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Industriewälder - Bedeutung und Wahrnehmung neuer Stadtnatur
Neue Wälder auf alten Industrieflächen
Bedeutung und Wahrnehmung neuer Stadtnatur
Mit dem wirtschaftlichen Strukturwandel seit den 1970er Jahren und dem Ende der DDR zu Beginn der 1990er Jahre entstanden neue Naturräume auf Altindustrieflächen. Die Internationale Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land (2000-2010) beschäftigt sich intensiv mit der postindustriellen Renaturierung der Lausitz. Ähnliches passiert in der Bergbaufolgelandschaft Leipziger Süden. Im Saarland hat sich "Saarkohlenwald" zu einem Besuchermagneten entwickelt. Im Ruhrgebiet entstanden an Standorten wie dem Consol-Park in Gelsenkirchen, dem Golfplatz Jacobi/Amalia in Oberhausen oder dem Bürgerpark in Oberhausen-Osterfeld neue postindustrielle Grünflächen, bis hin zu neuen Wäldern, den so genannten Industriewäldern.
"Industriewälder" als neue Waldflächen haben sich durch natürliche Sukzession auf den Brachen ehemaliger Industrieanlagen und Zechen spontan entwickelt. Die Industriewälder sind im Vergleich zu anderen Stadtnaturtypen wie etwa den Stadtparks gekennzeichnet durch eine besonders hohe Artendichte. Spezialisten, die aufgrund des hohen Nutzungsdrucks auf anderen urbanen Flächen nicht mehr existieren, finden hier Entwicklungsmöglichkeiten, wie der Gewöhnliche Hirschsprung, der auf Industriebrachen einen Ersatzlebensraum für verschwundene Kiesbänke natürlicher Fließgewässer gefunden hat. Neben vielen weiteren finden hier gefährdete oder seltene Arten wie das Kleine Tausendgüldenkraut, der Hirschkäfer, die Hohltaube, viele Spechtarten oder die Gelbbauchunke neuen Lebensraum.
Saar-Urwald
Für den Stadtmenschen bieten Industriewälder die Möglichkeit, in seiner ummittelbaren Nähe "wilde Natur" zu erleben. Der Industriewald stellt als "neue Wildnis" eine eigene Form von unberührter Natur mitten in der hoch verdichteten Stadt dar. Dies erkannte auch der NABU und drängte die saarländische Landesregierung, ein großflächiges Wald-Schutzgebiet einzurichten. Heute wird das rund 1000 Hektar große Schutzgebiet "Urwald vor den Toren der Stadt" gemeinsam vom saarländischen Umweltministerium, der Forstverwaltung und dem NABU betreut.
Das Schutzgebiet wird von kilometerlangen Schlackenhalden, Landstraßen, Gastrassen und Wasserleitungen durchzogen. Ein Haldenrundweg verbindet die Halden als wichtige Relikte des Bergbaus und Landmarken des Saarkohlenwaldes miteinander und mit dem Erleben von "wilder Natur." Rund 200 Veranstaltungen pro Jahr finden hier statt. Von A wie After-Work-Entspannung bis W wie Wildkochkurse; Musikabende, Lesungen und Ferienprogramme. Klang-Workshops und Wildnis-Foren, Mal-, Foto- und Videokurse und naturkundliche Führungen, Seminare und Vorträge. Und immer lautet der kulturelle Auftrag: Entdeckt die Wildnis, erlebt die Natur.
Industriewälder im Ruhrgebiet
Der besondere Stellenwert der Industriewälder für das Ruhrgebiet sowohl in ökologischer als auch in soziokultureller Perspektive wird im Masterplan Emscher-Landschaftspark (ELP) 2010 detailliert dargestellt. Der ELP gilt als bedeutendes europäisches Landschaftsexperiment und wurde aufgelegt, um innovative Konzepte für die veränderten und neuen Ansprüche an die verschiedenen Formen von (Stadt-)Natur als Naherholungs- und ökologische Ausgleichsgebiete im Ballungsraum Ruhrgebiet zu entwickeln. Er umfasst das gesamte Gebiet des Regionalverbandes Ruhrgebiet (RVR). Industriewäldern kommt hier angesichts der Vielzahl und des Umfangs an industriellen Brachflächen, insbesondere im nördlichen Ruhrgebiet, der Emscherregion, zukünftig wachsende Bedeutung zu. Zumal Investoren für eine ökonomische Inwertsetzung dieser Brachen vielfach ebenso fehlen wie öffentliche Mittel für eine aufwändige Neu- und Umgestaltung.
