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Jetzt NABU-Mitglied werden!„Ziel muss sein, dass wir am Ende mehr intakte Natur haben“
Interview mit Bundesumweltminister Carsten Schneider
Herr Minister Schneider, auf dem Deutschen Naturschutztag im März haben Sie ein Gesetz zur Stärkung der natürlichen Infrastruktur angekündigt. Was sind die zentralen Ziele und wie sollen sie erreicht werden?
Erstmal vielen Dank für den Naturschutztag. Der lebt vom Engagement der Naturschutzverbände wie dem NABU und seinen Mitgliedern. Ich habe da viel gute Energie aufgetankt. Mein Entwurf für ein Gesetz zur Stärkung der natürlichen Infrastruktur – abgekürzt NATIF – soll dem Naturschutz wieder mehr Rückenwind geben. Gerade in diesen schwierigen Zeiten. Die Kernidee ist, dass wir die überlebenswichtigen Leistungen, die die Natur jeden Tag für uns erbringt – also Wasser, Nahrung, Kühlung, saubere Luft – endlich anerkennen als Teil unserer unverzichtbaren Infrastruktur. Und die müssen wir genauso für die Zukunft fit machen wie Brücken, Straßen, Stromleitungen oder Datennetze. Wir brauchen beides, die natürliche und die technische Infrastruktur.
Wir wollen gezielt die natürlichen Lebensräume als Netz stärken. Denn ein Netz ist widerstandsfähiger bei Störungen.
Carsten Schneider
Bundesumweltminister
Mein zweiter Punkt: Infrastruktur bedeutet Netzstruktur. Wir wollen gezielt die natürlichen Lebensräume als Netz stärken. Denn ein Netz ist widerstandsfähiger bei Störungen. Es kann flexibler reagieren und sich anpassen und sich selbst heilen. Deswegen spielen Verbindungskorridore in dem Entwurf eine große Rolle, über die Tier- und Pflanzenpopulationen sich austauschen können, damit gerade auch im Klimawandel die Lebensräume stabil bleiben. Flusssysteme sind solche natürlichen Netze. Über Auen verbinden wir die Flüsse mit den umliegenden Wiesen und Wäldern. Und in der Agrarlandschaft bilden Hecken und Gehölzstreifen ein lebendiges Netz, das auch Boden und Grundwasser schützt.
Den Naturschutzverbänden kommt hier eine wichtige Rolle zu. Denn sie kennen die Landschaften vor Ort sehr gut und wissen, wo solche Verbindungskorridore dringend gebraucht werden.
In Ihrer Rede sagten Sie, dass „Naturschutz künftig klarer und einfacher geht“, etwa durch die schnellere Bereitstellung verfügbarer Kompensationsflächen. Geht es dabei vor allem darum, Eingriffe schneller auszugleichen, oder entsteht am Ende tatsächlich mehr Natur?
Ziel muss sein, dass wir am Ende mehr intakte Natur haben: Besser vernetzt, schneller geplant und realisiert und dann sehr gut gemanagt. Das heißt nicht, dass wir jetzt überall neue Schutzgebiete ausweisen müssen. Ich sage das so deutlich, denn das ist ja oft die Kritik an diesem Gesetzentwurf. Natürlich bleiben wir an die internationalen Vorgaben gebunden, ausreichend Schutzgebiete zu schaffen. Da sind wir aber auf einem guten Weg.
Dass Naturschutz „klarer und einfacher wird“, ist übrigens auch im Interesse des Naturschutzes. Denn nur so kommt der Naturschutz raus aus der Ecke, in der manche ihn gern hätten: Von wegen Molche verhindern Brücken, Hamster verhindern Chip-Fabriken.
Carsten Schneider
Bundesumweltminister
Besuch der der Unteren Havel: NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger, Leiter des NABU-Instituts für Fluss- und Auenökologie Rocco Buchta und Bundesminister Carsten Schneider (v.l.n.r.) - Foto: A. Brandes
Das Entscheidende ist doch, dass wir am Ende netto viel mehr Natur haben, wenn auf Flächen, die weiter bewirtschaftet werden, in Zukunft eine naturverträgliche Nutzung passiert. Und genau das können wir gezielt fördern, wenn wir das Netz unserer natürlichen Infrastruktur mit dem Gesetz definieren.
