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Mehr Informationen zur Patenschaft!Faktencheck: Ökologische Effekte des Offshorewind-Ausbaus
Mythen und Wahrheiten – wir ordnen ein
Windpark Nordsee - Foto: imagebroker.com/Markus Keller
Der Ausbau der Offshore-Windenergie wird unsere Meere massiv beanspruchen. Bisher offene Meeresflächen werden großräumig mit Windparks bedeckt. Auf nationaler Ebene würde ein Ausbau auf 70 GW etwa ein Viertel der Fläche der ausschließlichen Wirtschaftszone in Anspruch nehmen. Damit einhergehend werden große ökologische Auswirkungen erwartet. So stufen auch die Wissenschaftler*innen innerhalb des NaMaRo-Projekts den geplanten Ausbau als nicht naturverträglich ein.
Mythos 1: Kollision von Vögeln in Windparks – kein Problem?
Gänse vor Windrädern - Foto: Melanie Weber/NABU-naturgucker.de
Im November 2025 veröffentlichte der BWO eine Studie zu Kollisionsrisiken von Zugvögeln an Windenergieanlagen. Grundlage war ein Onshore-Windpark nahe Husum, in dem zwei Anlagen halbseitig per Kamera überwacht wurden. In seiner Pressemitteilung hob der Verband zwei zentrale Erkenntnisse hervor, die wir hier genauer unter die Lupe nehmen.
Aussage 1: Die BWO-Kollisionsstudie belege, dass das Kollisionsrisiko deutlich geringer ist als angenommen.
Mythos oder Wahrheit? Unsere Einordnung:
Die Studie liefert erste Einblicke in die technische Umsetzung eines nächtlichen Kollisionsmonitorings. Zwar weist die Untersuchung sehr hohe Ausweichraten aus, doch lassen sich daraus keine allgemeingültigen Schlussfolgerungen ziehen: Die Studie basiert lediglich auf zwei halbseitig erfassten Turbinen an Land. Aussagen über Offshore-Anlagen sind damit nicht möglich. Zudem führt auch ein geringes Kollisionsrisiko angesichts der hohen Zahl an Turbinen auf See zu potenziell populationsgefährdenden Risiken.
Aussage 2: Pauschale Abschaltungen bei starkem Vogelzug seien nicht sinnvoll.
Mythos oder Wahrheit? Unsere Einordnung
In der Studie zeigte sich bei intensiverem Vogelzug kein erhöhtes Kollisionsrisiko – hinsichtlich der Übertragbarkeit auf See bleiben aber weiterhin große Fragezeichen. Die Untersuchung lässt offen, welche Faktoren tatsächlich ein erhöhtes Risiko verursachen. Ob Abschaltungen künftig auf Zugintensität, Wetterbedingungen oder andere Kriterien basieren sollten, hängt von künftigen Studienergebnissen auf See ab. Die vom BWO geforderte Abkehr von Abschaltungen während der Hauptzugzeiten stützt sich auf eine minimale Datenbasis und wurde auf Offshore-Anlagen nicht überprüft – eine belastbare Grundlage fehlt damit.
Mythos 2: Schweinswale – gern in Offshore-Windparks zuhause?
Schweinswal, Foto: Christoph Kasulke
Aussage 1: Höhere Detektionsraten im Windpark als im direkten Umfeld würden zeigen, dass Offshore-Windparks attraktive Rückzugsräume sind.
Mythos oder Wahrheit? Unsere Einordnung
Diese Aussage ist nicht haltbar. Zum einen messen die Detektoren nur die Klickaktivität. Daraus lässt sich jedoch die Anzahl von Schweinswalen nicht ohne weiteres ableiten. Zudem breitet sich Schall unter Wasser weit aus, sodass ein Vergleich der Klickaktivität im Windpark mit dem direkten Umfeld bis in 2,5 Kilometer Entfernung wenig aussagekräftig ist. Auffällig ist weiterhin, dass weiter entfernt von den Windparks noch deutlich mehr Schweinswalklicks registriert wurden. Die Daten flossen aber nicht in die Analyse ein. Auch wenn der Begriff Rückzugsraum nicht klar definiert ist, suggeriert er Ungestörtheit. Davon kann jedoch aufgrund der regelmäßig hohen und lauten Schiffsaktivitäten im Windpark keine Rede sein – Schweinswale reagieren sehr empfindlich auf Lärm.