Im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher-Park (1989-1999) wurde 1995 das "Restflächenprojekt" begonnen, das seit 2002 unter der Bezeichnung "Industriewald Ruhrgebiet" fortgeführt wird. Das Projekt hat zum Ziel, die Bewaldung frei werdender Industriebrachen durch natürliche Sukzession zu fördern sowie den Wohnumfelddefiziten in den umliegenden Quartieren durch die behutsame Erschließung der Industriewälder als neue Naturerlebnis- und Erholungsräume zu begegnen. Es umfasste in der Startphase die Brachen der ehemaligen Zechen Rheinelbe (53 Hektar) und Alma (34 Hektar) in Gelsenkirchen sowie der Zeche Zollverein (53 Hektar) in Essen. Weitere Flächen wie die der Kokerei Hansa in Dortmund oder der Zeche Waltrop kamen in der Folgezeit hinzu, wobei die Flächenaufnahme noch nicht abgeschlossen ist. Derzeit sind rund 240 Hektar als Industriewald ausgewiesen. Die inzwischen teilweise dichten Wälder auf diesen Flächen wurden mit Wegen erschlossen und wurden von der Bevölkerung angenommen.
Wahrnehmung und Nutzung von Industriewäldern durch türkische Migranten
Aufgrund der industriellen Vorgeschichte und der damit einhergehenden Arbeitsplatzverluste, die nicht kompensiert werden konnten, liegen Industriewaldflächen und Wohngebiete mit einem hohen Migrantenanteil in vielen Fällen eng beieinander. Hier leben viele Einwanderer, die sich um die vormals noch existierenden Industriebetriebe angesiedelt und bis zu deren Schließung dort gearbeitet haben. Zum Beispiel beträgt der Anteil türkischer Migranten an allen Migranten in Gelsenkirchen-Bismarck rund 70 Prozent. Neben dem hohen Migrantenanteil und hoher Arbeitslosigkeit sind diese Quartiere geprägt durch ein mangelhaftes Wohnumfeld. Natur ist für die Bewohner solcher Stadtteile kaum noch erfahrbar. Die Potenziale der vielen Brachflächen sollten genutzt werden, um solchen Defiziten in diesen Quartieren entgegenzuwirken.
Das Forschungsprojekt "Stadtnatur - Wahrnehmung, Bewertung, Aneignung durch türkische MigrantInnen im nördlichen Ruhrgebiet" geht auf diesen besonderen Zusammenhang ein. Im Auftrag des Umweltministeriums NRW wurde dieses Projekt in den Jahren 2004/05 in Kooperation zwischen dem Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeographie des Geographischen Instituts in Bochum und dem Institut für Geographie und ihre Didaktik in Dortmund durchgeführt. Untersucht wurden die Industriewälder Rheinelbe (Gelsenkirchen-Ückendorf/Bochum-Leithe), Graf Bismarck (Gelsenkirchen-Bismarck/Schalke-Nord) und Hansa (Dortmund-Huckarde).
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass türkische Migranten im Ruhrgebiet "Natur in der Stadt" selten positiv bewerten. Auch der Begriff "Stadtnatur" stößt auf Unverständnis oder wird mit bebauter Umwelt oder auch Schmutz und Dreck gleichgesetzt. Dies unterstreichen auch folgende Zitate aus Interviews, die während der Studie mit Bewohnern geführt wurden:
"Da gibt es nichts in der Stadt, so etwas Augenfälliges."
"Es gibt mehr Gebäude. Ich sehe keine Natur."
"Benzingeruch, Luftverschmutzung, was gibt es sonst?"
Zwar hat die Schließung der Industriebetriebe zur Verbesserung der Umweltqualität beigetragen. Dennoch wird sie nach wie vor durch eine hohe verkehrliche Belastung und einen Mangel an Freiflächen in den Quartieren beeinträchtigt. Industriewälder sind für die Quartiersbewohner zur Erholung und Entspannung von sehr hoher Bedeutung. Sie werden von den türkischen Migranten auch häufig genutzt. Meist kommen zunächst die Kinder und Jugendlichen mit den Industriewaldflächen in Berührung, und zwar in der Regel über Veranstaltungen mit Kindergärten und Schulklassen. Danach kommen sie mit ihren Familien und Freunden auf die Flächen.
Die befragten Bewohner gaben an, die Industriewaldfläche in ihrem Quartier vor allem zum Spazieren gehen zu nutzen. Die intensivste Nutzung der Flächen findet an Wochenenden durch Familien statt. Alleine, besonders von Frauen, werden solche Flächen so gut wie nie besucht. Der Industriewald ist sowohl von den befragten Bewohnern als auch von den Experten als "Angstraum" beschrieben worden, insbesondere aus Furcht vor gewalttätigen Übergriffen durch soziale Randgruppen. Viele türkische Migranten ziehen gestaltete Parks den Industriewaldflächen vor, vermutlich weil sie aus der Türkei überwiegend die gestalteten Parkanlagen wie etwa die "aile bahçeleri" (Familiengärten) kennen. Dies sind in der Türkei kleine Parks mit Gastronomiebetrieben, die hauptsächlich von Familien besucht werden und ein entsprechendes Angebot offerieren, zum Beispiel Spiel- und Grillplätze.