Dass Naturschutz „klarer und einfacher wird“, ist übrigens auch im Interesse des Naturschutzes. Denn nur so kommt der Naturschutz raus aus der Ecke, in der manche ihn gern hätten: Von wegen Molche verhindern Brücken, Hamster verhindern Chip-Fabriken. Wenn sicher ist, dass für unsere bedrohten Arten weiter ein Platz in dem Natur-Infrastruktur-Netz da ist, halte ich das für vertretbar, für bestimmte große Infrastrukturvorhabenden Baubeginn abzukoppeln von der Frage, wo genau die Kompensationsfläche hinkommt. Das hilft Schiene und Netzausbau, aber eben auch den großen Natur-Infrastrukturprojekten. Denn eine Fluss-Renaturierung oder eine Wiedervernässung sind Mega-Projekte – auch da müssen wir wegkommen von zehn Jahren Planung und Genehmigung, wenn wir unsere Klima- und Naturschutzziele erreichen wollen.
Aber klar muss auch sein: Die Natur darf nicht am Ende hinten runterfallen, also: die Straße wird gebaut, aber für die Kompensationsmaßnahme findet sich dann leider keine Fläche. Das geht natürlich nicht. Und deswegen gehören die technische und die natürliche Infrastruktur auch zusammen – und zwar auf Augenhöhe. Für mich gibt es hier einen engen Zusammenhang zwischen dem Infrastrukturzukunftsgesetz und dem Gesetz für die natürliche Infrastruktur.
Beim Ausbau von erneuerbaren Energien, beim Verkehrs- und Wohnungsbau stehen Naturschutzbelange häufig unter Druck. Wie stellt Ihr Gesetz sicher, dass natürliche Infrastruktur als gleichwertiges öffentliches Interesse verankert wird? Und was passiert, wenn Interessen aufeinanderprallen, einigt man sich auf ein Unentschieden?
Fläche ist nun mal nicht vermehrbar. Wir müssen Energie, Verkehr, Wohnen, Landwirtschaft auf den knappen Flächen organisieren, die wir haben. Und bisher blieb dann für die Natur oft das, was die anderen übrig lassen. Über die natürliche Infrastruktur versuchen wir jetzt, gezielter genau die Flächen in Ordnung zu halten, die die Natur am Dringendsten braucht, um als Ökosystem weiter zu funktionieren. Und wenn man Grundwasserbildung, fruchtbare Böden, Kühlung und Filterung durch Wälder oder den Hochwasserschutz durch Auen richtigerweise als gleichrangig ansieht mit stabiler Energieversorgung und Verkehr, dann ist es folgerichtig, die Netze der natürlichen Infrastruktur eben auch in ihrer herausragenden Bedeutung anzuerkennen.
Dass solche besonders wichtigen Interessen dann irgendwo mal aufeinanderprallen, ist erprobt. Das passiert ja nicht nur mit den Naturschutzinteressen. Es gibt ja auch Konflikte zwischen Verkehr und Wohnen. Oder zwischen Energie und Verkehr. Dann findet eine kluge Planungsbehörde einen Kompromiss, der beide wichtigen Interessen zu ihrem Recht kommen lässt.
Planungsbeschleunigung und Bürokratieabbau prägen die politische Debatte. Wie passt Ihr Gesetz dazu und kann eine Stärkung der Natur tatsächlich auch Verfahren vereinfachen und Konflikte entschärfen?
Ich habe nichts gegen Beschleunigung per se. Auch die Natur kann profitieren, wenn wichtige Infrastrukturprojekte – technische und natürliche – rasch realisiert werden und nicht in frustrierenden Endlosschleifen feststecken. Ich will aber auch mal sagen, dass viele Menschen in Bauämtern und in Wasser- und Naturschutzbehörden jeden Tag großartige Arbeit leisten und mit immer weniger Personal immer komplexere Anträge bewältigen. Diesen Leuten den Rücken zu stärken, ist eines der wichtigsten Beschleunigungspotenziale.
Ich bin ein Befürworter der Wiederherstellungs-Verordnung: Es ist gut, dass jetzt in der ganzen EU eine ehrliche Bestandsaufnahme gemacht wird. Und dass dann repariert wird, was kaputt ist.
