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Junge Wölfin - Foto: NABU/Michael Hamann
Richtig ist: Bis vor 25 Jahren kannte man Wölfe hierzulande überwiegend aus Filmen, in denen sie in der einsamen Wildnis Alaskas oder Kanadas umherstreiften. Dass Wölfe im deutlich dichter besiedelten Deutschland guten Lebensraum finden, hat nicht wenige überrascht. Dabei lässt sich der vermeintliche Widerspruch von Wölfen und Kulturlandschaft leicht auflösen: Wölfe brauchen keine unberührte Natur, sondern erstens Rückzugsräume für die Aufzucht ihrer Jungen und zweitens genügend wilde Beutetiere.
In Deutschland ist der Wildbestand auf einem historischen Höchststand, es gibt sehr viele Rehe, Hirsche und Wildschweine. Daher finden Wölfe außer in den Ballungsgebieten fast überall in unserer Kulturlandschaft geeigneten Lebensraum. Für sie ist es auch – anders als zum Beispiel für Wildkatzen – kein Problem, über ein weites Feld ohne Deckung zu laufen. Sie kommen auch außerhalb von naturnahen Wäldern gut zurecht. Sie meiden in der Regel zwar Begegnungen mit Menschen, nicht jedoch zwangsläufig menschliche Infrastruktur wie Straßen, um energiesparend von A nach B zu kommen. Da Wolfsreviere um die 200 km² groß sind, und dort nur ein Rudel mit durchschnittlich acht Wölfen lebt, haben sie trotz der vielen Siedlungen und menschlichen Aktivitäten die Möglichkeit, sich jeweils zurückzuziehen.
Richtig ist: Es gibt zwar ein Wachstum, dieses ist über die letzten Jahre jedoch deutlich abgeflacht auf jährlich fünf bis zehn Prozent und keinesfalls exponentiell. 2025 wurde erstmals eine Stagnation vermeldet. In Gegenden wie der Lausitz, in denen der Großteil der geeigneten Reviere besetzt ist, kommt so gut wie kein neues Territorium hinzu.
In der Lausitz ist eher eine gesteigerte Fluktuation unter den Revierinhabern zu sehen, die auf innerartliche Konkurrenz schließen lässt. Aufgrund ihrer ausgeprägten Territorialität gibt es nicht auf kleiner Fläche immer mehr Wölfe. Nur die eigenen Rudelmitglieder werden geduldet, bis sie mit Einsetzen der Geschlechtsreife das Elternrevier verlassen müssen. Es kann sein, dass es in einem Bundesland ab dem Zeitpunkt, zu dem es mehrere Rudel mit abwandernden Jungtieren gibt, für einige Jahre zu einem stärkeren prozentualen Anstieg der Reviere kommt. Dies wird sich aber abflachen, sobald weniger geeignete Habitate zur Verfügung stehen. Wölfe begrenzen sich demnach umso stärker gegenseitig im Bestandswachstum, je weniger freie Reviere zur Verfügung stehen.
Richtig ist: Herdenschutzzäune wirken oft eher instabil. Rein körperlich kann vermutlich jeder Wolf über die empfohlenen Zaunhöhen springen, die je nach Bundesland zwischen 90 cm und 120 cm bis teilweise 140 cm liegen. Der Grund, warum Herdenschutzzäune nur selten übersprungen werden, ist der Strom. Elektrozäune stellen keine mechanische Barriere dar, sondern halten Wölfe ab, weil diese den Schmerz vermeiden wollen. Ist der Stromfluss und die Erdung gut, sind Elektrozäune sehr wirkvolle Instrumente, um Wölfen das Interesse an Weiden zu vermiesen.
