NABU.de Themen Artenschutz Internationaler Artenschutz AZE-Studie zum weltweiten Artensterben

Das weltweite Artensterben galoppiert

Studie belegt 100- bis 1000-fache Beschleunigung durch Einfluss des Menschen

Santa-Marta-Rotschwanzsittich

Der Santa-Marta-Rotschwanzsittich kommt nur noch in einem kleinen Gebiet in der kolumbianischen Sierra Nevada vor.

Das menschliche Wirken beschleunigt das weltweite Aussterben wild lebender Tiere und Pflanzen je nach Organismengruppe um das 100- bis 1000-fache. Das geht aus einer groß angelegten Studie hervor, deren Ergebnisse die "Alliance for Zero Extinction" (AZE) jetzt vorgelegt hat. Ob China-Alligator, Vulkankaninchen oder Kragenwachtel: Wenn wir nicht schnell handeln, sind diese und viele Arten bald unwiederbringlich von unserem Planeten verschwunden.

Philatus ocularis, Seychellen

Ohne deutschen Namen: der seltene Frosch Philatus ocularis von den Seychellen.

Die AZE besteht aus 52 Naturschutzorganisationen weltweit, der NABU ist über seinen Dachverband BirdLife International vertreten. Ihre Hauptaufgabe ist es, anhand bereits vorliegender Einzeluntersuchungen die am stärksten bedrohten Arten und deren Lebensräume zu identifizieren, um dort schnellstmöglich Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Bisher ist das Programm notgedrungen auf gefährdete Arten aus besonders gut erforschten Gruppen beschränkt, nämlich Säugetiere (131), Vögel (217), einige Reptiliengruppen (15), Amphibien (408) und aus dem Pflanzenreich die Nadelbäume (23), insgesamt also 794 unmittelbar vom Aussterben bedrohte Arten. Weitere Gruppen sollen hinzukommen, sobald der Erkenntnisstand es zulässt.

Rodrigues-Flughund

Der Rodrigues-Flughund von der gleichnamigen Insel im Indischen Ozean.

Während früher vor allem solche Arten bedroht waren und ausstarben, die lediglich auf isolierten Inseln vorkamen - berühmtestes Beispiel ist der flugunfähige Riesenvogel Dodo auf Mauritius und Reunion -, hat das Artensterben nun auch die großen Landflächen der Kontinente erreicht. Von den aus den letzten 500 Jahren ausgestorbenen Wirbeltierarten lebten 197 auf Inseln und 48 auf dem Festland, bei den aktuell als vom Aussterben bedrohten Arten sind es 312 Insel- und 482 Festlandbewohner.

Um eine Übersicht der Artenschutzbrennpunkte zu erstellen, wurden diejenigen Gebiete gesucht, in denen mindestens eine der bedrohten Arten verkommt und ohne die die entsprechende Art ihren Teil- oder Ganzjahreslebensraum verlieren würde. Auf diese Weise entstand eine Weltkarte mit 595 Gebieten, sogenannten "AZE Sites" - manche Gebiete beherbergen mehr als eine der Top-Arten. Eindeutige Schwerpunkte des Artensterbens sind demnach die südamerikanischen Anden, die Küstenwälder Brasiliens, die Karibik und Madagaskar. Lebensräume mit den meisten AZE Sites sind die tropischen Feuchtwälder (361), Steppen und Wüsten (101), die gemäßigten und borealen Wälder (57), die tropischen Trockenwälder (39) und die tropischen Nadelwälder (37).

Papageischnabel-Gimpel

Papageischnabel-Gimpel aus Hawaii.

Mit 63 AZE Sites ist Mexiko das Land mit der höchsten Gebietsdichte, gefolgt von Kolumbien (48), Brasilien (39) und Peru (31). Nur ganz wenige Gebiete liegen in Europa, etwa das türkische Silifke als Heimat des Kleinasiatischen Stachelmaus, Nordwest-Sizilien als Heimat der Nebrodi-Tanne oder San Miguel auf den Azoren als Heimat des Azoren-Gimpels. Daneben hat die EU durch überseeische Besitzungen der Mitgliedstaaten unmittelbare Verantwortung zum Beispiel für den Henderson-Sturmvogel (Pitcairn-Inseln), den Tristan-Albatros und den Brillen-Sturmvogel (Tristan da Cunha) sowie den Montserrat-Pirol (Montserat in der Karibik). Wobei letzterer ausnahmsweise durch natürliche Ursachen bedroht ist: Vulkanausbrüche haben seine Heimatwälder fast vollständig zerstört, so dass es jetzt nur noch 200 bis 800 dieser Vögel gibt.

Dabei ist Eile geboten: Lediglich ein Drittel der 595 Gebiete mit global vom Aussterben bedrohten Arten steht unter Naturschutz. "Und die Mehrheit der Orte liegt in Entwicklungsländern. In vielen Fällen ist ihre Rettung nicht ohne beträchtliche Hilfe aus den Industriestaaten möglich", betont AZE-Geschäftsführer Mike Parr. "Die jetzige Situation ist eine Gefahr für die genetische Vielfalt unserer Erde. Wir haben die moralische Pflicht, umgehend zu handeln." (elg)

mehr Infoseite von Birdlife International

mehr AZE-Homepage mit Datenbank, Karten und Zusammenfassung der Studie

Beitrag erstellt am 14. Dezember 2005.

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