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Jetzt NABU-Mitglied werden!Was können Nature Credits leisten?
Der NABU erklärt und analysiert das Potenzial
Licht am Horizont - Foto: NABU/Artur Keil
Mit Hilfe von Nature Credits, also sogenannten Naturgutschriften, sollen Natur und Ökosysteme besser geschützt und wiederhergestellt werden. Aktuell zeigt sich, dass Renaturierungs- und Naturschutz-Projekte nicht immer ausreichend finanziert sind. Es werden daher zusätzliche Gelder benötigt, beispielsweise in Form von privaten Mitteln. Eine Möglichkeit zur Finanzierung können also Nature Credits sein. Wir zeigen im Folgenden Chancen und Grenzen dieser auf.
Inhalt
1. Was sind Nature Credits?
2. In welchem Verhältnis stehen sie zu Carbon Credits und Offsets?
3. Wie funktionieren Nature Credits?
4. Wie sieht der bisherige Markt für Nature Credits aus?
5. Was bräuchte es für einen funktionierenden Markt?
1. Was sind Nature Credits?
Nature Credits werden in der Literatur überwiegend als handelbare Einheiten definiert, die mess- und nachweisbare positive Biodiversitätsergebnisse repräsentieren. Sie finanzieren so Naturschutz und -Wiederherstellungsprojekte.
Trotz intensiver Debatte besteht bislang kein Konsens hinsichtlich Definition und Terminologie, sodass verschiedene Begriffe (zum Beispiel Biodiversity Credits, Biodiversity Certificates) weitgehend synonym verwendet werden.
2. In welchem Verhältnis stehen sie zu Kompensation und Carbon Credits?
Ein zentraler konzeptioneller Unterschied besteht zu verpflichtenden kompensatorischen Gutschriften (Offsets / in Deutschland Ökopunkte), die als letztes Mittel der Schadensminderungshierarchie (Vermeidung, Minimierung, Wiederherstellung vor Ort und erst dann Kompensation/Offsetting) verbleibende Restschäden ausgleichen sollen. Nature Credits zielen dagegen auf die Finanzierung zusätzlicher, über Kompensation hinausgehende, Biodiversitätsgewinne ab und sind damit auf das Ziel der Naturpositivität ausgerichtet. In der Praxis erweist sich diese konzeptionelle Trennung als schwer haltbar.
Gegenüber Kohlenstoffmärkten bestehen strukturelle Parallelen im grundsätzlichen Aufbau und der dahinterliegenden Logik einer zertifizierten Umweltleistung als Möglichkeit für Unternehmen, ihre Nachhaltigkeitsperformance zu verbessern. Gleichzeitig gibt es erhebliche Unterschiede bei Messbarkeit und Standardisierung, sodass die Übertragbarkeit von Erfahrungen nur begrenzt möglich ist.
Die wichtigsten Schritte:
Nature Credits nur als Ergänzung zu starker Naturschutzregulierung sinnvoll
Debatten über Nature Credits und potenzielle Märkte dürfen nicht als Vorwand dienen, um öffentliche Mittel für den Naturschutz zu kürzen. Aufgrund der nach wie vor großen Unsicherheiten des neuen Marktes, bei gleichzeitig stetig steigendem Bedarf durch die fortschreitende Naturzerstörung, sind mehr statt weniger staatliche Mittel für den Naturschutz erforderlich. Entscheidend ist eine kohärente Einbettung in einen breiteren Policy-Mix.
Nature Credits können regulatorische und fiskalische Instrumente nicht ersetzen, sondern sind als komplementäres, konditionales Instrument zu verstehen, dessen Wirksamkeit von seiner Einbettung in eine kohärente Governance auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene abhängt.
Vorrangig sind die Abschaffung naturschädlicher Subventionen, eine substanzielle Aufstockung der öffentlichen Finanzierung sowie ordnungsrechtliche Instrumente zur Begrenzung schädlicher Praktiken.