Gelangt ein unerfahrener Wolf an ein Hindernis wie einen Stromzaun, wird er ihn untersuchen und zuerst versuchen, sich unter ihm hindurch zu graben. Verläuft der unterste stromführende Leiter in etwa 20 cm Höhe, wird der Wolf zwangsläufig mit Ohren, Stirn oder Nase an den Zaun kommen, und bei gutem Stromfluss einen ordentlichen Schlag bekommen. Sollte ihm das ein paar Meter weiter wieder passieren, und im besten Fall auch an der nächsten Weide, ist das eine einprägsame Erziehung: Abstand halten, diese Barriere tut weh. Kaum ein Wolf wird nach einem Stromschlag als nächstes auf die Idee kommen, es mit einem Sprung zu versuchen. Daher gilt: Ebenso wichtig wie die Höhe eines Zaunes ist es, das Graben zu verhindern.
Richtig ist: Im Vergleich zu Wolfsgehegen in Zoos oder Wildparks wirken Herdenschutzzäune äußerst mickrig. Und es ist klar, dass die über drei Meter hohen Zäune nicht der Standard für die Weide sein können. Hier hilft es, sich bewusst zu machen, was der Zweck ist: In Gehegen sollen freiheitsliebende, bewegungsfreudige Tiere, die meist in artuntypischen Sozialgefügen zusammenleben müssen, daran gehindert werden, auszubrechen. Dafür braucht es einen massiven Zaun, denn für die Freiheit würden wohl die meisten Wildtiere einen kurzen Stromschlag in Kauf nehmen.
Andererseits sollen Herdenschutzzäune Wölfe daran hindern, auf eine Weide zu gelangen und dort relativ einfache Beute zu machen. Bevor sie hungern, würden wohl auch Wölfe einen Stromimpuls auf sich nehmen. Aber das Gute ist ja: Wölfe haben in Deutschland Wälder und Felder voller Alternativen zu Weidetieren, die Wildbestände sind extrem hoch. Das heißt, sie müssen sich keinem unnötigen Risiko wie einem Stromschlag aussetzen, um an Beute zu gelangen.
Und weil immer nur über die Höhe gesprochen wird: Auch ein drei Meter hoher Zaun würde nichts bringen, wenn das Untergraben nicht durch Strom oder ein Drahtnetz verhindert wird
(vgl. Punkt 3.)
Richtig ist: Seit 2023 sinken die Risszahlen in Deutschland, obwohl es mehr Wölfe gab. Das ist eine gute Nachricht, der mehr Aufmerksamkeit zugutekommen sollte. Es gibt etliche Weidetierhalter*innen, die seit Jahren erfolgreich ihre Herden schützen. Ihnen gebührt Anerkennung und Respekt für diese Pionierleistung.
Das Rissgeschehen steigt zwar tendenziell, je mehr Regionen mit Wölfen es gibt. Dies liegt aber vor allem daran, dass Wölfe bei ungeschützten Weidetieren leichtes Spiel haben und gerade in neuen Wolfsregionen Herdenschutz noch nicht etabliert ist. Die Anzahl der Wölfe in einer Region ist jedoch nicht ausschlaggebend für das Rissgeschehen: Es gibt viele Rudel, die überhaupt keine Risse verursachen. Und andererseits gibt es auch Einzelwölfe, die an ungeschützten Tieren hohe Verluste erzeugen. Ob es acht oder durch eine jährliche Abschussquote beispielsweise nur noch fünf Wölfe in einer Region gibt: Auch die verbliebenen können Schaden anrichten, wenn Herdenschutz nicht konsequent angewandt wird.
Richtig ist: Leider gibt es jährlich Risse. 2024 wurden deutschlandweit 4.300 wolfsverursachte Schäden an Weidetieren gemeldet. In den Statistiken ist jedoch oft nicht vermerkt, ob in den dort aufgeführten Fällen funktionierender Herdenschutz vorhanden war. Nur wenige Bundesländer veröffentlichen diese Information in ihren Rissstatistiken. Dort ist erkennbar, dass die Mehrheit, sogar bis zu 80 Prozent, der Risse an Weiden passierten, in denen nicht einmal der Grundschutz installiert war.
