Archiv Naturschutz heuteKopfweiden: Geköpfte Kostbarkeiten von Thomas Griesohn-Pflieger So kam der Holunderstrauch in die Weide
Seitdem die Bauern keine selbstgemachten Bohnenstangen mehr benötigen, durch die Aufgabe der Grünlandwirtschaft kaum noch Zaunpfähle brauchen und Stiele für Besen, Schaufel, Handkarren im Laden kaufen, verfällt eine uralte Kultur. Früher lieferten Kopfweiden Holz für Holzschuhe, Flechtmaterial für Kartoffelkörbe und Reisigpakete für den Backofen. Selbst das Vieh wurde mit ihren Blättern gefüttert, die mitsamt den dünnen Zweigen in der "Laube" getrocknet wurden. Heute macht das Erdölzeitalter Körbe aus Plastik, verschafft Kraftfutter aus der Dritten Welt und wer backt schon noch im Holzofen? Die alten Kopfweiden jahrzehntelang von den Bauern gepflegt, das heißt pfleglich "verstümmelt", wachsen ohne erneutes Schneiteln in den Himmel, werden kopflastig, verlieren den Halt und fallen so dem ersten ernsten Herbststurm in die Arme. Kopfweiden sind Heimat. Mit ihnen verschwinden die Steinkäuze, die in weiten Teilen Mitteleuropas auf die Kombination von Kopfweide und Grünland angewiesen sind. Andere Höhlenbrüter wie Bachstelzen, Gartenrotschwänze und Feldsperlinge, Hohltauben und Meisen verlieren mit den alten "Erlenkönigen" ihre Heimat in der Feldflur. Aber noch härter trifft es die zahllosen Insektenarten, die in den oftmals angefaulten, mulmreichen, zerfurchten oder ausgehöhlten Baumrecken ihre Larvenzeit verbringen oder von Blüten und Blättern leben. Weiden zählen zu den insektenreichsten Pflanzen überhaupt. Alleine über hundert Käferarten sind auf Weiden angewiesen und viele von ihnen besiedeln besonders gerne die geköpften Vertreter dieser Baumfamilie; die Kopfweiden. Unter ihnen seltene Vertreter wie Moschusbock und Weberbock. Um diese flatternde, krabbelnde, singende und brummende Vielfalt zu schützen und ein Landschaftsbild zumindest in Resten zu erhalten, wo uns noch vermittelt werden kann, was der Begriff Kulturlandschaft meint, pflegen heute die Naturschutzgruppen die Kopfbäume durch Köpfen oder Schneiteln. Oder sie erhalten durch das Pflanzen neuer Weidenreihen die Grundlagen für die schon den alten Ägyptern bekannten Weidenkultur. Nicht selten können vor allem NABU-Gruppen schon auf eine jahrzehntelange Kopfweidentradition zurückblicken und führen in ihren Schutz- und Pflegebilanzen schon Tausende der wertvollen Landschaftselemente. Erlenkönige
schaffen Heimat Auch in diesem Sinne sind Kopfweiden Symbole für Kultur und für den Umgang der Menschen mit "ihrer" Natur. Nicht umsonst spielen die verstümmelten und doch vitalen Bäume in der Märchen- und Sagenwelt eine große Rolle. Die Seelen ertrunkener Kinder sollen in ihnen wohnen, Elfen und Nixen hausen in ihren Höhlungen, wenn sie am Bach stehen und auch in der Naturheilkunde spielen sie eine Rolle. Wertvoll durch
Verletzung Diese "Schwäche des Immunsystems" erklärt auch die hohe Bedeutung, die Kopfweiden für den Naturschutz heute haben. In einer Landschaft, in der es so gut wie kein Totholz in Form von Reisighaufen, alten Schuppen, Zaunpfählen, Baumruinen und Totästen mehr gibt, sind die Kopfweiden für viele Tiere, die auf ausgefaulte Höhlen und Spalten und auf das Tot- oder Mulmholz selbst angewiesen sind, die einzige Überlebenschance. Gerade Kopfweiden faulen schnell aus durch die Verletzungen, die ihnen beim Abschneiden, Schneiteln und Köpfen der dicken Äste zugefügt werden, und es entwickeln sich Höhlungen und große Mengen Mulmholz. Kopfweiden sind
unsterblich Erklärbar ist dieses Phänomen durch die Anpflanzungsart der Menschen, die die enorm vitale vegetative Vermehrung der Weiden ausnutzt. Beim Stutzen einer Kopfweide fallen so viele Äste an, dass damit bequem durch einfaches in den Boden Stecken von ungefähr drei Meter langen Aststücken eine neue Kopfbaumgeneration geschaffen werden kann. Eine ganze Kopfbaumreihe kann also von einem einzigen "Elternbaum" stammen und ist dann genetisch völlig identisch. Nimmt man an, dass immer wieder von den "Nachkommen" desselben Baumes neue Stecklinge entstehen, kann ein solches Pflanzenindividuum viele hundert Jahre alt, theoretisch sogar unsterblich werden. Bei einer solchen