schlechten oder unzureichenden Erhaltungszustand. Nur acht Arten können derzeit ihren günstigen Zustand halten, dazu gehören unter anderem der Baummarder, die Wasserfledermaus und der Biber (nur in der kontinentalen Region).
Ähnlich wie die Agrarvögel hat auch der Feldhamster mit den Auswirkungen der intensiven Landwirtschaft auf seinen Lebensraum zu kämpfen. Er befindet sich sowohl in der atlantischen als auch in der kontinentalen Region in einem durchgehend schlechten Erhaltungszustand – mit einem Gesamttrend, der sich noch verschlechtern wird.
Der Bericht zur „Lage der Natur in Deutschland“
Die Mitgliedsstaaten der EU müssen der EU-Kommission in Brüssel regelmäßig berichten, wie es um den Zustand all jener Arten und Lebensräume steht, die von den Europäischen Naturschutzgesetzen (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie und Vogelschutzrichtlinie) geschützt werden. Das Bundesamt für Naturschutz hat die bereits Ende 2019 und Anfang 2020 veröffentlichten Berichte (siehe Nationaler Vogelschutzbericht und Nationaler FFH-Bericht ) aufbereitet und die wesentlichen Erkenntnisse in einem Bericht zur „Lage der Natur in Deutschland“ vorgestellt.
Auch wenn Wölfe, Wildkatzen und Fischotter sich derzeit noch in einem schlechten Erhaltungszustand befinden, lässt sich in ihrer Populationszahl ein positiver Gesamttrend verzeichnen. Nicht so hingegen bei den 24 Fledermausarten: Ihre Erhaltungszustände sind bereits ausschließlich unzureichend. Für knapp die Hälfte (zehn Arten) sind die Prognosen schlecht. Für die 17 beobachteten Schmetterlingsarten zeichnet sich ein ähnliches Bild: Auch 13 von ihnen sind in schlechtem Erhaltungszustand, die meisten davon mit verschlechterndem Gesamttrend.
Besorgniserregend: Zustand der Lebensräume
In weiten Teilen Deutschlands sind mehr als 80 Prozent der Lebensraumtypen in einem ungünstigen Erhaltungszustand. Dies liegt vor allem an den Zuständen in den beiden biogeographisch wichtigsten Regionen Deutschlands - der kontinentalen und atlantischen. Lediglich in der flächenmäßig zu vernachlässigenden alpinen Region sieht es etwas besser aus.
Dort ist jedoch der Druck durch die Landnutzung auch nicht so hoch wie in den anderen beiden Regionen. Und schaut man genauer auf die Lebensräume im Umfeld der Gletscher zeichnet sich dort ebenfalls ein besorgniserregendes Bild: sie befinden sich in einem schlechten Zustand - eine Folge des Klimawandels.
Die großen Verlierer der Lebensraumtypen
Die Binnengewässer: Den deutschen Binnengewässern geht es schlecht. In der atlantischen und kontinentalen Region gibt es derzeit keinen einzigen Lebensraumtyp mit günstigem Erhaltungszustand. Auch fast alle Feuchtlebensräume des Offenlandes (Moore, Sümpfe, Quellen) befinden sich in einem ungünstigem Erhaltungszustand. Davon zeugt auch der schlechte Erhaltungszustand und verschlechternder Gesamttrend bei einigen Amphibien in der kontinentalen Region (zum Beispiel Geburtshelferkröte, Rotbauchunke, Gelbbauchunke, Kreuzkröte, Wechselkröte, Laubfrosch, Knoblauchkröte und Moorfrosch) und Krebstieren (beispielsweise Edelkrebs, Steinkrebs, Dohlenkrebs).
Das Grünland: Es gibt in der atlantischen Region keinen einzigen Grünland-Lebensraumtyp mehr, der einen günstigen Erhaltungszustand aufweist. In der kontinentalen Region ist lediglich ein Lebensraumtyp (6150), der sich im günstigen Erhaltungszustand befindet, jedoch kommt er außerhalb der Alpen nur auf kleinen Flächen im Hochschwarzwald oberhalb der Baumgrenze vor.
Meere und Küsten: Für Fachkundige und Interessierte leider keine große Überraschung - alle Lebensraumtypen der deutschen Ostsee befinden sich in einem ungünstigen Erhaltungszustand.
Nur kleine Lichtblicke
In der alpinen Region wurden Heiden und Gebüsche, Felsen und Schutthalden und fast alle Wälder als günstig bewertet. Kritisch ist aber auch in den Alpen die Situation der meisten Grünland-Lebensraumtypen.
Ausblick verheißt nichts Gutes
Neben dem aktuellen Zustand der Lebensraumtypen und Arten ist auch ihr Gesamttrend von Bedeutung. Mehr als ein Drittel der Arten und Lebensraumtypen verschlechtert sich weiter, ungefähr genau so viele bleiben stabil. Dabei muss beachtet werden: Ein stabiler Gesamttrend kann auch einen unzureichenden Erhaltungszustand meinen, der sich nicht noch weiter verschlechtert. Wirkliche Verbesserungen hingegen gibt es nur bei etwa jeder siebten Art und jedem zehnten Lebensraumtyp.
Die Ursachen
Die Gründe für den teils starken Rückgang der Arten sind mannigfaltig. Einer der Hauptgründe ist die Zerstörung ihrer Lebensräume - das spiegelt sich auch in den Erhaltungszuständen der Lebensraumtypen wider. Luft, Wasser und Boden werden zunehmend verschmutzt - dabei spielt die industrielle Landwirtschaft eine große Rolle. Auch die durch Infrastruktur zerschnittene Landschaften und die veränderte Landnutzung in Siedlungs- und Gewerbeflächen erschweren die Lage für einige Arten.
Die meisten Arten leiden unter der Intensivierung der Landwirtschaft. Immer größere Felder, die Ausweitung des Mais- und Rapsanbaus, weniger Restflächen wie Feldraine und Wegränder und der Wegfall von Brachflächen machen den Vögeln zu schaffen. Durch den großflächigen Einsatz von Pestiziden und Dünger gibt es keinen Platz mehr für Wildkräuter oder Insekten. So finden Feldvögel weniger Nahrung und Brutplätze.
Deutschland unter Druck
Bereits seit dem Jahr 2015 läuft ein Vertragsverletzungsverfahren wegen unzureichender Umsetzung der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie, das zuletzt im Februar noch einmal verschärft wurde. Bis zum 15. Juni hat Deutschland Zeit, eine Anklageerhebung vor dem Gerichtshof der Europäischen Union noch abzuwenden.