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Ausverkauf von Somalias Tierwelt

Ausverkauf von Somalias Tierwelt

Illegaler Handel bedroht die Artenvielfalt einer ganzen Region

Wildtierhandel in Somalia

Junge Kuduantilope kurz vor dem Verladen in eine Transportkiste

Die einzigartige Tierwelt Somalias am Horn von Afrika war noch nie gut vor dem Menschen geschützt. Seit der Ankunft erster nomadischer Viehzüchter, über die Jahrhunderte hinweg, wurden auch die wilden Tiere genutzt. Insbesondere in ausgedehnten Trockenzeiten stellte das Fleisch von Wildtieren einen Ausweg aus der Misere dar. Mit den kolonialen Eroberern begann jedoch die systematische Ausbeutung des natürlichen Tierreichtums, was bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges zur weitgehenden Ausrottung einiger Großtiere wie Elefanten, Giraffen oder Nashörner in Nord- und Zentral-Somalia führte. Und auch danach blieben effektive Schutzgebiete eher Theorie. Doch nun, in Zeiten eines seit zwei Jahrzehnten andauernden Bürgerkrieges, in dem in Einflusszonen von Warlords zersplitterten Land, eskaliert der Ausverkauf der natürlichen Ressourcen und nimmt dramatische Formen an.

Um sich ein genaueres Bild in seinem ehemaligen Heimatland zu machen, begab sich der Biologe Dr. Osman Geedow Amir aus Darmstadt als Mitglied der Antilopen-Spezialistengruppe der Weltnaturschutzorganisation (IUCN) im Auftrag mehrerer Artenschutzorganisationen, darunter der NABU, im Mai 2006 nach Somalia. Zum einen bestand die Aufgabe seiner Untersuchungen darin, die Existenz des von nur einem jemals bekannten lebenden Exemplar beschriebenen, legendären Bulo-Burte Buschwürgers (Laniarius liberatus) entlang des Shabelle-Flusses wiederzuentdecken. Zum anderen sollten der Umfang und die Auswirkungen des Tierhandels auf die Fauna von Süd-Somalia festgestellt werden.

Junge Löwen bei Händler

Junge Löwen im Stall eines Zwischenhändlers

Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass in dem Land seit 16 Jahren keine Zentralregierung besteht und Kämpfe zwischen Clanfraktionen, Warlords und jüngst der Union Islamischer Gerichte an der Tagesordnung sind. Während des Untersuchungszeitraums von Mitte Mai bis Ende Juni 2006 eskalierte die Situation in Mogadishu und ein erneuter offener Krieg breitete sich fast über die gesamten Regionen Mittel-Shabelle und Hiran westlich und nördlich der Hauptstadt aus. Aus diesem Grunde konnte der Nachweis der Existenz von Laniarius liberatus in seinem möglichen Verbreitungsgebiet nicht geführt werden. In Bezug auf die erschütternden Auswirkungen des Tierhandels auf die Fauna Somalias konnte Amir jedoch hinreichende Belege sammeln.

Export von Wildtieren vorwiegend in Golfregion
Generell stellt Somalias Tierwelt im ostafrikanischen Raum mit ihrem großen Artenreichtum und der Vielzahl an Endemiten, also nur sehr regional vorkommenden Arten, in einem struktur- und habitatreichen Ökosystem einen besonderen Schatz dar. Über 1134 Wirbeltierarten wurden bisher nachgewiesen, 140 davon sind so genannte Endemiten. Insbesondere unter den Antilopen, Vögeln und Reptilien finden sich wichtige Vertreter arider- und semi-arider Ökosysteme Nordostafrikas.

"Diese Situation vieler Wildtierarten änderte sich in den letzten zwei Jahrezehnten des Bürgerkriegs in Somalia grundlegend", so Amir. Automatische Waffen wurden für jeden und überall erhältlich, und die Zahl der Jäger und illegalen Tierhändler nahm drastisch zu. Gerade letztere übernahmen oder verfeinerten neue Jagd-, Fallen- und Transporttechniken, nicht zuletzt um lebende Tiere in großem Stil ins Ausland zu verkaufen. Hauptabnehmer sind dabei vor allem Privatpersonen im arabischen und südostasiatischen Raum. Tiere wie Hyänen, Wildesel, Erdferkel, Schildkröten, Trappen sowie der Strauß wurden und werden teilweise für den lokalen Fleisch- und Medizinbedarf gejagt. Heute exportiert man insbesondere Arten wie Kuduantilopen, Sömmering- oder Speke-Gazellen sowie die kleinen Dikdik-Antilopen, zudem Löwen- oder Gepardenjungtiere sowie Trappenarten, Greifvögel und verschiedene Reptilien in signifikanten Zahlen an private Tierkollektionen hauptsächlich in die Golfregion.

Elfenbeinschnitzereien Somalia

Elfenbeinschnitzereien auf einem Markt in Mogadishu

Die Sensibilität des Themas, so merkte Amir schnell, war vielen seiner Gesprächspartner durchaus bewusst, so dass viele Händler nicht gewillt waren, detaillierte Informationen über die wirklichen Exportzahlen zu geben. Der Abtransport über diverse private Flugpisten und Fluglinien macht es äußerst schwierig ein genaues Bild der Lage zu bekommen. Dies traf ebenso auf die Flughäfen von Dubai und Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu, die offenbar zu den wichtigsten importierenden Ländern zählen. In einer Befragung eines Zwischenhändlers verwies dieser auf "spezielle Arrangements", die im Zusammenhang mit dem Import von Tieren aus Somalia zwischen Tierhändlern, Zollbeamten und Kunden in den Vereinigten Arabischen Emiraten getroffen würden. Diese beträfen die Versendung und Deklaration der "Fracht" sowie eine kurz vor der Ankunft eines Flugzeugs in Dubai oder Sharjah erfolgende Informationen durch die Flughafenbehörden an Ort und Stelle, um die "Ware" unverzüglich ausladen und weitertransportieren zu können.

