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Grenzwerte bereits überschritten
Grenzwerte bereits überschritten
Das Meer vor Giglio ist durch Chemikalien und Müll bedroht
31. Januar 2012 -
Mehr als zwei Wochen sind vergangen seit das Kreuzfahrschiff „Costa Concordia“ vor der Mittelmeerinsel Giglio im Nationalpark Toskanischer Archipel auf ein Riff lief. Bisher sind 17 Tote geborgen. Nach der menschlichen Tragödie wachsen die Sorgen um das einzigartige Naturparadies im Thyrrenischen Meer. Noch immer befinden sich in den Tanks des Kreuzfahrschiffes bis zu 2.400 Tonnen Diesel- und Schweröl und immer stärker belasten auslaufende Chemikalien das Meer.
Noch immer befinden sich 2.400 Tonnen Diesel- und Schweröl und giftige Chemikalien an Bord der „Costa Concordia“.
Hochgiftige Chemikalien bedrohen das Naturparadies
Während sich die Bergungsarbeiten auf die Abwehr einer Ölpest konzentrieren, werden im Wasser bereits gefährliche Konzentrationen von Umweltgiften gemessen. Denn nicht nur das Öl stellt eine Gefahr für das Leben im Meer da, sondern auch die riesigen Mengen von giftigen Chemikalien, die nach und nach ins Meer gespült werden. Besonders gefährlich sind Reinigungs- und Desinfektionsmittel, ölbasierte Farben und Lacke, aber auch Motoröle und Fette sowie die Unmengen an Kunststoffabfällen, die das Unglücksgebiet bereits weiträumig belasten. Reinigungsmittel enthalten häufig giftige Zusatzstoffe wie das krebserregende Konservierungsmittel Formaldehyd. Viele der als Duftstoffe beigefügten Moschusverbindungen reichern sich im Wasser an und verändern das Hormonsystem von Meerestieren. Und ölhaltige Farben beinhalten hochtoxische Benzole als Lösungsmittel, zum Beispiel Toluol und Xyluol, welche das Gehirn und das Nervensystem schädigen können. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor der krebserregenden und fruchtschädigenden Wirkung von Tuluol. Die italienische Umweltbehörde ARPAT wurde inzwischen beauftragt, das Meerwasser vor Giglio fortlaufend auf Schadstoffbelastungen zu prüfen.
Taucher haben bereits angeboten, die Aufräumarbeiten zu unterstützen.
Inselbewohner fürchten um ihre Zukunft
Gestern teilte das niederländische Bergungsunternehmen mit, dass die Bergung der „Costa Concordia“ bis zum Jahresende andauern könnte. Und damit zeigt sich das ganze Ausmaß des Unglücks für die Mittelmeerinsel und ihre Bewohner. Giglio lebt von der intakten Natur und den Tausenden Touristen, die Jahr für Jahr das Naturparadies besuchen. Bleiben diese für eine ganze Saison aus, so ist die Existenz von mehr als 1.000 Menschen in Gefahr. Und auch die Fischerei steht jetzt vor dem Zusammenbruch. Die Giglesen beginnen inzwischen sich zu organisieren, Unterschriften zu sammeln und fordern mehr Beteiligung beim Umgang mit der Katastrophe. Schon jetzt bieten die lokalen Tauchbasen an, die Aufräumarbeiten zu unterstützen. Denn die Angst ist groß, dass die Ostküste der Insel nach der Bergung unter Wasser ein tödliches Trümmerfeld bleibt und für Jahre ihre Anziehung auf Sporttaucher verliert.
Der italienische BirdLife-Partner des NABU würde sich um verletzte und verölte Vögel kümmern.
NABU-Partner vor Ort
Der italienische BirdLife-Partner des NABU, die Lega Italiana Protezione Uccelli (LIPU), betreibt eine Auffangstation für Wildtiere in Livorno, etwas mehr als 120 Kilometer nördlich der Unglücksstelle am italienischen Festland. Hier könnten zum Beispiel verletzte oder verölte Seevögel versorgt und tiermedizinisch behandelt werden. Zwei LIPU-Mitarbeiter befinden sich auf Giglio und unterstützen die Einsatzleitung vor Ort.
EU-Parlament diskutiert über Schwerölverbot
Im Europäischen Parlament hat das Schiffsunglück die Diskussion über ein mögliches Verbot von Schweröl als Schiffstreibstoff wieder entfacht. Es gibt immer mehr Abgeordnete, die anstelle der schrittweisen Reduktion der Schwefelwerte bis zum Jahr 2025, ein komplettes Verbot und die Umstellung auf das umweltverträglichere Dieselöl fordern.
Was tut der NABU?
Kampagne für eine saubere Kreuzschifffahrt
Die 15 größten Seeschiffe der Welt stoßen jährlich mehr Schwefeloxide aus als alle 760 Millionen Autos weltweit. Für Mensch und Umwelt sind die Dreckschleudern längst untragbar. Die NABU-Kampagne „Mir stinkt‘s!“ fordert den sofortigen Umstieg auf sauberen Treibstoff.
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Droht Giglio eine Umweltkatastrophe?
Die verunglückte „Costa Concordia“ enthält 2.400 Tonnen Schweröl
17. Januar 2012 - Am Freitagabend gegen 22 Uhr rammte der Luxusliner „Costa Concordia“ einen Felsen vor der Mittelmeerinsel Giglio, der zweitgrößten Insel des Toskanischen Archipels an der Westküste Italiens. Die Kollision riss den Schiffsrumpf des 290 Meter langen Ozeanriesen auf über 70 Metern auf, bisher starben sieben der mehr als 4.200 Passagiere und Besatzungsmitglieder. Die Rettungsarbeiten dauern an, denn noch immer gelten bis zu 29 Personen als vermisst. Nach der menschlichen Tragödie droht jetzt eine Umweltkatastrophe. Das Schiff hat bis zu 2.400 Tonnen Schwer- und Dieselöl als Treibstoff gebunkert.
