Interview mit Jörg-Andreas Krüger

„Es soll sich lohnen, für Natur und Landwirtschaft“

In ihrem Abschlussbericht empfiehlt die Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) der Politik grundlegende Veränderungen. NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger hat in der Kommission neun Monate lang mit verhandelt.
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Jörg-Andreas Krüger, das Abschlussdokument der Zukunftskommission vom 6. Juli 2021 liest sich stellenweise wie eine Bankrotterklärung der bisherigen Agrarpolitik. Vom NABU kann man so etwas erwarten. Mitgewirkt und unterschrieben haben unter anderem aber auch Spitzenvertreter aus dem Deutsche Bauernverband und dem Industrieverband Agrar.

Das zeigt, wie groß die Probleme der Landwirtschaft inzwischen sind. Nicht nur bei den Umweltauswirkungen, die uns als NABU besonders umtreiben, sondern ebenso wirtschaftlich und sozial. Die deutsche Landwirtschaft bewegt sich ja je nach Geschäftsmodell zwischen Hofladen und Weltmarkt. Man kann es also nicht über einen Kamm scheren. Aber das Gesamtsystem ist in seiner jetzigen Form nicht zukunftsfähig.

Dass man sich ehrlich macht und es eingesteht, ist dennoch ungewöhnlich.

Absolut. Im alltäglichen Lobbygetöse war das bisher sogar undenkbar. Da zeigt sich einer der großen Vorteile der ZKL: Wir waren „ad personam“ berufen, nicht als Repräsentanten der Organisationen, und haben hinter verschlossenen Türen getagt – und ohne die Politik. Also ohne Publikum, das man hätte beeindrucken müssen.

Die Interessengegensätze bleiben…

Klar, aber die Kunst ist es, nach Übereinstimmungen und gangbaren Wegen für Alle zu suchen. Das ist nicht einfach. Es wurde hart gerungen und vieles war bis kurz vor Schluss umstritten. Aber am Ende war es einstimmig, von den Milchviehhaltern über den Lebensmittelhandel bis zum Tierschutzbund.

Was sind denn die Übereinstimmungen?

Vor allem, dass es besser und nachhaltiger ist, wenn die Landwirtschaft durch eigene Leistung leben kann und nicht länger am Subventionstropf hängt. Die ZKL hat sich daher auch für die Umwandlung der bisherigen Direktzahlungen ausgesprochen. Mit den Geldern sollen künftig zielgerichtet ökologische Leistungen der Betriebe honoriert werden. Umwelt- und Naturschutzleistungen werden so von einer lästigen Auflage zu einem Einnahmezweig, der auf den einzelnen Betrieben ausgebaut werden kann.

Damit sind wir bei der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU. Deutschland kann ja nicht alleine umsteuern.

Es ist schon jetzt einiges möglich. So enttäuschend die jüngsten EU-Beschlüsse waren, in der nationalen Umsetzung wurde der Spielraum von Bund und Ländern noch nicht ausgeschöpft. Außerdem hat die Bundesregierung in Brüssel eine starke Stimme. Sie muss den Systemwechsel mit Priorität angehen, damit er in der Vorbereitung des nächsten Mehrjahresplans Wirklichkeit wird.

Ein EU-Ziel lautet „Landschaftsstrukturelemente, Saumstrukturen und nichtproduktive Flächen“ auf mindestens zehn Prozent der Agrarfläche.

Der NABU propagiert das schon lange. Unsere Offenlandschaften sind zu ausgeräumt. Die Diskussion in der Zukunftskommission wurde nicht so sehr darüber geführt, ob das erforderlich ist, sondern darum, wie die Finanzierung organisiert werden kann.

Die Kommission möchte mehr „kooperative Organisation von Agrarumweltmaßnahmen“. Was ist damit gemeint?

Bisher werden Lerchenfenster, Blühstreifen und ähnliches meist auf Ebene einzelner Betriebe angelegt und kontrolliert. Der bürokratische Aufwand ist hoch und manchem Betrieb fehlt zudem die Ausrüstung. Durch größere Zusammenschlüsse bei Agrarumweltmaßahmen soll das effektiver werden. Auch die örtlichen Naturschützer*innen sollen mit einbezogen werden, was bisher kaum der Fall ist. Das wird das gegenseitige Verständnis ebenso verbessern wie die Ergebnisse.

Mit der Abgabe der Empfehlungen ist die Arbeit der ZKL offiziell beendet. Wie geht es weiter?

Ich zitiere mal Prof. Peter Strohschneider, ZKL-Vorsitzender und langjähriger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft: „Wir haben ein äußerst strittiges Spannungsfeld systematisch sortiert. Wenn mögliche Koalitionäre diese Vorarbeit nutzen wollen, können sie sich viel Arbeit sparen.“

Die Fragen stellte Helge May. Aus „Naturschutz heute“ 3/21