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Stoppschild für Biokraftstoffe

Stoppschild für Biokraftstoffe

Aktuelle Studie zeigt Alternativen auf

01. Februar 2013 - Der „Landwirt als Energiewirt" braucht Stoppschilder. Denn Europa muss und kann das Ziel, den Anteil erneuerbarer Energien im Verkehrsbereich zu steigern, auch ohne den Anbau ökologisch zweifelhafter Biokraftstoffe erreichen. Eine neue Studie zeigt, wie ein Kurswechsel der EU-Verkehrspolitik einen wirksamen Beitrag zum Klimaschutz leisten könnte. Ein Standpunkt von Dietmar Oeliger, Leiter Verkehrspolitik beim NABU-Bundesverband.

Biodiesel/Raps


Vor fast genau 14 Jahren fand im Berliner ICC die erste Konferenz „Der Landwirt als Energiewirt" statt. Als studentische Hilfskraft beim Veranstalter Eurosolar war ich damals an der Organisation beteiligt und hegte ebenfalls große Hoffnungen: dass der Landwirt zum Ölscheich des 21. Jahrhundert werden könnte und dass umweltschädliches Erdöl zumindest teilweise ersetzt werden könne durch Biodiesel und Biogas auf Basis nachwachsender, heimischer Rohstoffe. Das Ziel gilt mehr denn je: weniger Verseuchung ganzer Landstriche durch Förderung und Transport fossilen Öls und nur so viel klimaschädliches Kohlendioxid in der Atmosphäre, wie die Pflanzen vorher durch Photosynthese aus der Luft gebunden haben.

Chinaschilf (Miscanthus)

Es folgte ein Jahrzehnt, in dem Biogasanlagen zur Strom-erzeugung wie Pilze aus dem Boden sprossen. Denn Biodiesel aus Raps und auch Pflanzenöl als Reinkraftstoff wurden steuerbegünstigt und damit zunehmend in Diesel-Pkw und im Straßengüterverkehr eingesetzt. Abgelöst von einem Quoten-system, das eine bestimmte Menge an beigemischtem Bio-diesel oder Ethanol im Kraftstoff vorschreibt, hat sich die absolute Menge an Biokraftstoffen seit einigen Jahren nicht mehr erhöht. Denn: Die gesellschaftliche Akzeptanz ist dahin, zunehmende Zweifel an der Umweltbilanz sowie die „Tank oder Teller"-Diskussion haben Pflanzenöle und Ethanol in die Kritik gebracht. Die Einführung des E10-Kraftstoffs ist am Widerstand der Autofahrer vorerst gescheitert. Diskussionen zur Motoren-verträglichkeit und zum Klimanutzen lassen die deutschen Autofahrer weiter zum fossilen Super-Benzin greifen.

Die negativen ökologischen Auswirkungen waren unausweichlich, denn die EU-Biokraftstoffziele von ehemals zehn Prozent bis 2020 konnten eben nur mit erheblichen Importen aus Drittländern realisiert werden. Es war zu befürchten, dass es zu einer Zweiteilung des globalen Marktes in nachhaltig und nicht nachhaltig produzierte Biokraftstoffe kommen würde. Während der zertifizierte, „saubere" Biokraftstoff dann das Gewissen der europäischen Verbraucher beruhigt, gehen die „schmutzigen" Produkte in Schwellenländer wie China oder Indien.

Nachfrage nach Ressourcen wächst weltweit

Im Oktober vergangenen Jahres hat die EU-Kommission schließlich reagiert. Sie gestand ein, dass die verfügbare Biomasse begrenzt ist und ihre Nutzung mit erheblichen Schäden für Natur und Umwelt einhergehen kann. Trotzdem dürfen nach dem Willen der Kommission im Jahre 2020 immer noch fünf Prozent des gesamten Kraftstoffbedarfs aus solchen Biokraftstoffen stammen, die dem Klima teilweise mehr schaden als nutzen. Diese unbequeme Wahrheit hatte sich bei der Aufbruchsstimmung Ende des vergangenen Jahrhunderts noch kaum jemand vorstellen können.

Biomasse

Niemand kann jedoch die Augen verschließen vor der weltweit wachsenden Nachfrage nach Ressourcen. Der Ausbau der Bioenergie und insbesondere der Biokraftstoffe kann nicht isoliert von diesen globalen Prozessen betrachtet werden: Die Menschen in Ost- und Südostasien stellen ihre Ernährung nach westlichem Vorbild von einer eher vegetarischen auf eine eher tierische Ernährung um, wodurch drei- bis viermal mehr Weide- und Ackerland benötigt wird. Der Artenverlust ist bereits so dramatisch wie nie in der Menschheitsgeschichte. Und jetzt schon übernutzen wir die biologische Kapazität der Erde, das heißt, wir verbrauchen jedes Jahr 20 Prozent mehr Ressourcen, als die Erde regenerieren kann.

Dabei verstärkt eine Deckung des Energiebedarfs mit biogenen Rohstoffen noch zusätzlich die wachsende Nachfrage nach Agrarprodukten. Am Palmölmarkt lässt sich das gut beobachten. Obwohl es beispielsweise in Osteuropa durchaus Landflächen gibt, auf denen sich nachhaltige Anbaukonzepte für Biomasse umsetzen ließen, wird ein Teil des Biokraftstoffs ausgerechnet auf der Grundlage von indonesischem Palmöl hergestellt. Dafür holzt Indonesien große Teile seiner Regenwälder und Moorflächen ab oder legt sie trocken, um darauf Palmöl zu „kultivieren" – und setzt dabei ungeheure Mengen Kohlendioxid frei, die im Boden und in den Pflanzen gebundenen sind. Mit den Wäldern und Mooren verschwindet eine einzigartige Pflanzen- und Tierwelt unwiederbringlich. Diese Auswirkungen kann man der verstärkten Nachfrage nach Biokraftstoffen nicht alleine anlasten. Aber eine Teilschuld hat sie eben doch.

Lesen Sie im zweiten Teil, wie eine neue Studie zeigt, wie eine Steigerung erneuerbarer Energien auf umweltverträgliche Weise stattfinden kann - und ein echter Kurswechsel der europäischen Verkehrspolitik möglich ist:

Stoppschild für Biokraftstoffe - Teil 2

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