Aussage 2: Die Schweinswalbestände in der deutschen Nordsee seien weitgehend stabil.
Mythos oder Wahrheit? Unsere Einordnung
Die Aussage ist nicht haltbar. Nach wissenschaftlicher Transektzählung wurde von 2002 bis 2019 ein jährlicher Rückgang von rund 1,8 Prozent festgestellt, also insgesamt ein Bestandsrückgang von etwa 30 Prozent. Die Aussage widerspricht somit klar wissenschaftlich ermittelten Daten und Fakten.
Mythos 3: Trottellummen und Tordalken – Lebensraum Windpark?
Trottellumme auf Helgoland - Foto: Imagebroker.com/Friedhelm Adam
Wissenschaftler*innen aus Deutschland und den Niederlanden sind sich einig: Trottellummen und Tordalken meiden Offshore Windparks sehr weiträumig. Auch die branchenfinanzierte Studie bestätigt weiträumige Effekte. Dennoch versucht der BWO diesen Fakt in seiner Kommunikation zu bagatellisieren.
Aussage 1: Trottellummen und Tordalken wurden regelmäßig innerhalb von Windparks nachgewiesen.
Mythos oder Wahrheit? Unsere Einordnung
Mit dem anekdotischen Hinweis auf einzelne Tiere im Windpark verschleiert der BWO, dass diese Arten ihren Lebensraum rund um die Windparks großräumig verlieren. Wissenschaftliche Studien haben diese Effekte bereits nachgewiesen.
Aussage 2: Die beobachtete Dichte des Vorkommens an Tieren nahm schon in geringer Entfernung zu den Windparks wieder zu.
Mythos oder Wahrheit? Unsere Einordnung:
Die Tierdichte steigt mit zunehmender Entfernung zum Windpark. Das ist unstrittig. Auch die industriefinanzierte Studie weist bis in große Distanzen von über zehn Kilometern noch signifikante Effekte nach. Das bestätigt die wissenschaftlich belegten weiträumigen Auswirkungen der Windparks auf die Population der Tiere.
Aussage 3: Im Vergleich zu anderen Studien konnte eine pauschale großräumige Meidung nicht bestätigt werden.
Mythos oder Wahrheit? Unsere Einordnung: Die BWO-Studie basiert ausschließlich auf Daten nach dem Ausbau von Windparks. Die starken Vertreibungseffekte aus bevorzugten Lebensräumen seit Errichtung der Anlagen können auf dieser Grundlage gar nicht abgebildet werden. Die von der BWO betonten saisonalen Unterschiede im Meideverhalten zielen klar auf eine Bagatellisierung der Effekte. Denn ausreichende Lebensräume müssen das ganze Jahr über abgesichert und vor Störungen, wie beispielsweise durch Windparks, geschützt werden.
Unser Resümee
Auch wenn Interpretationen zu Studienergebnissen variieren können: Der BWO verzerrt systematisch die ökologischen Auswirkungen von Offshore-Windparks. Im Sinne eines naturverträglichen Ausbaus von Offshore-Windenergie ist das Veröffentlichen von Studien seitens der Industrie ein begrüßenswerter Schritt, insbesondere da viele dieser Daten bislang nicht der wissenschaftlichen Forschung zugänglich waren. Jedoch darf das nicht dazu führen, tatsächliche Effekte auf marine Ökosysteme zu verharmlosen. Andernfalls leiden sowohl der Ruf der beteiligten Studien-Autor*innen als auch die Glaubwürdigkeit der Offshore-Branche in Bezug auf ihr ernsthaftes Interesse an der Bewahrung unserer Naturschätze.
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