Von oben sieht man erst mal viel Grün... - Foto: Helge May
Grüner Dschungel vor der Haustür
Im Schutz ihrer schmerzhaften Gifthaare bieten Brennnesseln zahlreichen Arten Nahrung und Lebensraum
-
-
...beim Blick auf die Blattunterseiten zeigen sich dann oft bunte Schätze - Foto: Helge May
-
Hier der Brennnesselzünsler noch mal aus der Nähe - Foto: Helge May
-
Brennnesselmehltau ist auch von oben leicht zu erkennen. Wer Eindruck machen möchte, sagt Erysiphe urticae. - Foto: Helge May
-
Die leuchrend orange Brennnesselrost ist ebenfalls auffällig, vor allem, wenn er zu so bziarren Wuchsänderungen führt wie hier - Foto: Helge May
-
Typische Gallen der Brennnessel-Gallmücke - Foto: Helge May
-
Neben den auf vielen Pflanzenarten lebenden schwarzen Bohnenblattläusen gibt es auch Spezialisten wie die grünen Brennnessel-Blattläuse - Foto: Helge May
-
Hier würde man nicht sofort auf Blattläuse tippen - Foto: Helge May
-
Aus der Nähe sind die Brennnessel-Röhrenschildläuse noch eindrucksvoller - Foto: Helge May
-
Hier zum Abschluss eine einzelne Brennnessel-Röhrenschildlaus, das Weiße sind Wachsplättchen - Foto: Helge May
Selbst kleine Brennnesselbestände bilden artenreiche Lebensräume. Die einen Arten leben von den Brennnesseln, andere ernähren sich von eben diesen Bewohnern, wieder andere suchen hier nur Schutz oder werden vom Wind auf die Stauden geweht. Neben Tieren leben auch Pilze auf den Brennnesseln, besonders auffällig sind der Brennnesselmehltau – in Form eines weißen Belags – und der Brennnesselrost. Wie viele Rostpilze wechselt der Brennnesselrost im Lauf des Jahres den Wirt, in diesem Fall sind Seggen die Zweitwirte. Die leuchtend orangen Sporenlager des Rostes an den Blattunterseiten und den Stängeln sind nicht zu übersehen, zumal sie zu bizarren Wuchsformen führen können.
Stickstoff und Proteine im Angebot
Brennnesseln gedeihen auf nährstoffreichen Böden und sind auch selbst nährstoffreich, bieten unter anderem Stickstoff und lösliche Proteine. Dabei ist der Nährstoff- und Wassergehalt bei jungen Pflanzen höher als bei alten Pflanzen, beide lassen bereits mit Beginn der Blüte deutlich nach. Die Reihe der Pflanzensaftbohrer reicht von der Nesselwanze und dem winzigen Nesselrüssler bis zu mehreren Arten von Blattläusen. Nesselrüssler und Blattläuse halten sich selten an der Pflanzenoberfläche auf. Um sie zu finden, muss man den Blattdschungel vorsichtig teilen und gebückt unter die Blätter blicken.
Von der Flussaue in den Garten: die Brennnessel im Kurzporträt
Die Brennnessel, genauer die Große Brennnessel – wissenschaftlich Urtica dioica –, ist eine mehrjährige Staude. „Dioica“ bedeutet zweihäusig, es gibt also weibliche und männliche Pflanzen. Ursprünglich zuhause in den nährstoffreichen Überschwemmungssäumen der Flussauen, hat sich die Brennnessel zur Kulturfolgerin entwickelt. Sie wächst heute fast überall, wo der Mensch für Nährstoffüberfluss sorgt, an Wegrändern, in Gärten, Weideland und Brachen.
Die seltenere Kleine Brennnessel (Urtica urens) ist dagegen einhäusig, mit weiblichen und männlichen Blüten an der gleichen Pflanze. Beide Arten haben Brennhaare, wobei die der Kleinen Brennnessel schmerzhafter sein sollen als die der Großen. Die Kanülen der glasartigen Haare enthalten eine Mischung unter anderem aus Ameisensäure, Histamin und dem Schmerzen übertragenden Acetylcholin.
Brennnesseln sind windblütig, brauchen folglich keine tierischen Bestäuber. Sie vermehren sich zudem über Wurzelausläufer. Brennnesseln wirken blutreinigend und blutbildend, junge Blätter können wie Salat oder Spinat zubereitet werden. Auch die Samen sind essbar. Aus den langen Stängelfasern wurden früher Seile, Säcke und Kleidungsstoffe hergestellt.
