Medienstar wider Willen: Der Eremit ist einer unserer berühmtesten Käfer

Verborgenes Leben im Mulm

Nicht viele Insektenarten können von sich behaupten, regelmäßig in den Nachrichten aufzutauchen. Als eine sehr seltene und europaweit strengstens geschützte Art schafft es der Eremit immer wieder, größere Bauprojekte ins Wanken zu bringen. Insbesondere im Rahmen von Stuttgart 21 erlangte die Art große Bekanntheit.
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Der auch als Juchtenkäfer bekannte Eremit ist ein stattlicher, glänzend dunkelbrauner bis schwarzer Käfer aus der Familie der Blatthornkäfer. Er erreicht eine Größe von 20 bis 40 Millimetern und besitzt die für diese Familie typische plump und bullig wirkende Körperform. Verwechseln kann man den Eremiten bei flüchtiger Betrachtung aufgrund ähnlicher Größe höchstens mit kleinen Weibchen des Hirschkäfers oder Nashornkäfern.

Nach neuen genetischen Untersuchungen scheint es sich bei unseren Eremiten eigentlich um zwei Arten zu handeln: die westlich verbreitete Art Osmoderma eremita und in Ostdeutschland die nah verwandte Osmoderma barnabita. Der Eremit gilt allgemein als eine Urwaldreliktart, also eine Art, die in ursprünglichen und ungestörten alten Wäldern lebt und nur noch sehr selten zu finden ist. Sein eigentlicher Lebensraum ist der oft über Jahrzehnte gewachsene Mulm in alten Baumhöhlen – meist eine Mischung aus verrottetem Holz, Pilzgeflechten, Exkrementen und weiteren Zersetzungsprodukten.

Gesucht: Uralte höhlenreiche Bäume

Um stabile Populationen aufbauen zu können, benötigt der Eremit Höhlen, die eine sehr große Mulmmenge aufweisen. Diese finden sich in dicken und daher meist sehr alten Bäumen, von denen es in unserer Kulturlandschaft immer weniger gibt. In Eichen bilden sich derartige Höhlen meist erst, wenn die Bäume ein Alter von rund 200 Jahren erreicht haben. Aber wo gibt es heute noch solche Bäume? In den Urwäldern früherer Zeiten standen die nächsten Höhlenbäume meist in unmittelbarer Nähe. Aktuell jedoch findet man solche Riesen in intensiv genutzten Wirtschaftswäldern nur noch vereinzelt. Mit etwas Glück lässt sich der Eremit dennoch in alten Alleen, auf Streuobstwiesen oder in historischen Parkanlagen entdecken, wo ein über Jahrzehnte ungestörter Altbaumbestand erhalten geblieben ist.

Die Larven des Eremiten benötigen für ihre Entwicklung drei bis fünf Jahre. In dieser Zeit leben sie ausschließlich in den mächtigen Mulmkörpern ihrer Baumhöhlen. Dort häuten sie sich mehrmals, bevor sie im Frühsommer zwischen April und Juni einen Kokon anlegen. Nach einigen Wochen schlüpfen die adulten Käfer, deren Lebensdauer nur wenige Wochen beträgt.

Ein Hauch von Aprikose

Der Eremit zeigt sich vor allem in den warmen Wochen des Hochsommers zwischen Juni und August. Anders als viele andere Käferarten verlässt er seine Baumhöhle jedoch nur ungern. Er gilt daher als standorttreu und wenig ausbreitungsfreudig. Nur an schwülheißen Tagen sitzen die Männchen am Eingang ihrer Baumhöhle und versuchen, Weibchen aus der Umgebung anzulocken. Einfach ist das nicht, denn Eremitenkäfer sind keine weiten Flieger. Stattdessen setzen die Männchen auf ihren unverwechselbaren Duft – eine süßlich-fruchtige Note, die an überreife Aprikosen oder an Juchtenleder erinnert und auch über größere Distanzen wirkt. Dieser Geruch ist in der Nähe bewohnter Bäume auch von Menschen wahrnehmbar, und für geschulte Nasen kann das ein erster Hinweis auf die Anwesenheit des Eremiten sein. Ein weiterer sind die typischen Kotpillen vor und in Baumhöhlen.

Europaweit streng geschützt

Aufgrund seines spezialisierten Lebensraumes steht der Eremit in Deutschland auf der Roten Liste der gefährdeten Arten und ist europaweit streng geschützt. Das bedeutet: Weder der Käfer noch seine Lebensräume dürfen beeinträchtigt oder zerstört werden. Eigentlich sollte das selbstverständlich sein – schließlich ist heute allgemein bekannt, welch großen naturschutzfachlichen Wert Totholz und alte Bäume für unsere Wälder und die Artenvielfalt besitzen. Doch vielerorts sieht die Realität anders aus: Aus Gründen der Verkehrssicherheit werden alte Bäume gefällt, Streuobstwiesen nicht mehr gepflegt, und historische Alleen verschwinden nach und nach durch Neupflanzungen.

Der NABU engagiert sich bundesweit für den Erhalt alter Bäume und eine strukturreiche Kulturlandschaft – wichtige Rückzugsorte auch für den Eremiten – und schreckt auch nicht davor zurück, bei Verstößen gegen das Bundesnaturschutzgesetz oder die FFH-Richtlinie rechtlich vorzugehen. So geschehen vor einigen Jahren im Havelland, als im Rahmen eines Straßenausbaus zahlreiche Bäume am Rande des Naturschutzgebiets Leitsakgraben gefällt wurden. Unter den Alleebäumen waren uralte Eichen, in denen bekannte Populationen des Eremiten und anderer streng geschützter Arten wie des Großen Rosenkäfers lebten. Auch wenn die Fällungen nicht rückgängig gemacht werden können, muss dafür gesorgt werden, dass so etwas nicht erneut passiert – und genau dafür setzt sich der NABU auch in Zukunft ein.

Sebastian Hennigs, aus „Naturschutz heute 4/25