Die Mehrgenerationenreise der Distelfalter
Schmetterlinge auf Europatour
Wer ständig unterwegs ist und dabei weit herumkommt, darf nicht wählerisch sein und zum Beispiel erwarten, dass ihm überall seine Lieblingsdiät serviert wird. Distelfalter findet man daher in fast allen offenen Lebensräumen einschließlich Gärten und dort saugen sie Nektar, wo es nur eben geht. Gerne besuchen sie Disteln, insofern stimmt der Name. Das liegt aber daran, dass Disteln wie Karden eine gute sommerliche Nektarquelle sind, die von vielen weiteren Insekten angeflogen werden.
Eine bunt geschminkte Dame
Im englischen heißt der Schmetterling mit dem wissenschaftlichen Namen Vanessa cardui (Carduus = Distel) „Painted Lady“. Tatsächlich sind Distelfalter ziemlich stark geschminkt, oberseits mit viel Rouge, das zwischen rosa und rostrot schwankt. Dazu kommen viele schwarze Flecken, an den Vorderflügelspitzen zusätzlich ein paar weiße. Auf der Unterseite der Hinterflügel sieht man fünf augenartige Flecken.
Auch die Raupen haben ein breites Nahrungsspektrum. Während viele andere Arten manchmal nur von einer einzigen Pflanzenart fressen, knabbern Distelfalterraupen vor allem an Disteln und Kratzdisteln aller Art, genauso an Brennnesseln, Malven, Schmetterlingsblütlern und Korbblütlern.
Die meisten Distelfalter überwintern im subtropischen und tropischen Afrika. Von dort aus fliegen sie ans Mittelmeer, wo sich die nächste Generation bildet. Diese bricht weiter nach Norden auf und erreicht Mitteleuropa, in einer dritten Generation auch Skandinavien und das Baltikum. Am Ende einer Etappe sieht man den Tieren die lange Reise an, oft sind die zarten Flügel stark zerzaust.
Nicht alle Details der Distelfalter-Wanderflüge sind bereits erforscht. Fest steht, dass der Zyklus über mehrere Generationen geht. Anders als etwa bei Zugvögeln flattert also nicht derselbe Falter von Afrika nach Europa und wieder zurück. Die Zielgebiete der Herbst-Rückreise reichen von Westafrika bis ins äthiopische Hochland. Dieser Rückflug geschieht meist innerhalb einer Generation, so dass die einzelnen Falter 4000 Kilometer zurücklegen – die weltweit längste bekannte Non-Stop-Insektenwanderung.
Masseneinflüge gab es zuletzt 2009 und 2019. Dabei lassen sich während des Zuges in einer Stunde Dutzende oder auch mal über hundert Falter beobachten. Die Grund-Zugrichtung dürfte bei den Distelfaltern genetisch vorgeprägt sein, sonst würde die Migration nicht generationenübergreifend funktionieren. Laborversuche mit Kunstlicht zeigen, dass sich die Falter im Flug weitgehend an der Sonne orientieren. Passt die Grundrichtung, fliegen Tiere gerne entlang von Landschaftsstrukturen.
Da es für die Invasionen keinen festen Rhythmus gibt, stellt sich jedes Jahr die spannende Frage, wann die ersten Distelfalter bei uns eintreffen und wie viele es sind. Insektenfreud*innen sind daher aufgerufen, ihre Sichtungen zu melden, seien es Zufallsbegegnungen oder gezielte Nachsuche. So wird man nicht nur Zeuge eines faszinierenden Naturschauspiels, sondern hilft auch mit, es zu dokumentieren.