Recht auf saubere Luft
Luftverschmutzung ist eine erhebliche Gesundheitsgefahr
Neben natürlichen Quellen wie Vulkanausbrüchen, Saharastaub und Waldbränden ist unreine Luft vor allem menschengemacht. Luftschadstoffe entstehen zu großen Teilen bei Verbrennungsprozessen – durch Emissionen aus Verkehr, Industrie, Energieerzeugung, (Holz-)Heizungen in Haushalten, Landwirtschaft und Schifffahrt. Es qualmt aus Auspuffen und Schornsteinen, Rußfilme bedecken Häfen und ihre Umgebung. Zu den Luftschadstoffen zählen Ruß, Feinstaub, Schwefeldioxid und Stickoxide.
Rauchender Schornstein - Foto: Helge May
Für Letztere ist der Verkehr in Deutschland der größte Treiber: 37 Prozent der Stickoxidemissionen entstanden 2023 laut Umweltbundesamt (UBA) allein auf den Straßen. Bei Feinstaub sind sowohl der Verkehr als auch Holzheizungen die größten „Befeuerer“. Ihr Anteil lag gemäß UBA-Erhebungen je bei rund 20 Prozent. In den Küstenregionen Westeuropas ist die Schifffahrt dem Helmholtz-Zentrum Hereon zufolge für bis zu 30 Prozent der Stickstoffdioxidemissionen in der Luft verantwortlich.
Kein sicherer Hafen?
Der NABU kämpft für reine Luft. Wichtige Stellschraube dabei: die Schifffahrt. Laut Malte Siegert, Vorsitzender des NABU Hamburg, „ein bedeutendes, aber massiv unterschätztes Thema für Mensch und Natur“. Denn Schadstoffe wie Stickoxide und die europäisch nicht regulierten ultrafeinen Partikel, die noch kleiner sind als Feinstaub, werden je nach Windlage bis zu 400 Kilometer ins Innenland getragen. „Ein Schiff, an Land gezogen, würde angesichts strenger europäischer Gesetzgebung unmittelbar stillgelegt werden“, so Siegert. Das Problem sieht er in der lascheren internationalen Regulierung, die der maritimen Wirtschaft deutlich weniger abverlangt.
Dennoch hat der NABU bereits viel erreicht: Fehlte, so Siegert, lange die gesellschaftliche Wahrnehmung für das Problem, stehe es heute „nicht nur auf der deutschen oder europäischen, sondern auch auf der internationalen Tagesordnung“. Der NABU macht sich für bessere Regulierung, wirkungsvolle technische Lösungen und emissionsarme Kraftstoffe stark. „Heute ziehen NABU, Politik und maritime Wirtschaft verstärkt an einem Strang.“ Ein Emissionskontrollgebiet (ECA) im Mittelmeer, Landstromanlagen für Kreuzfahrt- und Handelsschiffe wie in Hamburg oder Kiel, die das Ausschalten der Motoren während der Liegezeit ermöglichen, deutsche Kreuzfahrtreedereien wie AIDA, TUI Cruises oder Hapag Lloyd mit deutlich mehr Ambitionen bei der Luftreinhaltung – all das geht, so Siegert, direkt auf das 15-jährige Engagement des NABU in der Schifffahrt zurück.
Noch Luft nach oben
Defizite gibt es nach wie vor beim Verkehr allgemein und beim Heizen, den größten Quellen für Feinstaub in Deutschland. Nikolas von Wysiecki, NABU-Experte für Klima und Verkehr, sagt: „Oft wird vergessen, dass die Elektromobilität nicht nur die effizienteste Antriebsform für das Auto ist, sondern auch die beste aus Luftreinhaltungssicht.“ Scheinlösungen wie biogene Kraftstoffe oder E-Fuels führten weiterhin zu Schadstoff- und Feinstoffemissionen. Bei Elektro und auch Wasserstoff sei das nicht der Fall. „Bessere Rahmenbedingungen für die Elektromobilität sorgen auch dafür, dass sich die Luft in Ballungsräumen verbessert.“
Wetter-Apps: Wie rein ist die Luft?
Das verrät der Air Quality Index (AQI), auf Deutsch Luftqualitätsindex (LQI). Niedrige Werte stehen für saubere Luft, hohe für stärkere Belastung. Der Index ist keine einheitliche Maßeinheit, sondern eine Skala. Je nach Anbieter kann sie variieren, ähnlich wie Wetterprognosen. Einige Anbieter verwenden den US-AQI (0 = „sehr gut“, 500 = „extrem schlecht“). Das UBA berechnet den deutschen LQI: An über 400 Stationen misst es Stickstoffdioxid, Ozon und Feinstaub (PM10 und PM2,5), ordnet sie in fünf Farbstufen von hellgrün („sehr gut“) bis dunkelrot („sehr schlecht“) ein und gibt Empfehlungen. Das UBA bietet eine eigene App namens Luftqualität für Android und iOS an, auf der man sich über die aktuelle Lage informieren kann.