Empfehlungen
Dies gilt es bei der Planung und Betreuung von Industriewaldflächen zu beachten:
- Mehr Information und Kommunikation, mehr transparente Planung! Durch zusätzliche Information und Kommunikation über die laufenden Planungen kann das Engagement der Bürger für eine aktive Mitgestaltung gewonnen werden.
- Mehr Sicherheit im Wald! Mit vermehrtem bürgerschaftlichen Engagement, etwa durch Industriewaldpaten, und verstärkter Präsenz der Förster auf der Fläche sowie Aufklärungsarbeit vor Ort kann mehr Sicherheit vermitteln werden.
- Industriewald-Förster sollten auch etwas von Jugend- und Sozialarbeit verstehen.
- Praktische Umsetzung des Aneignungsgedankens! Als neue Projektidee soll als Pilotfläche auf den Halden einer ehemaligen Zeche unter dem Titel "Place-making" mit den Quartiersbewohnern die Brachenflächen im Rahmen innovativer Stadtnaturkonzepte gestaltet werden. Diese praktische Umsetzung des Aneignungsgedankens soll im Sinne von Best-Practice auch Übertragungsmöglichkeiten auf andere Brachflächen ermöglichen.
- Stärkere Aktivierung von Kindergärten und Schulen! Im Falle der hier näher untersuchten und vorgestellten Industriewaldprojekte im Ruhrgebiet ist die direkte Ansprache türkischer Familien in der jüngeren Vergangenheit erfolgreich über einzelne Kindergarten- und Schulgruppen erfolgt. Zukünftig ist eine noch stärkere und systematische Aktivierung der türkischen Bevölkerung durch Schulen und Kindergärten zu empfehlen. Hierbei können besondere Kenntnisse, die für eine selbstständige Aneignung der Flächen notwendig sind, frühzeitig vermittelt werden. Für ein interkulturelles Vorgehen kann aus den Erfahrungen mit den internationalen Gärten in Göttingen, den "bunten Gärten" in Essen-Katernberg oder den Gemeinschaftsgärten in Berlin gelernt werden.
Ansprechpartner
- Gisela Prey (gisela.prey@rub.de) und Orhan Güles (orhan.gueles@rub.de), wissenschaftliche Mitarbeiter in der Studie "Stadtnatur", Ruhr-Universität Bochum, Geographisches Institut, 44780 Bochum
- Ulrich Kriese, Siedlungspolitischer Sprecher des NABU, Ulrich.Kriese@NABU.de
Weiterführende Links und Literatur
- DETTMAR, J./REBELE, F. (1996): Industriebrachen. Ökologie und Management. Stuttgart.
- HARTZ, A. (2005): Eine Region entdeckt ihren Wald - Erfahrungen aus dem regionalen Pilotprojekt Saarkohlenwald. In: MUNLV NRW/PROJEKT RUHR GMBH (Hg.): Plattform urbane Waldnutzung. Dokumentation der Arbeitstagung vom 23.11.2005. Stuttgart, S. 13-18.
- Internationale Bauaustellung Fürst-Pückler-Land: www.iba-see.de
- www.saarkohlenwald.de und www.saar-urwald.de
- www.industriewald-ruhrgebiet.nrw.de
- Studie "Stadtnatur - Wahrnehmung, Bewertung, Aneignung durch türkische MigrantInnen im nördlichen Ruhrgebiet": www.geographie.rub.de/ag/wsg/projekte/forschungsprojekte.html
- Industriewald und Schule: www.ruhr-uni-bochum.de/industriewald
- MUNLV NRW (Hg.) (2005): Projekt "Industriewald Ruhrgebiet. Leitbild - Projektvorstellung - Einzelflächenvorstellungen. Borken.
- KEIL, A. (2002): Industriebrachen: innerstädtische Freiräume für die Bevölkerung. Mikrogeographische Studien zur Ermittlung der Nutzung und Wahrnehmung der neuen Industrienatur in der Emscherregion. Dortmund (= Duisburger Geographische Arbeiten, 24).
- PROJEKT RUHR GMBH (Hg.) (2005): Masterplan Emscher Landschaftspark 2010. Essen.
- ROSOL, M. (2006): Gemeinschaftsgärten in Berlin. Eine qualitative Untersuchung zu Potenzialen und Risiken bürgerschaftlichen Engagements im Grünflächenbereich vor dem Hintergrund des Wandels von Staat und Planung. Berlin (= Dissertationsschrift am Geographischen Institut der Humboldt-Universität zu Berlin).
- WEISS, J. (2003): "Industriewald Ruhrgebiet". Freiraumentwicklung durch Brachensukzession. In: LÖBF-Mitteilungen, Nr. 3, S. 55-59.

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