Carsten Schneider
Bundesumweltminister
Für die Praxis ganz entscheidend: Die Frage der Kompensationsflächen kann – wie schon gesagt – in bestimmten Fällen vom Baustart abgekoppelt werden. Die Beschleunigungsdividende soll dann aber der Natur zugute kommen durch einen Aufschlag bei der Kompensation. Wir stärken außerdem die Flächenbevorratung und die Akteure, die sich um Kompensationsflächen kümmern. Auch da kommt den Naturschutzverbänden eine noch wichtigere Rolle zu. Und es soll eine kluge Mehrfachnutzung auf Flächen gefördert werden. Also Solar-Anlagen auf wiedervernässten Flächen, auf denen dann auch noch Schilf für Dämmplatten und Verpackungskarton wächst. Auch das entschärft Nutzungskonflikte.
Die EU-Wiederherstellungsverordnung setzt ambitionierte Ziele für die Renaturierung in den Mitgliedsstaaten. In Deutschland müssen die Bundesländer diese umsetzen. Wie hilft Ihr Gesetz den Ländern?
Ich bin ein Befürworter der Wiederherstellungs-Verordnung: Es ist gut, dass jetzt in der ganzen EU eine ehrliche Bestandsaufnahme gemacht wird. Und dass dann repariert wird, was kaputt ist. In Deutschland sind wir da – trotz politischem Gegenwind – mit den Ländern und der Land- und Forstwirtschaft auf einem guten und konstruktiven Weg.
Wiedervernässte Moore binden CO₂, bringen die Artenvielfalt zurück, puffern Hochwasser und bilden Grundwasser. - Foto: Erhard Nerger
Ich habe von Anfang an klargestellt, dass wir Wiederherstellungsmaßnahmen immer nur zusammen mit den Menschen planen und durchführen, die betroffen sind. Wir reden hier über freiwillige Maßnahmen, also Förderprogramme. Die Länder fordern zu Recht, dass klar sein muss, woher am Ende das Geld für die Wiederherstellungsmaßnahmen kommt. Das muss auch zu einem guten Teil von der EU-Kommission bereitgestellt werden, dafür setze ich mich in Brüssel ein.
Zum Glück haben wir in Deutschland mit vielen laufenden Programmen aus den EU-Landwirtschaftsmitteln, unserem Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz, dem Bundesnaturschutzfonds, den Kompensationsmitteln und der Gemeinschaftsaufgabe Agrar und Küstenschutz bereits einen guten Grundstock, mit dem wir Wiederherstellungsmaßnahmen finanzieren. Denn das ist das Gute an einer Maßnahme wie einer Moor-Wiedervernässung: Dasselbe Projekt bindet CO₂ für den Klimaschutz, bringt die Artenvielfalt zurück, puffert Hochwasser und bildet Grundwasser – und ist eben auch Wiederherstellungsmaßnahme.Und wir schaffen nebenbei noch wunderbare Naherholungsräume. Mein Entwurf für das NATIF stellt übrigens ausdrücklich klar, dass auch Kompensationsmittel in Wiederherstellungsmaßnahmen fließen können.
Auch die Kommunen wissen um die Bedeutung der Natur, stoßen aber oft an finanzielle und personelle Grenzen. Welche Unterstützung sieht Ihr Gesetz vor, damit natürliche Infrastruktur lokal gestärkt werden kann?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Ohne engagierte Gemeinderäte, Bürgermeisterinnen und Behördenmitarbeiter würden die schönsten Naturschutzprojekte nur auf dem Papier bleiben. Die konkreten Projekte vor Ort brauchen langen Atem und viel Fingerspitzengefühl. Die beschleunigten Verfahren aus unserem NATIF machen dann hoffentlich auch für sie die Arbeit einfacher.
Geld braucht es natürlich auch, das stimmt. Einige Projekte können wir zum Glück über Förderprogramme unterstützen. Mit dem NATIF schaffen wir neue Fördermöglichkeiten. Investitionen in natürliche Infrastruktur sollten sich für Kommunen im besten Falle aber auch aus sich heraus lohnen: Verbesserter Hochwasserschutz, Aufwertung von Quartieren und Flüsse, die man wieder als Naherholungsgebiete zurückholt in die Stadt.
In der Landwirtschaft wird Naturschutzpolitik oft kritisch gesehen. Welche konkreten Angebote macht Ihr Gesetz Landwirtinnen und Landwirten, damit sie von einer gestärkten natürlichen Infrastruktur profitieren und aktiv daran mitwirken können?