Die Einhaltung der Schadensminderungshierarchie ist eine zentrale Voraussetzung zur Wirksamkeit von Nature Credits
Aus Naturschutzperspektive ist es beim Einsatz von Nature Credits und Offsets zentral, die Schadensminderungshierarchie konsequent einzuhalten. Nur so kann sichergestellt werden, dass sie tatsächlich zu zusätzlichen und glaubwürdigen Biodiversitätsgewinnen beitragen. Werden Vermeidung, Minimierung und Wiederherstellung vor Ort nicht strikt priorisiert, besteht die Gefahr, dass Nature Credits de facto als Ersatz für notwendige Maßnahmen dienen und somit Eingriffe in die Natur legitimieren, anstatt diese zu verhindern.
Gerade weil die Abgrenzung zwischen freiwilligen Nature Credits und kompensatorischen Offsets in der Praxis oft verschwimmt, ist eine klare Anwendung dieser Hierarchie unerlässlich. Nur so lassen sich Fehlanreize, Greenwashing und eine Überbewertung von Maßnahmen vermeiden. Nur wenn Nature Credits strikt ergänzend eingesetzt werden und nicht zur Rechtfertigung fortgesetzter Eingriffe dienen, können sie ihr Potenzial entfalten und echte Positivbeiträge für die Natur leisten.
Einfach gesagt: Wie funktionieren Nature Credits? - Grafik: NABU (Teile der Grafik wurden mit KI erstellt)
Funktional basieren Nature Credits auf einem projektbasierten Ansatz: Projektentwickler*innen akquirieren finanzielle Mittel von Käufer*innen oder Investor*innen, um konkrete Naturschutzmaßnahmen umzusetzen.
Diese Maßnahmen orientieren sich in der Regel an etablierten Standards sowie methodischen Vorgaben zur Messung, Berichterstattung und unabhängiger Verifizierung der erzielten Biodiversitätseffekte, die von privaten Akteur*innen und/oder staatlichen Institutionen vorgegeben werden können. Konzeptionell lassen sich Nature Credits vereinfacht darstellen als:
1 Nature Credit = X Maßnahme/Ergebnis über Y Fläche für Z Jahre.
Nature Credits können dabei grundsätzlich zwei Formen von Natur- und Biodiversitätsgewinnen abbilden: den Schutz und vermiedenen Verlust bestehender Ökosysteme (Conservation/Avoided Loss) sowie die Verbesserung oder Wiederherstellung degradierter Systeme (Restoration/Uplift).
4. Wie sieht der bisherige Markt aus?
Weltweit ist der derzeitige Markt für Nature Credits zwar dynamisch, aber sehr fragmentiert. Inzwischen wurden diverse freiwillige Systeme entwickelt, die sich aber teilweise erheblich hinsichtlich ihrer Methodiken, Laufzeiten und Governance-Ansätzen unterscheiden.
Das gilt auch für den europäischen und deutschen Kontext. Hier ergeben sich zusätzliche Herausforderungen in einer möglichen Anwendung, etwa durch kleinteilige Landnutzungsstrukturen und benötigte langfristige Verpflichtungen der Landnutzer*innen. Im Jahr 2025 wurden in freiwilligen Märkten lediglich Transaktionen in Höhe von fünf Millionen US-Dollar getätigt.
Aktuelle Studien zeigen hingegen, dass im verpflichtenden Nature Offset Markt in den USA jährlich Volumina in Höhe von rund 3,6 Milliarden US-Dollar gehandelt werden. Der Kompensationsmarkt in Deutschland bewegt sich wohl auf ähnlichem Niveau, leider gibt es keine genauen Daten hierzu. Das zeigt, dass in den meisten Ländern die Einhaltung gesetzlicher Vorschriften der wichtigste Nachfragefaktor ist.