Buchtipps: Ludwig Fischer: Brennnesseln. Ein Portrait. – Matthes & Seitz 2017, Reihe Naturkunden. 168 Seiten. 20 Euro. ISBN 978-3957574077. / Natasja van der Meer: Brennnessel. Das Multitalent. – Ulmer 2026. 192 Seiten. 20 Euro. ISBN 978-3818627102.
Prominente Brennnesselliebhaber sind die Raupen zahlreicher Schmetterlingsarten. Je nach Zählweise kommt man auf 30 oder sogar 50 Arten, die an Brennnesseln leben und sich dort nicht mit dem Saft begnügen, sondern Blätter verspeisen und teils ganze Pflanzen entlauben. Für einige sind Brennnesseln nur Teil des Menüs, andere halten eine strenge Brennnesseldiät – daher die unterschiedlichen Zahlenangaben.
-
Der Lichtmarienkäfer gehört zu den Blattlausvertilgern - Foto: Helge May
-
Der Sechzehnfleck sieht dem Lichtmarienkäfer zum Verwechseln ähnlich - Foto: Helge May
-
Vierzehnpunkt-Marienkäfer (= Schachbrett-Marienkäfer) auf Blattlauspirsch - Foto: Helge May
-
Aus menschlicher Perspektive genauso nützlich: mehltaufressende Zweiundzwanzigpunkt-Marienkäfer - Foto: Helge May
-
Auch viele Marienkäferlarven, hier die des Siebenpunkts, fressen Blattläuse - Foto: Helge May
-
Siebenpunkt-Marienkäfer mit Parasiten-Puppe. Der Käfer dient als Lebendvorrat für die Marienkäfer-Brackwespe, die ihr Ei im Marienkäfer ablegt. Die Larve wächst dort heran, später spinnt sie sich unter dem gelähmten Käfer in einen Kokon. - Foto: Helge May
-
Siebenpunkt-Schlafgemeinschaft an Brennnessel - Foto: Helge May
-
Der Asiatische Marienkäfer ist inzwischen fast so häufig wie der Siebenpunkt. Dieser hier scheint Probleme mit seinen Flügeln zu haben. - Foto: Helge May
-
Paar des winzigen Gefleckten Brennnesselrüsslers - Foto: Helge May
-
Der auch Nesselbock genannte Scheckhorn-Distelbock - Foto: Helge May
-
Der häufige Wollkäfer - Foto: Helge May
-
Die Strauchschrecke ist ein typischer Brennnesselbewohner, hier ein Männchen - Foto: Helge May
-
Larve der Punktierten Zartschrecke - Foto: Helge May
-
Und eine männliche Punktierte Zartschrecke - Foto: Helge May
Neben Brennnesselzünsler, Achateule, Tigermotte und Schönbär ernähren sich auch allseits bekannte Tagfalter wie Kleiner Fuchs, Landkärtchen und Tagpfauenauge von Brennnesseln. Man wird diese Raupen aber kaum zusammen finden, weil sie unterschiedliche Standorte bevorzugen.
Falter mit besonderen Vorlieben
Das Tagpfauenauge etwa legt seine Eier immer an jungen Brennnesseln ab, die an einem sonnigen bis halbschattigen Ort mit hoher Luftfeuchtigkeit stehen. Die Raupen leben gesellig und fertigen ein großes Gespinst an. Erst nach der letzten Häutung geht jede Pfauenaugenraupe ihren eigenen Weg Der nah verwandte Kleine Fuchs steht gleichfalls auf Jungpflanzen, anders als beim Pfauenauge werden die Eier aber auch an Kleinstbestände abgelegt, obwohl die Raupen hier ebenso in großen Gruppen zusammenwohnen. Wer die Raupen im Garten haben will, muss seine Nesseln zwischendurch also abmähen, damit sie frisch austreiben.
