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Millionen Maikäfer schwärmen aus

Faszinierendes Naturschauspiel oder Gefahr für den Wald?

Schwerpunkt 2004 im Hardtwald | Gifteinsatz könnte seltene Arten treffen | Bekämpfung als "Managementmaßnahme" | Aktuell: Maikäferjahr 2006


Waldmaikäfer

Eichenblätter sind Maikäfers Leibspeise.

Mehr als 100 Millionen Maikäfer verlassen in diesen Tagen den Waldboden, wo sie zuvor drei bis vier Jahre lang als Engerlinge, also als Larven gelebt haben. Nun ist Fressen und Fortpflanzung angesagt. Vor allem das frische Grün der Eichen und anderer Laubbäume lassen sich die Waldmaikäfer schmecken. Während sich Naturfreunde auf ein besonderes Schauspiel freuen dürfen, sehen die Förster durch die Massenvermehrung der Käfer die Wälder in Gefahr. Probleme bereitet weniger der Laubfraß - die Bäume treiben später einfach noch ein zweites Mal aus - sondern der Heißhunger der Larven auf Baumwurzeln, der viele Bäume nachhaltig schädigt oder sogar zum Absterben bringt.

Waldmaikäfer

Die Käfer lassen sich einfach von den Zweigen pflücken.

"Es gibt keine Maikäfer mehr" sang Reinhard Mey vor 25 Jahren, die kleinen Brummer schienen weitgehend ausgestorben zu sein. Doch dieser Abgesang war verfrüht. In jüngster Zeit kommt es regional wieder zu Massenvermehrungen vor allem des Waldmaikäfers. Die Zentren liegen in Deutschland in der Oberrheinebene von Karlsruhe über Mannheim bis Darmstadt. Inzwischen weiß man, dass diese "Gradationen" alle 30 bis 45 Jahre auftreten. Noch ist aber kein Ende der bereits seit mehreren Jahren anhaltenden aktuellen Gradation absehbar. "Die Spitze ist noch nicht erreicht", meint Maikäferexperte Arno Schanowski vom NABU-Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz (ILN) in Bühl.

Schwerpunkt 2004 im Hardtwald bei Karlsruhe
Schwerpunkt des Massenauftreten im Frühjahr 2004 ist der nördliche Hardtwald zwischen Karlsruhe und Schwetzingen. Im Hardtwald leben zwei unterschiedlich getaktete Maikäfer-Großfamilien, genannt Südstamm und Nordstamm. Nur der flächenmäßig kleinere Nordstamm schwärmt dieses Jahr aus. Nach Untersuchungen der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt wird es auf 4.000 Hektar zu einem "mittleren bis starken Maikäferflug" kommen. Auf Probeflächen wurden bis zu 52 Maikäfer je Quadratmeter Waldboden gefunden - als kritische Dichte gilt unter Forstleuten bereits ein Käfer je Quadratmeter.

Waldmaikäfer auf Eichenblatt

Im Norden des Hardtwaldes ist die Wahrscheinlichkeit für Naturfreunde also am größten, beim Sonntagsausflug auf große Mengen leise vor sich hinfressender Maikäfer zu treffen. Doch auch in den übrigen Maikäfergebieten des Hardtwaldes sowie der Wälder nördlich von Mannheim (Viernheimer Wald und Lorscher Wald) und rund um Darmstadt ist mit Maikäfern zu rechnen. Bei den gigantischen Populationen reichen schließlich schon ein bis zwei Prozent von "falsch getakteten" Tieren aus, um auch dort mit Sicherheit auf Maikäfer zu treffen, wo der große Hauptflug erst wieder 2005 oder später ansteht.

Gifteinsatz könnte seltene Arten treffen
Chemische Maikäfer-Bekämpfungsmittel sind in Deutschland zur Zeit nicht zugelassen Um die Früchte des gerade begonnenen naturnahen Waldumbaus fürchtend, beantragten die Forstbehörden für den Hardtwald deshalb eine Ausnahmegenehmigung für den Einsatz des Insektengifts "Perfekthion", das sonst im Obst- und Gemüseanbau gegen Fruchtfliegen, Miniermotten oder auch Blattläuse eingesetzt wird. "Wir werden dem Maikäfer den Wald nicht überlassen und uns nicht aus der Fläche zurückziehen", gibt sich Ministerialdirektor Rainer Arnold vom Ministerium für Ernährung und Ländlichen Raum kämpferisch.

Murphys Gesetz gilt auch für Maikäfer - sie fallen fast immer auf den Rücken.

Da große Teile des Hardtwaldes als europäisches Naturschutzgebiet ("Natura-2000-Gebiet") ausgewiesen sind, kann dort aber nicht einfach mit Giften hantiert werden. Es sind alle Handlungen verboten, die den europaweit bedeutsamen Arten schaden könnten. Im Hardtwald sind das unter anderem der seltene Schmetterling "Spanische Flagge" als direkt vom Insektengift bedrohte Art sowie Bechstein-Fledermaus, Rotmilan und Mittelspecht, die sich über die Nahrungsaufnahme vergiften könnten. Vor allem den Wochenstuben der seltenen Bechstein-Fledermaus gelten die Sorgen des Naturschutzes.

Maikäferbekämpfung als "Managementmaßnahme"
Eine vom ILN Bühl im Landesauftrag erstellte Verträglichkeitsstudie konnte Gefahren für die geschützten Arten nicht ausschließen und so wurde der Gifteinsatz im letzten Jahr zunächst abgesagt. Inzwischen hat sich jedoch auch die EU-Kommission zu den Maikäfern geäußert und grundsätzlich Grünes Licht für die Bekämpfung gegeben. Schließlich bedrohe der Maikäferbefall die Biotopqualität des Natura-2000-Gebiets Hardtwald, so die Interpretation aus Brüssel. Natura-2000-Gebiete unterliegen aber einem Verschlechterungsverbot, gegen das die Maikäfer sozusagen verstoßen. Maikäferbekämpfung ist deshalb aus Kommissionssicht als "Managementmaßnahme" zu begreifen.

Waldmaikäfer

Das Problem der Vergiftung anderer Arten als des Maikäfers durch "Perfekthion" ist damit allerdings nicht gelöst. Das auch unter dem Namen Danadim bekannte Mittel mit dem Wirkstoff Dimethoat wird per Hubschrauber in die Baumkronen versprüht, wo es in die Blätter eindringt und so als Kontakt- und Fraßgift wirkt.

In der Arbeitsgruppe Waldmaikäfer einigten sich Forstbehörden, Waldbesitzer und Naturschützer schließlich auf eine Bekämpfung probehalber. Diese soll nur in kleinen Teilflächen stattfinden und im Staatswald lediglich auf Pufferflächen direkt angrenzend zu Privatwaldparzellen mit Perfekthion-Einsatz. Begleitend zum Gifteinsatz werden die Auswirkungen auf die übrige Tierwelt untersucht. "Unter anderem fangen wir Spinnen sowie Insekten wie Fliegen, Laufkäfer und Nachtfalter, um Artenspektrum und Bestandsentwicklung möglichst genau zu verfolgen", erläutert Arno Schanowski vom ILN Bühl. "Außerdem werden per Telemetrie die Lebensräume der Bechstein-Fledermäuse näher erkundet."

mehr Mehr aus dem Leben der Maikäfer

mehr Bald krabbeln sie wieder: Infos zum Maikäferjahr 2006

Beitrag erstellt am 3. Mai 2004.

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