5. Was bräuchte es für einen funktionierenden Markt?
Die Wirksamkeit von Nature Credits hängt entscheidend von klaren Governance Strukturen und politischer Einbettung ab. Funktionierende Nature-Credit-Märkte erfordern verbindliche und klare Regeln für nach dem Kauf erlaubte Aussagen/Claims, Registrierung der Credits, unabhängige Prüfung sowie transparente Monitoring-, Reporting- und Verifikationssysteme (MRV). Fehlanreize auf Angebots- und Nachfrageseite und Interessenskonflikte bei Zertifizierungen, fehlende Transparenz/Informationsverfügbarkeit und unzureichende staatliche Kontrolle können zur Überzertifizierung führen und erhöhen die Gefahr minderwertiger Credits und Greenwashing.
Als Lösungsansätze werden starke staatliche Aufsicht, unabhängige (Prüf-)Institutionen, transparente Register sowie strengere Anforderungen an Unternehmensverhalten und -Aussagen diskutiert. Darüber hinaus hängt die Entwicklung von Nature-Credit-Märkten stark von ihrer Einbettung in bestehende Regulierung und Rahmenwerke ab (beispielsweise CSRD).
Was geschieht auf politischer Ebene in Brüssel?
Aktuell gewinnen Nature Credits auch auf EU‑Ebene stark an politischer Bedeutung: Mit der im Juli 2025 veröffentlichten „Roadmap towards Nature Credits“ hat die Europäische Kommission einen Prozess angestoßen, um einen europaweiten Rahmen für glaubwürdige und standardisierte Nature Credits zu entwickeln und private Investitionen in Naturschutz gezielt zu mobilisieren. Parallel arbeitet eine eigens eingesetzte Expert*innengruppe mit der Kommission, bei der auch der NABU Mitglied ist, an zentralen Fragen wie Methodik, Zertifizierung, Marktregeln und Governance, während Pilotprojekte konkrete Ansätze erproben.
Die Debatte ist dabei von dem Spannungsfeld geprägt, einerseits dringend benötigte zusätzliche Finanzmittel für Biodiversität zu erschließen, andererseits aber hohe ökologische Integrität, klare Regeln und die Vermeidung von Greenwashing sicherzustellen. Insgesamt zeichnet sich ab, dass Nature Credits als ergänzendes Instrument in die bestehende EU‑Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik (zum Beispiel Wiederherstellungsverordnung, CRCF sowie CSRD‑Kontext) eingebettet werden sollen und in den kommenden Jahren weiter konkretisiert werden.
Was geschieht auf politischer Ebene in Berlin?
Ein eigenständiger, klar definierter Rahmen oder nationale Standards für Nature Credits existiert in Deutschland, anders als in Frankreich oder Finnland, nicht. Gleichzeitig bieten die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung und Kompensationsverordnung mit ihrem etablierten Ökopunktesystem grundsätzlich anschlussfähige Strukturen, auf denen zukünftige Nature-Credit-Modelle aufsetzen könnten. Denn dazu gibt es sogar schon erste praxisnahe Ansätze: So ermöglichen etwa freiwillige Käufe und direkte Stilllegung von Ökopunkten eine erste Möglichkeit, das System unabhängig von seiner Kompensationslogik für naturpositive Beiträge zu nutzen. Auch Initiativen wie der Klimafonds Baden-Württemberg versuchen, wie natur- und klimabezogene Maßnahmen durch den Verkauf einer sogenannten Naturprämie and die Privatwirtschaft finanziert und umgesetzt werden können.
Passend dazu wird aktuell im Zuge der geplanten Anpassung der Kompensationsverordnung durch das Gesetz zur Natürlichen Infrastruktur auch eine Weiterentwicklung der naturschutzrechtlichen Eingriffsregelung im Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) diskutiert, die darauf abzielt, bestehende Instrumente wie die Ökopunkte-Systematik flexibler zu gestalten und perspektivisch stärker für freiwillige, naturpositive Ansätze zu öffnen.
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