NABU.de Themen Umweltpolitik Wahlen Superwahljahr 2009 „Im Zweifel immer auf Seiten der Umwelt“
„Im Zweifel immer auf Seiten der Umwelt“
„Im Zweifel immer auf Seiten der Umwelt“
Interview mit Cem Özdemir, Bundesvorsitzender Bündnis 90/Die Grünen
Cem Özdemir beim Gespräch mit dem NABU.
23. Januar 2009 -
Wie grün sind die Grünen, mit welchen Themen gehen sie ins Superwahljahr 2009? Seit November 2008 ist Cem Özdemir einer von zwei Bundesvorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen. In der Berliner Parteizentrale stellte sich der Grünen-Chef den Fragen des NABU, sprach über mögliche Koalitionspartner, vegetarische Ernährung und Naturerleben in der Stadt:
Das bekannte Berliner Restaurant „Kanzlereck“ führt die Lieblingsspeisen sämtlicher bisheriger Bundeskanzler. Welches Gericht kommt denn neu auf die Speisekarte, wenn Cem Özdemir mal Kanzler ist? Bisher stellen die kleinen Parteien bei uns nicht den Kanzler. Insofern ist die Frage hypothetisch.
Wie wäre es mit Angela Merkels Lieblingsgericht: Rinderroulade mit Schmorgemüse und Petersilienkartoffeln? Weder die Merkelsche Rinderroulade, noch der Kohlsche Saumagen, für einen Vegetarier ist das alles nichts. Also, es sollte etwas aus der Vollwertküche sein, regional angebaut – von mir aus gerne aus dem Ökodorf Brodowin. Und einen mediterranen Einschlag sollte das Gericht haben. Die mediterrane Küche ist per se, dadurch dass sie sehr stark auf Olivenöl basiert, natürlich gesund. Sagen wir mal: ein vegetarisches Pasta-Gericht.
Der „anatolische Schwabe“
Cem Özdemir, geboren 1965, wächst im schwäbischen Bad Urach auf. Nach einer Ausbildung zum Erzieher studiert er in Reutlingen Sozialwesen. 1981 tritt der „anatolische Schwabe“ (Eigenbezeichnung) den Grünen bei und wird 1989 Mitglied im baden-württembergischen Landesvorstand. 1994 wird er als erster Abgeordneter türkischer Herkunft in den Bundestag gewählt, 2004 wird er Abgeordneter des Europaparlaments.
Gemeinsam mit Claudia Roth wird Cem Özdemir im November 2008 von der Bundesdelegiertenkonferenz Bündnis 90/Die Grünen an die Parteispitze gewählt. Özdemir lebt mit Frau und Tochter in Berlin-Kreuzberg.
War Ihnen die Liebe zum vegetarischen Essen schon in die Wiege gelegt? Aus der Familie kommt es bestimmt nicht, ganz im Gegenteil: Meine Eltern waren alles andere als erfreut, als ich mich entschlossen habe, Vegetarier zu werden.
Wie kam es also? Es hat zunächst einmal mit Kindheitserlebnissen und damit schon mit der Familie zu tun. Meine Eltern stammen beide aus der Türkei. Und als ich noch klein war, wurde bei einem Besuch im Heimatdorf meines Vaters zum muslimischen Opferfest auch für mich ein Schaf geschlachtet. Am Morgen hatte ich mit dem Schaf noch gespielt, das war für den Schwabenjungen aus Bad Urach ein großer Schock: Das Messer geht an den Hals den Schafes, Blut fließt, eine Hand nimmt etwas warmes Blut und streicht es an meine Stirn. Das war ein bleibender Eindruck und von da an konnte ich nie Schafe oder Ähnliches essen.
Später war ich bei deutschen Tageseltern, während meine Eltern beide berufstätig waren und die haben direkt beim Schlachthof gewohnt. Wir durften beim Schlachten immer zuschauen und so kam es, dass ich alles, woran man das Tier direkt erkennen konnte, schon als Kind nicht aß. Später dann, im Rahmen der Politisierung, kam noch dazu, dass mir klar wurde, wie viele Menschen man ernähren kann über den direkten Weg des Getreides und wie viel weniger Menschen über den Umweg Fleisch. Das hat sein Übriges dazu beigetragen und seit meinem 17. Lebensjahr bin ich Vegetarier.
Mit Ihrer Antrittsrede als Parteivorsitzender haben Sie deutlich gemacht, dass die Grünen im Superwahljahr 2009 vor allem ihr umweltpolitisches Profil schärfen wollen. Natürlich. Es muss klar sein, dass wir das Original sind. Wir haben mit Ökologie, Gerechtigkeit und Freiheit drei Schwerpunkte und die Ökologie ist die Nummer eins. Im Zweifel stehen wir immer auf der Seite der Umwelt. Das ist bei den anderen Parteien genau umgekehrt: Wenn die in der direkten Konfrontation stehen, wenn sie sich entscheiden müssen zwischen den Interessen der Automobillobby, der Kohlelobby und der Atomlobby einerseits und den Interessen der Umwelt andererseits, dann entscheiden sie sich immer gegen Natur- und Umweltschutz.
