NABU.de Tiere & Pflanzen Vögel Was kann ich tun? Vogeltod an Glaswänden

Der unsichtbare Tod

Der unsichtbare Tod

Glasscheiben als Vogelkiller und was man dagegen tun kann

von Hans-Heiner Bergmann

Kollisionsopfer Kohlmeise

Kollisionsopfer Kohlmeise


Es ist ruhiger Vormittags-Betrieb am Futterhäuschen. Doch plötzlich gibt es Alarm. Eine Kohlmeise hat den heran streichenden Sperber zuerst entdeckt und ruft hoch ihr "siiiht". Alle Kleinvögel fliegen so rasch wie möglich ins Gebüsch. Zwei Zeisige haben die Chance verpasst und streichen zum nahen Haus. Es sieht so aus, als habe dieses in der Mitte eine Lücke. Tatsächlich kann man hier durch das Haus hindurchsehen, durch das eine Fenster hinein, durch zwei offene Türen hindurch und jenseits durch die gläserne Balkontüre hinaus. Beide Vögel knallen in voller Fahrt gegen das geschlossene Fenster und sind in Sekunden tot.

Später entdeckt der Hausbesitzer die beiden toten Zeisige, ein Männchen und ein Weibchen. Schade um die beiden. Vorgestern lag dort ein Dompfaff, auch Amseln und ein Kernbeißer haben sich schon gefunden. Sie bekommen ein würdiges Begräbnis in der Gartenecke. Wieso hier bloß immer tote Vögel liegen? Die Katze hat sich auch schon einige davon geholt und nur ein paar Federn im Keller übrig gelassen.

Tod am Wartehäuschen
Szenenwechsel: Damit die Fahrgäste nicht im Regen stehen müssen, hat sich die Regionalbahn einen Ersatz für den alten Bahnhof ausgedacht - ein Wartehäuschen, verglast und elegant. In einem Nachbarort ist sogar der Unterstand für die Fahrräder gläsern. Auch hier liegt schon eine tote Amsel daneben. Sie ist offenbar in raschem Flug gegen die unsichtbare Scheibe geprallt.

Tote Amsel an Glasfront

Tod am Wartehäuschen

Eine Amsel, so wird man sagen, ist doch nicht tragisch. Aber wie viele Vögel fliegen über das Jahr hin gegen diese Scheiben? Ein Dutzend wäre eigentlich schon zu viel. Da kann man froh sein, wenn die Scheiben schmutzig sind, denn dann können die Vögel sie besser sehen. Wenn sie aber frisch auf Hochglanz poliert sind, dann wehe dem Vogel, der aus irgend einer Richtung unter dem Dach des Häuschens hindurch fliegt.

Und wie viele tote Vögel findet man an solcher Stelle? Längst nicht alle, die angeflogen sind. Manche kommen erst einmal davon. Mindestens die Hälfte von ihnen stirbt bald darauf an inneren Verletzungen. Andere fallen ein Stück weiter ins Gras. Aber auch die Katzen, die vorbei kommen, wissen recht bald Bescheid und kassieren frisch tote Vögel ab. Und nachts führt den Marder und den Fuchs sein Weg an solche Stellen. Die Dunkelziffer an toten Vögeln kann man als beträchtlich einschätzen.

Bis zu einer Milliarde toter Vögel
Es gibt viele menschengemachte Objekte im Luftraum, die einem fliegenden Vogel den Weg verstellen können: Leitungen von Hoch- und Mittelspannungstrassen, Seile, Zäune, Drähte, Windkraftanlagen, Masten. Doch alle diese Objekte sind mehr oder weniger gut sichtbar und nicht so gefährlich. Glas allein ist unsichtbar. Und so ist der Tod eines Vogels an einer Glasscheibe umso furchtbarer und plötzlicher für das gefiederte Lebewesen. Das beginnt bei einem kleinen Fenster und endet bei riesigen Hochhäusern mit verglasten Fronten. Allein für die Vereinigten Staaten von Amerika liegt die aus Hochrechnungen ermittelte Zahl toter Vögel an Glasscheiben jährlich zwischen einhundert Millionen und einer Milliarde.

Kollisionsabdruck an Fenster

Kollisionsabdruck an Fenster

Glas ist nicht nur unsichtbares Hindernis, es reflektiert auch noch. Getönte Fensterscheiben spiegeln einem Vogel Silhouetten von Bäumen und Büschen vor. Ein weiterer Anlass, dass fliegende Vögel in die Falle gehen. Menschen denken sich immer neue gefährliche Hindernisse dieser Art aus. In der Schweiz ist man darauf gekommen, entlang von Autobahnen und Schnellstraßen durchsichtige gläserne Schallschutzwände einzurichten. Auf einer Strecke von 250 Metern im Tessin haben sich innerhalb von vier Jahren allein etwa 700 Vögel an einer solchen Schallschutzwand tot geflogen.

Greifvogel-Silhouetten helfen oft nicht
Die Abhilfe ist klar. Keine gläsernen Vogelfallen bauen. Die vorhandenen im schlimmsten Fall abreißen und durch andere ersetzen. Und wenn das nicht geht? Die aufgeklebten Silhouetten von Greifvögeln, die man so oft findet, nützen so gut wie nichts. Wenn man Glasscheiben ungefährlich machen will, muss man sie mit Mustern versehen. Wirkungsvoll sind Streifen, die am Besten senkrecht angeordnet sind. Die Streifen, entweder eingefräst, aufgemalt oder aufgeklebt, müssen mindestens zwei Zentimeter breit sein. Der Abstand zwischen zwei solcher Streifen darf zehn Zentimeter nicht überschreiten.

Vogelsilhouette

Greifvogelsilhouette am Fenster: leider oft wirkungslos

Greifvogelsilhouetten werden oft nicht als potenzielle Fressfeinde erkannt, sondern als bloße Flughindernisse. Silhouetten, die von Innen an die Scheiben beklebt werden, haben meist eine schlechte Wirkung, weil Vögel die Aufkleber durch Spiegelungen gar nicht wahrnehmen. Werden die Greifvogelsilhouetten von außen aufgeklebt, sind sie besser sichtbar.

Sonnenschutzmittel hilft!
Erfahrungen haben gezeigt, dass ein Einsprühen der Aufkleber mit wasserunlöslichem Sonnenschutzmittel, das einen hohen Lichtschutzfaktor aufweist, die Sichtbarkeit der Silhouetten und damit deren Wirkung stark erhöht. Durch das Sonnenschutzmittel werden kurzwellige Sonnenstrahlen reflektiert, die von Vögeln sehr gut wahrgenommen werden. So erkennen die Vögel das Hindernis. Dies funktioniert auch bei bewölkten Tagen.

Am besten lässt sich der gläserne Vogeltod aber vermeiden, wenn das Haus nicht an irgendeiner Stelle "durchsichtig" ist. Fenster kann man von innen mit Gardinen, Jalousien, Rollos, Lamellenvorhängen und Ähnlichem für die Vögel harmlos machen. Dekorationen aller Art an oder auf den Scheiben, auch Glasmalereien und Kinderfarben tun die gleichen Dienste. Auch Fensterputzen ist auf alle Fälle schädlich.

Futterhäuschen und Nistkästen dürfen nicht in der Nähe von großen Fenstern oder verglasten Veranden angebracht werden. Wer möchte schon die Vögel, denen er eigentlich helfen will, unversehens in den Tod locken?

mehr NABU-Ratgeber „Vogeltod an Glasflächen“ (PDF)

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