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Innenentwicklung versus Grün in der Stadt
Innenentwicklung versus Grün in der Stadt?
Landschaftsverlust durch Siedlungs- und Verkehrsflächen
In keinem europäischen Land ist seit dem zweiten Weltkrieg so viel Landschaft verbaut worden wie in Deutschland. Hierzulande liegt der Flächenverbrauch durch Siedlungs- und Verkehrsflächen bei knapp 100 ha pro Tag, das entspricht etwa 11 Quadratmetern pro Sekunde. Dass sich der Flächenverbrauch im vergangenen Jahr konjunkturbedingt etwas gesenkt hat, deutet noch keine Trendwende an. Ganze Regionen drohen sich in einem gesichtslosen Siedlungsbrei aus vereinheitlichten Gewerbebauten, Einheitsgrün und suburbanen Siedlungsstrukturen aufzulösen. Die Außenansichten vieler Gemeinden und Städte werden von Flachdächern und Tankstellengalerien geprägt. Diesem Prozess opferte unser Land wertvolle Kulturlandschaften ebenso wie landschaftliche und regionale Identität.
Das Auswuchern von Siedlungen und der Verlust an Landschaft sind allerdings kein unabwendbares Schicksal. Das Leitbild, das den Interessen der Kommunen, Investoren und Naturschützer gleichermaßen dienen könnte, heißt "Innenentwicklung". Wie das Wort suggeriert, geht die Innenentwicklung nicht weiter von einer Entwicklung der Siedlungen nach "Außen", sondern von einer baulichen Entwicklung des innerörtlichen Bereichs aus.
Kann dieses Leitbild, das fast zwangsläufig zu einer baulichen Verdichtung und damit zum Verlust von Natur in Siedlungen führen würde, auch den Ansprüchen der Stadtökologie und den Belangen des Naturschutzes gerecht werden? Immerhin sind nur rund 50 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche versiegelt.
Freie Landschaft hat Vorrang
Betrachtet man von der City bis in die Villenviertel die gesamte Siedlungsfläche, dann herrscht auch in großen Städten eine auffallend hohe Artenvielfalt. Ein Grund hierfür liegt in der Heterogenität des Lebensraumes Stadt mit seinen verschiedenen Siedlungsstrukturen, eigenen Kleinklimaten und einer Vielzahl von Flächennutzungen und Kleinstandorten.
Eine differenzierte Betrachtung relativiert die Bedeutung von Städten und Dörfern für die einheimische Tier- und Pflanzenwelt aber ganz erheblich. Am artenreichsten sind Städte an ihren Rändern, weil sie sich hier räumlich mit nicht städtischen Lebensraumtypen des Umlandes verzahnen. Die Artenvielfalt der Stadt profitiert somit vom Umland. Weiterhin sind es unter der einheimischen Fauna und Flora nebst einigen Siedlungsspezialisten vor allem die sehr anpassungsfähigen "Allerweltsarten", die sich im Verbund mit nicht einheimischen Arten zur städtischen Vielfalt addieren.
Neophyten und Zierpflanzen stellen in größeren Städten, vor allem in deren Innenbereich, oft mehr als die Hälfte der höheren Pflanzenarten. Als Lebensraum für die Mehrzahl der sehr spezialisierten Bewohner von natürlichen und naturnahen Ökosystemen spielen Städte und Dörfer nur eine geringe Rolle.
Störende Randeffekte wie beispielsweise Lärm und andere Immissionen wirken sich auf die meisten innerörtlichen Grünflächen vergleichsweise stärker aus als auf große Natur- und Freiräume. Die enorme Ausdehnung der Siedlungsflächen, besonders im Umland großer Städte, ist sogar zu einem der wichtigsten Gefährdungsfaktoren für einheimische Lebensraumtypen und Arten geworden.
Der Schutz der freien Landschaft vor weiterem Siedlungswachstum nützt sowohl der Natur als auch dem Menschen mehr als die Siedlungsausdehnung selbst. Dem Erhalt intakter unverbauter Landschaft und langfristig gewachsener Lebensräume muss im Zweifel Vorrang gegeben werden vor der Offenhaltung von brach liegenden Baulücken. Eine konsequente Begrenzung des Flächenverbrauchs gehört deshalb zu den Zielen einer nachhaltigen Siedlungsentwicklung und eines vorausschauenden Naturschutzes gleichermaßen.