Potenz kann die etwas umständliche Zweigeschlechtlichkeit nicht stören. Welcher Baum hat schon eine solche Vitalität zu bieten? Andere "Häuptlinge" Von zahlenmäßig größerer Bedeutung sind Bestände von Kopfeschen. Sie finden sich nahezu in allen Kopfweidenlandschaften und zeigen einige Ähnlichkeiten mit den Weiden auf. Auch Eschen sind natürlicherweise in Flußauen und an anderen feuchten Standorten anzutreffen. Sie verbreiten ebenfalls ihre Samen durch den Wind, erreichen mit ihren plattenförmigen Samenflügeln aber längst nicht so weite Entfernungen wie Weiden oder Pappeln. Sie sind immer leicht an ihren schwarzen Winterknospen und der völlig anderen Rinde grau und längsrissig zu erkennen. Am Niederrhein sollen Eschen örtlich dreißig bis siebzig Prozent des Kopfbaumbestandes ausmachen. Ebenfalls recht verbreitet sind Kopferlen, die ja auch ähnliche Lebensraumansprüche wie die Baumweiden haben. Auch sie wachsen bevorzugt in den Auen von Bächen und Flüssen auf nährstoffreichen Böden. Auch ihr Erscheinungsbild lässt sie schon von weitem von den anderen Kopfbäumen unterscheiden. Ihre Rinde ist dunkel, fast schwarz, der Stamm wird nie so dick wie bei Pappeln oder Weiden. Der ganze Baum wirkt schlanker und zierlicher. Auch Eiche, Ulme, Ahorn, Hain- und Rotbuche, Linde, Platane finden sich auf der Liste der Kopfbaumarten. Ihre zahlenmäßige Bedeutung wie auch in ökologischer oder landschaftsprägender Hinsicht ist im Vergleich zu den Kopfweiden aber unbedeutend. Ein Baum als
Lebensraum Als echte Epiphyten finden sich auf Kopfweiden Flechten, Moose und Algen. Pflanzen, die direkt auf der Gastpflanze wurzeln; also die Rinde als Wuchsort besiedeln. Sie leben vom Wasser, das der Regen den Stamm hinunter laufen lässt, und vom Staub, den der Wind anweht. Leider sind Moose und Flechten auf saubere Luft angewiesen, dementsprechend nimmt ihre Artenvielfalt gerade am Rande der Ballungszonen stark ab. Die Überpflanzen wurzeln im Unterschied zu den echten Epiphyten nicht in der Rinde, sondern besiedeln das "Erdreich", das der Baum ihnen bietet. In der Regel schadet das der Kopfweide nicht. Oft genug haben die pflanzlichen Kopfbaumbewohner nur geringe Chancen, selbst groß und erwachsen zu werden, denn ihr Lebensraum ist doch sehr beschränkt. Trotzdem ist die Anzahl der Pflanzenarten, die sich auf Kopfweiden findet, beachtlich groß. Botaniker, die am Niederrhein nach Überpflanzen auf Kopfweiden suchten, wurden auf 72 Prozent der untersuchten Bäume fündig. Immerhin 30 verschiedene Pflanzenarten fanden sie. Eine entsprechende Untersuchung in Mittelwestfalen konnte sogar auf 89 Prozent der Kopfweiden verweisen, die Fremdpflanzen beherbergten; 44 Pflanzenarten hatten sich dort die Kopfbäume als Heimat auserkoren. Dagegen ist der Anteil von 26 Prozent, der in der Umgebung von Unna in Westfalen festgestellt wurde, erstaunlich niedrig. Die Artenvielfalt ist dagegen beachtenswert hoch: 74 Pflanzenarten, inklusive der echten Epiphyhten, Flechten und Moose, wachsen bei Unna auf Kopfweiden. Träume unter
dem Erlenkönig Hat ein Eichelhäher aus dem weit entfernten Bauernwäldchen, den Kropf voller Eicheln, tatsächlich versucht, in der Kopfweide einen Wintervorrat anzulegen und die Eichel, wie so viele andere woanders auch, dort vergessen? War es ein prächtig gelbgrüner Grünfink, der mit seinem dicken Schnabel im Herbst Hagebutten zerquetschte, um an die Samen zu kommen, und hat er dann ein Samenkorn der Rose in die Kopfweide getragen? Die Brombeere: ist sie von unten an der Weide emporgewachsen und hat sich ein neues Zuhause in luftiger Höhe gesucht oder wurde auch sie durch einen ihrer Nahrungsgäste als Samenkorn in die Weide getragen? Aber durch welche Vögel und von woher kamen sie mit den Beerensamen geflogen? Es gibt auf diese Fragen keine sicheren Antworten. Aber viele Bilder, die dem Fragenden durch den Kopf gehen können, und viele Beobachtungen, die er nach solchen Träumen genauer machen wird, um der Phantasie neue Nahrung zu geben. Und davon lebt sowohl die Kultur wie auch der Naturschutz. So kam der Holunderstrauch in die Weide Der Trupp flog eine Schleife. Die Vögel bremsten mit hüpfenden Flug, verloren an Höhe und schließlich