Motor für die Kreislaufwirtschaft
Umweltfreundliche öffentliche Beschaffung
Ob Kindergartenneubau, Brückensanierung oder Kantinenessen – die öffentliche Hand vergibt täglich unzählige Aufträge. Diese summieren sich auf ein jährliches Volumen von etwa 350 Milliarden Euro. Die Tendenz ist steigend, denn in den nächsten Jahren stehen mit dem 2025 beschlossenen Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität zusätzliche 500 Milliarden Euro zur Verfügung. Jeder Einkauf hat Folgen – für Klima, Ressourcen und Umwelt: Bei der Herstellung, dem Konsum sowie der Entsorgung von Produkten werden Rohstoffe und Energie verbraucht, Abfälle erzeugt und klima- und umweltschädliche Emissionen verursacht. So wird geschätzt, dass die öffentliche Beschaffung der EU-Mitgliedstaaten für elf Prozent der europäischen Klimaemissionen verantwortlich ist. Im Baubereich geht sogar ein Viertel der Emissionen auf den öffentlichen Sektor zurück.
Umwelt schonen und nachhaltige Produkte fördern
Die öffentliche Hand sollte ihre Mittel gezielt für umweltfreundliche Produkte und Dienstleistungen einsetzen. Dazu zählen langlebige, wiederverwendbare, energiesparende und reparierbare Produkte – oder neue Geschäftsmodelle wie „Leihen statt Kaufen“. Auch klimafreundlich erzeugte Grundstoffe wie grüner Stahl und Zement spielen vor allem bei der Vergabe von Bauaufträgen eine große Rolle. Zusätzlich sind soziale Aspekte (zum Beispiel Fair Trade) relevant. Diese werden in Kombination mit ökologischen Kriterien als nachhaltige öffentliche Beschaffung bezeichnet.
Bund, Länder und Kommunen können mit ihrer Marktmacht den Markt für umweltfreundliche Produkte gezielt stärken. Noch sind nachhaltige Produkte häufig teurer als herkömmliche Alternativen – vor allem zu Beginn. Dies trifft etwa auf den Bereich der Kreislaufwirtschaft zu. So ist erdölbasiertes Neuplastik meist billiger als recycelter Kunststoff. Ähnlich ist es bei „grünem“ Stahl und Zement: Diese werden klimaneutral hergestellt, doch die Produktion ist derzeit noch teurer.
Eigentlich müsste nachhaltige Beschaffung längst Standard sein, denn die Bundesregierung hat sich Nachhaltigkeitsziele gesetzt, etwa in der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie, der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie und im Klimaschutzplan. Die Realität sieht jedoch anders aus: In nur 13 Prozent aller Vergabeprozesse werden nachhaltige Aspekte berücksichtigt. Meist zählt allein der Anschaffungspreis: Das billigste Angebot bekommt den Zuschlag – nicht das beste. Nachhaltige Alternativen bleiben dabei oft auf der Strecke.
Billig wird teuer – wenn man das große Ganze betrachtet
Für viele Vergabestellen ist der Preis nach wie vor das entscheidende Kriterium. Doch der Anschaffungspreis macht nur einen Teil der Gesamtkosten aus. Denn nach dem Kauf entstehen weitere Ausgaben, beispielsweise für Energie, Wartung oder Entsorgung am Ende der Nutzungsdauer. Betrachtet man alle Kosten über den gesamten Lebenszyklus, wird schnell klar: Langlebige, reparierbare und energie- oder wassersparende Produkte können sich trotz höherer Anschaffungskosten schnell auszahlen.
In diese sogenannten Lebenszykluskosten sollten zudem Umweltbelastungen eingepreist werden. Hierzu zählen die Treibhausgasemissionen, die durch die Herstellung, Nutzung und Entsorgung von Produkten entstehen. Damit das möglich ist, müssen die Umweltkosten in Geld umgerechnet werden – zum Beispiel über den CO₂-Preis. In der Praxis spielen die Lebenszykluskosten allerdings eine untergeordnete Rolle, da ihre Berechnung aufwendig und komplex ist. Das Umweltbundesamt bietet mit dem LCC-CO2-Tool eine Hilfestellung.