Beim Thema Heizen warnt Michaela Kruse, NABU-Expertin für Bioenergie: „Vor allem Kaminöfen sind wahre Feinstaubschleudern. Das meiste Holz in Deutschland wird im privaten Bereich verbrannt, noch dazu meist Buchen-Scheitholz. Da unsere Buchenwälder sehr wichtige CO2-Speicher sind, schadet das dem Klima.“ Deshalb ruft sie dazu auf, Kamine und andere Holzheizungen sehr bewusst zu nutzen, am besten nur als Notnagel für sehr kalte Tage. Den Rest des Jahres könne eine Wärmepumpe problemlos für gemütliche Temperaturen sorgen. „Das ist gut für Klima, Gesundheit und Wälder.“
Ein Blick zurück
Rußgeschwärzte Wäsche, giftiger Industriesmog, der den Himmel über dem Ruhrgebiet verdunkelt und zahlreiche Menschenleben kostet; Willy Brandts Forderung in den 1960ern: „Der Himmel über der Ruhr soll wieder blau werden.“ Saurer Regen, verursacht durch große Mengen Schwefeldioxidemissionen, und daraus resultierend das Waldsterben in den 1980er Jahren: Seit diesen Umweltkatastrophen ist in Sachen Luftqualität viel passiert. Viele giftige Stoffe wurden verboten, Filter verbaut, Produktionsverfahren umgestellt, Grenzwerte und Gesetze eingeführt, Umweltzonen geschaffen, öffentlicher Nahverkehr und Radverkehr gefördert.
Mit Erfolg: 2022 schrieb das UBA, Deutschlands Luftschadstoffemissionen seien auf einem „Rekordtief“. Schwefelverbindungen verzeichneten 2020 einen Rückgang von 96 Prozent gegenüber 1990. Bei den Stickstoffoxiden waren es 66, beim Feinstaub 60 Prozent. 2024 wurden hierzulande erstmals alle Grenzwerte der EU-Luftqualitätsrichtlinie eingehalten. Für Feinstaub war es bereits das siebte Jahr in Folge. Laut UBA-Präsident Dirk Messner „kein Selbstläufer“, sondern „Ergebnis gezielter Luftreinhaltemaßnahmen auf Ebene der EU, des Bundes, der Länder und Kommunen“, vor allem durch die Abgasnachbehandlung wie Partikelfilter, schärfere Abgasnormen, Geschwindigkeitsreduzierungen und die Elektrifizierung des ÖPNV.
Ende 2024 trat die überarbeitete EU-Luftqualitätsrichtlinie in Kraft, die in Anlehnung an die neuen WHO-Empfehlungen strengere Grenzwerte vorschreibt. Das Stickstoffdioxid-Jahresmittel etwa sinkt von aktuell 40 auf 20 µg/m³ und der Feinstaubgrenzwert PM2,5 von aktuell 25 auf 10 µg/m³. Ab 2030 werden die strengeren Grenz- und Zielwerte bindend.
Und das Ozonloch?
Das Ozonloch existiert noch, ist aber kleiner geworden. Zum Weltozontag am 16. September teilte die Weltwetterorganisation (WMO) mit: 2024 war das Loch 22,4 Millionen Quadratkilometer groß. Klingt riesig, ist es auch – gehört aber zu den kleineren Ausprägungen. Zum Vergleich: Der Höchstwert lag 2000 bei 29,9 Millionen Quadratkilometern. Der WMO zufolge befindet sich die Ozonschicht im „Heilungsprozess“ und „wird sich bis Mitte dieses Jahrhunderts voraussichtlich auf das Niveau der 1980er Jahre erholen“. Neben natürlichen Fluktuationen trug auch die strenge Regulierung der ozonschädigenden Fluor-Chlor-Kohlenwasserstoffe (FCKW) der vergangenen Jahrzehnte dazu bei: Die Stoffe, einst in Kühlgeräten, Feuerlöschschaum oder Haarspray, wurden nach WMO-Angaben zu 99 Prozent aus dem Verkehr gezogen.
Und was ist mit dem sogenannten bodennahen Ozon, das durch chemische Reaktionen zwischen Vorläufersubstanzen wie Stickstoffoxiden und UV-Strahlung entsteht? Seine Spitzenkonzentrationen sanken seit Mitte der 1990er Jahre laut UBA deutlich, die Jahresmittelwerte stiegen in städtischen Gebieten aber tendenziell. Immerhin: 2024 wurden auch hier die Grenzwerte an allen Messstationen in Deutschland eingehalten.
Carina Neumann-Mahlkau
Im Interview erklärt Ökotoxikologin Anja Behrens, warum wir im Kampf gegen Luftverschmutzung auch in Zukunft keine Verschnaufpausen einlegen dürfen. Sie arbeitet beim Umweltbundesamt in der Abteilung Umweltmedizin und gesundheitliche Bewertung. Mehr →
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