-
Die Tagpfauenaugenraupe ist wohl die häufigste Schmetterlingsraupe auf Brennnesseln - Foto: Helge May
-
In den jungen Stadien leben die Tagpfauenaugenraupen in großen Gruppen - Foto: Helge May
-
Auch Puppen des Tagpfauenauges lassen sich an Brennnesseln entdecken - Foto: Helge May
-
Raupe des Kleinen Fuchs - Foto: Helge May
-
Admiral-Raupe auf Brennnessel - Foto: Helge May
-
C-Falter-Jungraupe an Brennnessel - Foto: Helge May
-
Diese C-Falter-Raupe ist schon ein bisschen älter - Foto: Helge May
-
Büffelzirpe auf Brennnesselblatt - Foto: Helge May
-
Die häufige Blumenfliege Anthomyia procellaris - Foto: Helge May
-
Schnepfenfliege der Gattung Chrysopilus, genauer lässt sich das Tierchen nicht bestimmen - Foto: Helge May
-
Die unscheinbare Baum-Schnepfenfliege - Foto: Helge May
-
Aus der Abteilung „Raubtiere“: Habichtsfliege mit erbeutetem Käfer - Foto: Helge May
-
Raubfliege - Foto: Helge May
-
Gartenkreuzspinne am Netzrand - Foto: Helge May
-
Herbstspinne, nicht nur im Herbst zu entdecken - Foto: Helge May
-
Listspinne mit Eikokon - Foto: Helge May
-
Sumpfkrabbenspinne - Foto: Helge May
-
Weberknechte sind mit den Spinnen weitläufig verwandt - Foto: Helge May
-
Die kräftigen Vorderbeine der Ameisen-Sichelwanze verraten ihre räuberische Lebensweise - Foto: Helge May
-
Gemeine Bodenwanzen an Brennnesselfruchstand - Foto: Helge May
-
Die Gepunktete Nesselwanze lebt ausschließlich an Brennnesseln - Foto: Helge May
-
Hexenkrautwanze - Foto: Helge May
-
Zwei Stinkwanzenlarven - Foto: Helge May
-
Streifenwanzen leben an Doldenblütlern, hier hat sich mal eine an eine Brennnessel verirrt - Foto: Helge May
-
Springschwänze gehören zu den sogenannten Urinsekten, bilden aber eine eigene Klasse im Tierreich - Foto: Helge May
Das Landkärtchen wiederum sucht schattige Plätze, zum Beispiel an Waldwegen, um seine grünen Eier in kleinen Türmchen an der Unterseite junger Blätter anzuheften. Dabei findet im Sommer die Eiablage auch an älteren „verholzten“ Pflanzen statt. Die fressenden Raupen sitzen immer unterhalb der Triebspitze, so dass die Brennnessel ober- und unterhalb der Raupen beblättert ist.
Vorsicht, Raubtiere!
Besonders auffällig im grünen Gestrüpp sind die bunten Marienkäfer. Während der leuchtend gelbe 22-Punkt den Mehltau abweidet, haben es Siebenpunkt, Asiatischer Marienkäfer und Lichtmarienkäfer auf die Blattläuse abgesehen. Die Käfer wiederum müssen sich vor Raubfliegen und Sichelwanzen in Acht nehmen, die als „Raubtiere“ des kleinen Dschungels ebenso auf Beute lauern wie die allgegenwärtigen Baldachin-, Krabben- und Listspinnen. Langweilig wird die Beobachtung im Lebensraum Brennnessel jedenfalls nie. Selbst an Regentagen gibt es immer etwas zu entdecken.
P.S.: In jedem Dschungel leben Moskitos, das ist beim Brennnesseldschungel nicht anders. In schattig-feuchten Waldlagen sowie morgens und abends generell kann daher bei der Brennnesselexpedition ein guter Stechmückenschutz nicht schaden.
Helge May (aus „Naturschutz heute“ 2/2026)
Mitmachaktion Raupensuche
Brennnesseln sind Lebensraum für über 30 Schmetterlingsarten – ihre Raupen ernähren sich ausschließlich von ihr. Machen Sie mit bei „Raupen entdecken & melden“ und helfen Sie, Vorkommen und Verbreitung heimischer Falter zu dokumentieren! Mehr →
Mehr zur Brennnessel
Brennnesseln kennt jedes Kind, auch wenn es mit ihnen erst einmal schlechte Erfahrungen verbindet. Denn die Pflanze lässt sich ungerne berühren. Wer es doch wagt, bei dem hinterlassen die feinen Brennhaare mindestens ein unangenehmes Gefühl auf der Haut. Wer Pech hat, trägt schmerzende Quaddeln davon. Gut so, denn die Pflanze schützt sich so vor Fressfeinden. Mehr →
Wie kaum eine andere Pflanze ist die Brennnessel (Urtica dioica) immer in unserer Nähe und somit ein fast alltäglicher Anblick. Der Stickstoffzeiger wächst überall, wo es nährstoffreiche Böden gibt. Wohl jeder erinnert sich sofort an schmerzhafte Begegnungen. Mehr →
Insekten entdecken
Insektenbeobachtung geht ganz leicht im eigenen Garten. Auch an Wiesen und Wegrändern, an Hecken oder im Wald lassen sich die Sechsbeiner erforschen. Wir geben Tipps, welche spannenden Arten im Juni unterwegs sind – und wie man selbst bei schlechtem Wetter fündig wird. Mehr →
