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Hausgäste auf Zeit
Hausgäste auf Zeit
Winterliche Entdeckungen in Keller und Dachstuhl
von Stefan Bosch
Draußen rieseln dicke Schneeflocken auf die Erde, als ich die Kellertreppe hinabsteige. Ich schalte das Licht ein und nehme eine Bewegung an der Kellerdecke wahr, ganz oben, wo die Reisekoffer auf dem Schrank gestapelt verstauben. Ein Tier? Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich der bewegte Fleck als ein Bote aus sonnigeren Tagen: Ein Tagpfauenauge!
Wenn es draußen kalt wird, zieht es viele Tierarten in die Wärme und Geborgenheit menschlicher Bauwerke. Besonders Keller, Garagen, Scheunen, Dachstühle, Vorrats- und Abstellkammern erfüllen die Ansprüche an ein gutes Winterquartier. Viele Tiere überbrücken die kalte, nahrungsarme Jahreszeit ohne eigentlichen Winterschlaf, sie halten einfach Winterruhe in einer Umgebung, in der sie nicht aktiv und damit Energie verbrauchend leben müssen und in der sie nicht Gefahr laufen, in Frostperioden zu erfrieren. Zielsicher entdecken sie Spalten, Ritzen, Fugen oder lockere Dachziegel, die ihnen Zugang zu unbeheizten Räumen ermöglichen.
Schutz im Ersatzfelsen
Für viele Arten sind Gebäude "Ersatzfelsen", die natürlich ebenso genutzt werden wie Steinspalten und Höhlungen. Keller und andere Nischen weisen einige Übereinstimmungen mit den ökologischen Qualitäten von Säugetierbauten auf in Bezug auf Dunkelheit, Temperatur und Feuchtigkeit.
Selbst echte Winterschläfer zieht es gerne zum Schlummern auf Dachböden und in Feldscheunen. Siebenschläfer fallen im Herbst auf, wenn sie mit viel nächtlichem Radau Nahrung und Nistmaterial eintragen. Fledertiere wie Zwergfledermaus oder Breitflügelfledermaus schätzen unterirdische Räume. Oft wird ihre Anwesenheit nicht bemerkt, wenn sie sich in Spalten und Ritzen verkriechen. Weitere Säugetier-Gäste können Gartenschläfer und Spitzmäuse sein. Mäuse entdecken im Herbst ihre Vorliebe für Gebäude, besonders in Siedlungsrandlagen. Ihnen dienen nicht nur vorhandene Lücken als Zugang, sie nagen sich auch durch Verkleidungen. Lärmend tragen sie Nüsse und andere Nahrung ein. Am Stadtrand gesellen sich zu den Hausmäusen gerne Gelbhals-, Wald-, Rötel- und Feldmäuse, die aus Feld und Wald zuwandern. Im Gegensatz zur Hausmaus haben Feldmäuse im Winter keinen Nachwuchs.
Krötenfalle Lichtschacht
Amphibien suchen zur Winterruhe feuchte aber frostfreie Schlupfwinkel auf, denn als wechselwarme Tiere sinkt ihre Körpertemperatur mit der Umgebungstemperatur. Gelegentlich verirren sich Frösche und Kröten in Lichtschächte oder andere Nischen am Bau. Für manche werden sie zur Falle, denn aus tiefen Schächten gibt es später im Frühling kein Entrinnen.
Der Zitronenfalter verfügt über einen körpereigenen Frostschutz.
Klettert man an Wintertagen in den Dachstuhl, trifft man häufig auf überwinternde Schmetterlinge und Florfliegen. Schmetterlinge nutzen alle Strategien der Überwinterung: Je nach Art wird als Ei (Frostspanner), Raupe (Apfelwickler), Puppe (Kohlweißling) oder ausgewachsener Schmetterling die kalte Jahreszeit überdauert. Admiral und Distelfalter wandern im Herbst Richtung Süden über die Alpen. Ungeschützt sitzen dagegen draußen im Frost die Zitronenfalter an einem Zweig. Ein spezielles Winterprogramm macht sie gegen Kälte unempfindlich: Wasserausscheidung konzentriert ihre Zellsäfte, der Gefrierpunkt der Körperflüssigkeiten wird gesenkt und Glycerin als Frostschutzmittel gebildet. Dagegen müssen die Weibchen von Tagpfauenauge und Kleinem Fuchs frostfreie Quartiere aufsuchen, bis sie im Frühling die Sonne und warme Temperaturen wieder hervorlocken. Dann legen sie ihre Eier ab und sorgen für die nächste Generation bunter Sommergaukler. Gelegentlich werden sie im Dachstuhl von Langohr-Fledermäusen verspeist.
Falter und Marienkäfer in Winterstarre
Schmetterlinge verfügen über keine großen Energiereserven. In warmen Räumen erwachen sie, verbrauchen ihren Kraftstoff und sterben vorzeitig. Aufgefundene Schmetterlinge sollten in einen kühlen, unbeheizten Raum verbracht werden, in dem sie ungestört bis zum Frühling ruhen. Ähnlich ergeht es Marienkäfern und Florfliegen. Florfliegen findet man völlig verändert unterm Dach. Sind die zarten Flügel der als Blattlausvertilger geschätzten "Goldaugen" im Sommer grün gefärbt, sorgt im Winter der Farbstoff Karotin für ein rötliches Aussehen. Marienkäfer sammeln sich gerne scharenweise zum Beispiel in Spalten der Fensterrahmen zum gemeinsamen Überwintern. Leicht werden die leblos wirkenden Käfer für tot gehalten und weggekehrt. Beide Arten sollten in kühlen Räumen ruhen und vor dem Frühjahrsputz sicher sein können.
Weniger beliebte Gäste dürften die Stechmücken sein, die sich mitunter in Massen in kühlen Kellern einfinden. Mit den draußen in der Wintersonne tanzenden Mückenschwärmen haben sie nichts zu tun, bei ihnen handelt es sich um Winter- oder Stelzmücken, die erst bei vier Grad Celsius aktiv werden und sich im Winter paaren. Zu unrecht ungeliebt sind Spinnen und Weberknechte, die die ersten kalten Nächte in Keller und Wohnungen treibt. Das Jahr über leben sie in Gärten, Parks und Anlagen. Heimische Spinnen sind harmlos und nützliche Insektenjäger. Die langbeinigen Weberknechte kommen in mehreren Arten bei uns vor und sind ebenfalls harmlos. Manche legen ihre Eier in Gebäuden ab und sterben dann, andere überwintern gesellig, indem sie miteinander über Beinkontakt Verbindung halten und sich bei Störungen gegenseitig alarmieren.
Wintergäste tolerieren
Stubenfliegen gibt es das ganze Jahr. Im Winter sind sie seltener, den sie vermehren sich jetzt langsamer. Meist kommen sie dann nur in Ställen vor, von denen aus sie im Frühjahr auf kilometerlangen Flügen alle Stuben in Land und Stadt wieder in gewohnter Zahl besiedeln.
Die Beispiele zeigen, wie viele Tierarten unsere Gebäude als Überwinterungsnische nutzen. Die meisten von ihnen können mit etwas gutem Willen problemlos als Wintergäste toleriert und beherbergt werden. Dabei eröffnet sich die Chance, Wildtiere mit interessanten Lebensweisen live kennen zu lernen und hautnah zu beobachten.
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