Der Bundesumweltminister würde Ihnen da sicher widersprechen. Ich begrüße es zwar, dass Sigmar Gabriel am Atomausstieg festhält, aber in zwei Punkten ist er meines Erachtens nach dramatisch schief gewickelt: bei den Kohlekraftwerken und beim Autoverkehr. Mit dem Neubau von zusätzlichen Kohlekraftwerken gefährdet die Bundesregierung ihre selbst ausgegebenen Klimaschutzziele. Den Kohlendioxid-Ausstoß um 40 Prozent zu verringern, wird mit jedem weiteren Kohlekraftwerk unwahrscheinlicher.
Das Kohlendioxid soll ja später mal abgeschieden und gelagert werden. Das ist eine reine Luftbuchung. Wir wissen weder, wann diese sogenannte CCS-Technik verfügbar sein wird, noch ob sie überhaupt zur Anwendung kommt. Viel wichtiger sind in der Energiepolitik die bekannten drei E’s, nämlich Energiesparen, Energieeffizienz und der Einsatz erneuerbare Energien.
Und im Bereich des Individualverkehrs sehe ich überhaupt nicht, womit sich Gabriel den Titel Umweltminister verdient hätte. An das notwendige Tempolimit traut er sich nicht heran und die bei den EU-Klimaverhandlungen beschlossenen Ausnahmeregelungen für die deutsche Industrie gefährden nicht nur die Klimaziele, sondern auch Arbeitsplätze. Das ist innovationsfeindlich und nicht zukunftsfähig. Hier ist der Umweltminister auch kein Partner für die Umweltbewegung, sondern im Gegenteil, jemand, der auf der anderen Seite steht.
Mit wem wollen Sie den Vorrang der Ökologie denn künftig durchsetzen, gibt es einen Wunschpartner? Es gibt ein Wunschergebnis, das sind starke Grüne. Das ist natürlich das Erste für mich als Parteivorsitzender. Und alles andere entscheidet sich auf Grundlage der Inhalte.
Na, die Mehrheiten müssen aber auch da sein. Das stimmt, aber wir müssen erst mal unseren Teil erfüllen und dann müssen die anderen ihren erfüllen. Und wenn ich mir da den potenziellen Koalitionspartner SPD anschaue, hat der auch noch einiges zu tun bis zum Wahlabend im September.
Rot-grün soll es also sein? Zumindest lassen sich grüne Inhalte nach allen bisherigen Erfahrungen auf Bundesebene eher mit der SPD verwirklichen, als mit der Union. Das gilt für den Umwelt- und Naturschutzes wie auch für die Außen- und Sozialpolitik. Auf Landesebene kann das auch mal anders sein, siehe Hamburg. Die Hamburger CDU unterscheidet sich zum Beispiel ganz radikal von der CDU in Hessen. Deswegen wäre in Hessen nicht möglich gewesen, was in Hamburg möglich war. In Bremen wiederum koalieren wir mit der SPD und machen dort sehr gute Erfahrungen. In Hessen hätten wir auch einen anderen Versuch gewagt, doch der ist bekanntlich nicht an uns gescheitert. Wir sind da pragmatisch aufgestellt. Wir gehen nicht ideologisch ran, aber werteorientiert.
Die Grünen werden zwar als Umweltpartei wahrgenommen. Aber der Naturschutz scheint doch nur eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das würde ich nicht so scharf trennen. Gerade bei mir in Baden-Württemberg gibt es viele, die über den Naturschutz zu den Grünen gekommen sind. Und jeder, der in der Spitze der Partei tätig ist, sieht auch seine Rolle nicht nur im Umweltschutz, sondern auch im Naturschutz. Für 2009 haben wir uns zum Beispiel vorgenommen, die beiden Themen Biosphärenreservate und Schutz der Buchenwälder stärker in den Vordergrund zu stellen. Also ist es nicht so, dass der Naturschutz nicht auf dem Bildschirm wäre – aber ich betrachte die Frage als Anregung, da noch stärker präsent zu sein.
Bei der Bundesdelegiertenkonferenz in Erfurt spielte der Naturschutz immerhin eine Rolle. Da wurde gefordert, aus der Elbe quasi einen Modellfluss zu machen, nach dem Vorbild der französischen Loire. Es war aber lediglich von der oberen und mittleren Elbe die Rede. Die untere war nicht dabei. Ist das Rücksichtnahme auf die grün-schwarze Koalition in Hamburg? Nein, das hat damit nichts zu tun, das ist erst einmal der Beginn und ja schon ein recht ehrgeiziges Ziel. Und dann können wir schauen, wie es weiter geht.
Was hat denn Cem Özdemir selbst für ein Verhältnis zur Natur. Von Kindesbeinen an ein ganz enges. So groß ist Bad Urach nicht. Vom Elternhaus war der Weg zum Wald nur fünf Minuten, man wächst ganz anders auf als ein Großstadtkind. Das bedauere ich auch jetzt bei meiner kleinen Tochter, die mitten in Berlin aufwächst. Man kann nicht einfach die Straße überqueren und schon im Wald stehen, wie das bei mir der Fall war. Umso wichtiger ist es, dass man sich überlegt, wie man schon im Kindergarten gezielt Naturerfahrungen ermöglicht.
Ein bisschen hilft der NABU mit. Genau, ich wollte unbedingt einen Nistkasten für zuhause haben, damit die Kleine vom Fenster aus Vögel beobachten kann. NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller hat mich da genauestens beraten. Jetzt haben wir einen Höhlenbrüterkasten, Nisthilfen für Schwalben und noch dazu ein Futterhäuschen. Es kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Mit Cem Özdemir sprachen Helge May und Kathrin Klinkusch. Fotograf: Michael Hanschke.

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