Nosferatuspinne mit dem namensgebenden Vampir-Umriss auf dem Kopf - Foto: Robert Pfeifle/NABU-naturgucker.de
Wer hat die Nosferatuspinne gesehen?
Wohliges Gruseln: Wie eine lange Zeit unbekannte Art plötzlich groß Karriere macht
Das hat niemand kommen sehen. Nur 20 Jahre ist es her, dass die Nosferatuspinne zum ersten Mal in Deutschland gesichtet wurde. Wie oft bei Arten, die sich von Süden ausbreiten, nahm sie zunächst im äußersten Südwesten in Freiburg Quartier. Von dort wanderten die Nosferatuspinnen langsam das Rheintal entlang nach Norden, wahrscheinlich nicht aus eigener Kraft, sondern als blinde Passagiere auf Schiffen, per Bahn oder Auto.
Trotz der Ausbreitung gab es bis Sommer 2022 bundesweit nur wenige hundert Nachweise. Aber langsam fing Nosferatu an aufzufallen. Mit rund anderthalb Zentimetern Körperlänge sowie einer Beinspannweite von fünf Zentimetern ist die Spinne recht groß und bei uns kommt sie vor allem in Gebäuden vor. Also begannen Menschen, Videos von ihren auffälligen Mitbewohnern zu posten. Bei Naturkundemuseen und beim NABU häuften sich die Anfragen, was es mit dem Tier denn auf sich hat.
Der NABU gießt Öl ins Medienfeuer
Allzu viel wusste man über die Spinne auch beim NABU nicht. Deshalb holte der Landesverband Baden-Württemberg die Citizen-Science-Profis von NABU|naturgucker an Bord, die rasch eine Nosferatu-Melde-App programmierten. Am 30. August 2022 rief der NABU per Pressemitteilung dazu auf, nach der Spinne zu suchen, und wortwörtlich über Nacht wurde die Nosferatuspinne zum Medienstar. Zeitungen, Radio, Fernsehen und Onlineportale rissen sich um das Thema und die Leute machten mit. Zeitweise gingen täglich tausend Beobachtungen ein, schon nach sechs Wochen waren es mehr als 20.000.
Auch heute noch, dreieinhalb Jahre später, gehört die Nosferatuspinne auf dem Portal NABU-naturgucker.de zu den meistgemeldeten Arten. Ihr Beispiel zeigt eindrucksvoll, dass nicht nur Tiere mit großen Augen oder kuschligem Fell das Zeug zum Publikumsliebling haben. Es ist die Faszination des Unbekannten, vor allem aber ein leichtes Gruseln, das mit der Spinne einhergeht. Sie ist nicht wirklich gefährlich, kann aber anders als die meisten heimischen Spinnen mit ihrem Biss die menschliche Haut durchdringen. Das tut sie nur, wenn sie sich angegriffen fühlt, doch der Gedanke daran reicht schon aus.
Das Ausland wundert sich
Und dann der Name. Mit etwas Phantasie sieht ihre Rückenzeichnung wie der Kopf des Stummfilm-Vampirs Nosferatu aus. Friedrich Wilhelm Murnaus Filmklassiker mit dem Untertitel „Symphonie des Grauens“ ist weltweit bekannt. Doch nur im Deutschen heißt Zoropsis spinimana aus der Familie der Kräuseljagdspinnen Nosferatuspinne. In manchen Nachbarländern war man deshalb etwas verwundert über die Aufregung, den die Spinne bei uns verursachte.
Noch viele offene Fragen: Paarung, Beute, Überleben in freier Natur...
Die Ausbreitung der Nosferatuspinne innerhalb Deutschlands ist längst nicht abgeschlossen. Beobachtungen zu melden, lohnt sich also weiter, am besten mit Foto. Unabdingbar sind Fotos oder Videos zudem, um folgende spannende Fragen zu klären:
- Wie läuft die Paarung ab? Kommen die Männchen mit heiler Haut davon oder werden sie nach der Begattung von den Weibchen gefressen?
- Wie lange dauert es vom Bau des Eikokons und der Eiablage, bis die Jungspinnen schlüpfen? Hier lohnt es sich, täglich oder alle zwei Tage Fotos anzufertigen.
- Wie viele Jungtiere überleben pro Eikokon? Wer Glück hat, erlebt mit, wie die Jungspinnen das Nest verlassen.
- Lebt die Nosferatuspinne auch außerhalb des Siedlungsraums und somit nicht in unmittelbarer Nähe des Menschen? Falls ja, welche Lebensräume bewohnt Sie?
- Pflanzen sich die Spinnen außerhalb des Siedlungsraums erfolgreich fort oder versuchen es zumindest? Hier werden Fotos von Eikokons mit Spinnenmüttern gesucht.
- Welche Tiere haben es auf Nosferatuspinnen als Beute abgesehen? Und umgekehrt: Welche Tiere erbeutet die Nosferatuspinne?
Für die Forschung ist der Rummel um die Spinne mit dem Vampir-Tattoo ein unerwarteter Glücksfall. Der so entstandene Datenschatz war allerdings nicht leicht zu heben. Nicht jede Beobachtung war mit Fotos dokumentiert und nicht jedes Foto zeigte eine Nosferatuspinne – auch wenn die Trefferquote mit 82 Prozent erstaunlich hoch war. Ein Teil der Meldungen konnte die NABU-naturgucker-Community unmittelbar bereinigen, aber allein für die spätere Auswertung des Bildmaterials musste das Team um Alexander Wirth und Gaby Schulemann-Maier noch einmal mehr als 500 Stunden investieren.
Bereits bundesweit verbreitet
Der Aufwand hat sich gelohnt. Es zeigte sich, dass die Nosferatuspinne bereits 2022 wesentlich weiter verbreitet war als angenommen. Gesicherte Nachweise gab es aus allen Bundesländern, wobei die Fundpunkte nach Norden und Osten ausdünnten und in Mecklenburg-Vorpommern lediglich zwei Belege vorlagen. Inzwischen sind es auch in Mecklenburg-Vorpommern einige mehr, aber an dem West-Ost-Gefälle hat sich wenig geändert.
Aus den Bildern ergab sich noch mehr. Den Winter verbringen Nosferatuspinnen gern in Gebäuden, etwa in Wohnhäusern und Garagen. Wie Aufnahmen von Jungtieren und Gelegen zeigen, scheint dadurch die Fortpflanzung das ganze Jahr über möglich. Das könnte neben dem Klimawandel ein wichtiger Faktor für die erfolgreiche Ausbreitung sein. Manche Fotos und Videos zeigen, dass sich Nosferatuspinnen von anderen Spinnen ernähren können, die auch größer sind als sie selbst. Darüber hinaus fressen sie vor allem Fliegen. Vermutlich ist das Beutespektrum aber noch viel größer. Über die natürlichen Feinde der Nosferatu-Spinne ist hingegen noch wenig bekannt. Nur einmal konnte eine Wespe fotografiert werden, die eine Nosferatuspinne verspeiste.
Helge May (aus „Naturschutz heute“ 1/2026)
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