Leider wird durch die reine Nennung der Risszahlen oft suggeriert, diese hätten trotz Herdenschutz stattgefunden. Das ist nicht nur falsch, sondern beeinträchtigt unberechtigterweise auch die Einstellung zu Wölfen im Land und die Akzeptanz von Herdenschutz. Weidetierhalter*innen in neuen Wolfsregionen, die nur hören, Herdenschutz bringe nichts, begegnen dem Thema natürlich mit mehr Skepsis, als wenn sie transparente Daten und Erfahrungswerte zur Verfügung hätten. Daher fordern wir seit Jahren, die Riss- und Herdenschutzbegutachtung zu vereinheitlichen und in die Statistiken aufzunehmen. Nur so kann einerseits die Effektivität von Herdenschutz endlich gemessen werden, und andererseits mögliche Trends erkannt werden, falls etwas nicht funktionieren sollte.
Richtig ist: Obwohl die Aufnahme des Wolfes ins Bundesjagdrecht damit begründet wurde, mehr Sicherheit für Weidetiere schaffen zu wollen, wurde nicht schlüssig beantwortet, wie genau dies funktionieren soll. Wölfe lernen durch menschliche Bejagung nicht, mehr Abstand zu Weidetieren zu halten – denn es sind ja nicht die Weidetiere, von denen eine Gefahr für sie ausgeht.
Selbst wenn Wölfe durch Bejagung noch mehr Distanz zu Menschen halten sollten, bringt das den Weidetieren nichts, wenn sie den Großteil der Zeit ohne Menschen auf der Weide stehen, die Wölfe vertreiben könnten. Wölfe sind per se nicht in der Lage, Weidetiere moralisch als den „Besitz“ des Menschen zu begreifen. Herdenschutz, vor allem mit Elektrozäunen, bestraft jeden Versuch eines Wolfes, auf eine Weide zu gelangen – egal ob Menschen in der Nähe sind oder nicht. Das ist wirklich effektiv, um ihnen eine Distanz zu Weiden anzuerziehen.
Der NABU betont seit Jahren den Unterschied einer regulären Bejagung zu einem evidenzbasierten Wildtiermanagement, zu dem im Einzelfall auch der Abschuss gehören kann. Dies ist für den NABU jedoch nur legitim, wenn mildere Mittel wie Herdenschutz die Schäden nicht verhindern können. Einzelne Abschüsse waren auch bisher schon über das Naturschutzrecht möglich, wie Länder wie Brandenburg zeigten.
Richtig ist: Die Situation heutzutage ist eine gänzlich andere. Es gibt effiziente Methoden des Herdenschutzes durch Stromzäune, welche sogar anteilig gefördert werden, sowie ein Kompensationssystem, falls es doch zu einem Riss kam. Die Hauptursache für Angriffe durch Wölfe, die Tollwut, gibt seit 2008 in Deutschland nicht mehr, was das Risiko extrem senkt.
Die Gründe, weshalb Wölfe bis 1850 in Deutschland ausgerottet wurden, waren unter anderem:
Gefahr für ihr Vieh: Es gab keine Elektrozäune, um Weidetiere zu schützen. Behirtung war noch gängig, jedoch oft von Kindern ausgeübt, was zusätzliche Gefahren barg.
Subsistenzwirtschaft: Viele Familien waren arm und direkt auf ihre wenigen Nutztiere angewiesen. Wurde eines von Wölfen getötet, gab es keine Kompensationszahlungen vom Staat und im schlimmsten Fall bedeutete es Hunger für die Familie.
Es gab weniger wilde Beutetiere, was vor allem an der intensiven feudalen Jagd über einige Jahrhunderte lag. Wölfe waren demnach stärker auf Weidetiere als Beute angewiesen als es heute der Fall ist.
Gefahr für Menschen: Die Tollwut grassierte, es kam mitunter zu Angriffen von infizierten Wölfen auf Menschen mit Todesfolge
Über die Legitimität dieser Gründe für die Ausrottung des Wolfes mag es unterschiedliche Ansichten geben. Die Argumentation lässt sich aber jedoch sicher nicht auf heute übertragen.