Umweltzeichen: Entscheidungshilfe für die Beschaffung
Viele Beschaffer*innen wollen nachhaltig einkaufen, wissen aber oft nicht, welche Produkte tatsächlich umweltfreundlich sind. Hier helfen Umweltzeichen – sie schaffen Orientierung und Vertrauen. Mit Umweltzeichen können Unternehmen nachweisen, dass ihre Produkte bestimmte ökologische Mindestanforderungen erfüllen, etwa mit Blick auf Schadstofffreiheit, ressourcenschonende Herstellung oder den Einsatz von Recyclingmaterial. Der Blaue Engel und das EU Ecolabel sind zwei bekannte Gütezeichen. In Deutschland tragen über 40.000 Produkte den Blauen Engel, europaweit sind mehr als 100.000 mit dem EU Ecolabel ausgezeichnet. Der NABU arbeitet als Mitglied der Jury Umweltzeichen an einer konsequenten Weiterentwicklung des Blauen Engels. Auch für Stahl und Zement wurden Standards und Kennzeichnungssysteme entwickelt, mit denen Unternehmen den CO₂-Fußabdruck ihrer Produkte ermitteln können.
Die Vergabestelle kann festlegen, dass das gewünschte Produkt mit dem Blauen Engel, dem EU Ecolabel oder einem gleichwertigen Umweltzeichen ausgezeichnet sein muss. Dadurch wird ein ökologischer Mindeststandard in der Beschaffung sichergestellt. Aktuell ist es den Vergabestellen meist freigestellt, ob sie Umweltzeichen berücksichtigen möchten. Aus dieser „Kann“-Regelung sollte jedoch dringend eine „Muss“-Vorgabe werden, um die Beschaffung von Produkten nach Umweltzeichen (sofern vorhanden) verpflichtend vorzuschreiben.
Mit gutem Beispiel voran: Umweltfreundliche Beschaffung in der Praxis
Die öffentliche Beschaffung unterliegt zahlreichen rechtlichen Bestimmungen. Bund, Bundesländer und Kommunen haben häufig jeweils eigene Vergaberegeln – mit unterschiedlich ambitionierten Anforderungen an eine umweltfreundliche Beschaffung. Die Bildergalerie zeigt eine Auswahl an Positivbeispielen:
Warum nachhaltige Beschaffung noch die Ausnahme ist
Noch ist die nachhaltige Beschaffung die Ausnahme – nicht die Regel. Die Gründe hierfür sind vielschichtig:
- Unklare gesetzliche Regelungen: Die vielen unklaren Regeln und Vorschriften sorgen dafür, dass die Behörden unsicher sind – und lieber beim Alten bleiben. Viele Verantwortliche wissen nicht, was rechtlich erlaubt ist.
- Fehlendes Wissen: Mitarbeitende benötigen klare Kriterien und Hilfen, um Angebote wirklich vergleichen zu können. Hierfür sind Umweltzeichen, Berechnungshilfen für Lebenszykluskosten oder anderweitige Bewertungskriterien notwendig. Diese gibt es jedoch nicht für alle Produkte.
- Ungeeignete Strukturen in den Vergabestellen: Eine ökologische Umgestaltung des Beschaffungswesens erfordert, dass festgefahrene Strukturen aufgebrochen werden. Bürokratie, Personalmangel und fehlende Unterstützung durch die Führungsebene bremsen den Wandel.
- Fehlendes Angebot an umweltfreundlichen Produkten und Mehrkosten: In vielen Bereichen fehlen noch grüne Alternativen – und wenn es sie gibt, sind sie oft teurer. Ein klassisches Henne-Ei-Problem, denn solange die Produkte nicht nachgefragt werden – etwa durch die öffentliche Hand – entwickelt sich kein Angebot.
Damit nachhaltige Beschaffung endlich zum Standard wird, schlägt der NABU folgende Maßnahmen vor:
Downloads
Datei-Pfad aus Imperia:
Download-Beschreibung: Stellungnahme: Öffentliche Beschaffung nachhaltig ausrichten (07/25)
Download-Link: /imperia/md/content/nabude/konsumressourcenmuell/250728_nabu-stellungnahme_vergabebeschleunigungsgesetz.pdf