Ich bin überzeugt, dass Naturschutz nur gemeinsam mit den Menschen in der Land- und Forstwirtschaft gelingt. Das gilt für die Wiederherstellungsverordnung, das gilt auch für das NATIF. Die natürliche Infrastruktur, die wir stärken wollen, das sind doch genau die Böden und Wälder, mit denen die Betriebe wirtschaften. Wenn wir diese Grundlagen stärken und für die Zukunft fit machen, müsste das voll im Sinne der Landwirtinnen und Landwirte sein. Mit der Steuerung durch das NATIF und mit dem Ersatzgeld entstehen auch neue Finanzierungsmöglichkeiten für Land- und Forstwirte: es wird möglich sein, langfristige Vereinbarungen abzuschließen und lukrative Anreize für Naturschutzmaßnahmen zu schaffen. Naturschutz soll für Landwirte und Waldbesitzer ein verlässliches Geschäftsmodell werden.
Meine Erfahrung ist: Natur verbindet! Engagierte im ganzen Land haben schon so viel erreicht, auf das sie stolz sein können
Carsten Schneider
Bundesumweltminister
Die Leute, die jeden Tag die Veränderungen durch Klimawandel, Dürre, Starkregen und immer weniger heimischer Arten erleben, kennen oft auch am besten die Antworten, um das zu stoppen. Was die Menschen auf dem Land nicht so gerne hören, sind ungebetene Ratschläge von Städtern. Ich bin Thüringer und weiß, wovon ich rede. Und da zähle ich auch auf die NABU-Mitglieder in den NABU-Gruppen vor Ort und die anderen Naturschutzvereine. Wenn solche Naturschutz-Projekte vor Ort klappen als Gemeinschaftsprojekt von Landwirten, NABU-Gruppen, Forstamtsleuten und Lokalpolitik, dann ist das gut für die Umwelt, aber kann auch verbindend wirken für unsere Gesellschaft.
Naturschutz gelingt nur mit gesamtgesellschaftlicher Akzeptanz. Wie wollen Sie die Menschen stärker für den Wert intakter Natur begeistern und welche Rolle spielt Ihr Gesetz dabei, natürliche Infrastruktur im Alltag erlebbar zu machen?
Meine Erfahrung ist: Natur verbindet! Engagierte im ganzen Land haben schon so viel erreicht, auf das sie stolz sein können: Ein freigelegter Bach oder eine blühende Streuobstwiese oder ein Waldrand, an dem Spaziergänger Vögel hören und sehen, die sie vielleicht seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Je mehr Menschen so etwas erleben können, desto mehr Mitstreiter werden wir bekommen. Und für die Menschen in den Städten kann das schon ein kleiner naturnaher Park oder ein grüner Hinterhof sein.
Natürlich brauchen wir auch die nüchternen, rationalen Argumente. Akzeptanz für die Energiewende bekommt man im Moment ganz stark über harte, rationale Argumente, das merke ich in vielen Diskussionen. Unabhängigkeit von fossilen Importen, vom Benzinpreis, das überzeugt auch Menschen, die bisher Windräder und Elektroautos kritisch sehen. Dieses rationale Argument nutze ich auch gern für die natürliche Infrastruktur: Wir müssen alles daransetzen, dass wir nicht in ein paar Jahren auch Trinkwasser, Bestäubung oder fruchtbaren Boden teuer erkaufen müssen, weil wir uns nicht rechtzeitig um unsere natürliche Infrastruktur gekümmert haben. Das ist der sehr ernste Hintergrund unseres NATIF-Vorschlags.
Wenn wir aber zusätzlich die natürliche Infrastruktur auch erlebbar machen, also den Menschen vor Ort Naherholungsgebiete schaffen, wo sie auf Bohlenwegen Auenwälder und Moore entdecken können, dann schaffen wir Akzeptanz nicht nur über die rationale, sondern auch über die emotionale Ebene. Damit bekommt der Naturschutz eine echte Zukunftsperspektive. Und gerade bei diesem ganz konkreten Erlebbar-Machen vor Ort ist die Arbeit des NABU und der vielen NABU-Mitglieder ganz wichtig. Dafür auch von meiner Seite nochmal vielen Dank.
Mit Carsten Schneider sprach Jérôme Lombard. Langfassung eines Interviews unseres Mitgliedermagazins „Naturschutz heute“, Ausgabe Sommer 2026 vom 5. Juni.
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