NABU.de Tiere & Pflanzen Vögel Tipps für die Praxis Stadttauben: Bitte nicht füttern
Bitte nicht füttern...
Wie Mensch und Stadttaube besser miteinander auskommen
von Stefan Bosch & Peter Havelka
Bestandsexplosion nach dem Krieg | Vom Nahrungsmittel zum Liebhaberobjekt | Erhöhte Sterblichkeit durch Überbevölkerung | Erfolgreiches Tauben-Management
Wie kaum eine andere Vogelart hat sich die Stadttaube zum anpassungsfähigen Kulturfolger entwickelt, dessen Lebensbedingungen weitgehend vom Menschen bestimmt werden. 500 Millionen Tauben, so schätzt man, leben weltweit in den Städten - zur Freude vieler Städter und zur Sorge vieler Hausbesitzer und Stadtverwaltungen.
Städte bieten den Felsentauben-Nachfahren ideale Voraussetzungen. Felsentauben sind in Europa und angrenzenden Gebieten weit verbreitet. In offenen Landschaften vom Agrarland bis zur Wüste sind sie zuhause. In Felswänden, Klippen, Höhlen und Ruinen finden sie geschützte Brutplätze, auf offenen Flächen suchen sie im Schwarm vegetarische Nahrung, bevorzugt Hülsenfrüchte. In unseren Siedlungen ersetzen den Stadttauben Gebäude und Straßenschluchten die Brutplätze im Fels. Und Nahrung findet sich reichlich in Form von Essensresten, Markt-, Hafen- und Schulhofabfällen, Brauereien, Fütterungen oder Abfällen der Futter- und Nahrungsmittelindustrie.
Bestandsexplosion nach dem Krieg
Zählten früher kleine Taubenbestände zum typischen Stadtbild, sind in der Ruinenlandschaft nach dem zweiten Weltkrieg und dann auch in der folgenden Wohlstandsgesellschaft die Taubenbestände förmlich explodiert - mit nachteiligen Folgen für Gebäude, Stadtbewohner und die Tauben selbst. Die Toleranz gegenüber Tieren und deren Haltung ist in unserer modernen Gesellschaft gesunken. Seitdem geht der Streit zwischen Taubenfans und Taubengegnern, die den "Ratten der Lüfte" den Garaus machen wollen. Dabei haben Mensch und Taube eine Jahrtausende alte gemeinsame Geschichte. Als Menschen noch Höhlen bewohnten, waren Tauben wohl die ersten Haustiere. Wegen ihrer Einehe und ihrem liebevollen Turteln gelten sie als Liebessymbol. In vielen Religionen spielt die Taube eine Rolle, nicht nur bei Noah, der Tauben als Boten aus der Arche entsandte. Kirchen, Kommunisten und die Friedensbewegung haben Tauben zum Symbol.
Tauben wurden schon immer vom Menschen genutzt. Die in den Mund fallenden gebratenen Tauben schätzen schon Pharaonen und Römer. Letztere unterhielten so genannte Columbarien speziell zur Zucht leckerer Täubchen. In Wien verspeiste man um 1890 jährlich 750.000 Tauben und in den USA gibt es auch heute noch Taubenmästbetriebe. Bauern hielten früher Tauben zur Fleischgewinnung, die sich als Feldflüchter auf den Äckern ernährten. Heutige Fleischtaubenrassen bringen bis zu einem Kilogramm auf die Waage. Daneben ist auch Taubenkot geschätzt. Als hochwertiges Düngemittel wurde er dort gewonnen, wo auch Großtierdung als Brennstoff verwendet wurde. Taubentürme mit bis zu 5000 Vögeln findet man noch am Mittelmeer, in der Türkei und im Iran.
Vom Nahrungsmittel zum Liebhaberobjekt
Seit Jahrtausenden kennt und nutzt man das Heimfindevermögen der Tauben. Bereits 2600 vor Christus stationierte man Botentauben an Wachtürmen. Erst langsam verdrängt die Kommunikationstechnik die Tauben. So unterhielt die Schweizer Armee bis vor wenigen Jahren eine Brieftaubeneinheit. Zum Schutz der Botentauben wurden im zweiten Weltkrieg an der englischen Kanalküste gezielt Greifvögel vernichtet. Des weiteren dienten Tauben als Futtermittel und in der Falknerei. Als Schießobjekt ersetzten Tontauben erst im letzten Jahrhundert die lebenden Vögel. Die Volksmedizin nutzte Tauben als Heilmittel und Aphrodisiakum. Heute spielen Tauben als Freizeitbeschäftigung eine wichtige Rolle. Allein in Deutschland haben Liebhaber über 260 Taubenrassen gezüchtet.
