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Verbreiten Zugvögel die Vogelgrippe?

Ein Kommentar von Markus Nipkow, Vogelschutzreferent beim NABU

Markus Nipkow

Dr. Markus Nipkow ist beim NABU Referent für Ornithologie und Vogelschutz.

Es herrscht eine große Hektik und Verunsicherung quer durch unser Land, während ich diese Zeilen schreibe. Die gefürchteten Erreger der Geflügelpest - die in den Medien diesmal unter der Bezeichnung "Vogelgrippe" für Schlagzeilen sorgen - sind Mitte Februar auch bei Wildvögeln in Deutschland nachgewiesen worden. Bei toten Höckerschwänen, Singschwänen und einigen anderen Vogelarten in den Gewässern rund um die Ostseeinsel Rügen fanden sich zum Ende des Winters erstmals hoch-pathogene Viren vom Stamm H5N1. Wie einem Reflex folgend wurde die Nachricht verbreitet, die im Frühjahr zurückkehrenden Zugvögel könnten zu tausendfachen Todesboten der sich ausbreitenden Seuche werden. Aufgeschreckte und besorgte Menschen suchen seitdem Rat bei kurzfristig eingerichteten Hotlines, im Fernsehen oder Internet.

Auch in den Büros des NABU steht das Telefon kaum noch still. Doch was ist dran an dem Verdacht, dass Zugvögel die Ausbreitung der Grippeviren verursachen? Kurz gesagt - immer weniger. Während noch im Herbst vergangenen Jahres völlig offen war, ob sich die Seuche nun entlang der Vogelzugrouten weiter verbreiten würde, sind sich die meisten Experten inzwischen darüber einig, dass Zugvögel bei der großräumigen Ausbreitung der Viren nur eine untergeordnete Rolle spielen können. Spätestens seit dem Ausbleiben der Krankheit in afrikanischen Überwinterungsgebieten und fehlender "Spuren" entlang der Hauptzugrouten dürfte klar sein, dass die Risiken einer Einschleppung durch die im Frühjahr aus ihren Winterquartieren zurückkehrenden Zugvögel als gering einzustufen sind. Auch die Schlüsselfrage, nämlich wie weit ein infizierter Vogel überhaupt noch in der Lage ist, die Viren über eine größere Distanz zu transportieren, scheint recht eindeutig beantwortet werden zu können: H5N1- Viren konnten bisher nur bei bereits toten Tieren und nie bei flugfähigen, klinisch gesunden Vögeln gefunden werden. So sind Zugvögel vielmehr als Opfer, nicht als Täter betroffen. Nach Ansicht des NABU und vieler Experten wird die Rolle der Zugvögel daher im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Vogelgrippe eindeutig überbewertet.

Unter den Wildvögeln bilden Wasservögel ein natürliches Virenreservoir für niedrig-pathogene Grippeviren. Doch an diesen erkranken sie in der Regel nicht. Hoch-pathogene, also auch für die Vögel gefährliche Varianten vom Typ H5N1 traten dagegen bisher unter Wildvögeln nur in auffallend begrenztem Umfang auf. Das war in Asien ebenso zu beobachten wie hier in Deutschland. Zu Massensterben mit Tausenden von Opfern ist es glücklicherweise nirgendwo gekommen. Selbst unter den als empflindlich geltenden Schwänen ist die Sterblichkeitsrate rund um Rügen im Februar 2006 nicht wesentlich höher gewesen als in früheren Wintern. Dazu passt, dass auch nur etwa 10 Prozent aller aufgefundenen und untersuchten Vögel die gefährlichen Viren in sich trugen. Der weitaus größte Teil dieser Vögel hat den strengen Winter also aus anderen Gründen nicht überlebt und war verendet.

Doch woher kam die Krankheit? Es gilt als unwahrscheinlich, dass sich die verendeten Vögel an anderen, weit entfernten Orten infiziert haben könnten. Die betroffenen Höckerschwäne waren Standvögel, die keine größeren Ortsveränderungen vornehmen. Die nordischen Singschwäne hatten zwar größere Strecken zurückgelegt, kamen jedoch aus Gebieten, in denen die Krankheit bisher nicht aufgetreten war. Hinweise auf eine andere Zugvogelart, die das Virus unerkannt nach Deutschland eingeschleppt haben könnte, fehlen ebenfalls bis heute. Nicht wenige vermuten daher, dass H5N1-Viren bereits in Deutschland waren, bevor sie am 14. Februar 2006 zum ersten Mal nachgewiesen wurden. Wenn sich bewahrheitet, dass die Viren schon länger in der Natur zirkulierten, kann das sogar ein Stück weit als Entwarnung verstanden werden: Das Virus ist zwar da, aber es hat nur wenigen Wildvögeln geschadet. Schon zum Monatsende wurden täglich weniger tote Vögel gefunden, teilte der Krisenstab in Schwerin am 28. Februar mit. Die Zahl der nachweislich infizierten Vögel erhöhte sich bis zum 6. März nur geringfügig auf 154. Nicht nur Vogelfreunde können inzwischen aufatmen.

Doch die Gefahren der Seuche sind keineswegs gebannt. Vorbeugende Maßnahmen rund um die Geflügelbestände, die sich in Deutschland auf rund 110 Millionen Tiere beziffern, haben weiterhin höchste Priorität. Dazu zählt jedoch vor allem die genaue Überwachung der Import- und Handelsbeschränkungen von Geflügel und Geflügelprodukten, von Tierfutter und Transportwegen. Gefahren drohen möglicherweise auch über den globalen Handel mit Vogelkot aus Massentierhaltungen in China und anderen Ländern. Von dort soll der Kot nach jüngsten Hinweisen teilweise illegal als Dünger und Fischfutter vertrieben wird. Hier wird noch viel an Recherche und Aufklärung zu betreiben sein. Somit bleiben verschiedenste Kanäle, über die die Geflügelpestviren in Tierbestände eingeschleppt werden können. Noch lassen sich dabei weder alle Fragen beantworten noch alle Risiken hinreichend einschätzen. Der NABU wird aber weiterhin darauf drängen, unter anderem auch den internationalen Handel mit Ziervögeln strengstens zu überwachen und das EU-weite Einfuhrverbot, das aus aktuellem Anlass - jedoch leider nur bis Ende Mai diesen Jahres - verhängt worden ist, dauerhaft zu verankern.

Unsere größte Sorge ist allerdings, dass viele Menschen aus ganz unnötiger Angst den heimischen Vögeln ihre Unterstützung und Sympathie versagen könnten. So sind bereits Anträge auf die Entfernung von Schwalbennestern gestellt worden, und auch in Gärten werden mancherorts Nistmöglichkeiten gezielt beseitigt. Es wäre eine fatale Entwicklung. Wir appellieren deshalb mit Nachdruck an die Menschen in Deutschland, Vögeln am Haus und im Garten weiterhin Nistmöglichkeiten zu verschaffen und möchten alle dazu ermuntern, sich auch weiterhin ungetrübt am bunten Treiben der gefiederten Nachbarn zu erfreuen.

Dr. Markus Nipkow ist beim NABU Referent für Ornithologie und Vogelschutz.

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