Die Oder gehört zu den außergewöhnlichsten Flüssen Europas. Auf ihrem Weg von Tschechien über Polen bis zur Ostsee verbindet sie Landschaften, Lebensräume und Arten über Ländergrenzen hinweg. Besonders entlang des deutsch-polnischen Grenzabschnitts hat sie sich Eigenschaften bewahrt, die vielerorts längst verloren gegangen sind: natürliche Dynamik, weite Auen und eine bemerkenswerte ökologische Durchgängigkeit: Während viele große Flüsse Europas durch Staustufen und Wehre zerschnitten wurden, können Fische und andere Wasserlebewesen die Oder noch über Hunderte Kilometer nahezu barrierefrei durchwandern. Diese Vernetzung macht den Fluss zu einem der letzten großen zusammenhängenden Lebensräume seiner Art in Mitteleuropa.

Eine Landschaft voller Vielfalt
Besonders eindrucksvoll zeigt sich die Oder dort, wo der Fluss regelmäßig über seine Ufer tritt. In den Auen entstehen Lebensräume, die ständig im Wandel sind: Feuchtwiesen, Auenwälder und Überschwemmungsflächen bilden ein eng miteinander verbundenes Mosaik. Diese Vielfalt schafft ideale Bedingungen für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten.
Ein herausragendes Beispiel ist der Nationalpark Unteres Odertal bei Schwedt. Die enge Verzahnung von Fluss, Auen, Altarmen und Feuchtgebieten macht das Untere Odertal zu einer der artenreichsten Flusslandschaften Deutschlands. Als Teil des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 spielt die Region zudem eine wichtige Rolle für den Erhalt der biologischen Vielfalt über Ländergrenzen hinweg.
Wichtiges Rast- und Überwinterungsgebiet
Kaum irgendwo wird die Bedeutung der Oder als Lebensraum so sichtbar wie während des Vogelzugs. Jedes Jahr nutzen Tausende Gänse, Enten und Watvögel die weitläufigen Auen als Rast- und Überwinterungsgebiet. Besonders beeindruckend sind die nordischen Singschwäne, die in den Wintermonaten ins Odertal ziehen. Das Untere Odertal zählt zu ihren wichtigsten Überwinterungsgebieten in Mitteleuropa.
Wer in den kalten Monaten an den Deichen unterwegs ist, erlebt eine Landschaft voller Bewegung und Stimmen. Die weiten Wasserflächen und überschwemmten Wiesen bieten Nahrung und Ruhe für zahlreiche Vogelarten und machen die Oder zu einem der bedeutendsten Vogelräume Mitteleuropas.
Auch besondere Naturphänomene gehören zur Oder. Bei strengen Wintern entstehen sogenannte „Brieger Gänse“: runde Eisschollen, die sich aus Eiskristallen am Flussgrund bilden und mit der Strömung treiben. Solche Erscheinungen erinnern daran, wie dynamisch und lebendig ein frei fließender Fluss sein kann.
Intakte Auen erfüllen darüber hinaus wichtige Aufgaben. Sie können Wasser speichern, Hochwasserspitzen abmildern und in Trockenzeiten Feuchtigkeit in der Landschaft halten. Damit leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Anpassung an die Folgen der Klimakrise.
Die Oder unter Druck
Doch auch die Oder ist kein unberührtes Naturparadies. Sie wurde in der Vergangenheit begradigt und verbaut. Hinzu kommen Belastungen durch Industrie, Landwirtschaft und den Klimawandel. Besonders deutlich wurde dies im Sommer 2022, als ein massives Fischsterben internationale Aufmerksamkeit erregte.
Auch wurde jahrelang über weitreichende Ausbaupläne diskutiert, die den Fluss für die Schifffahrt stärker regulieren und vertiefen sollten. Im Januar 2025 stoppte das Verwaltungsgericht Warschau die zum Ausbau der Oder. Ein wichtiger Erfolg für den Schutz des Flusses.