Auch ökonomische Vorteile
Die Planung, Entwicklung und Erschließung zusätzlicher Bau-, Wohn- und Nutzflächen kann und muss sich auf die Siedlungen in den Grenzen von heute konzentrieren. Hier gibt es noch beachtliche Bebauungs- und Nutzungspotenziale. Die Wiedernutzungspotentiale und das baureife Bauland decken in den meisten Stadtregionen die Baulandnachfrage mittelfristig ab. Dort, wo eine Bebauung erfolgt, wird dennoch im Durchschnitt nur etwa ein Drittel des zulässigen Bebauungspotenzials ausgeschöpft. Speziell in den neuen Bundesländern ist inzwischen ein enormes Überangebot erschlossener oder bebauter, aber nicht genutzter Flächen und Gebäude festzustellen.
Eine Innenentwicklung, die Flächenpotenziale für Wohnen, Handel, Gewerbe, Industrie und Dienstleistungen innerhalb des Siedlungszusammenhanges mobilisiert und effizient nutzt, kann auch auf handfeste ökonomische Vorteile verweisen:
• Der Einzelhandel innerhalb der Ortschaften bietet mehr Menschen Arbeit als der außerhalb.
• Erhaltung, Sanierung und Umbau bestehender Gebäude bietet mehr Menschen und im Zeitverlauf stetigere Arbeit als Neubauten.
• Die Bestandssanierung bindet etwa doppelt so viele Arbeitskräfte wie der Neubau, bezogen auf das eingesetzte Kapital.
• Kommunen würden davor bewahrt, angesichts künftig stark sinkender oder zumindest stagnierender Bevölkerungszahlen in immer großflächigere, teurere und unterhaltsintensive Infrastrukturen (Straßen- und Kanalnetze, Verkehrsversorgung etc.) zu investieren.
Eine solche nachhaltige Siedlungspolitik baut auf den Grundsatz: Siedlungserneuerung vor Siedlungserweiterung. Sie stärkt und belebt die Zentren und Nebenzentren. Typisch dörfliche und städtische Eigenarten werden gestärkt anstelle von Zersiedelung, Suburbanisierung und Konturlosigkeit.
Attraktive Zentren durch Innenentwicklung
Innenentwicklung und Naturschutz in Siedlungsräumen dienen auch den dort lebenden Menschen. Es sind die Grünflächen, Parkanlagen, Wälder, Gewässer, Gärten, begrünten Gebäude, Wegränder und Brachen, Zoologische und Botanische Gärten, die eine Stadt oder ein Dorf lebendig und nicht nur aus tierischer Sicht lebenswert machen. Will man verhindern, dass die Menschen aus der Stadt "ins Grüne" ziehen und dort den Flächenverbrauch anheizen, müssen auch innerhalb der Siedlungen große, zusammenhängende Freiräume, Biotop vernetzende Grünzüge und Parkanlagen erhalten und entwickelt werden. In baulich bereits stark verdichteten Stadtteilen hat die Erhaltung von Natur höhere Priorität als die Bebauung der letzten Baulücke. Nachverdichtung darf nicht total sein und die Bedürfnisse der Bevölkerung ausblenden. Die Möglichkeiten zur Nachverdichtung sind stets im Einzelfall zu prüfen. Das Motto muss sein, lieber etwas höher bauen als sehr viel breiter. Infrage kommen zum Beispiel
• Dachgeschossausbau,
• Aufstockung von Gebäuden,
• Anbauten an bestehende Gebäude,
• Bebauung von großflächigen Parkplätzen in Verbindung mit Job-Tickets.
Um mehr Grün in Betonwüsten zu bekommen, sollten verstärkt die Flächen für den ruhenden Verkehr entsiegelt werden. Hier gibt es riesige Potenziale. Innenentwicklung kann nur gelingen, wenn durch sie das Leben in den Zentren wieder attraktiver wird.