Dem Hafen von Giglio droht nach der menschlichen Tragödie nun eine Umweltkatastrophe.
Auch am vierten Tag nach der Havarie steht noch immer die Rettung der Vermissten im Vordergrund. Der Zugang zu den überfluteten Decks gestaltet sich dabei schwierig. Die „Costa Concordia“ liegt nahe dem Hafen Giglio Porto in knapp 30 Meter Wassertiefe auf Grund und hat fast 80 Grad Schlagseite. Hinzu kommt, dass das Schiff am steilen Hang in tieferes Wasser abzurutschen droht. Spezialisten versuchen dies durch Stahlseile zu verhindern.
Noch treten keine größeren Mengen Öl aus, am Montag bekämpfte das niederländische Bergungsunternehmens Smit erste kleine Ölflecken auf dem Wasser. Aber wie lange die Tanks halten ist ungewiss. Bersten die Treibstofftanks stellt das Öl eine tödliche Gefahr für zehntausende Meerestiere im 1996 gegründeten Nationalpark Toskanischer Archipel dar, der aus insgesamt sieben Inseln besteht. Bereits wenige Tropfen Öl führen dazu, dass das Federkleid von Seevögeln seine isolierende Wirkung verliert. Die giftigen Inhaltsstoffe schädigen zudem das Immun- und Fortpflanzungssystem sowie die Leber von Meerestieren und führen zu erhöhten Krebsraten.
Tierparadies in Gefahr
Das ganze Jahr über kann man vor Giglio große Schwärme von Barrakudas beobachten.
Der NABU-Meeresexperte Dr. Kim Cornelius Detloff arbeitete mehr als drei Jahre als Meeresbiologe auf Giglio und kennt die Insel und die einzigartige Unterwasserwelt gut. Er sorgt sich um die faszinierende Artenvielfalt. Das Tyrrhenische Meer an Italiens Westküste ist eine sogenannte biogeographische Übergangsregion und zeichnet sich durch eine für das Mittelmeer besonders hohe Artenvielfalt aus. Hier treffen kalte atlantische Wassermassen auf wärmere aus dem südöstlichen Mittelmeer. In der Folge leben hier zahllose wärmeliebende, subtropische Arten wie zum Beispiel Papageienfische oder der Rotviolette Seestern, aber auch atlantische Arten wie Sardinen oder Eisseesterne. Tausende Sporttaucher kommen jedes Jahr nach Giglio. Besonders beliebt sind die Steilwände und Überhänge, die dicht mit Hornkorallen, Steinkorallen und Schwämmen bewachsen sind. Das ganze Jahr sind große Schwärme von Barrakudas, Meerbrassen und bunten Lippfischen zu beobachten und immer wieder ziehen Delfinschulen und vereinzelte Zahn- oder Bartenwale an der Insel vorbei.
Auch Ornithologen schätzen die kleine Granitinsel. Giglio ist ein Trittstein für den europäischen Vogelzug, hier leben die stark bedrohten Sturmtaucher und an der Südwestküste liegt eine Kolonie der seltenen Korallenmöwe. Unvorstellbar, wenn jetzt hunderte Tonnen Öl dieses Tierparadies bedrohen sollten. Zwar bereiten sich die Retter inzwischen auf dieses Szenario vor, Pumpen und Tankschiffe stehen bereit und erste Ölsperren sind ausgebracht. Aber die Katastrophen der Vergangenheit zeigten, dass es so gut wie unmöglich ist, alles austretende Öl abzufangen. Zudem nimmt Schweröl in kaltem Zustand eine teerartige Konsistenz an, was das Abpumpen erschwert.
Menschliches Versagen und Profitgier der Reedereien
Austretendes Öl kann bei den Meeresbewohnern Krebs erzeugen.
Zwar ist die Unglücksursache noch nicht abschließend geklärt. Klar ist jedoch, dass der Kapitän das Schiff viel zu dicht an der Insel vorbeiführte. Anstatt die üblichen zwei bis drei Seemeilen Abstand einzuzuhalten, waren es nur etwa 200 Meter. So steuerte die „Costa Concordia“ vermutlich direkt auf die Untiefe „Le Scole“ zu, die südlich des Hafens Giglio Porto an mehreren Stellen über die Wasseroberfläche hinausragt.
Als gefährlicher Nachteil stellt sich auch wieder einmal die Tatsache heraus, dass die großen Reedereien nach wie vor das billigere Schweröl als Treibstoff für ihre Kreuzfahrtschiffe einsetzen. Dieses Abfallprodukt ist hoch giftig und erzeugt besonders gesundheitsgefährdende Emissionen sowie Rußpartikel, die den Klimawandel beschleunigen. Und auch im Falle einer Havarie ist Schweröl schwerer zu bekämpfen als Schiffsdiesel und verschmutzt die Gewässer und Küsten auf lange Zeit. Der NABU fordert deshalb bereits seit Jahren das Verbot von Schweröl in der Seeschifffahrt.
Die Ölpest im Golf von Mexiko
Am 22. April versank die BP-Ölbohrplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko, nur 70 Kilometer vor der Küste Louisianas, nach heftiger Explosion im Meer. Seitdem sprudeln jeden Tag bis zu 800.000 Liter Öl in den Golf und gefährden das einzigartige Ökosystem des Mississippi-Deltas.
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