Richtig ist: Leider kommt es tatsächlich vor, dass Wölfe nicht nur ein Weidetier töten, sondern mehrere. Der Durchschnitt liegt bei 3,9 geschädigten Weidetieren pro Angriff, in extremen Fällen kommt es zu dutzenden getöteten Tieren. Das ist für die Halter*innen ein furchtbarer Anblick und führt verständlicherweise zu Entsetzen und Wut. Oft liest man dann in der Berichterstattung von „Blutrausch“, als ob es Wölfen um die Lust am Töten ginge. Aus verhaltensbiologischer Sicht ist das Phänomen des „Surplus killing“ erklärbar: Flüchtende Beutetiere lösen bei Wölfen den Jagdinstinkt, sogenannt Beuteschlag-Reflex, aus.
Auf der Weide rennen zum Beispiele die Schafe bis zum Zaun, drehen dort um, und flüchten erneut in die andere Richtung. Beim Wolf löst das jedes Mal aufs Neue den Jagdreflex aus, auch wenn er schon ein Tier erwischt hat. Ähnliches ist von Füchsen im Hühnerstall bekannt. In freier Wildbahn würde das nicht geschehen, da die übrigen Beutetiere stringent in eine Richtung flüchten und nicht immer wieder umkehren. Wölfe fressen auch Aas. Das bedeutet, dass sie und vermutlich einige andere Wildtiere so lange zu den Rissen auf der Weide zurückkehren würden, bis diese aufgezehrt sind. Das Verhalten ist demnach erklärbar, auch wenn es die Betroffenheit der Weidetierhalter nicht besser macht. Dennoch ist es wichtig, auch in emotionalen Debatten die Ursachen zu benennen und sachlich einzuordnen.
Richtig ist: Das Raumnutzungsverhalten von Wildtieren in der freien Landschaft wird von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren wie beispielsweise Jahreszeit, Witterung, Nahrungsverfügbarkeit oder auch von natürlichen oder künstlichen Barrieren in ihrem Lebensraum beeinflusst. Bei wolfsabweisenden Elektro-Zäunen wird häufig eine solche Barrierewirkung auf Wildtiere befürchtet – das heißt mehr als bisher übliche Weidezäune. Erste Untersuchungen zeigen jedoch, dass die meisten Wildtieren die gängigen Elektrofestzäune passieren können.
Zwei Pilotforschungen (Herdenschutz Niedersachsen sowie FVA Baden-Württemberg) haben anhand von Wildtierkameras das Verhalten von Wildtieren an wolfsabweisenden Elektrofestzäunen erfasst (Abstand vom Boden 20-40-60-90-120 cm, Glattdraht oder Kunststofflitzen). Grundsätzlich konnte gezeigt werden, dass diese Zaunart von verschiedenen Wildtierarten passiert werden kann. Tiere wie Hase, Reh, Rotwild, Gams, Dachs, Fuchs, Marder, Marderhund und Waschbär konnten bei der Querung festgestellt werden, entweder durch Unterkriechen der untersten Drahtreihe, Durchspringen zwischen dem ersten/zweiten oder zweiten/dritten Draht oder durch Überspringen - letzteres einzig durch Rotwild. Das ergibt sich aus Videoaufnahmen, gestützt durch Berichte der Weidetierhaltenden. Eine vollständige Barrierewirkung für Wildtiere, wie es häufig befürchtet wird, ist bei den untersuchten Zaunsystemen demnach nicht gegeben. Lediglich Wildschweine und Wölfe wurden nicht auf den Weiden festgestellt.
Verletzungen oder sogar tödliche Unfälle von Wildtieren können in der Weidetierhaltung nicht ausgeschlossen werden, sei es durch Strom, Stacheldraht oder Verheddern in nicht-gespannten Litzen. Elektronetzzäune, wie sie in der Schafhaltung seit Jahrzehnten auch ohne Wolfsanwesenheit eingesetzt werden, bergen tatsächlich ein Risiko für Amphibien und Kleinsäuger. Vorteil hier ist, dass die Netze meist nicht für lange Dauer stehen bleiben, sondern häufig versetzt werden, und somit eine Barriere nicht langfristig wirkt. Offizielle Zahlen zu den Vorfällen gibt es leider nicht.
Hinweis: Die oben ausgeführten Informationen basieren alle auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Studien und Quellen für die Aussagen stellen wir auf Anfrage gern zur Verfügung.
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