Souvenirs aus Elfenbein im Angebot
Diese unkontrollierte Ausbeutung der natürlichen Ressourcen Somalias ist nach Amirs Erkenntnissen ein allgemeines Phänomen in allen Regionen dieses Landes - der illegale Tierhandel wird dabei durch die aktuelle Rechtlosigkeit gefördert. Der Handel bedroht die Fauna des Landes, insbesondere die schon gefährdeten Arten wie Geparden, Löwen, Leoparden oder Elefanten. Besonders deutlich lässt sich diese Situation am Beispiel des Somalia-Elefanten aufzeigen, dessen restliche Populationen im Süden des Landes zwischen 1980 und 1990 bereits begannen, vollkommen zusammenzubrechen. Seit dieser Zeit hat das Land wohl mehr als 95 Prozent seiner verbliebenen Elefanten-Population verloren.

Schusswaffen in Somalia

Schusswaffen sind in Somalia allgegenwärtig

Im Prinzip gibt es keinen Beweis mehr für die gegenwärtige Existenz dieser Tiere in Somalia, sieht man von den Souvenirs aus Elfenbein ab, die auf den Märkten zum Verkauf angeboten werden. "Auf Anfrage bei einem der Händler wäre es problemlos möglich gewesen bis zu 200 Kilo Elfantenstoßzähne zu kaufen", berichtet der Biologe. Die Preise liegen dabei zwischen 30 und 40 US-Dollar pro Kilo Elefantenstoßzahn. Allerdings scheint es unwahrscheinlich, dass dieses Elefanten-Elfenbein aus Somalia stammt, da die meisten Elefanten schon vor Beginn des Bürgerkrieges 1988 verschwunden waren. Vermutlich wird es aus den Nachbarländern nach Somalia geschmuggelt.

Antilopenfleisch auf der Speisekarte
Neben den Elefanten und Großkatzen leiden insbesondere auch die Antilopen Somalias unter dem illegalen Tierhandel. Das Land beheimatet noch insgesamt 22 Antilopen-Arten, darunter die kaum erforschten und scheuen Stelzengazellen oder Dibatags (Ammodorcas clarkei) oder die Beiraantilope (Dorcatragus megalotis) sowie bestimmte Dikdik-Arten wie das Silber-Dikdik (Madoqua piacentinii), die als Raritäten im illegalen Tierhandel eine wichtige Rolle spielen können. Das Fleisch von Antilopen wird zudem in lokalen Restaurants angeboten und es gibt seit 1991 Berichte über den Export von tiefgefrorenem Dikdik-Fleisch zusammen mit tiefgefrorenem Ziegen- und Schaffleisch nach Dubai. Zwischenhändler bestätigen den Export zunehmender Zahlen lebender Zwergantilopen per Flugzeug in den arabischen Raum, wo diese zunehmend als Jagdobjekte für die Falkenjagd angefordert würden. Allerdings seien die Ausfälle beim Tarnsport sehr hoch. So hätten bei einer ihrer letzten Lieferungen nur zwei von 15 dieser Antilopen den Zielflughafen lebend erreicht.

Die Untersuchung zeigte des Weiteren, dass es eine große Anzahl gefangener Antilopen in Mogadishu und ganz Süd-Somalia gibt. Der Gesundheitszustand dieser Tiere ist oft erschreckend schlecht aufgrund falscher Haltung und Fütterung sowie fehlender medizinischer Versorgung. Leider, so merkt Amir an, gibt es gegenwärtig keine zentralen Autoritäten oder Auffangstationen, die eine Konfiszierung und Auswilderung der gefangenen Antilopen ermöglichen würden. So besteht Gefahr, dass insbesondere standorttreue Arten wie die Silber-Dikdiks oder Speke-Gazellen der Gefahr der vollkommenen Ausrottung ausgesetzt sind. Weiter gehen Vertreter der IUCN, darunter auch der Regionalkoordinator der Antilopenspezialisten für Nordost-Afrika, Dr. Jens-Ove Heckel, davon aus, dass es internationaler Anstrengungen bedarf, um dem Missbrauch und der Ausbeutung von Somalias Tierwelt entgegenzutreten und auch unter schwierigen Politischen Bedingungen in situ-Erhaltungsmaßnahmen für die gefährdeten Antilopen und andere betroffene Wildtiere in Angriff zu nehmen. Sollte dieses nicht gelingen wird die Zerstörung der einzigartigen Fauna Somalias voranschreiten und etliche Arten unweigerliche und unwiderruflich verloren gehen.

Ansprechpartner
Dr. Jens-Ove Heckel
NABU BAG Afrika
Tel.: 06341-898231
E-Mail: Jens-Ove.Heckel@Landau.de

Dr. Osman Gedow Amir
Tel.: 06151-9671763
E-Mail: geedow@aol.com

Wildlife trade: Englischsprachiger Bericht von Osman Geedow Amir

Beitrag erstellt am 30. Oktober 2006.

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Somalia: Lage im äußersten Osten Afrikas; seit 1991 Bürgerkrieg; 9,5 bis 12,5 Mio. Einwohner; Hauptstadt Mogadischu

 

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