Zur Innenentwicklung gehört auch die Erhaltung möglichst großer Landschaftsräume und -reste, gerade in den Ballungsräumen. Die Bauleitplanung und Regionalplanung muss mehr als bisher Sorge dafür tragen, dass klare Grenzen zwischen Siedlung und unbebauter Landschaft eingehalten werden und der Trend zu weiteren splitterhaften und dispersen Siedlungsstrukturen gebrochen wird. Die Peripherie von Siedlungen sollte durch Innenentwicklung von einer weiteren Bebauung ausgespart und von einem überwiegend landwirtschaftlich genutzten, mit naturnahen Flächen durchsetzten Landschaftsraum umgeben werden.
Wie wichtig das Grün in der Stadt ist, zeigt eine Untersuchung aus München. So trägt der Englische Garten in München dazu bei, dass jährlich mindestens 500.000 Fahrten aus der Stadt heraus nicht unternommen werden. Stadtbewohner haben ein großes Bedürfnis nach authentischem Naturerleben. Hierfür sollte auch das unmittelbare städtische Umland gute Angebote zur Verfügung stellen, zum Beispiel durch eine sehr naturnahe Bewirtschaftung der Stadtwälder oder die Entwicklung (und Schutz!) von besonderen Naturerlebnisräumen mit einer Erlebnis- und Umweltqualität, die über den "normalen Stadtwald" hinaus geht. Einen solchen innovativen Weg gehen die Stadt Zürich und das Saarland, die beide in unmittelbarer Nähe zum Ballungsraum große Naturwälder sichern und zu "Urwäldern vor den Toren der Stadt" entwickeln, immerhin jeweils rund 1000 ha groß. Im Falle der Stadt Zürich ist die Zielsetzung unverhohlen elitär, warum auch nicht: die international renommierte Dienstleistungsmetropole will ihre Spitzenstellung auch über eine erstklassische Umweltqualität und einen hohen Erlebniswert definieren. Naturschutz und Lebensqualität als Standortfaktor - darum geht´s.
Artenschutz in der Stadt
Städte und Gemeinden sollten sich, nicht zuletzt vor dem Hintergrund knapper werdender finanzieller Mittel, zu einer Natur schonenden Grünflächenpflege verpflichten: mit Kreativität, Fantasie, Ästhetik und Naturnähe. Ziel muss es sein, größtmögliche Strukturvielfalt u.a. durch einen hohen Anteil einheimischer Gehölze und Stauden, die naturnahe Gestaltung von Grünflächen und einen Verzicht auf chemische Spritzmittel auch in Städten zu erreichen.
Als Maßnahmen kommen zum Beispiel in Frage:
• Anpflanzung von einheimischen Pflanzenarten, vor allem einheimischen Gehölzarten, in öffentlichen Grünanlagen.
• Erhaltung und Entwicklung alter Baumbestände, da sie eine besondere Vielfalt spezialisierter, gefährdeter Arten (Vögel, Fledermäuse, Käfer, Hautflügler, Flechten, Pilze) besonders im Zerfallsstadium an sich tragen. Sanierungsmaßnahmen sollten nur aus zwingenden Gründen der Verkehrssicherung durchgeführt werden.
• Gezielter Schutz von Lebensräumen hohen Alters, da sich dort häufig spezialisierte Arten ansiedeln konnten, die in Lebensräumen geringen Alters fehlen.
• Renaturierung der Fließgewässer einschließlich ihrer Uferzonen durch Wiederöffnung verrohrter Abschnitte und Anlage breiter naturbelassener Uferzonen.
• Öffentliche Gebäude werden an ihren Fassaden begrünt und mit künstlichen Nisthilfen für gebäudebewohnende Vogel-, Fledermaus- und Insektenarten versehen.
• Verzicht auf den Chemieeinsatz in städtischen Grünanlagen.
• Herabsetzung des Versiegelungsgrades, durch Entsiegelung und Wiederbegrünung oder Ersatz von betonierten, geteerten und dicht gepflasterten Plätzen durch lückige Pflaster oder wassergebundene Decken..