saßen vierunddreißig Rotdrosseln in der alten Kopfweide. Das umgebende Grünland, das als Rinderweide genutzt wird, bietet vielen durchziehenden Drosseln energiereiche Würmernahrung und viele alten Kopfbäume geben den wandernden Scharen Schutz vor ihren Feinden, übersichtliche Sitzwarten zum "Pausieren" und auch zum Wachen. Denn in dieser Jahreszeit ziehen auch die Sperber aus dem Norden durch Deutschland, um hier den Winter zu überstehen. Und Sperber sind die schrecklichsten Feinde der Drosseln. Größte Aufmerksamkeit, wie nur ein kopfstarker aufmerksamer Trupp leisten kann, ist deshalb dringend geraten. Sie waren noch nicht lange unterwegs. Erst seit einer Woche flog der Trupp ausgehend von Mittelschweden in Richtung Nordwesten. Drei Kopfbaumreihen weiter, fällt ein kleiner, brauner Schatten aus der Mitte des Geästs nach unten auf die Wiese, zischt nur zwei Handbreit über der Erde wie von der Sehne geschnellt zur nächsten Kopfweidenreihe, wirft sich mit zwei hastigen Flügelschlägen steil nach oben und wird von dem noch üppig belaubten Weidenkopf verschluckt. Ein Sperber bei der Jagd. Die ersten Rotdrosseln sitzen schon wieder in den höchsten Ästen der nächsten Kopfweide. Sie sind satt. Während die andere Hälfte des Trupps noch weiter nach Würmern, Fliegenmaden und Wiesenschnaken sucht, drängt es sie danach, weiterzufliegen. Doch noch ist eine Hälfte der Drosseln nicht satt genug und zum Abflug nicht bereit. Das junge, noch braungefärbte Sperberweibchen ist jetzt nur noch rund fünfzig Meter entfernt. Auch der Greifvogel war seit einigen Tagen unterwegs, geboren in einem Fichtenstangenholz in Schweden, hatte er sich auf seinen ersten langen Flug in das Winterquartier gemacht. Jetzt zur Hauptzugzeit von schmackhaften Drosseln, leicht zu übertölpelnden, unerfahrenen, jungen Staren und vielen Laubsängern, Finken, Piepern und Ammern war gut reisen. Mit einem kraftvollem Flügelschlag schoss der Sperber aus der Kopfweide, beschleunigte mit weiteren zehn, zwölf tiefen Flügelschlägen und sauste flach über dem Boden hinter der Kopfbaumreihe in Richtung auf die rastenden Drosseln. Etwa in Höhe der futtersuchenden Vögel schlägt er einen Haken, zischt zwischen zwei eng stehenden Kopfweiden hindurch und wird gesehen. Der Trupp der Rotdrosseln spritzt auseinander, alle versuchen, die schützende Deckung der Kopfweiden zu erreichen, doch der braune Schatten ist schneller. Er greift die diesjährige, zu spät gestartete Rotdrossel, als sie schon die deckungbietenden ersten Äste der Kopfweide erreicht hatte. Die junge Drossel von den langen Sperberklauen in der fleischigen Brust gepackt, schreit auf, ein langer Kotklecks platscht in die Kopfweide, ein letztes Flattern ... Später erinnern nur noch einige kleine Flaumfederchen, die der Wind in den Ästen der Weide schaukelt, an das für die Drossel tödliche Abenteuer. Eine Rupfung unter dem Zaunpfahl, wo die Schwanzfedern, die Flügel und das Gerippe des Zugvogels liegen bleiben, sind die letzten Überreste. Zwei Kopfweidenreihen weiter sitzt, dicht an den Stamm gelehnt, wohlig aufgeplustert, fast dösend ein kleiner Greifvogel: das verdauende Sperberweibchen. Im nächsten Frühjahr keimt ein Holundersämling in der Kopfweide. Aus dem Kot der Sperberbeute wurde ein Samenkorn in den Holzmulm zwischen zwei Aststümpfe des Baumkopfes geschwemmt. Die Regentropfen, die die schlanken Äste herunterrollen, halten den Mulm feucht genug. Der Wind weht manchmal etwas Bodenkrume an. Nicht paradiesisch für den nährstoffliebenden Holunder, aber fürs erste reicht es. Fünfzehn Jahre später hat der Holunderstrauch schon längst die Größe seines Wirts erreicht. Die Holunderwurzeln wanderten den hohlen Kopfstamm hinunter bis in das Erdreich. Im Mai, wenn der Holunder weißblühend leuchtet, wundern sich die Spaziergänger über die weißblühende Weide und im Herbst, wenn die Vögel ziehen, tun sich die Rotdrosseln an den Beeren gütlich. Manchmal beobachtet von einem hungrigen Sperber.
Naturschutz heute ist das Mitgliedermagazin des 1899 gegründeten Naturschutzbundes Deutschland (NABU). Mehr über den NABU und seine Aktivitäten unter www.NABU.de. |
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