Heutige Stadttauben sind Nachfolger der Felsentauben, ergänzt um verflogene Haus- und Reisetauben. In wenigen Generationen entwickeln sich unter den Stadtbedingungen typische Merkmale, wie geringe Wanderbereitschaft und typische Färbungen. Wegen natürlicher Verluste, der Jungtaubennutzung zur Fleischgewinnung und begrenztem Futter, das auf Feldern gesucht werden musste, hielten sich die Taubenbestände in Grenzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg begünstigten taubenfreundliche Ruinenstädte und die Überflussgesellschaft die Vermehrung der Vögel. Zufütterung und Stadtklima ermöglichen praktisch Fortpflanzung das ganze Jahr über. Zwei bis acht Mal jährlich können Tauben je zwei Junge aufziehen.
Erhöhte Sterblichkeit durch Überbevölkerung
Zu viele Tauben auf zu engem Raum - ein menschengemachtes Problem. Höchstzahlen treten in Stadtkernen auf, in Randbereichen der Siedlungen kommen Tauben seltener vor und verhalten sich auch felsentaubenähnlicher mit Nahrungsflügen auf Felder. Hohe Taubenzahlen schaden den Tauben: Stress nimmt zu, Krankheiten und Parasiten treten häufiger auf, die Jungensterblichkeit steigt bis auf 90 Prozent im ersten Lebensjahr. Mit zu vielen Tauben kommt es zu Lärm- und Geruchsbelästigungen der Stadtbewohner, Taubendreck an Gebäuden und eventuell Übertragung von Krankheitserregern. Viele ostdeutsche Städte hatten in sanierungsbedürftigen Gebäuden massive Probleme mit Taubenzecken. Dennoch sind die Gesundheitsgefahren generell sicher nicht größer als bei anderen Vogelarten.
Zur Taubendezimierung kamen und kommen die unterschiedlichsten Methoden zum Einsatz, die allesamt meist wenig effektiv und aus Tierschutzsicht bedenklich sind: Abschuss, Käfigfang mit Tötung, Vergiften mit Blausäure oder Schlafmitteln, "Tauben-Pille", Ultraschall, elektromagnetische Felder, Taubenpasten oder mechanische Mittel wie Gitter, Drähte, Nägel uns so weiter. Kontrovers diskutiert werden Fütterungsverbote, die als flankierende Maßnahme sinnvoll sein können, aber schwer durchsetzbar sind, da Taubenfreunde zu unrecht ein Aushungern der Vögel befürchten. Hohe Dauerbestände sind besonders auf den unabsichtlichen Anfall von Abfällen und unsaubere Verarbeitung von Getreideprodukten und sonstiger Nahrungsmittel zurückzuführen.
Erfolgreiches Tauben-Management
Als vernünftig und effektiv haben sich in vielen Städten Konzepte zum Management der Taubenbestände erwiesen. In eigens eingerichteten und betreuten Taubenschlägen können die Stadttauben gezielt angesiedelt und direkt kontrolliert und bestandsreguliert werden. Wenn Taubenschläge alle Idealvoraussetzungen erfüllen, ziehen die Stadttauben dorthin um. Zusätzlich werden die übrigen Nistplätze unzugänglich gemacht. Begleitend wird das Futterangebot reduziert, wobei Fütterungszonen zur Begegnung Mensch-Taube erhalten bleiben.
Modellprojekte in Basel, Tübingen und Berlin zeigen, dass auf diese Weise das Taubenproblem gezielt, nachhaltig, umweltschonend und tierschutzgerecht angegangen, die Gebäudeverschmutzung reduziert und der Taubenbestand in wenigen Jahren um ein Drittel reduziert werden kann. Ziel sollte keine Vernichtung, sondern ein kleiner gesunder Taubenbestand sein, denn auch Stadttauben zählen zur Artenvielfalt unserer Siedlungen.
Beitrag von Daniel Haag-Wackernagel zum Verhalten der Stadttauben
Empfehlungen des Landestierschutzbeirats Baden-Württemberg (PDF)
AG Stadttauben des Bundesverbandes der Tierversuchsgegner
Tauben-Merkblatt des Schweizer Tierschutzes
Projekt Stadttauben Luzern mit PDFs zu Teilthemen
Stadttaubeninfo und Fütterungsverbot in Duisburg

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