• Die Städte sollten durch aktive Öffentlichkeitsarbeit und Förderprogramme dafür werben, dass auch private Gärten und Gebäude naturnäher gestaltet werden.
• In Baugebieten sollten Festlegungen über die naturnahe Gestaltung von Flächen und Gebäuden durch planerische Vorgaben und kommunales Recht (Satzungen) getroffen werden.
Nötig ist eine umfassende Innenentwicklung, die nicht nur auf mehr Nutzflächen im Siedlungsbestand setzt, sondern auch die vorhandenen Grünflächen sichert und weiter entwickelt. Sie bietet den Kommunen neben ökologischen auch wirtschaftliche und soziale Vorteile gegenüber dem weiteren Flächenfraß, also eine rundum nachhaltige Sache.
Links und Literatur
Bauen in Deutschland. Das NABU-Programm für eine nachhaltige Siedlungspolitik. NABU-Broschüre. 3/2002.Bonn
Natur trifft Kultur. Bedeutng und Realisierung von Kultur- und Natruräumen in der Stadt. In: Nachbar Natur. Ökologische Konzepte für Städte und Dörfer. NABU-Broschüre. Dokumentation der NABU-Fachtagung am 5./6. Juli 2002 in Düsseldorf. 10/2002. Bonn
Natur trifft Kultur
Flächen intelligent nutzen. Strategien für eine nachhaltige Sielungsentwicklung. Dokumentation der NABU-Fachtagung am 8./9. Nov. 2001 in Erfurt. In: Nachbar Natur. Ökologische Konzepte für Städte und Dörfer. NABU-Broschüre. 2002. Bonn.
Flächen intelligent nutzen (PDF)
Jedicke, E. (2002): Naturschutz in Dorf und Stadt - Grenzen der Innenentwicklung. In: Flächen intelligent nutzen. Dokumentation der NABU-Fachtagung am 8. November in Erfurt: 49-58.
Albertshauser, E.M. (1985): Neue Grünflächen für die Stadt. Callwey, München.
Dosch, F. & G. Beckmann(2000): Trends und Szenarien der Siedlungflächenentwicklung 2010. In: BBR (Hrsg.): Perspektiven der künftigen Raum- und Siedlungsentwicklung, Informationen zur Raumentwicklung Heft 11/12 1999, S. 827-842, Bonn.
Nohl, W. (1990): Gedankenskizze einer Naturästhetik in der Stadt. Landschaft und Stadt 22(2).
NABU (Living 2010) Hilfe, das Baugebiet kommt
Linkempfehlungen zu Bau- und Siedlungspolitik
Nachbar Natur. Tagung. Nachhaltige Stadtenwicklung (PDF).
Experte
Ulrich Kriese, Siedlungspolitischer Sprecher des NABU, Ulrich.Kriese@nabu.de
Der NABU zum Thema
Mit der Kampagne "Nachbar Natur. Ökologische Konzepte für Städte und Dörfer" setzt sich der NABU für lebenswerte Städte und Dörfer ein. Dazu gehört ein sparsamer Umgang mit den Ressourcen ebenso wie die naturnahe Gestaltung von Grünflächen. Aktiv werden kann jeder: Sparsam mit Boden, Wasser und Energie umgehen, ökologische Baustoffe verwenden oder auch einen naturnahen Garten, Innenhof oder Balkon schaffen - all das trägt dazu bei, unser direktes Lebensumfeld lebenswerter zu machen.
Für weiterführende Schulen bietet der NABU im Rahmen der Kampagne ein spezielles Projektangebot: Schüler der Klassen 7, 8 und 9 erarbeiten in einer den Erdkunde oder Biologie-Unterricht begleitenden Projektarbeit Visionen und Ideen zum ressourcenschonenden Wohnen in der eigenen Gemeinde. Den Abschluss eines solchen Projektes bildet eine Ausstellung der Schülerarbeiten. Der NABU stellt Unterrichtsmaterialien zu Verfügung, begleitet das Projekt mit Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und belohnt teilnehmende Schüler und Lehrer mit attraktiven Preisen. Mehr Infos zum Schulprojekt unter www.nachbar-natur.de

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