Bei uns gibt es immer mehr Wildschweine. Was macht die Tiere so erfolgreich?

Im Schlaraffenland

Wildschweine sind heute überall, auch in der Nähe der Menschen. Sie tauchen in Einkaufsparks am Stadtrand auf, zerwühlen Vorgärten oder spazieren am helllichten Tag über den Marktplatz. Trotz Bejagung haben sich die Bestände seit Anfang der 90er Jahre explosionsartig vermehrt.
  • Artikel

Im Germanien von heute würden sich Asterix und Obelix vermutlich pudelwohl fühlen. Zwar hat die Zahl der Römerlager abgenommen, doch Wildschweine, bekanntlich die Nahrungsgrundlage der beiden gallischen Comic-Helden, gibt es mehr denn je.

Doch woran liegt das? Immerhin wurden in den vergangenen zehn Jahren deutschlandweit mehr als 6,3 Millionen Stück Schwarzwild geschossen. „Das ist viel zu wenig“, sagt Oliver Keuling, Biologe am Institut für Wildtierforschung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover, der sich auf Wildschweine spezialisiert hat. Die Jäger kämen einfach nicht mehr nach.

Ganzjahres-Sex und junge Mütter

„Unsere Wildschweine leben im Schlaraffenland“, erläutert Keuling, der selbst jagt. Das Klima werde milder und der Tisch sei das ganze Jahr über reich gedeckt: „Passt die Nahrungsgrundlage, steigt die Vermehrungsrate automatisch.“ Jungtiere, auch Frischlinge genannt, würden dann oft schon im ersten Lebensjahr geschlechtsreif.

Für gewöhnlich paaren sich Wildschweine im Winter. Die Paarungszeit beginnt bei uns im November und endet im Januar. Darauf sind Bachen, also ältere weibliche Tiere, hormonell gepolt, erläutert Keuling. Bei Frischlingsbachen ist das anders: Sie haben eine nur schwach ausgeprägte hormonelle Steuerung seien das ganze Jahr über paarungsbereit.

Aufschwung dank Raps und Mais

Nach einer Tragzeit von etwa vier Monaten – und damit bei den älteren Tieren pünktlich zum Beginn der Rapsblüte im April und Mai – bringt jede Bache im Schnitt sechs Junge zur Welt. Raps sei in dieser Zeit eine ideale Nahrungsquelle, sagt der Biologe: „Raps ist energie- und proteinreich, also genau das, was säugende Bachen brauchen.“

Jungtiere bleiben bei der Mutter bis die nächste Frischlingsgeneration zur Welt kommt. Die Mutterfamilie ist die kleinste soziale Einheit. Manchmal blieben die weiblichen Frischlinge des Vorjahres mitsamt ihrem eigenen Nachwuchs jedoch auch weiter bei der Mutter. Das sind Verbände von zehn bis zwanzig Tieren, die von der Urmutter als Leitbache geführt werden. „Innerhalb der Rotte bildet sich eine lose Hierarchie, an deren Spitze unangefochten die Leitbache steht“, erklärt Keuling. Die vorjährigen Frischlingsmännchen schließen sich dagegen in eigenen Rotten zusammen.

Vorsicht, wenn die Bache faucht!

Wildschweine gehen dem Menschen nach Möglichkeit aus dem Weg. Wer durch den Wald spaziert und sich dabei unterhält, wird keinem Wildschwein begegnen. Nur im Frühjahr, wenn die Frischlinge gerade zur Welt gebracht und noch hilflos sind, kann es zur Konfrontation kommen. Eine Bache, die das Gefühl hat, sie müsse ihren Nachwuchs verteidigen, reagiert mit Fauchen und Drohgebärden; ein Angriff ist möglich. Dann heißt es Ruhe bewahren und sich langsam zurückziehen.

Wildschweine, deren keilförmiger Schädel fast ansatzlos in einen massigen Rumpf übergeht, sind mit einem kräftigen Gebiss bewehrt. Mit Schulterhöhen bis zu einem Meter und Gewichten bis 200 Kilo zählen sie zu den größten Wildtieren hierzulande.

Fressen, was vor die Schnauze kommt

Ist der Raps verblüht und sind die Jungen groß genug, um mit der Rotte mitlaufen zu können, geht es zur Sommerfrische ins Maisfeld, wo die Tiere oft bis zur Ernte im Herbst bleiben. Maisfelder seien für Wildschweine zum zusätzlichen Lebensraum geworden, berichtet Keuling. „Im Mais finden sie alles, was sie brauchen: Nahrung, Deckung, Schutz vor Wind und Wetter.“

Im Herbst zieht es die Rotten dann wieder in den Wald. Dort gibt es jetzt Eicheln und Bucheckern, die Idealnahrung des Wildschweins. Insbesondere in Mastjahren, wenn die Bäume üppig Früchte tragen, kommen fast alle Tiere gut durch den Winter. Wildschweine sind Allesfresser. Für die Nahrungssuche, bei der ihnen ihre feine Nase hilft, durchwühlen sie den Boden nach Früchten, Knollen, Pilzen, Würmern, Schnecken und Insektenlarven; sie fressen allerdings auch die Gelege bodenbrütender Vögel und räubern Kaninchenbauten aus.

Mit ihrer Art der Nahrungssuche steigern sie die Artenvielfalt im Wald, denn in umgewühlten Böden keimen mehr Samen als in unberührten. Zudem tragen Wildschweine durch Samen, die im Winterfell hängenblieben und anderswo zu Boden fielen, zur Verbreitung vieler Pflanzenarten bei.

Vorbild Asterix und Obelix

Durch das Leben in freier Wildbahn, wo die Tiere sich ständig bewegen und nur fressen, was die Natur bietet, ist Wildschwein eine klimaneutrale Alternative zu Fleisch aus dem Supermarkt. Die radioaktive Belastung des Wildbrets, seit Tschernobyl ein Thema, sei mittlerweile nur noch regional ein Problem, sagt Oliver Keuling: „Betroffen sind vor allem Mittelgebirgsregionen in Süddeutschland.“

Wie Studien zeigen, ist Wildschwein-Fleisch gesund. Der Anteil wertvoller 0mega-3-Fettsäuren liegt mit 14 bis 21 Prozent ähnlich hoch wie bei Lachs. Das müssen Asterix und Obelix irgendwie geahnt haben. Im Lauf der Comic-Serie verspeist Obelix nachweislich 125 Wildschweine – die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen.

Hartmut Netz (Naturschutz heute 2020)